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Corona Tagebuch (65)

 „January 1

The ground smells of spring. I am glad to be delivered once more from the dark solstice into the turn toward growth. January is my favourite month, when the light is plainest, least colored. And I like the feeling of beginnings.“

Aus Daybook von Anne Truitt

Januar ist noch nie mein Lieblingsmonat gewesen, aber ich mag diesen Monat mehr als, sagen wir zum Beispiel November. November ist für mich indiskutabel als Monat. Ich mag den Januar ein bisschen aus eben den Gründen, die Anne Truitt nennt: man ist endlich aus den Klauen der zunehmenden Dunkelheit und der vielen Feiertage entkommen und bewegt sich auf das Licht zu, auf die zunehmenden Minuten von Helligkeit an jedem Tag und heute roch es wirklich nach Frühling, die Vögel sangen bereits. Auch mag ich, genau wie sie, sehr das Gefühl von Anfang. Jedes Jahr im Januar habe ich das Gefühl, ein neues Buch aufzuschlagen, in dem noch kein Wort steht. Als könnte ich ein neuer Mensch werden. Das finde ich am Januar schon sehr aufregend und auch, dass ich Geburtstag habe natürlich.

Seit Wochen hat man hier in Berlin die Sonne nicht mehr gesehen. Seit Wochen war der Himmel immer grau und es war sehr kalt, oft windig, verregnet oder Schneeregen. Meine gewohnten Spaziergänge sind kürzer und seltener geworden, weil es einfach keinen Spaß macht, bei einem solchen Wetter lange draußen herum zu laufen.

Aber an den letzten beiden Tagen brach zumindest am Morgen, während ich auf dem Weg in mein Büro war, die Sonne mit goldenen Strahlen am östlichen Himmel durch die Wolken. 

Sie ließ mich an das Gedicht von Amanda Gorman denken, welches sie vorgestern bei der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris vorgetragen hat und in dem es unter anderem hieß:

„… for there is always light if only we’re brave enough to see it, if only we’re brave enough to be it.“



Die Sonne, die Amtseinführung, und die Coronazahlen in Deutschland gehen endlich, nach Wochen der Stagnation, runter. Ich war gestern und heute richtig glücklich, weil ich plötzlich das Licht am Ende des Tunnels sehen konnte und ich verstand, dass da wirklich immer ein Licht ist, und dass es immer nur eine Möglichkeit gibt: sich auf dieses Licht zu konzentrieren und darauf zuzugehen, und ja, dass diese Entscheidung, sich eben nicht auf die Dunkelheit zu konzentrieren, sondern auf dieses Licht, tatsächlich die mutigere Entscheidung ist. Eigentlich immer. 

Ich lese also im Daybook von Anne Truitt. Sie war Malerin und Bildhauerin und ich habe das Daybook zufällig durch Instagram entdeckt. Es steckt voller Wahrheiten und Weisheiten über das Leben von Müttern und Künstlerinnen und wie man beides vereinbart. Es handelt von den künstlerischen Prozessen und den finanziellen Problemen, von Ausstellungen und Hausarbeit. Ich lese es sehr langsam, damit ich lange etwas davon habe, denn es ist ein sehr reiches Buch. Ich lese es an meinem Küchentisch, nachdem ich soeben von einem Spaziergang mit einem Freund zurück gekommen bin. Wir sind 8 km durch die Dunkelheit in Kreuzberg und Neukölln und Treptow gestapft, er hat dabei zwei alkoholfreie Biere getrunken und wir haben viel gelacht und sind nur einer Ratte begegnet.

Der Mond scheint durch mein Küchenfenster auf meinen rechten Arm, und ich sitze also an dem gleichen Küchentisch, an dem vor vielen Jahren mein Vater jeden Mittag saß, wenn er eine Pause einlegte und sich etwas zu essen machte. Er machte sich zunächst eine Tasse Instantkaffee, dann briet er sich ein paar Eier und bereitete einen kleinen Salat zu. Dazu aß er ein paar Brote mit Wurst und Käse und Zwiebelringen darauf. Wenn er alles aufgegessen hatte, machte er sich noch eine Tasse Instantkaffee und zündete sich eine Reval ohne Filter an. Er las beim Essen am Mittag immer in einer Zeitung. Es war selten eine gute Idee, ihn dabei zu stören. Er wurde nicht wütend. Er ignorierte einen einfach. Niemand konnte einen so gut ignorieren wie mein Vater. Er las weiter in seiner Zeitung, als wäre man nicht im Raum.

Er war gerne allein. Er schwieg gerne. Er war kein Mensch, der es wagte, sich auf das Licht zu konzentrieren. Vielleicht war ihm auch irgendwann die Kraft dazu ausgegangen oder er hatte schlicht und ergreifend keine Ahnung, wie man das anstellte. Aber weil er in solcher Dunkelheit lebte, hat er mich mein Leben lang dazu inspiriert, das Licht zu suchen. Etwas, wofür ich ihm für immer dankbar sein werde.

"Someone I loved once gave me a box full of darkness. It took me years to understand that this too, was a gift." Mary Oliver 

Ich esse beim Lesen und Tagebuch schreiben eine Portion Nudeln mit anpüriertem Blumenkohl und Parmesan und schwarzem Pfeffer. Das Rezept ist mir heute im Zeit Magazin begegnet und es soll neapolitanisch sein. Wahrscheinlich habe ich etwas falsch gemacht. Es schmeckt nach Nichts. Aber es schmeckt lecker nach Nichts. Ich verputze den ganzen Topf und trinke dazu ein kleines Glas Rotwein und hinterher einen winzigen Limoncello.

Beim Herum schauen auf Instagram stoße ich auf einen kurzen Text über Joseph Beuys. 2021 ist Beuys Jahr, denn er wäre im Mai 100 Jahre alt geworden. Der Künstler als Schamane. Was bedeutet das?

In der Zeitschrift Monopol, die ich mir jetzt bestellt habe, gibt es darüber einen Artikel. Es hat damit zu tun, dass Künstler spirituell arbeiten und nicht nur materiell. Sie heilen. Die Gesellschaft. Sich selbst. Das Universum. ? Ich denke, im besten Falle all dies, denn sie bringen einen heilenden Impuls in diese Welt. Das sieht man doch sehr deutlich an AmandaGorman und ihrem Gedicht. Sie wirkte wie eine Schamanin, als sie dort oben stand und der Welt ihre Weisheit schenkte. Oder nicht?

Mir fällt ein weiteres Zitat sofort ein, das mir ebenfalls heute begegnet ist. Es stammt von dem Dichter W.B. Yeats und es lautet:

„We can make our minds so still like water that beings gather about us that they may see, it may be, their own images, and so live for a moment with a clearer, perhaps even with a fiercer life because of our quiet.“

Ich denke, dass Künstler (wir alle sind Künstler, jeder Mensch ist ein Künstler! Auch das hat Joseph Beuys gesagt) nur heilen können, wenn sie es schaffen, ihren Geist ganz klar zu machen. Da darf kein Wollen mehr sein. Es muss ganz still sein, so dass es keine Frage mehr gibt, sondern die Antworten wie von selbst kommen. In diesem Sinne bin ich davon überzeugt, dass jede eine Schamanin sein kann, dass aber vermutlich Künstlerinnen aufgrund ihrer Arbeit prädestiniert dafür sind. 

Irgendwie ist dieses Corona Tagebuch ein Text über das Licht geworden und die Heilkraft der Kunst. Wie manchmal alles zusammen passt. Und dann steht der Bundespräsident auch noch am Fenster seiner Residenz und zündet eine Kerze für die Coronatoten an und ich finde eigentlich, das sollten wir alle tun. Denn diese mehr als 50.000 Toten in Deutschland, sie erscheinen so seltsam unwirklich und werden nur spärlich so erwähnt, das sie nicht wie eine anonyme Zahl wirken, sondern wie Menschen, die eben noch aus Fleisch und Blut bestanden, ein Leben hatten, Freunde, Familie, Spaß, die oft alleine gestorben sind und deren Familien vermissen sie nun, trauern, konnten sich aber nicht verabschieden, konnten nicht bei ihnen sitzen, sich mit ihnen versöhnen, sie trösten, ihnen die Hand beim Sterben halten. Diese Menschen würden noch leben, wenn es die Pandemie nicht gäbe. 

 Zum Schluss muss ich Euch noch bitten, bei Netflix eine Dokumentation zu schauen, die mich wirklich beglückt hat: Pretend, it's a city von Martin Scorsese. Es ist eine Dokumentation über die Schriftstellerin Fran Lebowitz und ich habe wirklich jede Minute davon geliebt. 



Bei tagesschau.de standen heute die Ergebnisse einer Umfrage, nach der die Deutschen die Einschränkungen langsam sehr anstrengend finden. Das hätten wir denen auch ohne Umfrage sagen können, oder? Ist doch klar, dass einem diese ganzen Belastungen langsam den letzten Nerv rauben. Auch die Unsicherheit, die Angst, dass man sich noch nicht mal mit Shoppen oder Kino oder Ausgehen ablenken kann. Ich schminke mich mittlerweile, wenn ich einen Block rüber zu Edeka gehe, so aufwändig, als würde ich eine Wochenendreise nach Paris antreten. Ehrlich! Es passiert ja nix. Man hat ein schlechtes Gewissen, wenn man doch mal jemanden umarmt oder sich mit einer Person zu viel trifft. Ich kenne jeden Winkel in meinem Wald. Jetzt dürfen wir auch keine hübschen Masken mehr tragen, sondern müssen alle mit diesen weißen Dingern rum laufen, mit denen man aussieht wie eine Ente. So halt. Klar geht einem das alles auf den Geist. Aber es hilft ja nichts. Irgendwie müssen wir durch und da ist es gut, sich auf das Licht am Ende des Tunnels einzuschießen. Ich sags ja nur 😘

Haltet durch! 💪💚

(c) Susanne Becker

 


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