Berlin

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Sonntag, 2. November 2014

Diary Slam (2) Ich werde aufhören zu studieren! Ich will leben!

Weiter gehts mit meinem persönlichen Diary Slam. Heute stolperte ich über Band 14, der fast komplett in meiner  Bonner Zeit spielt.
Gleich nach dem Abitur zog ich dorthin, um Geschichte zu studieren. Es war eine aufregende und bewegte Zeit, ich war 19 / Anfang 20 und kämpfte mit der Frage wer ich war bzw.wer ich sein wollte.
Natürlich schrieb ich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr in traumschöne chinesische Seidenbücher, das hatte ich hinter mir, sondern in praktische, preisgünstige Collegeblocks, Studentin eben!

Das Tagebuch beginnt am 14.Juni 1984 mit einem von mir abgeschriebenen Liedtext von Konstantin Wecker, den ich damals sehr verehrte: "Zwar da ist viel Ungereimtes und ich fand noch keine Norm meine Lieder und mein Leben nach gemäßem Maß zu formen..." Und das war genau das Thema dieses "Coming of Age" -Bandes.

16.6.1984
Morgen sind die Wahlen zum Europaparlament. Ich habe wieder grün gewählt. Über Politik nachzudenken, macht mir Angst. Die Politiker sind korrupt und selbstsüchtig. Geistig - moralische Wende, hahaha!

17.6.1984
Alles sollte besser werden. Der Umzug von Leverkusen nach Bonn war Symbol für eine große Hoffnung. Bonn war Symbol für den Beginn meines ganz eigenen Lebens. Und was ist Realität? Immer höher sind die Müllberge verdrängter Bedürfnisse, ich denke mehr nach, als etwas zu tun, ich hänge meinen Gedanken nach und vergesse darüber zu leben. Ich bin scheu und ängstlich. Ich bin theoretisch. Ich will leben und wieso soll das nicht gleich stehen können mit denken? Ist Denken das Gegenteil von Leben? Ich finde mich in meinem eigenen Leben nicht zurecht.

21.6.1984
Die drohende Leere scheint mich zu verschlingen. Ich wirbele in einem schwarzen Strudel abwärts und kann im Moment noch nicht einmal sagen, dass ich etwas ändern will.  Abwärts gefällt mir. Wie soll ich die in den nächsten zwei Wochen auf mich zukommenden sechs Prüfungen überstehen? Wie soll ich das vor mir liegende Stück Leben überstehen?

24.6.1984
Seit gestern sind Gerlind und Moritz hier. Wir waren zusammen auf einem Schröder Roadshow Konzert. Ich fands total gut. Das einzige schwierige waren ihre Mienen, denn ihnen hats gar nicht gefallen. Aber ansonsten war das Zusammensein mit ihnen nicht übel.
Tobias hat gestern versucht, mich hier zu erreichen. Und jetzt schreibe ich, um meine Nerven zu beruhigen. Denn Tobias will gleich wieder anrufen. Dieses Gefühl erinnert mich verdammt an diverse Phasen in denen ich sehr verliebt war. Überschwängliche Emotionen lassen meine Knie wackeln.
Tobias ist so herrlich bequem. und arrogant. Immer wieder diese idiotische Angst, ihm auf die Nerven zu gehen. Sein Zynismus. Ich bin verliebt!
Das Telefonat war sehr kurz. Er wird morgen kommen.

Ich hatte fälschlicherweise Individualität mit Alleinsein verwechselt. Völlige Unabhängigkeit von allen anderen. Dabei liegt mir soviel an Tobias.
Dabei liegt mir an so vielen etwas und das merke ich erst, seitdem ich weg bin von ihnen allen, in Bonn. Und die besten Erfahrungen habe ich im Grunde oft mit diesen anderen gemacht. Vielleicht hätte ich nicht weggehen sollen.

26.6.1984
Ich werde aufhören zu studieren. Ich will leben!

27.6.1984
Ich kann endlich wieder gespannt sein auf mein Leben. Endlich ist auch wieder die Angst vor dem Trott, die Angst vor der Langeweile, vor der Normalität weg.

28.6.1984
Ich war heute zuhause und plötzlich habe ich wieder Angst. Es war richtig, das Studium abzubrechen. Aber wie soll ich es ihnen erklären? Meine Mutter hat ganz offensichtlich Angst um mich. Mein Vater gibt vor, alles sei ihm egal. Ich bin jedes Mal fertiger wenn ich zuhause war. Ich möchte nie wieder da hin. Aber diese irre Familie klebt natürlich an mir. Außerdem bekomme ich ihr Geld. Da haben sie natürlich ein Recht, Druck auf mich auszuüben, von mir zu fordern, dass etwas Anständiges aus mir wird. Das ist klar.
Ich aber möchte etwas Besonderes werden. Auch wenn ich von ihnen Geld bekomme. Warum soll ich nicht einen ungewöhnlichen Weg gehen? Wenn der Weg aus Schleim, Anpasserei und Fügung besteht, ist man doch am Ende gebrochen.

29.6.1984
Warum nicht eine Anzeige in die Zeitung setzen in der wir uns als Gärtner anpreisen? Hier in Bonn gibt es soviele idiotische und auch weniger idiotische Bonzen, wieso nicht für deren Geld ihre Rasen mähen, ihre Beete jäten, ihren Boden umgraben?

30.6.1984
Etwas sein zu wollen, ist das nicht bloße Lüge? Alles befindet sich ständig im Fluss, wie kann man da etwas sein wollen? Von allem, was ich bin, fühle ich mich eingeengt. Die Soziologie würde mich vermutlich sehr schlecht sozialisiert nennen.

5.7.1984
Ich war vor zwei Tagen in Göttingen bei Uschi, zusammen mit Martina.
Uschi ist eine seelenverwandte Wandlerin. Bei Kerzenschein, Konstantin-Wecker-Musik im Hintergrund, selbstgedrehten Zigaretten und Tee (eigentlich mag ich lieber Kaffee, aber was solls) haben wir uns die halbe Nacht unterhalten. Uschi strahlt eine unwahrscheinliche Kraft aus und durch sie habe ich plötzlich auch in mir diese Kraft gespürt, die mit Liebe zu tun hat, aber nicht mit blöden Liebesgeschichten. Das ist viel größer. Begriffe wie Erleuchtung fielen. Und auf einmal wurde mir klar, dass ich bisher die Auseinandersetzung mit etwas versäumt habe, das man nicht unbedingt mit dem Kopf fassen kann. Es hat etwas mit Bauch, Intuition Gefühl, Herz und Seele zu tun. Viele würden es fatalistisch und dumm nennen, sich darauf zu verlassen, aber mir wurde in der Nacht in Göttingen klar, dass man sich darauf verlassen muss, wenn man echt leben will. Ich glaube, ich muss lernen, viel mehr aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Meine Entscheidung, mein Studium abzubrechen, war eine Bauchentscheidung. Auch die Sache mit meiner Zukunft wird sich von selbst regeln, wenn ich nicht passiv auf ein Wunder warte, aber auch nicht aktiv wie ein Staubwedel nach einer Lösung suche, bis ich vor lauter Verkrampfung und Angst und Druck Krebs kriege.

7.7.1984
Am Montag habe ich ein Vorstellungsgespräch in einem Altenheim. Vielleicht kann ich da einen Job für acht Wochen kriegen. Im Januar werde ich den Taxiführerschein machen.und nächstes Jahr fange ich vielleicht eine Gärtnerlehre an.

21.7.1984
Birgit und ich haben gekifft und irgendwie ist es eskaliert. Martina hat einen neuen Freund, er wohnt über uns in der Wohnung, Hans-Jürgen, er kennt Leute aus der RAF. Barbara und ich saßen zum Schluss in unseren jeweiligen Zimmern und hatten uns eingeschlossen, weil wir beide Angst hatten, die andere könnte sie töten. Ich werde nie wieder kiffen.
Noch gestern hatte ich ein langes Gespräch mit Gerlind über Wahnsinn, Leben, Tod, Selbstmord, Krankheit und ich war für mich zu dem Resultat gekommen, dass ich, führe ich mein Leben weiterhin konsequent, auf jeden Fall einmal so eine Extremsituation erleben muss. Aber sie auch überwinden muss! Gehe ich daran zugrunde, betrüge ich mich selbst.
So idiotisch es sich anhören mag: ich bin mir sicher, ich werde folgerichtig auf irgendein Extrem zusteuern müssen, um Leben wirklich zu kennen. Ansonsten kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich bin neugierig aufs gesamte Leben und das ist nicht nur rosa, das ist auch pechschwarz, grausam, gemein und korrupt. Das muss ich einfach kennen.

Martina war eben da. Sie wird mit Hans-Jürgen nach Mexiko gehen. Ich habe Angst vor der Einsamkeit. Martina schien so nahe und jetzt ist sie im Grunde schon weg.
Auch mit Birgit telefoniert. Wir werden die Wohnung auflösen.

7.8.1984
Wir werden die Wohnung voraussichtlich zum 1.10. auflösen.
Irgendwas muss ich tun!
Kinderladen Erzieherinnenausbildung, nach Köln ziehen, nach Leverkusen ziehen, in Bonn bleiben, babysitten, jobben, Geld, Geld, Geld,

9.8.1984
Ich werde jetzt wohl ab September für drei Monate nochmal bei Pott (Anmerkung: eine Bananenreiferei, in der ich nach dem Abitur am Fließband gearbeitet und eine überraschend gute Zeit mit tollen Kollegen gehabt hatte) arbeiten und dann irgendwann nach Köln ziehen.

Gestern Erik wieder gesehen. Heute abend gehe ich wieder ins Avalon und hoffe, ihn nochmal "zufällig" zu treffen. In den letzten 2 Jahren hat er mich so gut wie nicht beachtet, aber seitdem ich die Haare raspelkurz habe, falle ich ihm wieder auf

13.8.1994
Gestern den Eggi im Avalon getroffen. Am Mittwochabend treffen sie sich wegen einer neuen Stattzeitung für Leverkusen. Ich werde auch hingehen. Ich merke, in Leverkusen muss ich nur sein und schon passieren Dinge für mich.

25.8.1984
Eine bunte Zeitung.
Ich muss immer das Gefühl haben, wieder weg zu können. Ich bin überhaupt nicht beständig.

30.8.1984
Denke viel an Bonn, die vergangene Zeit, an Martina und es tut ein wenig, nein, es tut sehr weh.

3.9.1984
Ich hoffe, dass ich bald Zeit habe, zu schreiben. Ich möchte über Annette, Martina, Uschi und Hans-Jürgen schreiben, denn die vier gehören in meinem Inneren irgendwie thematisch zusammen.

Annette: geht nach Amerika und schreibt dort, verkauft selbst gemachten Schmuck, Freiheit leben, Aussteigen
Martina: Bauchgefühle, Südamerika, Aussteigen, Freiheit
Hans-Jürgen: Umzüge mit einem klapprigen alten Hannomag, Punkmusik, Freiheit, Südamerika
Uschi: Bauchgefühle, Vertrauen in das eigene Ich, Freiheit, Mut

Ich will nicht nach Südamerika, aber ich will auch was wagen und ich will frei sein und meinen Weg gehen, so wie ihn mir meine Bauchgefühle zeigen..

4.9.1984
Ich mache hier in Leverkusen wieder bei einer Zeitung mit. Neue Menschen.
Wir sind fünf Leute: Gordon, Uwe, Matthias, Andreas und ich. Gordon, Andreas und Uwe finde ich menschlich, neben der Zeitung, sehr spannend. Besonders zu Uwe fühle ich mich sehr hingezogen. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Bei den letzten beiden Zeitungstreffen waren wir immer zusammen.
Er will mir das Fotografieren beibringen. Ich werde ihn bald anrufen.

5.9.1984
Gestern abend Uwe getroffen.

8.9.1984
Sehr starke Gefühle für Uwe. Treffe ihn jeden Tag.

25.9.1984
Irgendwo bin ich unzufrieden, in einer Beziehung zu stecken. Ich bin mir in der Sache noch dermaßen unsicher, dass ich nur beobachte und gucke. Aber es wird sich da noch was verändern müssen. Vielleicht habe ich ja auch Bindungsängste?!?!?
Meine Lebensinhalte sind zur Zeit: Uwe, Martina, ein paar andere Leute, Pott, mein bevorstehendes Schreinerpraktikum. Das reicht mir absolut nicht. Ich finde mein Leben leer und ereignislos. Ich sehne mich nach etwas abenteuerlichem. Ich habe absolut keinen Bock, in diesen Bahnen lange weiter zu trotteln.

27.9.1984
Uwe und ich wollen zusammen ziehen und zwar möglichst bald. Ich bin sehr gespannt, wie es werden wird. Angst habe ich keine davor. Ich bin gespannt auf die Reaktionen der Leute, die mir nahe stehen, die teilweise noch nicht einmal wissen, dass ich mit Uwe zusammen bin wie Erik, Tobias, Moritz und Lothar.
Ich bin gespannt, wie es ist, mit jemandem zu leben. Ich habe nämlich bislang noch nie mit jemandem gelebt. Ich habe nur mit Leuten gewohnt. Das ist etwas völlig anderes. Miteinander leben und trotzdem freies Individuum sein - eine ganz neue Perspektive.

8.11.1984
Wie gerne würde ich mich heute nachmittag der Lektüre von Henry Miller und Anais Nin widmen. Doch dummerweise habe ich mich verpflichtet, heute nachmittag in eine Schreinerwerkstatt, die zufünftige Stätte meines Gewirktwerdens, hinein zu schnuppern. Es wirkt auf mich, ganz ehrlich, unecht. Was habe ich in einer Schreinerwerktstatt zu suchen?!

Ich möchte Schriftstellerin werden. Ich lese gerade Jay Martins' Biografie von Henry Miller. Mag sein, ich habe keine Ahnung, dass sie wissenschaftlich schlecht ist, mich erfüllt sie mit Leben, starkem Mut, Neugierde, Energie. Es ist wieder da, dieses Gefühl, etwas wagen zu müssen, dem Leben frech entgegen zu lachen, das ich mit Martina hatte (möge es ihr auf Kuba gut gehen und möge sie meine Liebe spüren!) und mit Uschi.
Ich möchte Schriftstellerin werden und das ist keine offene Frage für mich, das ist eine feststehende Tatsache! Ich werde für den Rest meines Lebens schreiben und sehen, wohin es mich führt. Das ist meine Berufung

9.11.1984
Eben hat Gerlind angerufen. Sie hat Streit mit Moritz. Ich werde von ihren Geschichten daran erinnert, wie es für mich mit Moritz war und dass das hinter mir liegt.
Kurz darauf rief Uschi aus Berlin an. Ich will sie sehen. Melancholie befällt mich, wenn ich an all die Stunden denke, die wir in ihrer Wohnung in der Bonner Dorotheenstraße quatschend und philosopierend verbracht haben, und wie wir unsere eigene Literatur miteinander ausgetauscht haben. Ich denke auch an Gordon habe Lust, mit ihm zu reden. Er äußert Ideen, die mir fern und doch nah sind. Er vollführte früher Klimmzüge an Hochspannungsleitungen in 20 Meter Höhe.
Ich denke an Uwe, den ich liebe und der es mir möglich macht, ich selbst zu sein. Er lässt mich lachen weinen schreien witzig albern depressiv sein.
Ich denke an Martina, ob sie wohl noch auf Kuba ist? Ich liebe sie! Grenzenlos!
Ich denke an all die wilden und verrückten Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe und ich hoffe, es geht ihnen gut und ich hoffe, ich habe genug Mut, wild und verrückt zu leben.

© Susanne Becker

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