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Buch der Woche - das kleingedruckte von Linda Vilhjálmsdóttir

 und das verlangen nach vollkommenheit umgibt uns wie eine burka oder eine nebelschwade   heißt es in einem der Gedichte von Linda Vilhjálmsdóttir. Mit dieser Aussage konnte ich auf der Stelle so viel anfangen, als wäre es eine kurze Zusammenfassung für mein Leben und das so vieler anderer Frauen, die ich kenne.  Ein kleiner Band namens das kleingedruckte , aus dem isländischen übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason , erschienen im wunderbaren Elif Verlag. Wenn Lyrik, dann häufig dort.  Der Einband ist in meinem Lieblingsblau gehalten und lässt mich immer wieder denken: blaue Wunder. Manche Bücher sind solche blauen Wunder, die einem Hören und Sehen vergehen und dann wieder neu, aber anders, erlernen lassen. Ein Blick auf die Geschichte der Frauen und das Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Ein Blick auf die vielen unterschiedlichen Arten von Frauen, die es gibt: bergfrauen und solche mit feuerrotem lippenstift, mit beigen kostümen und nackten beinen, schlampe
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Corona Tagebuch (66)

 Am Samstag lag endlich auch in Berlin Schnee. Nachdem ich voller Neid seit Wochen Bilder aus Madrid, München oder der Eifel anschaute, auf denen die Menschen Schneemänner bauten und sich Schneeballschlachten lieferten oder mit Langlaufskiern auf normalerweise dicht befahrenen Straßen entlang glitten, lagen auch bei uns, nun, ich würde schätzen, fünfundzwanzig bis dreissig Zentimeter Neuschnee, der ab 8 Uhr auch wieder anfing, laut tropfend zu tauen. Egal. Ich überredete die Tochter, morgens mit mir zum Bäcker zu gehen, wir machten eine Schneeballschlacht und fanden einen Baum, an dem mit blauer Flüssigkeit gefüllte Flaschen hingen. Es sah magisch und wunderschön aus vor dem Hintergrund des weißen Schnees. Irgendwie erinnert mich dieser Baum an Pipi Langstrumpfs Flaschenbaum Am Sonntag schien dann sogar die Sonne. Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen und den ganzen Tag über war der Himmel knallblau. Keine Ahnung, wann wir den letzten wirklichen Sonnentag hier gehabt haben, aber i

Corona Tagebuch (65)

 „January 1 The ground smells of spring. I am glad to be delivered once more from the dark solstice into the turn toward growth. January is my favourite month, when the light is plainest, least colored. And I like the feeling of beginnings.“ Aus Daybook von Anne Truitt Januar ist noch nie mein Lieblingsmonat gewesen, aber ich mag diesen Monat mehr als, sagen wir zum Beispiel November. November ist für mich indiskutabel als Monat. Ich mag den Januar ein bisschen aus eben den Gründen, die Anne Truitt nennt: man ist endlich aus den Klauen der zunehmenden Dunkelheit und der vielen Feiertage entkommen und bewegt sich auf das Licht zu, auf die zunehmenden Minuten von Helligkeit an jedem Tag und heute roch es wirklich nach Frühling, die Vögel sangen bereits. Auch mag ich, genau wie sie, sehr das Gefühl von Anfang. Jedes Jahr im Januar habe ich das Gefühl, ein neues Buch aufzuschlagen, in dem noch kein Wort steht. Als könnte ich ein neuer Mensch werden. Das finde ich am Januar schon sehr

My list of favourites 2020

Musik Habe ich in diesem Jahr unglaublich viel gehört. Denn ich bin seit letztem Dezember bei Spotify. Hier ist ein Link zu den meistgehörten Songs. Das ist ein Service von Spotify, was ich extrem reizend fand. Danke. Diese 100 Songs habe ich also (angeblich) in 2020 am meisten gehört. Da ich alle 100 mag, könnte was dran sein. Dennoch hier eine Auswahl der Songs, die ich jetzt persönlich nennen würde, und es sind nur sechs. Paradise Circus, Massive Attack Soap&Skin Me and the Devil The Arcadian Wild, Rain Clouds Radio Head, Exit Music Radio Head True Love waits Les Indes Galante, Rameau, Teodor Curentzis Bücher Gelesen habe ich nicht so viel wie in anderen Jahren. Aber es gab schon einige Bücher, die mich wirklich sehr beeindruckt haben. Hier ein paar davon: Tomas Espedal Das Jahr. Ich habe dieses Buch vom ersten Satz an wirklich geliebt. Ich weiß noch, wie ich dann darin diesen Satz las, der nicht der erste Satz in diesem Buch ist: "Ein Jahr kann ein ganzes Leben en

Buch der Woche - Summer von Ali Smith

 So here's another fragment of moving image from across time. Man nennt es den ersten Coronaroman und auf jeden Fall ist es ein Coronaroman. Aber Summer ist auch ein Brexit Roman und ein Buch, welches all das, was gerade jetzt geschieht, mit dem verknüpft, was im Verlauf des zweiten Weltkrieges geschehen ist. Es verknüpft die Gegenwart mit der Vergangenheit, die Klimakatastrophe mit der Verlorenheit eines englischen Teenagers, das obsessive Spielen von Videogames mit einem Gefühl unendlicher Sehnsucht in dieser Komplexität, die niemand von uns verstehen kann, und es verknüpft das Verhalten von Schwalben mit der Situation eines afrikanischen Menschen, der seit drei Jahren in England in Abschiebehaft sitzt, wo er den ganzen Tag nichts tun kann und auch nicht hinaussehen kann, da sein Fenster oval geformt ist. Er steht damit in direkter Verbindung zu den deutschen Juden, die im Verlauf des zweiten Welkrieges in England interniert wurden und unter furchtbaren Bedingungen wie Feinde be

Corona Tagebuch (64)

Arena, Treptow Everything needs to be unmasked, right now.... aus: Summer von Ali Smith Verrückt, heute wollte ich meine Mutter anrufen. Nach dem Bruchteil einer Sekunde eigentlich nur, aber dieser Bruchteil war unglaublich real und der Gedanke an meine Mutter war vollkommen ungetrübt, fiel mir ein, dass sie seit fast sieben Jahren tot ist. Es traf mich wie ein überraschender Schlag. Ich hatte diese simple Tatsache für den Bruchteil einer Sekunde vollkommen vergessen und es war kurz, als wäre ich eine andere, als würde durch diese Möglichkeit, eine so simple und doch lebenswichtige Tatsache vollkommen vergessen zu können, die Tür zu einer Unzahl weiterer Möglichkeiten geöffnet, die sich alle in meinem Bewusstsein befinden und die alle ich sind. Eine Kollegin sagte mir heute, dass man Corona nicht bekommt, wenn man nicht so hysterisch daran denkt. Ich sagte: "Nun, das glaube ich ehrlich gesagt nicht." Sie darauf: "Oh doch." Ich darauf zu mir selbst: "Wow! Irre!

Corona Tagebuch (63)

"Manchmal können wir etwas nur dadurch klären, dass wir uns dem stellen, was wir nicht wissen." Pina Bausch Erster Tag des zweiten Lockdowns. Ich war circa eine Stunde draußen, um in meinem Bioladen einzukaufen. Es war so voll da draußen auf den Straßen und im Görlitzer Park, als hätte jemand gerufen: Lockdown, alles raus! Es sind tausend Leute an einem Tag gestorben an Corona, geht raus, bevor sie uns ganz einsperren! Alle waren natürlich tierisch beschäftigt, mit Bällen, Frisbeescheiben, Rollerblades, Hunden, Einkaufstaschen....Riesiger Unterschied zum ersten Lockdown im März, als die Straßen wirklich wie leer gefegt waren.  Meine Corona App macht mich langsam wahnsinnig, denn in den letzten Tagen kommen immer mehr Kontakte hinzu, die zwar bislang ungefährlich also grün sind, aber es macht mir deutlich, wie viele Menschen diese App offensichtlich nutzen und wie viele Kontakte ich habe, obwohl ich quasi (gefühlt) nichts mache. Gut, bis gestern bin ich arbeiten gegangen. Dort