Direkt zum Hauptbereich

Buch der Woche - Die Füchsin spricht von Sabine Scholl

"This is a weeping song. Nick Cave? Die Gesänge bilden Zeitschleifen, Knoten, die sich nicht lösen. True weeping is yet to come."

Die Füchsin spricht ist ein Buch aus dem Secession Verlag, der es in 2016 geschafft hat, zu einem meiner Lieblingsverlage zu werden. Nicht nur, dass in ihm ausgesprochen ungewöhnliche und kluge Bücher erscheinen. Sie sind zu allem Überfluss auch noch schön, sorgfältig lektoriert und mit jedem Buch hat man das Gefühl, einen kleinen Schatz in der Hand zu haben. Man spürt deutlich, wieviel Aufmerksamkeit und verlegerische Liebe in jedes einzelne Werk einfließt. Die Gestaltung ist immer zurückhaltend, dabei geschmackvoll und stilsicher. Wenn ich auf der Website des Verlags herum spaziere, möchte ich jedes zweite Buch eigentlich auf der Stelle lesen und Euch möchte ich sein Programm wärmstens ans Herz legen. Ich spiele zum ersten Mal seit meiner Jugend, als ich ein Suhrkamp Regal hatte, mit dem Gedanken, wieder ein Verlagsregal zu eröffnen. In diesem würde ich die wunderschönen Secession Bücher sammeln.

In Die Füchsin spricht von Sabine Scholl geht es aus meiner Sicht um die Unfreiheit der Menschen, auch und vor allem, wenn ihnen im Grunde die Welt und viele Möglichkeiten offen stehen. Toni, Antonia Mayringer, ist die Hauptperson. Sie ist um die 50, Professorin an einer Berliner Uni, aber nicht im festen Anstellungsverhältnis, sondern Professorin auf Zeit. Das Büro teilt sie sich mit einem männlichen, fest angestellten Kollegen, der sie nicht sonderlich mag. In dieses Büro kann sie noch nicht einmal Regale für ihre Bücher stellen, da diese den Kollegen stören würden. Sie ist ein Gast, könnte man fast sagen, nicht wirklich erbeten. Mit dem Haustechniker Fritz hat sie eine Affäre, die sie in einem Kellerraum der Uni auslebt.
Kiki, ihre Teenagertochter, kann sich nicht durchringen, irgendeinen Beruf zu lernen, einen Job zu machen oder eine Ausbildung zu beginnen. Sie lebt zu einem erheblichen Teil in sozialen Netzwerken, das Smartphone ist ihre Direktverbindung zu dem, was sie als ihr Leben empfindet. Sie hängt ab und fühlt sich vom Leben an sich überfordert. In ihren Launen verfängt sich Toni tagtäglich.
Georg, Kikis Vater, wegen dessen Arbeit die Familie vor ein paar Jahren nach Japan gezogen war, ist seinerzeit dort geblieben, um eine neue Familie mit einer jungen Japanerin zu gründen und so richtig in die japanische Kultur einzutauchen. Toni und Kiki sind dann alleine zurück nach Deutschland gegangen. Mittlerweile hat es Fukushima gegeben. Georgs Frau Ryo verleugnet das Ausmaß der Katastrophe und hält sich an die offizielle Version der Geschehnisse, Georg reist als Freiwilliger ab und zu in den Norden und hilft bei den Aufräumarbeiten. Er sieht die Auswirkungen mit den Augen eines Europäers, der durch Tschernobyl sein politisches Profil geschärft hat. Von seinen Reisen sendet er per Email Protokolle an Bela, einen Künstlerfreund, auch von Toni, der mit seiner Frau Anniko einen Bauernhof in der Uckermark bewohnt und dort scheinbar relativ selbstbestimmt lebt.
Schon sehr bald spürt man, wie sehr in diesem Buch eigentlich alle vom Leben gelebt werden und nicht das Leben leben. Es ist eine Hilflosigkeit, eine Überforderung dem Leben, seinen Verflechtungen und Katastrophen gegenüber ständig erlebbar, die mich manchmal frustriert hat. Weil ich gerne mutmachende, positive Bücher lesen möchte. Mein eigenes Gelebtwerden vom Leben überfordert mich im Grunde, seien wir ehrlich, an manchen Tagen genug. Andererseits fasziniert mich die Akribie der Autorin, dieses Phänomen in Worte zu fassen, das so viele kennen, auch verleugnen. Gerade in den letzten Monaten, als Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt, Aleppo komplett zerstört wurde und man hier nicht weiß, wie viele Stimmen Rechtspopulisten bei den nächsten Wahlen gewinnen werden, wird vermutlich jedem bewusst, wie wenig wir unser Leben in der Hand haben, und dass es nur ein Zufall ist, wenn man nicht in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer sitzt, sondern in einer geheizten Kreuzberger Küche. Es ist eine Illusion, zu glauben, wenn man nur konzentriert genug visualisiert, dann könnte man sich sein perfektes Leben zimmern. Die Wahrheit ist unangenehm, aber steht vor allen Protagonisten dieses Buches deutlich lesbar im Raum, somit auch vor jeder Leserin: Wenn in Deiner Nachbarschaft ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, hat es sich mit deiner Freiheit. Dann findest auch Du Dich in einem Container wieder, wenn Du Glück hast und zu den Überlebenden gehörst. Wenn ein verrückter Politiker entscheidet, Dein Land in den Krieg zu zerren, dann wirst auch Du im Bombenregen sterben oder überleben. Alles kann sich jederzeit ändern. Tonis Vertrag an der Uni wird nicht verlängert, Georgs Ehe mit der Japanerin ist nicht mehr glücklich, weil die kulturellen Unterschiede immer deutlicher zutage treten. Also, selbst wenn keine Katastrophe unmittelbar dein Leben vollkommen verändert, kann der Alltag jede Freiheit verschlingen und einen zurücklassen mit dem Gefühl, eine Nebenrolle im Drehbuch anderer Menschen inne zu haben. Und jetzt mach was draus! Jetzt Mensch, nutz deine Freiheit und lebe ein Leben und nicht umgekehrt! Das ist für mich so ein bisschen die Botschaft, die ich zugegeben, subjektiv hinein lese in das Buch. Dass es die Unfreiheit aufzeigt, aber zur Freiheit anregen möchte.
In vieler Hinsicht, auch vom kühlen Tonfall des Erzählens her, aber vor allem in der präzisen Schilderung des Ausgeliefertseins menschlicher Existenz an das Leben und seine Umstände, erinnert mich Die Füchsin an Bilkaus wunderbares Buch Die Glücklichen.
Den Einband der Füchsin ziert ein Zitat von Elfriede Jelinek "Eine Frau lebt und arbeitet. Sie arbeitet ihr Leben und lebt ihre Arbeit. Weniger wird es nicht. Aber warum wird es nicht mehr?"
Über diesen Satz muss ich bei der Lektüre immer wieder nachdenken. Meine Antwort für mich lautet: Weil sie nicht in die Tiefe geht. Toni geht nicht in die Tiefe. Niemand in diesem Buch geht in die Tiefe. Sie alle kämpfen mit den äußeren Umständen, die sie verbessern möchten, sie ziehen in fremde Länder, fremde Gegenden, verlieren sich im sozialen Netzwerk, akzeptieren die Umstände nicht oder wollen sie festhalten. Es ist ein Formen des Lebens mit äußeren Eckpfeilern, ohne je nach einer Innerlichkeit zu zielen. Diese könnte spirituell sein, es könnte aber auch einfach eine philosophische Frage sein, ohne jeden Gott: Warum bin ich als Mensch geboren? Was ist der Sinn meines Lebens?
Es scheint, der Sinn der Protagonisten liegt im eher Oberflächlichen, auch wenn es sich durch die Reihe um Intellektuelle und Künstler handelt: Selbstbestimmtheit, Glück, Sex, oder ganz simpel: seinen Job behalten. Es geht niemals wirklich über das eigene Ego hinaus.
Deutlich wird das auch an der Person Saschas, der Freundin von Toni, die wunderschön ist, mit jedem Sex haben kann, ihn auch hatte, zum Beispiel sogar mit Derrida oder Blixa Bargeld, worüber sie schreiben möchte, die am Verhalten der Männer verzweifelt, daraus eine emotional aufgeladene Theorie der Frauenverachtung durch Männer entwickelt, aber eigentlich scheitert sie an ihrer eigenen Unaufrichtigkeit, ihrem Narzissmus, ihrer totalen Egozentrik, die niemand anderen wahrnimmt,  und der Unfähigkeit, ihr Tun ehrlich zu reflektieren. Sie ist weder Freundin, noch Feministin. Sie ist einfach auf einem etwas abgedrehten Egotrip.

Von Sabine Scholl gibt es im Secession Verlag übrigens noch ein weiteres Buch, welches sich mit der Geschichte der Frauen in Familien beschäftigt. Eine großangelegte, sehr persönliche Familiensaga des 20. Jahrhunderts, mit den Müttern im Mittelpunkt, deren Tätigkeiten normalerweise im unsichtbaren Bereich einer Gesellschaft geschehen. Wir sind die Früchte des Zorns. Ein Buch, das ich unbedingt und sehr bald lesen möchte, denn Sabine Scholl bringt für mich Perspektiven und Themen in die Literatur, die mir persönlich zu selten darin vorkommen. Eine Autorin, von der ich hoffe, noch sehr viel zu lesen.

Ich danke dem Verlag dafür, dass er mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

(c) Susanne Becker

Kommentare

Beliebte Texte

Buch der Woche - Jasper und sein Knecht von Gerbrand Bakker

„Gestern habe ich das erste Stück Terrasse gepflastert, und das ist nicht einfach, weil die Steine unterschiedlich groß sind. Heute wieder ein Stückchen, und morgen und übermorgen. Nicht zu eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, immer soll etwas liegen bleiben. In gewisser Hinsicht wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen.“
Ein niederländischer Schriftsteller, der sich selbst als jemand beschreibt, der mit einer sehr langen Bedienungsanleitung geliefert wird. Ein empfindlicher, verletzlicher Mann, der gerne allein ist und noch nie eine feste Beziehung hatte. Ein Mensch, der sich, so kann man es bei ihm immer wieder lesen, ausgiebig an den anderen Menschen reibt, aufreibt. Aber daraus entstehen vielleicht seine wunderbaren Bücher?
Er kauft 2012 ein Haus in der Eifel, zwischen Bitburg und Prüm. Er findet einen Hund, Jasper, der ursprünglich…

Buch der Woche - Im Winter von Karl Ove Knausgård

„2. Dezember. Den ganzen Sommer und ganzen Herbst hast du in ihrem Bauch gelegen. Umgeben von Wasser und Dunkelheit bist du durch die verschiedenen Entwicklungsphasen des Fötus gewachsen, die von außen der Evolution unserer menschlichen Art gleichen, ….“
Diese erste Satz des Buches „Im Winter“ von Karl Ove Knausgård enthält schon so viel von all dem, was im Grunde alle seine Bücher ausmachen. In fast lockerem Plauderton, ich nenne es privat für mich auch oft „Gelaber“, aber in einem freundlichen Sinn, erzählt er der Leserin privates und verknüpft es auf der Stelle mit einer Öffnung hin zu philosophischen Erkenntnissen, die uns noch auf der ersten Seite zum Thema "Regenjacken" führen werden "eine Art Haut, die wir anziehen".  Beides durchdringt sich bei ihm beständig: das private und das Allgemeingültige, die Verbindung zu einem Lebensganzen, die er zu finden versucht. Diese Suche hat oft einen leicht verzweifelten Unterton, als wolle er durch möglichst viele Worte…

Buch der Woche - Fegefeuer von Sofi Oksanen

"Aliide zog die Gardinen zurecht. Der regnerische Hof schniefte grau, die Zweige der Hofbirken zitterten nass, die Blätter platt vom Regen, die Gräser schwankten, und von den Spitzen fielen Tropfen herab. Und da unter ihnen war etwas. Irgendein Bündel. Aliide zog sich hinter die Gardine zurück. Wieder spähte sie hinaus, zog die Spitzengardine vor sich, um vom Hof aus nicht gesehen zu werden, und hielt den Atem an."
Jetzt hat es mich doch ergriffen, dieses Buch der Finnin Sofi Oksanen, Fegefeuer.
Das Fegefeuer ist der Ort der Läuterung für jene Seelen, die noch nicht heilig sind, also nicht gleich in den Himmel dürfen. Tröstlich am Fegefeuer ist, dass die, die hinein kommen, nach ihrer Läuterung sicher in den Himmel aufsteigen werden. Also eine sehr schmerzhafte, verwandelnde Katharsis. Aber sind Verwandlungen nicht immer schmerzhaft? 
Ich habe es schon so lange im Regal liegen, dass ich es nur aus einer Art Pflichtgefühl heraus in die Hand nahm. So viel gutes hatte ich vor …