Direkt zum Hauptbereich

Arbeiten im Café

Heute hatten wir ein Gespräch am Frühstückstisch, der Mann, Miss Lilly und ich, über Arbeiten in Cafés, über Gastronomie generell und wie wenig ich mich für einen Job als Kellnerin im einzelnen eigne. Man kann dort ungestraft von absoluter Unterbegabung sprechen und dem Mangel jeglichen Ehrgeizes, daran etwas zu ändern. Das durfte ich hautnah feststellen, als ich einmal in einem Café gearbeitet habe. "Du hast mal in einem Café gearbeitet?!?! Warum weiß ich davon nichts!?!?!" exklamierte Miss Lilly voller Entrüstung und ich sagte, dass es lange vor ihrer Zeit gewesen sei und der eine, intensivste Stammkunde wohne mittlerweile lustigerweise hier, in unserem Kiez. (Der Mann darauf: "Ja, manche Menschen begleiten einen ein Leben lang." Ich : "Du meinst wohl verfolgen!" Miss Lilly: "Hat er rote Haare?" Ich: "Nein." Miss Lilly: "Dann weiß ich nicht, wer es ist.") Manchmal begegne ich ihm bei Rewe oder vorm KöfteBurger und er wirkt jedesmal, als habe er schreckliche Angst, von mir geschlagen zu werden. Das sollte in etwa deutlich machen, wie unfreundlich und nichtserviceorientiert ich als Kellnerin gewesen bin. Das hatte hauptsächlich damit zu tun, dass mich jeder, der rein kam, beim Lesen störte. Jeder, der rein kam, wollte ja auch was von mir, zum Beispiel bedient werden. Wenn ich Pech hatte, bestellten die Leute auch noch was Kompliziertes und nicht einfach einen Kaffee.... you get the picture.
Nachdem wir also meine Unterbegabung hinreichend durchgesprochen hatten, kamen wir auf den Laden zu sprechen, der quasi neben meinem Büro in Mitte ist und den besten Kaffee der Welt hat und dort gehe ich manchmal, wenn ich mich richtig gerne mag, hin und hole mir einen, anstatt den billigen aus unserer Kaffeemaschine aufm Flur zu trinken. Der Laden heißt LekkaMokka. Der Besitzer spricht ein wenig Italienisch und Deutsch mit Akzent, vom Aussehen dachte ich aber eigentlich immer, er sei Türke, oder Libanese. Aber das bin nur ich: gewohnt an Pizzerien, in denen die libanesischen Besitzer einen mit Grazie und Alora begrüßen und hinterm Tresen miteinander arabisch palavern. Jedenfalls war es mir grundsätzlich egal, was er war. Ich fand ihn immer sehr klasse, weil er total nicht freundlich ist, bullig, kühl, fast abweisend und jedesmal frage ich mich in dem Laden sowieso, wie man davon leben kann, Kaffee und ein paar Cookies zu verkaufen. Aber gut. Ich glaube, ich mag seine Unfreundlichkeit vor allem deshalb, weil sie das perfekte Kontrastprogramm zu dem irgendwie auch glatt geleckten Mitte ist, in dem jeder, der hässlich ist, irgendwie stört und man beim gefühlten vierzigminütigen Warten auf seinen Latte solche Gespräche mit hören kann: "Er hat jetzt endlich Urlaub. Ist gestern geflogen. Er hat geschworen, denn er war echt durch, dass er nicht online geht."
"Wo ist er denn?"
"Auf den Seychellen!"
"Großer Gott, der Arme!"
"Ja, furchtbar. Ein Alptraum." Gekünsteltes Lachen macht auch mir klar, dass das Ganze ironisch gemeint ist. Aber nur so halb. In Wirklichkeit ist es auch klar, dass bestimmte Leute, die meine Töchter sein könnten, und ihre Kollegen, ständig auf den Seychellen und so rumhängen und das total normal finden. "Jedenfalls arbeitet er natürlich doch." Beide kichern. Sie kennen ihren Pappenheimer auf den Seychellen. "Ich hab ihm Mails weiter geleitet, mit Fragen, und er reagiert jedesmal innerhalb von acht bis zwölf Minuten."
"Arbeiten am Strand. Auf den Seychellen. Soooo grausam!"
"Ja, ein totaler Alptraum."
Ich überlege, ob ich auf meinen Kaffee verzichte, weil ich nicht genau weiß, wie lange ich es noch schaffe, mich nicht in irgendeiner abwertenden Form in dieses Gespräch, das mich nichts angeht, einzumischen.
Ich möchte auf gar keinen Fall auf die Seychellen. Ich möchte vielmehr einen Roadtrip machen, durch die Balkanstaaten, so ein bisschen auf den Spuren von Darius Kopp aus Das Ungeheuer von Terézia Mora (und wenn sie das Buch noch nicht kennen, sollten sie es JETZT lesen). Am liebsten möchte ich nach Bulgarien. Wir haben jetzt am Seminar neue Studenten. Einer von ihnen kommt aus Bulgarien. Aus Sofia. Ich möchte aber auch nach Bratislava, Rijeka, Hvar, Mostar, Sarajevo, Bukarest, Thessaloniki, Sosopol, Belgrad, Tirana, Budapest, also, ich wäre schon gerne zwei bis drei Monate unterwegs. Wenn diese komische Dieselverordnung durchkommt, die es mir verbieten wird, mit meinem Auto in Berlin zu fahren, mache ich mich auf den Weg.
Ich bestelle zwei Lattes, einen für mich, einen für meine Kollegin und frage nach so einem Pappdings zum tragen. Meine Lattes sind fertig, ich stelle sie in das Pappdings, versuche, die Deckel aufzusetzen. Die Seychellentussis warten noch immer auf ihre ChaiHafermilch oder so Specials. Ich drücke meine Becher irgendwie zu stark und jedenfalls ist innerhalb einer Zehntelsekunde, ich weiß nicht genau, wie und warum, die Hälfte meines Milchschaums an der Glastheke gelandet und läuft in Zeitlupe hinunter Richtung Boden, unter den Augen der perfekt gestylten, blonden, langhaarigen, langbeinigen Chai-Hafermilch-Seychellen-Tussis fließt meine gesamte coole Kreuzberg Fassade an der Glastheke runter und ich denke: "Gott, ist das peinlich. Gott, lass mich wieder in Kreuzberg sein, oder noch besser, in Neukölln, oder am allerbesten, beam me up in ein Auto irgendwo in Sofia."
Dann sage ich laut: "Entschuldigung, ich habe gekleckert." Was mich total 1. als Nicht-Mitte-mäßige Person outet, 2. eine atemberaubende Untertreibung ist. Denn in Wahrheit kann man kaum noch die Auslage (also die 2 Sorten Cookies sehen) weil da wirklich eine Menge Milchschaum die Theke runter läuft.
Der Türke/Italiener/Libanese/Whatever: "Macht nix." Er wirkt dabei aber, wenn das geht, noch unfreundlicher als vorher. Was ich verstehe. Also sage ich: "Gib mir einen Lappen, ich machs schnell weg." Was niemand sagen würde, außer meiner Tante Gerdi oder meiner Mutter (die längst tot ist) und natürlich ich, und meine Mitte-Unfähigkeit zementiert und jedem verdeutlicht, warum ich nie Karriere gemacht habe, und meine Mutter und meine Tante Gerdi auch nicht.
Der Türke/Italiener/Libanese/Whatever: "Is egal." Er lächelt nicht. Er ignoriert mich. Er lässt meinen Milchschaum an seiner Theke runter laufen
Ich: "O.k." Ich gehe raus. Ich bin froh, dass ich 50 bin und nicht, zum Beispiel 28 oder 32. Dann wäre diese Episode mein Untergang gewesen. Ich wäre vor Scham kollabiert. So ist es mir schon draußen fast wieder so gut wie egal, der Segen der eventuell gerade einsetzenden Altersglückseligkeit?
Im Büro kriege ich dann einen solchen Lachkrampf, dass ich mir fast in die Hose mache, meine Kollegin ebenfalls. Ich erkläre ihr, dass es mir jetzt alles doch wieder irgendwie peinlich ist  und sie jetzt eventuell die nächsten 2-4 Monate Kaffee für uns holen muss, "bis Gras über die Sache gewachsen ist", weil ich mich dort im Grunde nicht wieder blicken lassen kann. Sie sagt, das macht sie, kein Problem für sie.
Ein paar Tage später sehe ich zufällig im Internet eine Liste mit den besten Coffeeshops der Stadt (ist auf  so einem Lifestyleblog, also subjektiv und nur halbwahr). LekkaMokka ist dabei, mit dem ausdrücklichen Zusatz, dass es auch der unfreundlichste Kaffeeladen der Stadt sei.
Finde ich nicht. Ehrlich. Damals, als ich im Café gearbeitet habe, gabs ja noch kein Internet, so lange ist das schon her!! aber wenn es eine Liste der 10 unfreundlichsten Kellnerinnen der Stadt gegeben hätte, wäre ich die Anführerin gewesen. Ich schwöre!

(c) Susanne Becker



Kommentare

  1. Hach ja, was man nicht alles für Nebenjobs macht, wenn man darauf angewiesen ist. Erinnert mich an mein Jahr im Callcenter für statistische Umfragen. Ich hasse telefonieren. Ich hasse es. Muss ich noch mehr dazu sagen? :D

    Liebe Grüße, Anja

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Texte

Buch der Woche - Jasper und sein Knecht von Gerbrand Bakker

„Gestern habe ich das erste Stück Terrasse gepflastert, und das ist nicht einfach, weil die Steine unterschiedlich groß sind. Heute wieder ein Stückchen, und morgen und übermorgen. Nicht zu eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, immer soll etwas liegen bleiben. In gewisser Hinsicht wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen.“
Ein niederländischer Schriftsteller, der sich selbst als jemand beschreibt, der mit einer sehr langen Bedienungsanleitung geliefert wird. Ein empfindlicher, verletzlicher Mann, der gerne allein ist und noch nie eine feste Beziehung hatte. Ein Mensch, der sich, so kann man es bei ihm immer wieder lesen, ausgiebig an den anderen Menschen reibt, aufreibt. Aber daraus entstehen vielleicht seine wunderbaren Bücher?
Er kauft 2012 ein Haus in der Eifel, zwischen Bitburg und Prüm. Er findet einen Hund, Jasper, der ursprünglich…

Buch der Woche - Im Winter von Karl Ove Knausgård

„2. Dezember. Den ganzen Sommer und ganzen Herbst hast du in ihrem Bauch gelegen. Umgeben von Wasser und Dunkelheit bist du durch die verschiedenen Entwicklungsphasen des Fötus gewachsen, die von außen der Evolution unserer menschlichen Art gleichen, ….“
Diese erste Satz des Buches „Im Winter“ von Karl Ove Knausgård enthält schon so viel von all dem, was im Grunde alle seine Bücher ausmachen. In fast lockerem Plauderton, ich nenne es privat für mich auch oft „Gelaber“, aber in einem freundlichen Sinn, erzählt er der Leserin privates und verknüpft es auf der Stelle mit einer Öffnung hin zu philosophischen Erkenntnissen, die uns noch auf der ersten Seite zum Thema "Regenjacken" führen werden "eine Art Haut, die wir anziehen".  Beides durchdringt sich bei ihm beständig: das private und das Allgemeingültige, die Verbindung zu einem Lebensganzen, die er zu finden versucht. Diese Suche hat oft einen leicht verzweifelten Unterton, als wolle er durch möglichst viele Worte…

Buch der Woche - Fegefeuer von Sofi Oksanen

"Aliide zog die Gardinen zurecht. Der regnerische Hof schniefte grau, die Zweige der Hofbirken zitterten nass, die Blätter platt vom Regen, die Gräser schwankten, und von den Spitzen fielen Tropfen herab. Und da unter ihnen war etwas. Irgendein Bündel. Aliide zog sich hinter die Gardine zurück. Wieder spähte sie hinaus, zog die Spitzengardine vor sich, um vom Hof aus nicht gesehen zu werden, und hielt den Atem an."
Jetzt hat es mich doch ergriffen, dieses Buch der Finnin Sofi Oksanen, Fegefeuer.
Das Fegefeuer ist der Ort der Läuterung für jene Seelen, die noch nicht heilig sind, also nicht gleich in den Himmel dürfen. Tröstlich am Fegefeuer ist, dass die, die hinein kommen, nach ihrer Läuterung sicher in den Himmel aufsteigen werden. Also eine sehr schmerzhafte, verwandelnde Katharsis. Aber sind Verwandlungen nicht immer schmerzhaft? 
Ich habe es schon so lange im Regal liegen, dass ich es nur aus einer Art Pflichtgefühl heraus in die Hand nahm. So viel gutes hatte ich vor …