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Buch der Woche - Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz



"Die Furcht, die in jedem jüdischen Haus herrschte, die Furcht, über die man fast nie sprach, die uns nur indirekt, wie Gift, Tropfen für Tropfen eingeflößt wurde, das war die grauenhafte Furcht, wir wären vielleicht wirklich nicht sauber genug, wären vielleicht wirklich zu laut, würden uns zu sehr in den Vordergrund drängen, wären zu gewieft und zu geldgierig. Vielleicht wäre unser Verhalten tatsächlich unpassend. Es gab so eine Todesangst, die Angst, wir könnten, Gott behüte, einen schlechten Eindruck auf die Gojim machen, und dann würden sie wütend werden und uns deshalb wieder schreckliche Dinge antun, die man sich lieber gar nicht vorstellte.
Tausendmal hämmerte man jedem jüdischen Kind ein, sie auch dann nett und höflich zu behandeln, wenn sie grob oder betrunken waren.... man dürfe sie nicht reizen..."
So erzählt es in Amos Oz' Buch die Schwester der Mutter ihrem Neffen. So war es vor dem Holocaust.

Dies ist mein erstes Buch von Amos Oz und hätte es mir nicht vor ein paar Wochen eine Freundin bei einem Treffen unaufgefordert mitgebracht und vor mir auf den Tisch gelegt, hätte ich es vielleicht nie gelesen. Ich war gerade in der wunderbaren Ausstellung Welcome to Jerusalem im hiesigen Jüdischen Museum gewesen und hatte ihr ausführlich davon erzählt. „Dann musst Du dieses Buch lesen.“ (Die Ausstellung läuft übrigens noch bis Ende April 2019 und ist sehr empfehlenswert! Eine wahre Wissens- und Inspirationsquelle.)

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis ist die autobiografische, mit unglaublicher Phantasie erzählte Geschichte von Amos Oz und seiner Familie, sowie deren Freunden und Bekannten,  Überlebende der Pogrome und des Holocausts, die sich im Jerusalem der 30er und 40er Jahre einfinden.
Eine Geschichte von Liebe und FinsternisMinutiös verfolgt er die Geschichten zurück, derjenigen die überlebten, derjenigen, die nicht überlebten, wie der Bruder seines Vaters, der mit seiner Familie, auch dem kleinen Sohn Daniel, in Wilna von den Nazis ermordet wurde, weil er sich entschied, zu bleiben. Weil er sich nicht vorstellen konnte, als Professor für deutsche Literatur, dass die Brutalität über den gesunden Menschenverstand triumphieren könnte. (Beim Schreiben muss ich manchmal schlucken, weil solche Sätze gar nicht mehr klingen, wie aus einer fernen Zeit, so wie sie es für mich so lange taten) oder das polnische Dorf der Mutter, welches heute in der Ukraine liegt, das kurz nach ihrer Flucht beinahe vollkommen ausgelöscht wurde. 25000 Menschen wurden im Wald von den Nazis, unterstützt von Litauern und Ukrainern, erschossen. 

"Und dort, im Sossenki-Wald, zwischen Zweigen und Vögeln und Pilzen und Waldbeeren, erschossen die Deutschen am Rand von Gruben, innerhalb von zwei Tagen, an die fünfundzwanzigtausend Menschen. (So viele wie Arad Einwohner hat. Und mehr Juden, als in hundert Jahren Krieg mit den Arabern umgekommen sind.)"

Es ist die Geschichte seiner Mutter, die an einem Januartag 1952 Selbstmord beging, Amos war damals 12 Jahre alt. Der Versuch, diesen Selbstmord zu erklären.

Mittlerweile selbst ein alter Mann, kommen die Erinnerungen und er webt sie zu einem Bild, welches zum einen seine Familie zeigt, zum anderen die Geschichte Jerusalems und des israelischen Staates.
Wie dieser Staat aufgrund des Votums einer UNO-Vollversammlung in Lake Success am 29. November 1947 entstand, wie schon am nächsten Morgen ein Krieg ausbrach, in welchem fünf arabische Länder, unterstützt von England, dieses neue Land angriffen.
Wie es ist, in einem Land zu leben, dessen Existenz ständig bedroht wird, dessen Bewohner aber auch nirgendwo sonst ein wirklich gesichertes Existenzrecht haben. (Die aktuellen Diskussionen zum Antisemitismus in Berliner Schulen ließen mich erahnen, was es auch heute heißen könnte, Jüdin zu sein. Antisemitismus ist kein historisches Phänomen, sondern etwas, welches jüdisches Leben immer bestimmt hat und noch bestimmt. Ein Ressentiment, das unter dem dünnen Eis der Zivilisation lauert, und jederzeit wieder hervorbrechen kann.)

Amos Oz selbst ist 1939 als Amos Klausner in Jerusalem geboren. Er wuchs in einer rechtszionistischen Gelehrtenfamilie auf, in der viel diskutiert wurde, vor allem über Politik. Vor allem von den Männern. Die Familie des Vaters stammte ursprünglich aus Odessa, war vor Pogromen nach Wilna geflüchtet und 1933 nach Jerusalem eingewandert.
Zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter zog Amos Oz in den Kibbuz Hulda, wo er über dreißig Jahre seines Lebens verbrachte. Von 1960 bis 1963 ging er an die hebräische Universität Jerusalem und studierte Philosophie und Literatur, kehrte danach als Schriftsteller zurück in den Kibbuz. Heute lebt er in Arad, in der Negev Wüste und hat ein Apartment in Tel Aviv.
Während er die Geschichte von Liebe und Finsternis erzählt, die seine Familiengeschichte ist und auch die Geschichte Israels, die Geschichte der Juden, die Geschichte seiner Mutter, erzählt er dem Leser nebenbei von seinem Leben als Schriftsteller an diesem Ort in der Wüste. Ich mochte diese Stellen sehr. Denn sie verankern die in der Vergangenheit spielende Geschichte im Hier und Jetzt und darüber hinaus bin ich, auch wenn es profan sein mag, immer gespannt auf den Alltag von Schriftstellern, auf das Darstellen des Schreibprozesses.
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis ist eines dieser Bücher, wenn man einmal anfängt, es zu lesen, kann man nicht mehr damit aufhören. Ein wunderbares Buch, geschrieben von einem Meister. Ich empfehle es sehr.


Übrigens ist das Buch 2015 unter der Regie von Natalie Portman, die auch die Rolle der Mutter spielt, verfilmt worden. Hier ist der Trailer. Ich habe keine Ahnung, wie dieser Film ist. Aber möglicherweise schaue ich ihn mir einfach an.

Beim Stöbern fiel mir dann noch dieses Interview in die Hände, welches aus Anlass der Veröffentlichung von Oz' Buch Judas 2015 ausgestrahlt wurde und noch bis 2020 online sein wird.

(c) Susanne Becker

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