Berlin

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Donnerstag, 16. März 2017

er schenkt es schweigend

am ende der worte
hülle ich dich in mein
schweigen es wird
wie zuhause sein

in die unendlichkeit der räume,
die sich öffnen, sobald die worte
einen nicht mehr verstummen.
in mein herz ein einziger blick,
so dass ein sommer,
kirschkerne in der hosentasche,
die bühne betreten kann.
ein endloser sommer,
der auch den winter
ausdauert, den frost,
der sich der erde widmet,
hinweg atmet. ein lächeln.
er schenkt es schweigend.

(c) Susanne Becker

Samstag, 11. März 2017

Perform a random act of kindness every day

Vor nicht allzulanger Zeit sah ich diesen Ted Talk von Amanda Palmer.
Was sie darin sagte, vor allen Dingen über zufällige Nähe, mit völlig Fremden, hat mich nie wieder losgelassen. Seitdem bin ich freundlicher geworden, so als eine Art Selbstversuch. Was geschieht, wenn Du wildfremde Leute einfach ganz offen anschaust und dabei lächelst? Lustigerweise strahlen die meisten sofort zurück, als hätten sie nur darauf gewartet, dass jemand in ihrem Gesicht ein Lciht anzündet. Seltsamerweise also ist durch Amanda Palmer und meinen auf ihren TedTalk folgenden Selbsetversuch mein Universum ein freundlicheres geworden. Seltsamerweise, ja vielleicht vielmehr logischerweise, bestehen meine Tage seitdem aus so unzählig vielen Momenten von Nähe, mit Freunden und mit Fremden. Jeder dieser Momente erzeugt Glück.

Gestern schrieb ich diesen kleinen Text dazu, der vermutlich noch in dem Roman, an dem ich gerade arbeite, Verwendung finden wird. Aber zunächst einmal hier, in meiner persönlichen kleinen Schatzkiste, meinem Blog.

Wenn es darum geht, Räume zu öffnen, dann kann dies immer nur und zuerst im eigenen Bewusstsein geschehen.

Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
möglicherweise sogar einem Fremden gegenüber, 
besser sogar einem Fremden gegenüber. 
Das erhöht den Grad der Zufälligkeit noch um ein gehöriges, zufriedenstellendes Maß. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
arglos müsste er sein, jeden Tag, 
das nun nicht zufällig, sondern als eine Art Selbstverpflichtung dem Leben gegenüber, 
jenen gegenüber, die sehr unfreundlich die Macht der Welt an sich reißen. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit und begreife, 
dass du umgehend ein Teil der Widerstandsbewegung bist, 
die sich gegen all das Negative stellt, das gefühlt oder empirisch belegbar diese Welt gerade so rücksichtslos an sich zu reißen scheint, möglicherweise zerstören wird. 
Das wissen wir noch nicht.

Begehe einen zufälligen Akt, täglich, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, einem Fremden gegenüber. 
Genieße die sich daraus ergebende absolute Freiheit. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
möglicherweise dem nächsten Menschen gegenüber, 
der Deinen Pfad kreuzt und stelle fest, wie zufällig absolute Nähe geschieht, 
so zufällig, Du kannst Dich im Grunde hundertprozentig darauf verlassen, 
dass zufällige Nähe entstehen wird, wenn Du zufällig freundlich bist zu Menschen. 
Spare Dich und Deine Freundlichkeit nicht länger auf. 
Vergeude Dich und Du wirst sehen, was geschieht. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 8. März 2017

Hermann Hesse - Das Glasperlenspiel

Es gab Momente, da verstand ich nichts und wollte das Buch einfach beiseite legen.
Das Buch! Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse, sein letzter und umfangreichster Roman, sein Alterswerk, erschienen 1943, in zwei Bänden (ja, das Buch ist sehr dick!). Es lag in meinem Stapel ungelesener Bücher, seitdem ich circa 20 war. Ich habe noch die alte, dunkelgrüne Suhrkamp Ausgabe. Gekauft in einer Buchhandlung am Opladener Markt, die es schon lange nicht mehr gibt. Begonnen habe ich das Buch gefühlt zehnmal, und immer wieder beiseite gelegt, weil ich einfach nichts verstand. Einmal bin ich bis Seite 100 gekommen, weiter nie. Ich beschloss dann, dass man vermutlich doch alt sein müsste, um es zu verstehen, Alterswerk eben! Jetzt bin ich einigermaßen alt und ich kann den Erfolg vermelden: Diesmal hab ichs geschafft. Ich bin durch!

Das Glasperlenspiel„Versenkung und Weisheit waren gute, waren edle Dinge, aber es schien, sie gediehen nur abseits, am Rande des Lebens, und wer im Strom des Lebens schwamm und mit seinen Wellen kämpfte, dessen Taten und Leiden hatten nichts mit der Weisheit zu tun, sie ergaben sich, waren Verhängnis, mussten getan und erlitten sein.“

Ist es möglich, ein Leben, das der Meditation und dem Wissen gewidmet ist, in einem normalen, menschlichen Alltag zu leben, oder muss man dazu nach Kastalien oder in den Wald gehen? Wenn ich die Weisheit entdeckt habe, die letztlich darin bestehen muss, dass all das, was im Alltag eine Rolle spielt, nicht mehr ist als eine Illusion, werde ich dann noch schreiben wollen? Worüber sollte ich dann schreiben? Vielleicht war alles, um das man sich im Leben sorgte und mit dem man sich verstrickte, nicht mehr, als eine Illusion, ein Traum. Wir träumen unser Leben und nehmen es ernst. Aber in Wahrheit ist es nur das Instrument, die Weisheit zu erlangen, die darin besteht zu erkennen, dass dieses Leben nur ein Traum ist. Wir können uns für immer in den Wald setzen oder an dem Ort, an den das Leben uns gestellt hat, das tun, was ansteht, ohne noch damit zu hadern.

Das Buch beginnt bei Josef Knecht, einem Jungen, der nach Kastalien berufen wird, einem Hort der Wissens- und Weisheitspflege, an den nur die besten (männlichen) Schüler geladen werden, um Kastalier zu werden. Einmal ein Kastalier, bleibt man dort für immer. Man kehrt nicht in das normale Leben zurück. In Kastalien studiert man die einzelnen Wissenschaften, ein Schwerpunkt liegt bei der Musikwissenschaft. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Glasperlenspiel, welches auf höchster Ebene die verschiedenen Wissenschaften und ihre Erkenntnisse miteinander unter immer neuen Überschriften verbindet und verknüpft, somit das Wissen auf immer höhere Ebenen treibt. Einmal im Jahr findet das große Glasperlenspiel statt, zu dem aus allen Gegenden des Reiches die Gäste und Zuschauer angereist kommen. Das Spiel wird angeleitet vom Magister Ludi, dem Glasperlenspielmeister, einem der höchsten Würdenträger Kastaliens. Josef Knecht wird als noch verhältnismäßig junger Mann, er muss so um die 40/50 Jahre gewesen sein, zu diesem Magister Ludi ernannt und erfüllt sein Amt vorbildlich, so wie er auch in jeder anderen Hinsicht ein vorbildlicher Kastalier ist, der das Zeug dazu hat, ein ganz großer Kastalier zu werden. Allerdings treiben ihn Zweifel um und die Sehnsucht nach dem Leben außerhalb Kastaliens, dessen elfenbeinturmartige Begrenzung er sieht. Er möchte am wirklichen Leben außerhalb Kastaliens teilhaben. Geschult durch Kastalien glaubt er nun, dem Leben draußen etwas zurück geben zu können, zu müssen. Er möchte seine Weisheit und seine Begabung nicht im Elfenbeinturm belassen. So tut er, was noch kein Magister vor ihm getan hat: er verlässt Kastalien, um als Hauslehrer in der Welt zu leben.
Am Ende der Lebensbeschreibung dieses außergewöhnlichen Josef Knecht finden sich dann noch Texte von ihm, Gedichte, sowie drei Lebensläufe, die er einst, als Junge, für die Schulleitung hat schreiben müssen. Sie stehen im Buch wie beinahe eigene Geschichten, sind aber aufs engste mit den Gedanken und Ideen Josef Knechts verwoben und geben weiteren Aufschluss über ihn.

Das Buch handelt von Menschen, die sich von der Allgemeinheit abheben, weil sie das Verlangen und die Fähigkeit haben, tiefer in das Leben und seine Bedeutung einzudringen, weil sie nach Wissen und Erleuchtung streben. Josef Knecht, auch die in seinen Lebensläufen zentralen Figuren: der Regenmacher, Josephus Famulus und Dasa, alle zeichnen sich aus durch eine besondere Fähigkeit und den starken Wunsch, Wahrheiten zu erkennen, den Sinn und die Bedeutung des Lebens zu durchdringen. Alle sind sie somit Alter Egos von Josef Knecht. Diese Fähigkeit sondert sie ab von den, wenn man sie so nennen mag, normalen Menschen. Sie werden von diesen auch durchaus als Sonderlinge wahrgenommen, beziehungsweise nehmen an einem normalen Alltag mit Arbeit, Brot verdienen oder ähnlichem so gut wie nicht teil. Wenn sie daran teilnehmen, wie Dasa, oder auch Josef Knecht, nachdem er Kastalien verlassen hat, führt dies nicht zu Erfüllung oder Frieden – im Gegenteil. Die Verknüpfung der beiden Regionen: Geistiges und Materielles, scheint zum Scheitern verurteilt.

„Man musste lernen, den Menschen als ein schwaches, selbstsüchtiges und feiges Wesen zu sehen, man musste einsehen, wie sehr man selbst an allen diesen üblen Eigenschaften und Trieben teilhabe, und durfte dennoch daran glauben und seine Seele davon nähren, dass der Mensch auch Geist und Liebe sei, dass etwas in ihm wohne, das den Trieben entgegensteht und ihre Veredlung ersehnt.“

Ich habe das Buch an vielen Stellen genossen, weil es sich mit Themen beschäftigt, die mich selbst ins Nachdenken bringen, die für mich auch durchaus Lebensthemen sind.
Fragen wie: Ist die Wahrheit tatsächlich in Worten vermittelbar? Kann man im Alltag funktionieren, wenn man im Grunde den Wunsch hat, sich intellektuell und/oder spirituell in höchste Höhen zu begeben?
Es gab Momente, da wollte ich das Buch dennoch wieder beiseite legen, diesmal endgültig, weil ich nichts verstand. Aber auf den letzten Seiten, am Ende der Geschichte Dasas, fiel alles für mich an seinen Platz und ich hatte das Gefühl, sehr viel gelernt zu haben. Dies ist ein Buch wie eine lange Meditation. Ein Buch im Grunde wie das ganze Leben, und das Erwachen aus diesem Traum.

Hesse postuliert eine strikte Trennung zwischen den beiden Welten des Geistigen und des Materiellen. Ich sehe diese Trennung grundeigentlich nicht so scharf. Für mich sind beide eins. Es gibt kein Leben, das der geistigen Welt unwert wäre. Wenn ich an die Lehren von berühmten Zen-Meistern des letzten Jahrhunderts denke, (Charlotte-Joko Beck, Suzuki Roshi z.B.) dann kommt da immer wieder die Aufforderung, Erleuchtung beim Abwaschen des schmutzigen Geschirrs oder beim Windeln wechseln der Kinder anzustreben. Zen imAlltag ist ein bekanntes Buch von Beck.
Ich glaube, dass die Trennung auch eine sehr männliche Sicht ist, vielleicht auch eher war. In einer Zeit, als in der Regel Männer sich dazu entschließen konnten, allem weltlichen den Rücken zu kehren und sich ganz Bereichen wie Philosophie, Spiritualität oder Kunst zu widmen, kümmerten sich die Frauen dennoch um die Kinder und den Haushalt. Den Frauen stand der Weg nach Kastalien auch in Hesses Buch so wenig offen, dass sich darin noch nicht einmal jemand darüber wundert, dass das ganze Kastalien nur aus Männern besteht. Die Frauen von Hesse haben die Männer eher behindert oder aus der Fassung gebracht. Im besten Fall haben sie den Männern Söhne geboren, niemals eine Tochter. Eine gute Mutter konnten sie den Söhnen selten sein, dazu bedurfte es dann wieder eines Meisters, per se eines Mannes.
Das Glasperlenspiel ist ein Männerbuch, es ist frauenlos. Ich dachte dies sehr oft bei der Lektüre. Es ist ein vollkommen aus Männerperspektive geschriebenes Buch, in dem Frauen praktisch gar nicht vorkommen. Dies hat mich, so wunderbar ich das Buch auch fand, doch immer wieder irritiert. Es ist ein Buch der Männerbündelei, in welchem Frauen nur die verschiedenen Rollen der Störerin von geistiger Ruhe übernehmen, also auf der niedrigen Seite des Materiellen stehen, während Männer mehr oder weniger überzeugend das Geistige verkörpern.
Das Glasperlenspiel ist auch das Buch eines zutiefst an östlicher Spiritualität und Buddhismus interessiertem westlichen Autors, der die Zeit nicht mehr erleben durfte, in der der Buddhismus den Westen regelrecht eroberte, vor allen Dingen Nordamerika, und dort eine Integration in den Alltag erfuhr, beziehungsweise es müsste eher umgekehrt heißen: der Alltag wurde in die Zen Lehre integriert. Denn die meisten westlichen Buddhismus-Schüler konnten es sich nicht leisten, oder wollten es nicht, ihren Alltag für ein Klosterleben zu verlassen. So handelten die Dharmavorträge plötzlich von Liebeskummer, Kinderkrankheiten oder stressigen Situationen im Job, von Haustieren, Angst vor Arbeitslosigkeit, von allem, dem ganzen normalen Leben. Irgendwie denke ich, das hätte ihm gefallen. Er hätte erfahren, dass die Trennung, die er solange fühlte, mit der er kämpfte und an der er litt, gar nicht notwendig ist. Die Trennung ist im Grunde Teil des Dualismus, der im Buddhismus keinen Bestand mehr hat und also überwunden werden muss.

„Wie Ihr Leben auch aussehen mag, ich möchte Sie ermutigen, es zur Übung werden zu lassen.“ Charlotte Joko Beck

Denn: wer im Strom des Lebens schwimmt, der kann in diesem Strom zur Weisheit vordringen.
Seine Taten und Leiden sind nicht Verhängnis, sondern das Instrumentarium, an dessen Hand man das Leben verstehen lernt, an dessen Hand man mit großer Ausdauer lernt, seine Perspektive so zu öffnen, dass man die Weisheit erblickt.
„Der inneren Öffnung, die einem Menschen möglich ist, sind keine Grenzen gesetzt.“ Charlotte Joko Beck
Das Buch ist ein großes Buch, eines jener Bücher, die man, wenn man ist wie ich, gelesen haben sollte in seinem Leben. Leicht liest es sich nicht. Es ist ein Buch, das Konzentration und auch ein wenig Mühen abverlangt. Aber das ist gut. Ich mag solche Bücher! Am Ende fühlt man sich immer reich beschenkt und hat noch Wochen danach Stoff zum Nachdenken. Es ist ein Buch, das nach all den Jahren immer noch dazu beiträgt, den Menschen von innen zu öffnen.

(c) Susanne Becker