Berlin

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Sonntag, 30. Dezember 2012

Asta lernt Thomas kennen - mal ein kurzer Rückblick aus Schwäne lieben anders

Asta lernt Thomas kennen – mal ein kurzer Rückblick

Solo war ich schon so lange, dass die Verzweiflung darüber einer milden Form von Resignation mit gelegentlich aufblitzenden Hoffnungsmomenten gewichen war. Ich war sechsundzwanzig Jahre alt und ging davon aus, als alte Jungfer zu sterben (im übertragenen Sinne, denn ich war natürlich längst entjungfert). Offensichtlich wirkte ich auf Männer nicht sonderlich attraktiv. Ich wusste nicht, warum das so war, aber ich begann widerwillig, mich in diese Tatsache zu fügen. Das machte mich im Umgang mit Männern manchmal weniger wählerisch, als ich es hätte sein sollen.  
An einem der resignierten Abende, der absolut nicht wählerischen Abende, fragte mich meine Freundin Elli, die lange allein gewesen war und mit der ich die Verzweiflung kichernd und angetrunken an so manchem Abend geteilt hatte, ob ich mit ihr und ihrem neuen Freund Bernward (hallo, wer heißt denn heutzutage Bernward und wo hatte sie den aufgegabelt?) in den Stadtgarten gehen wollte, um ein Bier zu trinken. Da könnte ich ihn endlich kennen lernen. Ich hatte so viele Abende halb betrunken von einer Flasche schlechtem Wein allein zugebracht, vor dem Fernseher oder lesend, dass ich zusagte, obwohl ich die Vorstellung irgendwie deprimierend fand, dass Elli jetzt einen Freund hatte, ich nicht und ich Ellis Freund zu allem Überfluss kennen lernen sollte. "Bringt er einen Freund mit?" fragte ich noch in einem Anflug vager Hoffnung, aber Elli verneinte das. 
Wir trafen uns vorne an der Theke, es war voll wie immer, Edgar, ein ehemaliger Mitbewohner von uns, stand hinterm Tresen und reichte uns erfreut drei Kölsch herüber an unseren runden Stehtisch. Elli und Bernward unterhielten sich angeregt. Ich beobachtete Edgar bei der Arbeit und beschloss, mich einfach in ihn zu verlieben. Er zwinkerte mir zu. Er sah gar nicht schlecht aus. In der gemeinsamen Wohnung war er mir nie als Mann aufgefallen. Da war er der penible Hausmann gewesen, der alle anderen nervte mit seinem Sauberkeits- und Ordnungsfimmel, der ihn schließlich auch zum Auszug bewogen hatte. Ständig hatte er über unsere dreckigen Tassen in der Spüle gemeckert, über den mit eingetrockneter Tomatensauce bespritzten Herd und vorwurfsvoll hatte er rumgewischt, während wir anderen gemütlich am Küchentisch saßen und quatschten. Ich hatte ihn damals einfach nur bescheuert gefunden, wenn ich ehrlich war. 
Jetzt lief es mir bei seinem Anblick warm durch die Rückengegend, die im gleichen Moment unwirsch gedrückt und von einer sich in die rechte Niere pressenden Hand beiseite geschoben wurde, so dass ich mich halb auf dem Stehtisch liegend wieder fand. Als ich mich umsah, erblickte ich einen gut aussehenden Mann mit dunklen Haaren, der verrückt wirkte. Er arbeitete sich zur Theke vor. Ein olivgrüner Trenchcoat wehte hinter ihm her. Wie im Film. Er warf mir einen entfesselten Blick über die Schulter zu und sofort begehrte ich ihn. Es gibt einfach Blicke, die fahren einem auf direktem Weg in den Magen und entzünden dort so eine Art Freudenfeuer. Thomas konnte so gucken, dass man allein von seinem Blick schon einen Orgasmus bekam. (Ich gebe jetzt schon zu, dass dies seine absolut einzige Qualität war, aber es bedurfte einiger Jahre, bis ich diese im Grunde simple Erkenntnis ganz und gar begriff.) Edgar sah hinüber und ihn begehrte ich auch. Der Abend gefiel mir richtig gut. Denn nach langer Dürreperiode schienen sich meine Möglichkeiten gerade zu überschlagen.

Viele Biere später stand der dunkelhaarige Mann, der sich als Thomas vorgestellt hatte, mit uns am runden Tisch und ließ sich von mir zu einem Kölsch und dann noch einem Kölsch einladen. Als ich sie an der Theke holte, fragte Edgar „Warum lädt er dich nicht ein?“ „Er hat sein Geld vergessen.“ All die Jahre, die ich mit Thomas zusammen war, musste ich sehr oft an Edgars Blick an jenem Abend denken, Mitleid und auch Verachtung in kühlen, grauen Augen. Kurz hatte er mich in Erwägung gezogen, aber dann war ihm wieder eingefallen, wer am schlampigsten gewesen war in der gemeinsamen WG, über wen er sich in den anderthalb Jahren am meisten geärgert hatte, wessen Tassen überall halbvoll von Kaffee vergessen herum gestanden hatten, manchmal mit verschimmelten Resten irgendwo von ihm aufgegabelt werden mussten, in der Garderobe zum Beispiel oder auf der Badablage. Klar, dass ich keine Frau für ihn war. Klar, dass ich auf einen solchen Typen wie diesen Schnorrer rein fiel. 
Das mit dem Bier, das ich ihm kaufte, war eine Sache. Darüber konnte man mit einigem guten Willen noch hinwegsehen. Aber ich steckte mitten in einer Dürreperiode. Ich hatte seit zwei Jahren keinen Sex mehr gehabt, mich hatte seit mindestens zwei Jahren kein Mann mehr attraktiv gefunden, außer möglicherweise hinter meinem Rücken. Ich redete mir diese Möglichkeit, dass mich zig Männer toll fanden und ich wusste es nur nicht, mit aktiver Unterstützung meiner Freundinnen häufig ein, um der Verzweiflung nicht vollkommen anheimzufallen. Infolgedessen sah ich auch darüber hinweg, dass Thomas mir auf dem Nachhauseweg (und ich erwähne es nur für die Akten und um meine Ehre ein ganz kleines wenig wieder herzustellen, dass ich ihn an diesem ersten Abend nicht mit zu mir nahm, sondern erst am nächsten, nachdem ich ihm im Stadtgarten wieder Bier gekauft hatte) zuraunte: „ Falls ich gleich neben Dir aufs Pflaster knalle und Du siehst, dass ich ein Loch in der Stirn habe, bitte, geh einfach weiter und tu so, als würdest du mich nicht kennen. Ich werde verfolgt und irgendwann kriegen sie mich. Bitte geh dann einfach weiter, ich möchte nicht, dass du dich in Gefahr begibst.“
Dieser edle Wunsch hielt ihn allerdings nicht davon ab, wenige Tage später mit Sack und Pack (was in seinem Fall nicht mehr als eine Reisetasche war) bei mir einzuziehen.
„Sie wissen nicht, wo ich bin, ich habe meine Spuren verwischt. Sie denken, ich bin immer noch bei Carmen. Du bist also nicht in Gefahr. Sollte mir aber etwas zustoßen, was im Grunde ständig eintreten kann, lass meine Sachen verschwinden und erwähne mich nirgends.“ Carmen war die Freundin, die er vor und während und nach mir hatte. Aber die beiden letzteren Punkte waren mir noch unbekannt. Ich ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal.
Ich war keine dumme Frau. Ich war nicht hässlich und im Grunde sehr sensibel. Aber mein Selbstwertgefühl war im Eimer. Meine Mutter hatte es in diesen Eimer gesteckt, unabsichtlich, und ich bemühte mich, wie immer, damit vernünftig umzugehen. Vorwürfe halfen keinem weiter. Als Thomas mich traf, war ich einfach nur froh, dass endlich jemand etwas von mir wollte. Davon hing mein ganzes Wohl und Wehe ab. Denn wenn ich ehrlich war, stellte sich auch schnell heraus, dass seine Blicke besser waren, als der Sex, den man mit ihm haben konnte. 
Hilft es, wenn ich erwähne, dass er aussah wie der junge Robert de Niro?

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