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Posts mit dem Label "#coronadiary #coronatagebuch #ichschreibe" werden angezeigt.

Corona Tagebuch (66)

 Am Samstag lag endlich auch in Berlin Schnee. Nachdem ich voller Neid seit Wochen Bilder aus Madrid, München oder der Eifel anschaute, auf denen die Menschen Schneemänner bauten und sich Schneeballschlachten lieferten oder mit Langlaufskiern auf normalerweise dicht befahrenen Straßen entlang glitten, lagen auch bei uns, nun, ich würde schätzen, fünfundzwanzig bis dreissig Zentimeter Neuschnee, der ab 8 Uhr auch wieder anfing, laut tropfend zu tauen. Egal. Ich überredete die Tochter, morgens mit mir zum Bäcker zu gehen, wir machten eine Schneeballschlacht und fanden einen Baum, an dem mit blauer Flüssigkeit gefüllte Flaschen hingen. Es sah magisch und wunderschön aus vor dem Hintergrund des weißen Schnees. Irgendwie erinnert mich dieser Baum an Pipi Langstrumpfs Flaschenbaum Am Sonntag schien dann sogar die Sonne. Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen und den ganzen Tag über war der Himmel knallblau. Keine Ahnung, wann wir den letzten wirklichen Sonnentag hier gehabt haben, ab...

Corona Tagebuch (64)

Arena, Treptow Everything needs to be unmasked, right now.... aus: Summer von Ali Smith Verrückt, heute wollte ich meine Mutter anrufen. Nach dem Bruchteil einer Sekunde eigentlich nur, aber dieser Bruchteil war unglaublich real und der Gedanke an meine Mutter war vollkommen ungetrübt, fiel mir ein, dass sie seit fast sieben Jahren tot ist. Es traf mich wie ein überraschender Schlag. Ich hatte diese simple Tatsache für den Bruchteil einer Sekunde vollkommen vergessen und es war kurz, als wäre ich eine andere, als würde durch diese Möglichkeit, eine so simple und doch lebenswichtige Tatsache vollkommen vergessen zu können, die Tür zu einer Unzahl weiterer Möglichkeiten geöffnet, die sich alle in meinem Bewusstsein befinden und die alle ich sind. Eine Kollegin sagte mir heute, dass man Corona nicht bekommt, wenn man nicht so hysterisch daran denkt. Ich sagte: "Nun, das glaube ich ehrlich gesagt nicht." Sie darauf: "Oh doch." Ich darauf zu mir selbst: "Wow! Irre! ...

Corona Tagebuch (63)

"Manchmal können wir etwas nur dadurch klären, dass wir uns dem stellen, was wir nicht wissen." Pina Bausch Erster Tag des zweiten Lockdowns. Ich war circa eine Stunde draußen, um in meinem Bioladen einzukaufen. Es war so voll da draußen auf den Straßen und im Görlitzer Park, als hätte jemand gerufen: Lockdown, alles raus! Es sind tausend Leute an einem Tag gestorben an Corona, geht raus, bevor sie uns ganz einsperren! Alle waren natürlich tierisch beschäftigt, mit Bällen, Frisbeescheiben, Rollerblades, Hunden, Einkaufstaschen....Riesiger Unterschied zum ersten Lockdown im März, als die Straßen wirklich wie leer gefegt waren.  Meine Corona App macht mich langsam wahnsinnig, denn in den letzten Tagen kommen immer mehr Kontakte hinzu, die zwar bislang ungefährlich also grün sind, aber es macht mir deutlich, wie viele Menschen diese App offensichtlich nutzen und wie viele Kontakte ich habe, obwohl ich quasi (gefühlt) nichts mache. Gut, bis gestern bin ich arbeiten gegangen. Dort...

Corona Tagebuch (62)

"Sie müssen ihre Angstvorstellungen überwinden" heißt es in der Geschichte " Hinab in den Maelström " von Edgar Allen Poe.  Diese Geschichte spielt in Norwegen und handelt von einem Bootsunglück, von welchem der Überlebende einer Gruppe von Bergwanderern berichtet. Er und seine Brüder waren mit ihrem Boot in einen unendlich tiefen Strudel, den Maelström, geraten. Dieser Strudel war so tief, es gab Gerüchte, dass er durch den Ozean auf die andere Seite der Erde führe. Alles, was von ihm verschlungen wurde, wurde zerstört.  Der eine der Brüder überlebte das Unglück im Grunde deshalb, weil er keinen Widerstand leistete. Er ergab sich dem Maelström, geschmeidig, passte sich seiner Form an, ließ sich in die Tiefe ziehen und wurde vom Strudel praktisch äußerlich unversehrt, im Inneren aber auf traumatische und vollkommene Weise verändert wieder ausgespuckt. Ein Bekannter von mir, der in Granada lebende Künstler Roberto Urbano  hat sich von dieser Geschichte zu einer Ausst...

Corona Tagebuch (61)

"Wir haben mehr als ein Leben. Wir haben zwar oft das Gefühl, wir könnten manche Ereignisse nie vergessen und über bestimmte Dinge nie hinwegkommen. Aber wir tun genau das - wir tun es die ganze Zeit, in der Regel, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, und manchmal, ohne es uns einzugestehen." aus Daniel Schreiber, Zuhause Ich habe das Buch gestern beendet. Aber das war eher nicht der Grund, das ich nicht zum Schreiben kam. Eigentlich wollte ich den ganzen Tag Yoga machen, vielleicht mal einen kurzen Spaziergang unternehmen, lesen und natürlich schreiben. Aber dann entwickelte der Samstag eine Art Eigendynamik, wie ich es an einem harmlosen Tag, mitten in einer Pandemie zumal, selten erlebt habe und ich lag leicht angetrunken im Bett, halb 12, bevor ich mich versah, obwohl es eben gerade erst 9 Uhr morgens gewesen war und ich war glücklich. Denn der Tag war von A-Z klasse gewesen. Ich war halt nur nicht dazu gekommen, zu schreiben, oder Yoga zu machen. Was solls. Deshalb gib...

Corona Tagebuch (60)

 There is transformative magic in accepting things as they are.   Lama Surya Das  Wenn es so weiter geht, schaffe ich irgendwann vielleicht noch Corona Tagebuch Teil 2000 oder so.  Ich werde also wieder zuhause bleiben und mich durch meinen Winterschlaf lesen und wenn ich ehrlich bin, habe ich mir einen solchen völlig aktivitätslosen Winter schon immer gewünscht. Einmal sich ganz legitim auf sein Sofa verziehen, mit dem Stapel Bücher neben sich und man darf nirgendwo hin.  Ich arbeite an einer Bildungseinrichtung und wir haben es tatsächlich geschafft, ohne jeden Ausbruch von August bis jetzt, unter Einhaltung aller möglichen und unmöglichen, strikten Regeln, Unterricht vor Ort anzubieten.  Es war sehr anstrengend und sehr lohnenswert. Abstand halten, Masken tragen, manche Angebote über Zoom, Gruppen teilen, Desinfektionsmittel in allen Räumen, Anwesenheitslisten lückenlos führen, das ganze Programm. Aber es war die Sache wert. Die Menschen bei uns war...

Corona Tagebuch (59)

 Jeder normale Tag ist unglaublich fragil und kann im Grunde jeden Moment aus dem Gleis laufen. Das ist etwas, das mir durch Corona klar geworden ist. Gut, das war auch vor Corona schon so. Aber seit Corona ist es deutlicher, zumindest für mich.  Ich muss jetzt mal was sagen: Seit Corona habe ich auch ein verändertes Verhältnis zu Alufolie.  Jedesmal, wenn ich das Schulbrot meiner Tochter in Alufolie einwickele, wird mir komisch. Weil ich dann an die  denken muss, die gegen die Coronamaßnahmen demonstrieren. Und weil ich welche kenne, die da mit rennen. Und ich fühle mich mal wieder wie vor ein paar Jahren, als ich verstand, dass jemand, den ich sehr gut kenne, zur AfD abrutscht. Ich habe einen Bekannten, der ernsthaft solche Sachen sagt wie: "Ich habe mir die wissenschaftlichen Daten genau angeschaut und ich habe erkannt, dass es gar nicht mehr Coronafälle gibt, das ist eine Lüge, es gibt nur mehr Tests. Die Presse will lediglich Angst schüren." Ich so: "Ist ja toll...

Corona Tagebuch (58)

  August. Schon August. Ein Sommer, der als Lockdown begann, scheu und sehnlich erwartet, geht schon wieder seinem Ende entgegen und ich bin nicht dafür bereit. Ich möchte noch so viele Male schwimmen gehen und meine Füße im Gras spüren.  Seit Wochen arbeite ich mich durch ein Buch von Joseph Goldstein. Ich hatte ihn hier schon mehrfach erwähnt. Er ist für mich ein großer Lehrer, obwohl ich ihn noch nie persönlich treffen konnte. Aber ich höre seine Talks auf Spotify oder anderen Seiten und das Buch Mindfulness. A Practical Guide to Awakening nährt meine Gedanken und auch mein Schreiben.  Heute fand ich darin ein wunderbares Zitat, das ich mit euch teilen möchte: "One of the many misconceptions we often carry throughout our lives is that our perceptions of ourselves and the world are basically accurate and true, that they reflect some stable, ultimate reality. This misconception leads to tremendous suffering, ...." Was, wenn immer alles anders wäre, als wir denken? ...

Corona Tagebuch (57)

"Tell me what it is you plan to do with your one wild and precious life?" Mary Oliver In wenigen Tagen fahre ich zum ersten Mal seit Februar mit dem Zug richtig weit weg. Langsam werde ich etwas nervös, ob das nicht ein zu großes Risiko ist, ob es nicht besser wäre, mir ein Auto für meine Rundreise zu mieten. Ich lese und höre, dass die ICEs sehr voll sind, kein Abstand gehalten werden kann und es auch eine Menge Leute dort gibt, die keine Gesichtsmaske tragen. Auf der anderen Seite gehe ich nicht davon aus, dass in Deutschland gerade wahnsinnig viele Infizierte herum laufen und ausgerechnet in meinem Zug sein werden. Ich war die ganze Coronazeit über nie wirklich isoliert. Ich habe mehr oder weniger durchgearbeitet und immer Leute getroffen, vor allem in meinem Büro. Das hat in den letzten Wochen auch zugenommen. Ich war sogar auf der riesigen Black Lives Matter Demo hier in Berlin vor vier Wochen. Ich fühle mich seit Februar, als ich auf Sizilien krank war, kerngesu...

Corona Tagebuch (56)

"In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, dass mein Mund ganz im Schatten liegt." Ingeborg Bachmann Diese Woche war Ingeborg Bachmanns Geburtstag. Immer war sie eine meiner liebsten Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Ich mag es, wie sie in die Tiefe taucht, ohne Rücksicht auf Verluste. Wie sie sich selbst verbrennt auf der Suche nach wahren Worten. Sie ist für mich eine literarische Heldin und Mutter.  (  Diesen Text   habe ich vor sechs Jahren über sie und ihre Bedeutung für mich geschrieben) Ich kann nicht durch Rom laufen, ohne daran zu denken, dass es ihre Stadt war. Also Rom ist für mich nicht die Hauptstadt Italiens, sondern die Stadt, in der Ingeborg Bachmann lebte und starb, möchte ich damit sagen. Diese Woche war ich nicht ein einziges Mal im Wald. Ich war auch in keinem See. Ich musste am Wochenende arbeiten, weil wir bei uns am Seminar eine Fortbildung hatten für 80 Lehrer*innen. Alle anderen Semina...