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Corona Tagebuch (57)

"Tell me what it is you plan to do with your one wild and precious life?"

Mary Oliver

In wenigen Tagen fahre ich zum ersten Mal seit Februar mit dem Zug richtig weit weg. Langsam werde ich etwas nervös, ob das nicht ein zu großes Risiko ist, ob es nicht besser wäre, mir ein Auto für meine Rundreise zu mieten.
Ich lese und höre, dass die ICEs sehr voll sind, kein Abstand gehalten werden kann und es auch eine Menge Leute dort gibt, die keine Gesichtsmaske tragen.
Auf der anderen Seite gehe ich nicht davon aus, dass in Deutschland gerade wahnsinnig viele Infizierte herum laufen und ausgerechnet in meinem Zug sein werden. Ich war die ganze Coronazeit über nie wirklich isoliert. Ich habe mehr oder weniger durchgearbeitet und immer Leute getroffen, vor allem in meinem Büro. Das hat in den letzten Wochen auch zugenommen. Ich war sogar auf der riesigen Black Lives Matter Demo hier in Berlin vor vier Wochen. Ich fühle mich seit Februar, als ich auf Sizilien krank war, kerngesund.
Welche Faktoren kommen zusammen, damit es zu großen Infektionsherden kommt? Also ich gehe jetzt mal von den Nachrichten aus:  Schlachthaus, dort vor allem in der Zerlegung; wenn religiöse Gemeinden oder Chöre in relativ kleinen Räumen, ungelüftet, miteinander singen und beten, bei Parties, beim Après Ski. Solche Sachen. Viele Körpersäfte (Schweiß, Atem, Spucke etc.) im möglichen Austausch, auf engem geschlossenem Raum. Dann gehört wahrscheinlich auch eine persönliche Disposition dazu, wie immer, wenn man sich ansteckt. Diese Disposition kann man vermutlich in bestimmten Grenzen beeinflussen durch einen gesunden Lebenswandel und positive Einstellung. Aber das wird immer notwendig vage bleiben und nur im Ansatz in der eigenen Macht liegen. Aber ich denke, es macht schon sehr viel Sinn, auf sich zu achten. Dinge zu tun, die einem gut tun. Das stärkt mit Sicherheit das Immunsystem.
Dann wären da einfach die Dinge, die jeder tun kann: Masken tragen, Hände waschen, ab und an mal desinfizieren, und in die Armbeuge niesen anstatt in die Handfläche. An Orten, wo solche Regeln flächendeckend nicht eingehalten werden, sieht man gut, was geschieht. Das Virus gerät vollkommen außer Kontrolle.

Diese Woche war ich zum ersten Mal im Kino. Die Kinos hier haben am 2. Juli erst wieder aufgemacht und am 2. Juli saß ich sofort im Il Kino, einem kleinen Programmkino mit nur einem Saal in der Nansenstraße, Ecke Maybachufer. Ich wollte dort immer schon hin. Es waren fünf Leute in dem relativ kleinen Saal. Die meisten Plätze waren durch rote Bänder abgesperrt, so dass man dort nicht sitzen durfte. Es war eine feierliche und auch leicht unsichere Stimmung. Keiner wusste genau, wie er sich verhalten sollte. Der Mann am Tresen sagte: "Das ist unser erster Tag. Wir wissen noch nicht genau, wie die Abläufe funktionieren." Das Il Kino hat ein sehr schönes Programm. Es läuft dort unter anderem auch der Film For Sama, über Syrien, eine Dokumentation einer Mutter für ihr Kind, eine Dokumentation über den Krieg aus weiblicher Perspektive. Ich denke, wir sollten ihn alle sehen, um zu verstehen, was in Syrien geschehen ist und immer weiter geschieht. Was diese Menschen, von denen so viele heute hier bei uns sind, aber auch so viele in irgendwelchen unwürdigen Lagern vor sich hin vegetieren, erlebt und durchgemacht haben.

Meine Tochter und ich haben uns allerdings einen französischen Film angeschaut, La Verité mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche. Ein wirklich großartiger SchauspielerInnenfilm. Er hatte etwas magisches, etwas sehr emotionales, und war absolut französisch.
Da ich gerade auch, und das ist ein Zufall, ständig französische Bücher lese und eine Freundin sich während der Coronazeit ein Haus in Frankreich gekauft hat, habe ich das Gefühl, spätestens in 2021 steht mal eine Reise dorthin an. In diesem Land war ich früher, als ich noch in Köln lebte, viel öfter. Natürlich. Es lag ja so nah.


Ich lese gerade die neue Biografie über Simone de Beauvoir von Kate Kirkpatrick. Mir wird dabei noch einmal klar, dass diese Frau wirklich mein primäres Rolemodel war in meiner Jugend. Ich wollte werden wie sie. Frei und klug und nach einem langen Schreibmorgen wollte ich mich ins Café setzen und mit meinen unglaublich brillanten Freundinnen und Freunden über die Welt diskutieren. Ich wollte damals, das war mein größter Traum, eine Beziehung, so wie de Beauvoir sie mit Sartre hatte: tief und lebenslang, aber niemals unfrei, basierend auf Vertrauen und intellektueller Ebenbürtigkeit. Ich wollte Philosophin werden, so wie sie und habe ja dann auch konsequent Philosophie studiert. Meine Magisterarbeit habe ich aber dann über Sartre und Camus geschrieben. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, über sie zu schreiben. Das ist so sonderbar, wenn ich jetzt im Rückblick darüber nachdenke.
Allerdings muss ich gestehen, dass mir die literarischen Bücher von Simone de Beauvoir nie so viel gegeben haben. Ich fand sie immer zu trocken und kopflastig. Wenn ich sie beendet habe, hat es mich meist sehr viel Anstrengung gekostet. Es war ihre Person, es waren ihre Ideen, darüber was eine Frau ist, wer sie in absoluter Freiheit sein kann, auch was eine Beziehung sein kann, wenn man sich von den gesellschaftlichen Normen abwendet, diese Ideen haben mich wahnsinnig beeindruckt. Sie beeinflussen mich heute immer noch.

Wir waren am See. An einem See, an dem ich noch nie vorher war.
Bei der Fahrt hinaus durch das Umland Berlins wurde mir einmal mehr bewusst, wie privilegiert man in dieser Stadt ist, dass sie ein Paradies ist und eine Tür in unzählige weitere Paradiese besitzt. Diese Tür heißt S-Bahn, wahlweise auch Regionalbahn. Für 3,60€ kommt man von meiner Haustür aus ins Paradies. Das Umland, egal in welche Richtung man fährt, ist einfach ein Traum. Die Natur ist so leicht erreichbar und überall. Kiefernwälder, Seen... Der See, den wir entdeckten, heißt Liepnitzsee und er ist smaragdgrün. Sein Wasser ist so klar und weich, ich schwimme wirklich oft, und meine Töchter auch, aber wir konnten es alle drei nicht fassen. Wir schwammen vom Ufer weg und bestätigten uns circa zehnmal gegenseitig, dass wir noch nie zuvor in solch weichem Wasser geschwommen wären. Es fühlte sich an wie eine Liebkosung von Wassergeistern, smaragdgrünen Wassergeistern. Es war also ein magisches Erlebnis.

Ich habe diesbezüglich, also Schwimmen, Seen in Berlin und seinem Umland und was es bedeutet, wasser- und schwimmsüchtig zu sein, noch ein tolles Buch entdeckt, welches ich mir schon bestellt habe:
Turning von Jessica J. Lee. Die Autorin ist ein Jahr lang jede Woche in einem anderen See in Berlin oder Umgebung geschwommen und hat darüber geschrieben. Sie ist auch im Winter geschwommen!!!! Dafür musste sie manchmal das Eis auf dem See zunächst zerstoßen. Ich werde es lesen. Mal sehen, was passiert. Vielleicht seht Ihr mich im Winter auch irgendwo das Eis zerstoßen ⛄ 🌊Meine Tochter hat es schon getan. Es liegt also ein gewisser Wagemut in dieser Familie und ich weiß noch nicht genau, woher sie ihn nimmt.

Was möchte ich also tun mit diesem wilden Leben? Oft ins Kino gehen, aber nicht in diese Multiplexe, sondern in die kleinen Programmkinos. Kein Mensch kann mir erzählen, dass es sich für diese gerade lohnt, für fünf Leute einen Film abzuspielen. Man sollte also Zeit vorher mitbringen und reichlich verzehren und einfach, wie früher, viermal die Woche ins Kino gehen. Vergesst Netflix. Das Abo können wir jetzt wieder kündigen.
Ich möchte reisen und meine Freunde und meine Familie besuchen. Ich möchte die Freunde sehen, die wie ich Künstler sind und ich möchte mit ihnen gemeinsam Dinge kreieren.
Ich möchte schwimmen, in so vielen Seen wie möglich und ja, vielleicht dafür auch das Eis zerstoßen. Ich möchte morgens schreiben und nachmittags im Café sitzen, mit meinen kreativen und intellektuellen Freunden. Ich möchte durch die Natur stapfen und meinen Gedanken und Ideen folgen, ohne dass ich mich dem beuge, was andere denken, das ich tun sollte.
Eigentlich, wenn ich ehrlich bin, möchte ich gerade unglaublich gerne egoistisch sein und nicht bescheiden. 💚💙💚

(c) Susanne Becker




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