Berlin

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Dienstag, 25. Dezember 2012

Prolog/Das Großmutteralbum aus Schwäne lieben anders


Prolog/Das Großmutteralbum

Zwei weiße Schwäne auf blauem Grund. Ihre orangefarbenen Schnäbel berühren sich und die Hälse formen beinahe ein Herz. Das Blau hat meine Großmutter aus dem Stoff geschnitten, aus dem sie sich selbst ein Kleid nähte zum ersten Jahrestag ihrer Eheschließung mit Großvater. Ein ganz leichter, hellblauer Baumwollstoff.  Die Schwäne sind aus einem weißen Spitzenstoff, dessen Herkunft ich nicht kenne (ihr Brautschleier?).
Sie fuhren mit dem Auto an den Rhein. Sie stiegen nicht aus. Großvater blieb lieber im Auto sitzen. Sie zündete ihm eine HB an. Er rauchte sie schweigend. Sie blickten auf den Rhein. Mein Großvater kurbelte ab und zu das Fenster auf seiner Seite herunter, um die Asche, um zum Schluss den braun gefärbten Filter hinaus zu schnippsen.  Dann kurbelte er es ganz schnell wieder herauf. Meine Großmutter stellte sich vor, auszusteigen, das Kleid abzulegen und ins Wasser zu gehen. Sie stellte sich vor, dass sie bis ans andere Ufer schwimmen und nicht zurückkommen könnte. Nur so als Möglichkeit. Es gab viele Möglichkeiten im Leben. Bei weitem die meisten blieben ungenutzt. Ein blaues Kleid genäht, um im Auto zu sitzen. Ein blaues Kleid genäht, um kein Geschenk zu bekommen zum ersten Hochzeitstag, auch keine Gratulation. Ein blaues Kleid genäht und nicht davon geschwommen. Sie war schwanger. Sie wusste es, aber hatte es meinem Großvater noch nicht gesagt.
Zwei weiße Schwäne auf blauem Grund. Wie bin ich hierher gekommen? stand auf dem Zettel, den ich in diesem Quadrat fand. Er bildete das Zentrum der Decke, die meine Großmutter aus vielen Quadraten über Jahre hinweg genäht hatte.
An diesem ersten Hochzeitstag beschloss sie, dass ihr Leben aus all diesen unerfüllten Möglichkeiten bestehen würde. Sie waren ihre Kunst und sie waren ihre Pflicht.
Die Tochter, die meine Großmutter unter dem Herzen trug, wuchs heran, um unter anderem meine Mutter zu werden. Man könnte sagen, dass sie diese Aufgabe nicht wirklich ergriff. Sie schrieb ein Gedicht, sie schrieb viele Gedicht, aber dieses eine schrieb sie lange, nachdem sie uns alle verlassen hatte und ihr Geld mit dem Schreiben von Gedichten und Romanen verdiente.
Ich bilde mir ein, sie schrieb es für mich, aber sie sagte, sie habe es für ihre Mutter geschrieben.

Tochter eines fremden Sterns

Dunkelheit.
Da ist kein Boden,
um sich abzustoßen,
- Füße schweben
in der Luft
meine Füße -
um wieder aufzusteigen,
ein endloser Fall
in das tiefste Nichts.
Eine Umarmung suchend,
wuchsen mir die Flügel,
schwarz und samten,
und dann stieg ich auf,
aber nicht zu hoch,
nicht zu hoch.
Sie hätte mir nicht verziehen,
andererseits,
gutes Kind,
würde ich sie verlieren,
andererseits,
gutes Kind.
Ich stieg auf,
aber nicht zu hoch.
Das Land unter mir
so winzig,
so eng die verwinkelten Gassen.
Nicht hoch genug,
sah ich sie in ihrem Sumpf sitzen
am Ende aller Gassen.
Alles war gelb und grün und braun.
Ihre dünnen Arme,
viel zu dünn,
ragten aus dem morastigen Wasser
hinauf in den Himmel.
Nicht zu hoch.
Komm zurück zu mir!
Komm zurück zu mir!
Meine schwarzen Flügel,
Samt eigentlich,
umarmten einen Teil der Welt,
den sie nicht sehen wollte.
Ich kam zurück,
aber ich blieb nicht.
Meine schwarzen Flügel,
Samt eigentlich,
umarmten einen Teil von mir,
den sie nicht kennen wollte.
Komm zurück zu mir!
Komm zurück zu mir -
Tochter eines fremden Sterns,
und nimm deine Maske ab,
zeig mir das Gesicht,
das du für mich tragen solltest.
Meine Flügel umarmen eine Dunkelheit,
bodenlos,
ich kann mich nirgendwo abstoßen,
um mich von dir fort
in die Lüfte zu erheben.

Irgendwann beschloss meine Mutter, ihre Pflicht nicht mehr zu erfüllen und sich weit weit fort in die Lüfte zu erheben. Sie schrieb Gedichte über Möglichkeiten, die sie niemals gehabt hätte, wäre sie bei uns geblieben. Das waren ihre Schönheit und ihre Kunst. Das war auch ihre Pflicht dem Leben gegenüber. Ich kann das verstehen.
Als sie mich fragte, ob ich sie nicht begleiten wollte, biss ich die Lippen zusammen so fest ich konnte, damit das „ja“, das mir in der Brust pulste, mir den Hals verwundete, wie ein Säurefaden hinunter in meinen Bauch krabbelte und dort eine brodelnde Lavasuppe anrührte, nicht entkommen konnte. Ich schüttelte meinen heißen und hämmernden Kopf und war von diesem Augenblick an die übersäuerte, die ätzende Asta. Denn in einer Million Jahren hätte ich, wenn es mir vorher jemand gesagt hätte, nicht glauben mögen, dass sie trotzdem geht.

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