Direkt zum Hauptbereich

Buch der Woche - Deborah Feldman, Unorthodox

"Ständig werde ich daran erinnert, dass es Dinge gibt, die ich niemals erfahren werde. Ich kann diesen Gedanken nicht ertragen, ein ganzes Leben auf diesem Planeten zu verbringen, ohne das zu erleben, was ich zu erleben mir erträume, und zwar nur, weil es verboten ist. Ich glaube nicht, dass diese Version der Freiheit je reichen wird, solange sie nicht alles umfasst. Ich glaube nicht, dass ich glücklich sein kann, solange ich nicht wirklich unabhängig bin."

Bei den Satmar-Chassiden, einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde, deren Anhänger unter anderem in Williamsburg/New York leben, dürfen Mädchen nicht lesen oder sich bilden, sie werden mit 17 Jahren verheiratet und gelten mit zwanzig, wenn noch immer unverheiratet, schon als quasi alte Jungfer. Sobald sie verheiratet sind, wird ihnen der Kopf rasiert und fortan müssen sie Perücken tragen, Hüte oder Turbane. Niemand außer ihrem Ehemann darf ihre echten Haare sehen, die zwar nachwachsen, aber unter der Perücke versteckt werden.
Die Satmarer sind extreme Gegner jedes Zionismus und halten den Holocaust für eine Strafe Gottes dafür, dass die Juden sich allzusehr assimiliert hätten. Sie glauben, dass die strenge Einhaltung der uralten Regeln, und nur diese, sie vor einem erneuten Holocaust schützen kann.
In dieser Gemeinde ist Deborah Feldman aufgewachsen. Sie hat über ihr Leben dort und wie sie ausgebrochen ist aus der Starre dieser repressiven Gemeinde ein Buch geschrieben,Unorthodox. das auf der New York Times Bestsellerliste war und jetzt, erschienen im wunderbaren Secession Verlag, auch ein Bestseller in Deutschland geworden ist.
Es ist im Grunde eine Coming of Age Geschichte, in der wir erfahren, wie ein junges Mädchen, das unter extrem unfreien Bedingungen aufwächst, es dennoch wagt, sich zu befreien. Feldman erzählt diese Geschichte, die einem teilweise sehr unter die Haut geht, in einem nüchternen und oftmals fast lapidaren Ton. Ihre Kommentare zu den ungeheuren Vorgängen in ihrer Gemeinde und Familie reizten mich an manche Stellen fast zum Lachen. Denn so ungewöhnlich ihre Gemeinde ist, ist sie doch auch durchdrungen von all den menschlichen Eigenschaften wie Kleinmut, Tratschsucht oder Neid, die jeder kennt, und vor allem jeder kennt, der in seiner Jugend das Gefühl hatte, unter Aliens gelandet zu sein. Den Grad an Unfreiheit, den Feldman auf praktisch jeder Seite spürbar macht, kennen aber vermutlich nur jene, die selbst in einem repressiven System (ich möchte beinahe sagen, welcher Art auch immer) aufgewachsen sind oder leben. In einem System, in dem alles, vor allem aber die Frauen und ihre Körper kontrolliert und reglementiert werden. Feldman zeigt zum einen, wie das System bei den Satmarern funktioniert, sie machte für mich aber auch auf einer allgemeineren Ebene deutlich, wie ein solches System generell funktioniert, wie durch Beschämung, Kontrolle, Ausschluss, Verachtung, Isolation und Druck auf der einen Seite und soziale Integration und gemeinsame Rituale die Mitglieder gefügig gehalten werden.

Vor ein paar Wochen sah ich den absolut großartigen Film No Land's Song, in dem es um das seit 1979 existierende öffentliche Singverbot für Frauen im Iran geht. Der Mullah erklärte der Komponistin Sara Najafi, die ein Konzert mit Frauen auf einer Bühne in Teheran organisieren möchte, dass die weibliche Stimme den Mann zu Gefühlen, also zu sehr starken Regungen reize, die der Mann nicht kontrollieren könne, weshalb es für Frauen verboten sei, mit ihrer Stimme den Mann derart in Versuchung zu bringen.
Genauso ist es den chassidischen Frauen verboten, im Verlaufe ihrer unreinen Zeit (die Zeit der Menstruation und eine Woche danach) laut zu singen, aus genau dem gleichen Grund, um im Mann keine Gefühle auszulösen, die er dann nicht kontrollieren kann. Dem Mann ist es nämlich in der unreinen Zeit nicht gestattet, seine Frau zu berühren. Es wird also davon ausgegangen, dass jeder Übergriff eines Mannes auf eine Frau letztlich durch die Frau und ihr Zurschaustellen ihrer Reize, inklusive ihrer Stimme, ausgelöst wird.
Diese Parallele fand ich faszinierend. Sie zeigte mir, wie absolut vergleichbar extreme Systeme auch unterschiedlicher Couleur doch funktionieren, und dass sie in der Regel patriarchalisch sind und es für ihren Bestand notwendig ist, die Frau hundertprozentig zu kontrollieren. In ihrem Epilog zur deutschsprachigen Ausgabe schreibt die Autorin: "Frauenrechte und die Rechte von Kindern liegen mir sehr am Herzen und es ist mir vollkommen klar, wie diese Rechte in der Gemeinschaft, in der ich aufwuchs, verletzt werden können, was in gleicher Weise auch für ähnliche Gemeinschaften überall auf der Welt gilt. Es ist meine Überzeugung, dass die Aufgabe, in diesen radikalen Gruppen Veränderungsprozesse auszulösen, von besonderem Interesse für die jeweils größeren gesellschaftlichen Gruppen ist, die erstere unterstützen."
Es gibt so viele Gruppen, mitten unter uns, so wie Williamsburg mitten in New York ist, in denen Frauen und / oder Kindern Unrecht widerfährt und oft schaut man weg, weil man denkt, es geht einen nichts an, was andere tun, das sind eben deren Sitten und die sind anders. Das Buch hat mir noch einmal deutlich gezeigt, wie bequem diese Haltung ist und wie falsch auch.

Seite um Seite füllt Deborah Feldman mit den Beschreibungen ihres Lebens, von der Kindheit bei den Großeltern bis zu ihrer Eheschließung mit 17 Jahren, ihrer Schwangerschaft, der Geburt ihres Sohnes und den vielen Angstattacken, die sie von einem Arzt oder Therapeuten zum nächsten gehen lässt, um eine Lösung zu finden. Bis ihr irgendwann klar wird, dass dieses Leben an sich falsch ist und ihre Symptome auslöst. In ihrem Epilog schreibt sei: "Die Menschen wollen wissen, ob wir Glück gefunden haben; doch was wir gefunden haben, ist besser: Authentizität. Ich bin frei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an." Das ganze Buch ist eigentlich ein Beweis dieser im Grunde simplen Tatsache und dennoch werden vermutlich viele Leser, nicht nur solche, die unter extremen Bedingungen aufgewachsen sind oder leben, eine Beziehung herstellen können zu der Tatsache, wie unwohl man sich fühlt, wenn man nicht man selbst sein darf in seiner Umgebung. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum das Buch sowohl in den USA als auch hier so erfolgreich ist. Jeder Mensch hat ganz tief in sich die Sehnsucht, authentisch zu leben. Kreativität ist Ausdruck dieser Authentizität. Vor ein paar Tagen hatte ich ein kurzes Gespräch mit einer Freundin, die seit Jahren kreativ arbeitet und plötzlich große Zweifel an der Berechtigung dieser Tätigkeit äußerte angesichts all der Probleme, die es in unserer Zeit gibt. Ich sagte zu ihr, dass ich angesichts der Repressionen gerade gegen Kreative in so vielen Gesellschaften finde, dass Kreativität ein hohes Gut ist, eines unserer höchsten. Dass Diktatoren und Faschisten und Extremisten auf allen Seiten immer gerade die Kreativen oder die Kreativität zum Schweigen bringen wollen, weil sie ihnen Angst macht und authentisch lebende Menschen nicht manipuliert werden können, das ist meiner Ansicht nach Rechtfertigung für jede kreative Tat, die ein Mensch vollbringt. Während des Gesprächs musste ich immer wieder an Unorthodox denken, das ich gerade las und mir wurde klar, wie sehr dieses Buch ein Plädoyer für die Freiheit und auch für deren kreativen Ausdruck ist.
Feldmans Erzählweise ist kühl und nüchtern, und doch kommt man schon nach kurzer Zeit nicht mehr von dem Buch los. Man fiebert mit der Autorin, wenn sie Bücher aus der Bibliothek nachhause schmuggelt (Jane Eyre, Jane Austen, Anne auf Green Gables oder die Romanleserin von Pearl Abraham), in denen sie Rollenmodelle findet für ein weibliches Leben jenseits der strikten Grenzen, die ihr von ihrer Gemeinde auferlegt sind. So ist dieses Buch, und das ist für mich als begeisterte Leserin besonders schön, auch ein Protokoll dessen, was Deborah Feldman liest, auf ihrem Weg in die Freiheit.
Man drückt ihr die Daumen, dass sie nicht erwischt wird, wenn sie sich mit einer Freundin heimlich zum Plaudern trifft, man bangt mit ihr, wenn sie aus mehr oder weniger heiterem Himmel mit einem Wildfremden verlobt wird, dessen Mutter mit ihren schmalen Lippen und dessen Schwester mit ihrer Eifersucht einen auf der Stelle wissen lassen, dass diese Ehe keine Chance hat. Immerhin ist ihr Ehemann Eli keine starke Persönlichkeit, so dass er keinen großen Widerstand leistet, als sie aus Williamsburg fort und in einen etwas liberaleren chassidischen Ort ziehen möchte. Er merkt gar nicht, dass sie sich an seiner Seite immer weiter auf einen Weg heraus aus dem orthodoxen Leben vorbereitet. Schlussendlich schafft sie es sogar, Literatur an einem College zu studieren, indem sie ihm weismacht, sie studiere Wirtschaft, um besser zum Lebensunterhalt der kleinen Familie beitragen zu können.

Ja, beinahe kühl ist der Erzählstil, dabei ist die Geschichte so spannend, geht es im Grunde fast um Leben oder Tod, dass ich irgendwann nicht mehr aufhören konnte zu lesen über die verschiedenen Haarstile der chassidischen Frauen, über die absolute Unfreiheit, die zwar tiefe aber doch irgendwie missverstandene Spiritualität des Großvaters Zeidi, und die geradezu grausame soziale Kontrolle.
"Schon vor mir gab es Rebellen. Als ich aufwuchs, gab es hier und da welche, die offen die Regeln brachen; und alle Welt sprach über sie....Zeidi hatte mir immer wieder einmal gesagt, dass Gelassenheit das Wichtigste sei, was man im Leben erreichen kann, dass sie der Schlüssel zum Glück sei. Ich glaube nicht, dass er jemals dachte, es erreicht zu haben, aber vielleicht war er dem nahe."

Deborah Feldmans Erzählweise ist überhaupt nicht effekthascherisch, sondern klar und schnörkellos. Während der Lektüre frage ich mich immer wieder, wieviele Mädchen wie sie einst unter Perücken oder Schleiern leben und sich hinaus sehnen in ein authentisches Leben, das sie selbst bestimmen können. Unter diesen Schleiern, Perücken, Burkas oder was auch immer schlummert ein ungeheures Potenzial, das der Welt schlichtweg verloren geht. Umso wunderbarer, wenn es mutige Rebellinnen gibt wie Deborah Feldman, die es schaffen, sich zu befreien und dann ist sie auch noch in der Lage, darüber so zu berichten, dass die Welt davon lernen kann.
Eine ganz große Leseempfehlung! Ein tolles Buch, von dem ich sehr stark profitiert habe, intellektuell, kreativ aber auch einfach in simplem Lesegenuss.
Danke dafür und Dank auch an den Secession Verlag für das Rezensionsexemplar.

© Susanne Becker 

Kommentare

  1. Deborah Feldman war Mitglied in einer "extremen ultra-orthodoxen Gemeinschaft", nicht nur orthodox. Übrigens tragen sehr viele orthodoxe jüdische Frauen Kopftücher, um ihre Haare zu bedecken. (Haare abzurasieren, ist lediglich in einigen chassidischen Gruppen üblich.)

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Texte

My list of favourites 2018

Hier ein paar kurze Highlights meines Jahres 2018, ohne große Worte. Es war ein eher ruhiges Jahr, gespickt mit wunderbaren Ausnahmeerscheinungen. Die Leipziger Buchmesse, im Schnee versunken, ein Konzert von Pearl Jam in der Waldbühne bei strahlendem Sommerwetter, eine Geburtstagsparty in München, bei stundenlangem Platzregen, draußen, eine spontane Fahrt nach Prag, die Marina Abramovic Werkschau in Bonn, eine Reise nach Rom, eine Floßfahrt auf der Mecklenburgischen Seenplatte, die beste Demo meines Lebens... Viele viele random acts of kindness, von Freunden und Fremden.

Filme:




Werk ohne Autor, den ich dank Bloggerfreundin Marina von literaturleuchtet mit einer Freikarte geniessen durfte. Danke 💜Female PleasureLuckyBücher: Ich habe für meinen eigenen Geschmack in diesem Jahr ein paar echte Meisterwerke in den Händen und vor den Augen gehalten, und dann noch viele Bücher, die wunderbar waren, mich überrascht und beglückt haben. Hier nur eine Auswahl. Ansonsten könnt Ihr in meinem Blog …

Philipp Weiss, Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen

Ein Roman ist dies, der alle Regeln sprengt, leichtfüßig, selbstverständlich und nicht einmal dachte ich: so geht das nicht, sondern ununterbrochen, bei der Lektüre der gesamten über 1000 Seiten, aufgeteilt auf insgesamt fünf verschiedene Bände, dachte ich immer nur: ja, genau so geht es. Nur so geht es ab jetzt, dass einer einen Roman schreibt. Alles ist erlaubt und das muss auch so sein.


Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen war vielleicht die befriedigendste Lektüre im gesamten Jahr 2018 für mich und sie fand mich erst zum Ende hin. Da kam meine Freundin aus dem Burgenland und brachte mir dieses wunderbare Buch mit. Ein Schuber, fünf Bände, jedes eine andere Farbe, jedes ein anderer Erzähler. Ich schreckte zunächst zurück und dachte mir, höflicherweise würde ich es nicht ablehnen, aber lesen würde ich es erst so um 2024 herum, oder sogar später. Dann blätterte ich noch am gleichen Abend den ersten Band im Schuber auf, der schwarz ist und las die ersten Seiten und danach konnt…

Lucy Fricke, Töchter

Natürlich habe ich ein Faible für lange, sehr lange, komplizierte, sehr komplizierte Bücher.
Gerade noch schwelgte ich am Weltenrand des Österreichers Philipp Weiss herum, da flog mir zu Weihnachten Töchter ins Haus. Geschrieben ist es von Lucy Fricke, die, wenn ich mich nicht sehr täusche, bei mir um die Ecke wohnt. Jedenfalls beschreibt sie meinen Kiez mit präziser Kenntnis der Sachlage und berichtet sogar von Bizim Kiez, unserem Kampf für den Türkischen Gemüseladen und ja, ich kann mich erinnern, sie dort ein paar Mal gesehen zu haben. Es muss in einem Roadmovie nicht ständig etwas passieren, aber es macht Spaß, wenn es doch so ist. Dies ist ein normales Buch, nicht zu lang, nicht zu kompliziert. Eine spannend und schnell erzählte Geschichte, ein Pageturner der besten Sorte: voller Tiefe und voller Witz.


Es geht um zwei Frauen, die ihren Vätern, bzw. Ersatzvätern, nachspüren und sich gleichzeitig von ihnen verabschieden müssen. Es geht nebenbei natürlich auch um die Mütter und Selbs…

Assaf Gavron - Achtzehn Hiebe

"Ich spürte, dass sie mich ansah, ein intensiver Blick trotz der doppelten Filterung durch Sonnenbrille und Spiegel, und dann zuckten ihre zinnoberrot geschminkten Lippen, die etwas zu voll und zu jung für ihr Alter schienen, und mit einem halben Lächeln sagte sie: "Zum Trumpeldorfriedhof." Ich schaltete in Drive."



Der Taxifahrer Eitan Einoch fährt die fünfundachtzigjährige Lotta Perl an einem ganz normalen Tag zu einer Beerdigung, aber von diesem Moment an verändert sich vieles in seinem Leben. Es wird aufregend, spannend und unversehens findet er sich in der Rolle eines Detektivs wider.
Dieser Roman, der im heutigen Tel Aviv spielt, bezieht einen großen Teil seiner Spannung aus der Vergangenheit, aus der Mandatszeit, als Israel noch nicht Israel war, als Palästina noch von den Engländern besetzt/verwaltet wurde und Lotta Perl und der Engländer, zu dessen Beerdigung sie unterwegs ist, junge Leute und ein Liebespaar waren. Der Roman erzählt von einer Zeit, von eine…

Anke Stelling, Schäfchen im Trockenen

"Wir sind Opfer. Und unseres Glückes Schmied! Wir machen uns gut in egal welcher Kulisse, sind die Protagonisten unseres Lebens."


Anke Stellings neues Buch Schäfchen im Trockenen habe ich verschlungen. Es ist großartig geschrieben und mit seiner Handlung so nah am Leben dran, wie man es selten findet, an dem Hier und Jetzt von mir und vielen meiner Freunde, die mit Kindern und der existentiellen Unsicherheit mitten in Berlin, mitten in einer großen Stadt in Europa leben, wo Neoliberalismus und Kapitalismus die Werte vorgeben und man, plant man schlecht, auch sehr leicht unter die Räder kommen kann. Vielleicht vor allen Dingen dann, wenn man sich dem Leben mit Chuzpe und offenen Armen, voller Vertrauen, ein wenig ausliefert. Hier springe ich vom Zehnmeterbrett, mach' mit mir, was Du willst, Du verrücktes Leben!
Resi ist Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und hat ein Buch über ihre Freunde geschrieben, die im Rahmen einer Baugruppe ein tolles eigenes Hau…

Karl Ove Knausgård - Im Frühling

„Ich hatte begonnen, eine Art Tagebuch für dich zu schreiben, oder einen langen Brief darüber, wer wir waren und was hier passierte, während wir auf dich warteten….Als eine Art, Platz für dich zu schaffen.“
Dieser Gedanke ist so wunderschön, dass er mich jedesmal lächeln lässt: für ein noch im Mutterleib heran wachsendes Kind eine Art Tagebuch schreiben, um für es in dem bereits existierenden Leben einen Platz zu schaffen. Unwillkürlich wünschte ich mir, ich wäre auf diese Idee gekommen, während ich mit meinen Töchtern schwanger war. Mit dieser Aussage hat Karl Ove Knausgård einmal mehr umschrieben, für wie wichtig und mächtig er die Sprache hält. Sie ist für ihn das Medium, welches uns alle im Leben verankern kann, egal, was uns zustoßen mag, egal, wie heftig das Leben sich uns um die Ohren schlägt.  Im Frühling hat mich auf eine  unvorhersehbare Art kalt erwischt. Denn ich hatte ja bereits Im Herbst und Im Winter gelesen, welche ich beide mehr oder weniger ähnlich fand, gerne gelesen…