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Posts mit dem Label "Suhrkamp Verlag" werden angezeigt.

Corona Tagebuch (66)

 Am Samstag lag endlich auch in Berlin Schnee. Nachdem ich voller Neid seit Wochen Bilder aus Madrid, München oder der Eifel anschaute, auf denen die Menschen Schneemänner bauten und sich Schneeballschlachten lieferten oder mit Langlaufskiern auf normalerweise dicht befahrenen Straßen entlang glitten, lagen auch bei uns, nun, ich würde schätzen, fünfundzwanzig bis dreissig Zentimeter Neuschnee, der ab 8 Uhr auch wieder anfing, laut tropfend zu tauen. Egal. Ich überredete die Tochter, morgens mit mir zum Bäcker zu gehen, wir machten eine Schneeballschlacht und fanden einen Baum, an dem mit blauer Flüssigkeit gefüllte Flaschen hingen. Es sah magisch und wunderschön aus vor dem Hintergrund des weißen Schnees. Irgendwie erinnert mich dieser Baum an Pipi Langstrumpfs Flaschenbaum Am Sonntag schien dann sogar die Sonne. Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen und den ganzen Tag über war der Himmel knallblau. Keine Ahnung, wann wir den letzten wirklichen Sonnentag hier gehabt haben, ab...

Buch der Woche - Der dritte Zustand von Amos Oz

"All die Leiden, sagte sich Fima, alle Schalheit und Absurdität erwachsen nur daraus, daß man den dritten Zustand verfehlt. Oder aus der vagen, nagenden Herzensahnung, die uns von Zeit zu Zeit von ferne daran erinnert, daß es dort - draußen und drinnen, fast in greifbarer Nähe - etwas Grundwichtiges gibt, zu dem du gewissermaßen dauernd unterwegs bist, nur daß du ebenso dauernd vom Weg abirrst:..." Ich glaube, selten hat mich der Protagonist eines Buches so kirre gemacht wie dieser Fima aus " Der dritte Zustand ". Das Buch ist 1991 erschienen und ich las bereits vorab in irgendeiner Rezension, daß die Lektüre einen schier in den Wahnsinn treibt. Was soll ich sagen: Es stimmt. Denn dieses Buch ist wie die Lesbarmachung dessen, was im Zitat bereits angedeutet wird: Fima, der Protagonist, lässt sich unentwegt ablenken. Jeder Tag seines Lebens ist eine Reihe von Ablenkungen. Eben steht er noch auf und will sich einen Kaffee machen und setzt Wasser auf, da fällt sein...

Gerbrand Bakker, Der Umweg

"Nachts hörte sie Wasser, ein kleiner Bach floß am Haus vorbei. Ein- oder zweimal war sie aus dem Schlaf aufgeschreckt, weil der Wind gedreht oder zugenommen und das Wassergeräusch überdeckt hatte. Da war sie etwa drei Wochen hier gewesen. Lange genug, um aufzuwachen, wenn sie ein Geräusch vermißte." Ich liege im Garten meines Bruders. Ich lese die letzten Seiten von „ Der Umweg “. Der Garten meines Bruders liegt in der Eifel. Nicht weit von dem Haus, in dem der Autor Gerbrand Bakker lebt. Er hat davon so wunderbar in seinem Buch „ Jasper und sein Knecht “ geschrieben. Die Eifel, für mich seit immer ein Seelenort, auch ein Sehnsuchtsort. Kommt doch von hier mein Vater, der sich das Leben nahm, als ich Anfang 20 war. In der Eifel, auf dem Hof, von dem mein Vater stammte, habe ich bei meiner Tante jedes Jahr einen Teil meiner Sommerferien verbracht. Ich wollte diesen Hof übernehmen, davon träumte ich als Neunjährige. Die Uckermark, in der ich selbst bis vor kurze...

Bücherwunschliste, Gedanken zu Motherhood und The Favourite - alles durcheinander

Gestern schenkte mir eine Freundin ein Buch zum Geburtstag, nachträglich. Ich hatte dieses Buch bereits, was sie nicht wissen konnte und was auch keinerlei Problem darstellt. Denn sie kaufte es bei den Lieblingsbuchhändlerinnen und da darf ich es umtauschen. Sie schenkte mir übrigens Motherhood von Sheila Heti. Ich habe dieses Buch vor ein paar Monaten gelesen und auch gemocht, aber nicht so, dass ich darüber schreiben wollte. Der Grund ist, glaube ich, dass ich Kinder habe. In dem Buch geht es aber eigentlich darum, die Entscheidung zu treffen, ob man als Frau überhaupt Kinder bekommen sollte. Ich konnte für viele Punkte ihrer Befragung des Lebens sehr große Sympathie entwickeln. Andere schienen mir wie aus einer Welt, die ich für immer verlassen habe. Denn ich habe mich längst entschieden und bin Mutter. Egal, was ich tue, meine Kinder und deren Interessen, deren Wohlergehen, werden immer im Zentrum meines Befindens sein. Nie wieder werde ich vor der Frage stehen, ob mein Leben b...

Buch der Woche - Jasper und sein Knecht von Gerbrand Bakker

„Gestern habe ich das erste Stück Terrasse gepflastert, und das ist nicht einfach, weil die Steine unterschiedlich groß sind. Heute wieder ein Stückchen, und morgen und übermorgen. Nicht zu eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, immer soll etwas liegen bleiben. In gewisser Hinsicht wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen.“ Ein niederländischer Schriftsteller, der sich selbst als jemand beschreibt, der mit einer sehr langen Bedienungsanleitung geliefert wird. Ein empfindlicher, verletzlicher Mann, der gerne allein ist und noch nie eine feste Beziehung hatte. Ein Mensch, der sich, so kann man es bei ihm immer wieder lesen, ausgiebig an den anderen Menschen reibt, aufreibt. Aber daraus entstehen vielleicht seine wunderbaren Bücher? Er kauft 2012 ein Haus in der Eifel, zwischen Bitburg und Prüm. Er findet einen Hund, Jasper, der ursp...

Sasha Marianna Salzmann, Ausser sich

Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als nächstes passieren könnte. Das Buch Ausser sich von Sasha Marianna Salzmann , 2017 im Suhrkamp Verlag erschienen, lag relativ lange angelesen auf meinem SuB und ich konnte mich nicht aufraffen, es zu beenden. Seite 20 oder so, weiter kam ich nicht. Ein wenig ging ich vermutlich anfangs in den Wirren der Geschichte verloren, die zwischen Russland und der Türkei, zwischen Deutschland, der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her zu springen scheint. Ali kommt nach Istanbul, um ihren Bruder Anton zu suchen. Sie schläft auf der Couch eines Onkels, Cemal und wird dort von Wanzen gebissen. Aber eigentlich kommen Ali und Anton aus Russland. Sie sind Ju...

Peter Handke, Der Bildverlust

„Vielmehr Schritt für Schritt sich selber den Weg spuren.“ In die Tiefe dringen, ohne Ablenkung. Es geht nicht darum, sich im Raum auszubreiten. Dabei ein Glas Wein trinken, wie Handke. Allerdings bevorzuge ich weißen Wein. Handke trinkt sicher lieber roten, vermute ich. Handke, der mich immer wieder so sehr inspiriert, dass ich davon glücklich werde. Obwohl ich sein Buch Der Bildverlust vermutlich nicht verstehe. Dennoch ist es für mich wie eine Meditation. Ich lese es seit Monaten. Die Lektüre nähert sich dem Ende. Der Abschied fällt mir schon jetzt schwer. Wird aber erleichtert durch die Tatsache, dass auf meinem SuB noch drei weitere Handke-Bücher meiner harren. Kali , Vor der Baumschattenwand nachts und Die Obstdiebin . Glück hat einen Namen. Für mich: Handke lesen. Also, es gibt noch eine Reihe andere Dinge, die mich glücklich machen. Aber Handke lesen ist eine zuverlässige Glücksquelle und ich weiß gar nicht, ob ich seine Bücher hier empfehlen kann. Denn manchmal fürch...

Esther Kinsky, Hain Geländeroman

"... eine Ballung der Vorläufigkeiten, wie sie sich oft, als gebe es ein physikalisches Gesetz dafür, beschützend um Kerne bilden, deren Schutzbedürftigkeit niemandem aufgefallen ist." Esther Kinskys Geländeroman " Hain ", für welchen sie vor kurzem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, führt uns durch Gelände, hauptsächlich in Italien, sowie im menschlichen Inneren, durch welche die Ich-Erzählerin schutzlos in ihrer Trauer, mühsam sich bewegt. Gelände sind es, die möchte man nicht so sehnsüchtig betreten, wie es bei dem Wort Italien ganz kurz scheinen könnte. Allerdings wird das Gelände, durch das uns Esther Kinsky führt, für kaum jemanden vermeidbar sein. Das innere Land der Trauer um den Lebensgefährten, der nicht lange vor der ersten im Buch beschriebenen Italienreise verstorben ist. Aber auch die Trauer um den Vater, der schon länger tot ist, und mit dem die Familie jahrelang jeden Urlaub in Italien verbracht hat, wo er sie durch Sehensw...

Svenja Leiber, Staub

„Vielleicht gehöre ich tatsächlich zu den Menschen, die an den harmloseren Stellen der Welt Gefahr vermuten, während die wirklichen Gefahren eine Art Wind in den Segeln ihres Lebens sind." Staub im Garten, wo ich Svenja Leiber fast immer lese. Sie passt dorthin! Das neue Buch von Svenja Leiber ist ungewöhnlich. Was bei ihren Büchern eigentlich immer zutrifft. Sie schreibt keinen Mainstream. Es kommt mir so vor, als schriebe sie aus einem inneren Raum heraus, der sehr meditativ ist, auch philosophisch. Staub ist ein Roman, der die Frage erforscht, wer wir sind, ob wir jemals sind, wer wir sind und wie sehr wir uns selbst und andere durch unsere Konstruktionen und Bilder voneinander in Gefängnisse sperren. Das Verlorensein in der Festlegung und die Flucht daraus. Paul Jandl nennt Svenja Leibers Bücher in der NZZ „luzide literarische Psychologie“. Für mich trifft er damit sehr genau, was sie mit all ihren Werken tut und was sie in der Landschaft der deutschen Li...

Buch der Woche - Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz

"Die Furcht, die in jedem jüdischen Haus herrschte, die Furcht, über die man fast nie sprach, die uns nur indirekt, wie Gift, Tropfen für Tropfen eingeflößt wurde, das war die grauenhafte Furcht, wir wären vielleicht wirklich nicht sauber genug, wären vielleicht wirklich zu laut, würden uns zu sehr in den Vordergrund drängen, wären zu gewieft und zu geldgierig. Vielleicht wäre unser Verhalten tatsächlich unpassend. Es gab so eine Todesangst, die Angst, wir könnten, Gott behüte, einen schlechten Eindruck auf die Gojim machen, und dann würden sie wütend werden und uns deshalb wieder schreckliche Dinge antun, die man sich lieber gar nicht vorstellte. Tausendmal hämmerte man jedem jüdischen Kind ein, sie auch dann nett und höflich zu behandeln, wenn sie grob oder betrunken waren.... man dürfe sie nicht reizen..." So erzählt es in Amos Oz' Buch die Schwester der Mutter ihrem Neffen. So war es vor dem Holocaust. Dies ist mein erstes Buch von Amos Oz und hätte es mir ...

Buch der Woche - Annie Ernaux, Die Jahre

   „…, ein Buch, das das Vergehen der Zeit in ihrem Inneren und außerhalb von ihr, in der großen Geschichte, beschreibt, einen „totalen Roman“, der in völliger Besitzlosigkeit enden würde, damit, dass sie sich von Menschen und Dingen lossagt, bis nichts mehr übrig wäre,…“ Annie Ernaux‘ wunderbares Buch Die Jahre , erschienen im Suhrkamp Verlag , versucht die Jahre, die man gelebt hat, einzufangen. Sie vergehen, aber kann man vielleicht doch etwas halten von ihnen, weiter geben? Bei der Lektüre musste ich oft daran denken, als ich die Schränke meiner Mutter nach deren Tod ausräumte und sich immer wieder die Frage aufdrängte: Was bleibt von einem Menschenleben? Bei der Lektüre kam es mir so vor, als meditiere Annie Ernaux diese Frage bereits vor ihrem Tod, um das, was bleibt, der Nachwelt zu übergeben. Aber auch, um es sich selbst vor Augen zu führen und es dann ganz loszulassen. Das Buch protokolliert die Lebensgeschichte einer Frau, die in den 40er Jahren des letzt...

Die Leipziger Buchmesse 2018 - 9 Entdeckungen im Schnee

"Ich sehe keinen besseren Weg, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, als durch das Lesen von Büchern." Åsne Seierstad in ihrer Dankesrede zum Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung „Lass die Kunst, schau aufs Handwerk. In ihm verstecken sich vielleicht, so wie heute im Internet, vernünftige Ansätze für Alien-Landebahnen.“ aus Bot. Gespräch ohne Autor von Clemens J. Setz Die Leipziger Buchmesse 2018 war eine Veranstaltung, auf die ich mich, man könnte sagen wie immer, nicht vorbereitet habe. Möglicherweise ist dies meine Vorbereitung. Dass ich mich so offen wie möglich mache und ohne Plan hin gehe. Es ist wunderbar, sich dort treiben zu lassen, sich ohne Erwartung in das Getümmel zu stürzen und zu entdecken, was sich einem unerwartet in den Weg wirft. Wenn man sich dem weiten Raum anvertraut,  den diese Messe öffnet und der für mich eine Metapher für das Leben an sich ist, wenn man sich dort treiben lässt, kann man viel Gutes entdecken. Der Wind...