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Buch der Woche - Der dritte Zustand von Amos Oz

"All die Leiden, sagte sich Fima, alle Schalheit und Absurdität erwachsen nur daraus, daß man den dritten Zustand verfehlt. Oder aus der vagen, nagenden Herzensahnung, die uns von Zeit zu Zeit von ferne daran erinnert, daß es dort - draußen und drinnen, fast in greifbarer Nähe - etwas Grundwichtiges gibt, zu dem du gewissermaßen dauernd unterwegs bist, nur daß du ebenso dauernd vom Weg abirrst:..."

Ich glaube, selten hat mich der Protagonist eines Buches so kirre gemacht wie dieser Fima aus "Der dritte Zustand". Das Buch ist 1991 erschienen und ich las bereits vorab in irgendeiner Rezension, daß die Lektüre einen schier in den Wahnsinn treibt.
Was soll ich sagen: Es stimmt.
Denn dieses Buch ist wie die Lesbarmachung dessen, was im Zitat bereits angedeutet wird: Fima, der Protagonist, lässt sich unentwegt ablenken. Jeder Tag seines Lebens ist eine Reihe von Ablenkungen. Eben steht er noch auf und will sich einen Kaffee machen und setzt Wasser auf, da fällt sein Blick…
Letzte Posts

Corona Tagebuch (54)

Heute möchte ich euch einen Ausschnitt aus dem Gedicht "Kindness" von Naomi Shihab Nye schenken.
Vorerst wird dies mein letzter Tagebucheintrag, denn die Situation in den letzten Tagen hat sich doch rasant geändert und obwohl ich denke, dass wir noch lange mit Corona zu tun haben werden, sitzen wir wohl zukünftig nicht mehr soviel zuhause. Wir führen nicht mehr Tagebuch. Wir müssen auch kein Tagebuch mehr lesen. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber auch mein Arbeitspensum hat in den letzten Tagen rasant zugelegt.

Die Tochter soll sogar bald zurück in die Schule. Nur in kleinen Gruppen und nur einmal die Woche. Aber das reicht ihr auch. Ist ihr eigentlich fast zuviel.

Before you learn the tender gravity of kindness
you must travel where the white Indian in a white poncho
lies dead by the side of the road.
You must see how this could be you, how he too was someone
who journeyed through the night with plans
and the simple breath that kept him alive.

Before you know kindness a…

Corona Tagebuch (53)

Naomi Shihab Nye The Art of Disappearing

When they say Don't I know ?
Say no

When they invite you the party
remember what parties are like
before answering.
Someone is telling in a loud voice
they once wrote a poem.
Greasy sausage balls on a paper plate.
Then reply.

If they say We should get together.
say why?

It's not that you don't love them anymore.
You're trying to remember something
too important to forget.
Trees. The monastery bell at twilight.
Tell them you have a new project.
It will never be finished.

When someone recognizes you in a grocery store
nod briefly and become a cabbage.
When someone you haven't seen in ten years
appears at the door,
don't start singing him all your new songs.
You will never catch up.

Walk around feeling like a leaf.
Know you could tumble any second.
Then decide what to do with your time.

Dies ist mein liebstes Gedicht einer meiner liebsten Dichterinnen. Ich kann es diesmal nicht übersetzen, es ist so lang, aber es ist nicht s…

Corona Tagebuch (52)

Ich war heute arbeiten und das sind immer die Tage, wo nicht so viel geschieht, denn ich bin total in den Zusammenhängen des Büros und mit den Arbeitsabläufen dort beschäftigt und dann ist es schon Abend.
Die Tochter hatte zwei Zoom Konferenzen, einmal mit ihrer Klasse zum Thema Widerstand im Nationalsozialismus. Die Lehrerinnen hatte sogar einen Gast organisiert, eine Frau der Gedenkstätte Deutscher Widerstand  sowie von der Koordinierungsstelle Stolpersteine. Als ich abends vom Büro kam, um wegen der zweiten Zoom Konferenz mit dem Fußballverein (Fitnessprogramm mit der Mannschaft und den Trainerinnen online!) zu schauen, saß die Tochter immer noch an ihren Hausaufgaben und schaute gerade einen Film zur deutschen Invasion in Norwegen aus Sicht norwegischer Kinder. Deutsche Soldaten kauften Fische von einem norwegischen Fischer und wollten ein Foto machen von sich und dem Fischer und seinem Sohn. Ich musste kurz an Willy Brandt denken und dann an Hannah Arendt. In einem ihrer Bücher l…

Corona Tagebuch (51)

Heute fand ich in meinen Mails einen Gruß von den Azoren, nur diese Zeilen, aber sie begleiten mich jetzt schon den ganzen Tag.

"Setz Dich Meer,
Denn wir müssen über unser
Leben sprechen
Unter dem Licht der Phantasie"

Rafael Alberti

Durch diesen Gruß lernte ich den Schriftsteller Rafael Alberti kennen, einen in Andalusien geborenen spanischen Dichter, der einen großen Teil seines Lebens wegen Franco im Exil verbringen musste. Erst nach Francos Tod kehrte er nach Spanien zurück. 
Er starb 1999 und seine Asche wurde über der Bucht von Cadiz verstreut.
Diese eine kleine Mail von den Azoren hat in mir eine ganze Box der Sehnsucht geöffnet, die im Grunde nie wirklich verschlossen ist. Die Sehnsucht, zu reisen, am Meer zu sein, die Azoren kennen zu lernen, aber vor allem: zurück nach Andalusien zu kehren, wo ich mich zuhause fühle wie nirgends sonst und dort dann auch Cadiz zu besuchen, eine Stadt, von der ein Freund mir im letzten Jahr prophezeite, dass ich sie lieben würde. Mein grö…

Corona Tagebuch (50)

may my heart always be open to little
birds who are the secrets of living
whatever they sing is better than to know
and if men should not hear them men are old

may my mind stroll about hungry
and fearless and thirsty and supple
and even if it's sunday may i be wrong
for whenever men are right they are not young

aus einem Gedicht von e.e.cummings

Wieder hörte ich die Vögel heute morgen und er hat recht: sie sind die Geheimnisse des Lebens. Was immer sie singen, ist besser als was die Menschen wissen oder glauben, zu wissen und Menschen, die sie nicht hören (sondern nur sich und ihre eigenen Meinungen) sind alt.
Ich möchte in meinem Denken hungrig sein, angstlos, durstig und geschmeidig, und selbst am Sonntag möchte ich mich auch mal täuschen, denn wenn die Menschen recht haben, sind sie in der Regel nicht mehr jung.

Die taz schrieb heute über Das Ende der Solidarität, und da der Text viele meiner eigenen Gedanken wieder gibt, teile ich ihn hier
Anregung. Zum Denken. Ich weiß, wir w…

Corona Tagebuch (49)

Im Wald. Es ist leerer. Außer auf dem Waldspielplatz. Der war voller Kinder und Eltern.
Ja, die Spielplätze in Berlin sind wieder geöffnet. Im Wald also ewig allein auf einem Baumstamm gesessen und ins Grün geschaut. Keine Menschenseele, keine menschliche Stimme gehört, nur die Vögel und die Sonne und das Blau des Himmels im Maigrün der Blätter.

Ich war etwa zwei Wochen nicht mehr dort und überrascht, wie üppig und grün plötzlich alles ist. Der Regen der letzten Tage hat dem Wald sehr gut getan. Die Vögel singen so laut und wunderschön. Schon heute morgen liebte ich es, als ich lange im Bett saß, gelesen und Tagebuch geschrieben, Kaffee getrunken habe und durch die offene Balkontür drangen so viele Vogelstimmen, als wäre ich irgendwo auf dem Land. Der Baum vor meinem Fenster ist jetzt wieder vollkommen belaubt und er verdeckt meine ganze breite Fensterfront bis zum Balkon und ein bisschen ist es, als wohnte ich in einem Baum.
Dann natürlich der Hubschrauber. 1. Mai. Kreuzberg. Der Hu…