Berlin

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Samstag, 10. November 2012

München schreiben

Am kommenden Wochenende fahre ich nach München, wo ich an einem Romanentwicklungsseminar mit Martin Hielscher und Andrè Hille von der Textmanufaktur Leipzig teilnehme. Es ist unser zweites Treffen und ich fahre hin mit meinem Roman "Schwäne lieben anders" im Gepäck. Lüge: Ich fahre hin mit dem Reader, in dem auch die ersten fünfzig Seiten von diesem meinem Roman sind und ich muss noch unglaublich viele Texte der anderen acht Teilnehmer lesen. Um das vor mir herzuschieben, dachte ich heute: Hey, warum fange ich nicht einfach an zu bloggen? Machen andere doch auch!

Hier der Anfang des Romans:
Zwei weiße Schwäne auf blauem Grund. Ihre orangefarbenen Schnäbel berühren sich und die Hälse formen beinahe ein Herz. Das Blau hat meine Großmutter aus dem Stoff geschnitten, aus dem sie sich selbst ein Kleid nähte zum ersten Jahrestag ihrer Eheschließung mit Großvater. Ein ganz leichter, hellblauer Baumwollstoff.  Die Schwäne sind aus einem weißen Spitzenstoff, dessen Herkunft ich nicht kenne (ihr Brautschleier?).Sie fuhren mit dem Auto an den Rhein. Sie stiegen nicht aus. Großvater blieb lieber im Auto sitzen. Sie zündete ihm eine HB an. Er rauchte sie schweigend. Sie blickten auf den Rhein. Mein Großvater kurbelte ab und zu das Fenster auf seiner Seite herunter, um die Asche, um zum Schluss den braun gefärbten Filter hinaus zu schnippsen.  Dann kurbelte er es ganz schnell wieder herauf. Als könnte, den herauswehenden Rauch gleichsam ersetzend, etwas wildes, etwas gefährliches den Innenraum des Autos vom Rhein her erfüllen. Meine Großmutter stellte sich vor, auszusteigen, das Kleid abzulegen und ins Wasser zu gehen. Sie stellte sich vor, dass sie bis ans andere Ufer schwimmen und nicht zurückkommen könnte. Nur so als Möglichkeit. Es gab viele Möglichkeiten im Leben. Bei weitem die meisten blieben ungenutzt. Ein blaues Kleid genäht, um im Auto zu sitzen. Ein blaues Kleid genäht, um kein Geschenk zu bekommen zum ersten Hochzeitstag, auch keine Gratulation. Ein blaues Kleid genäht und nicht davon geschwommen. Sie war schwanger. Sie wusste es, aber hatte es meinem Großvater noch nicht gesagt.
Zwei weiße Schwäne auf blauem Grund. Wie bin ich hierher gekommen? stand auf dem Zettel, den ich in diesem Quadrat fand. Er bildete das Zentrum der Decke, die meine Großmutter aus vielen Quadraten über Jahre hinweg genäht hat.
An diesem ersten Hochzeitstag beschloss sie, dass ihr Leben aus all diesen unerfüllten Möglichkeiten bestehen würde. Sie waren ihre Kunst und sie waren ihre Pflicht.
Die Tochter, die meine Großmutter unter dem Herzen trug, wuchs heran, um unter anderem meine Mutter zu werden. Man könnte sagen, dass sie diese Aufgabe nicht wirklich ergriff. Sie schrieb ein Gedicht, sie schrieb viele Gedicht, aber dieses eine, was ich meine, schrieb sie lange nachdem sie uns alle verlassen hatte und ihr Geld mit dem Schreiben von Gedichten und Romanen verdiente.
Ich bilde mir ein, sie schrieb es für mich, aber sie sagte, sie habe es für ihre Mutter geschrieben.

 Tochter eines fremden Sterns
 Dunkelheit.
Da ist kein Boden,
um sich abzustoßen,
- Füße schweben
in der Luft
meine Füße -
um wieder aufzusteigen,
ein endloser Fall
in das tiefste Nichts.
Eine Umarmung suchend
wuchsen mir die Flügel
schwarz und samten
und dann stieg ich auf
aber nicht zu hoch
nicht zu hoch.
Sie hätte mir nicht verziehen,
andererseits,
gutes Kind,
würde ich sie verlieren,
andererseits,
gutes Kind.
Ich stieg auf,
aber nicht zu hoch.
Das Land unter mir
so winzig
so eng die verwinkelten Gassen.
Nicht hoch genug,
sah ich sie in ihrem Sumpf sitzen
am Ende aller Gassen.
Alles war gelb und grün und braun.
Ihre dünnen Arme
viel zu dünn
ragten aus dem morastigen Wasser
hinauf in den Himmel.
Nicht zu hoch.
Komm zurück zu mir!
Komm zurück zu mir!
Meine schwarzen Flügel,
Samt eigentlich,
umarmten einen Teil der Welt,
den sie nicht sehen wollte.
Ich kam zurück
aber ich blieb nicht.
Meine schwarzen Flügel,
Samt eigentlich,
umarmten einen Teil von mir
den sie nicht kennen wollte.
Komm zurück zu mir!
Komm zurück zu mir -
Tochter eines fremden Sterns
und nimm deine Maske ab,
zeig mir das Gesicht,
das du für mich tragen solltest.
Meine Flügel umarmen eine Dunkelheit,
bodenlos,
ich kann mich nirgendwo abstoßen,
um mich von dir fort in die Lüfte zu erheben.


Irgendwann beschloss meine Mutter, ihre Pflicht nicht mehr zu erfüllen und sich weit weit fort in die Lüfte zu erheben. Sie schrieb Gedichte über Möglichkeiten, die sie niemals gehabt hätte, wäre sie bei uns geblieben. Das waren ihre Schönheit und ihre Kunst. Das war auch ihre Pflicht dem Leben gegenüber. Ich kann das verstehen.
Als sie mich fragte, ob ich sie nicht begleiten wollte, biss ich die Lippen zusammen so fest ich konnte, damit das „ja“, das mir in der Brust pulste, mir den Hals verwundete, wie ein Säurefaden hinunter in meinen Bauch krabbelte und dort eine brodelnde Lavasuppe anrührte, nicht entkommen konnte. Ich schüttelte meinen heißen und hämmernden Kopf und war von diesem Augenblick an die übersäuerte, die ätzende Asta. Denn in einer Million Jahren hätte ich, wenn es mir vorher jemand gesagt hätte, nicht glauben mögen, dass sie trotzdem geht.





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