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Die kleinteilige Welt ist die Rettung*

Im Schreiben wie im Leben ging es ja eigentlich immer wieder darum, sich nicht davon wehen zu lassen, nicht ablenken, nicht die Konzentration verlieren. Das Zentrum, das wesentliche, in Ruhe anvisieren und dann tun. Es ging darum, da zu bleiben. Das meiste war Flucht. Wie oft maskierte sich die pure, instinktgesteuerte Bedürftigkeit als freier Wille. Es ging ihr darum, überhaupt heraus zu finden, was ein freier Wille, ihr freier Wille, wollen könnte. Das ging nur, indem man sich konzentrierte. Sie ließ sich noch viel zu sehr ablenken. (aus dem Romanmanuskript)


Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich seit kurzem ein Smartphone besitze?

Die Wahrheit ist, meine Gefühle diesem flachen, handlichen Apparat gegenüber sind gespalten. Es gibt Momente, da liebe ich es, weil es tolle Fotos macht, ich damit leichter Orte finde (wichtig, wenn ein Kind im Fussballverein ist und regelmäßig Samstagmorgen um 8 Uhr auf abgelegenen Sportplätzen sein muss), ich jetzt ein Instagram Account haben kann und für viele andere scheinbare Erleichterungen, ohne die mein Leben vorher auch lebenswert war. Ich nutze es häufig. Ich vergesse es nie, so wie mein altes Handy. Das Smartphone ist in meinem Universum zum global player mutiert, wo das alte Handy eher den Part einer Freelancerin inne hatte. Weshalb ich das Smartphone eben auch hasse. Es hat mich kolonialisiert. Ein wenig fühlte ich mich in den vergangenen Jahren als letzte Bastion von so etwas wie Vernunft. Mein vergleichsweise winziges Tastenhandy, mir gefiel, wie ich mich damit vom Rest der Menschheit als Anti-Technik-Nerd abhob. „Ach, du hast noch einen Knochen?“ wurde ich manchmal gefragt, und ich nickte darauf, nicht ohne Stolz.

Auf der anderen Seite gefällt es mir auch, in der U-Bahn lässig das größere, flache, elegante Phone aus der Tasche zu klauben, öffentlich zu machen, wie modern ich in meinem Alter bin, mal kurz zu schauen, ob jemand auf meine Instagram-Bilder reagiert hat. Nein, das stimmt eigentlich nicht. Ich habe nämlich immer Angst, dass es mir runterfällt und kaputt geht. Deshalb hole ich es selten raus. Höchstens, um Fotos zu machen.

Auch lese ich lieber in der U-Bahn, richtige Bücher (!). Eine Restarroganz ist mir geblieben, mit der ich mich weiterhin glasklar abheben will von dem Gros der Passagiere, das schon morgens um halb 8 frenetisch über seine Screens wischt.

Am Montag saß ich in der S-Bahn. Ich holte mein Buch raus, Old Filth von Jane Gardam (auf Deutsch ist es bei Hanser erschienen und heißt Ein untadeliger Mann), und versuchte zu lesen. Es war nicht einfach, sich zu konzentrieren. Um mich herum hörte ich ununterbrochen Klingeltöne von mindestens zwanzig verschiedenen Handys. Es war wie in einer Karikatur darüber, wie die Zukunft einmal sein wird, nur in echt. Fast jeder ausser mir starrte auf einen Bildschirm, tippte darauf herum oder wischte ihn. Dann begann eine Frau, lauthals jemandem am anderen Ende zu erzählen, wo sie und wie sie in Berlin eine Wohnung finden würde, gab Webseiten durch, mehrfach, lauter werdend, weil die Person am anderen Ende schwerhörig war?, nein, ich nehme eher an, weil es in der Bahn so laut war, dass sie ihr eigenes Wort nicht verstand. Unbeirrt beriet sie weiter, übertönte uns alle, teilte ihre sehr persönlichen Erfahrungen mit (mir waren sie eigentlich zu persönlich, ich sah die Frau von der Seite an und stellte fest, dass ich solche persönlichen Dinge von ihr grundsätzlich betrachtet nicht wissen wollte). Sie sprach so laut, dass der gesamte Wagen innehielt und sie immer wieder anschaute. Sie merkte es nicht. Sie war vollkommen eins mit diesem Gerät und losgelöst von der Situation. Ich fühlte mich Old Filth unglaublich verbunden in dem Moment. Das Buch ist übrigens, nur am Rande, toll!

Vor ein paar Wochen hatte ich eine plötzliche Erkenntnis morgens auf dem Meditationskissen. Entsetzt stellte ich fest, dass mein Denken, seitdem ich mehr im Internet bin, immer deutlicher die Funktionsweise von dort übernommen hat. Es springt noch schneller hin und her, als es das früher schon tat und ich es „mein kleiner, junger Hund“ getauft hatte. Vergleiche ich diesen Zustand mit heute, würde ich sagen, damals war es ruhig.
Heute habe ich eine geringere Konzentrationsspanne, ich klicke innerlich sehr schnell weiter und versuche, so rasch wie möglich so viele Inhalte wie möglich zu scannen, aber auch zu analysieren. Oberflächlich ist man schließlich nicht! 
Zum anderen wurde mir bewusst, wie stark die Eindrücke sind, die ich im Netz aufnehme. Sie nehmen fast genauso viel Raum in meinen Gedanken ein, wie mein wahres Leben. Manchmal mehr. Das fand ich dann schon erschreckend. 

Ich meditiere fast täglich. Ich sitze auf einem Kissen und starre meine Wand an. Das ist wunderbar still. Eigentlich ist Stille das schönste, was es für mich gibt. In der Meditation realisierte ich dann, wie laut das Online-sein in diese Stille hinein dröhnt. Sobald ich es ihm gestatte, übernimmt es im Grunde weite Teile meines inneren Raumes. Irgendwo las ich, ich glaube, es war in dem Buch Stille von Erling Kagge, dass Menschen Angst vor dem Stillsein haben, ihm ausweichen mit Aktivitäten aller Art, weil sie im Stillsein mit der eigenen Leere in sich konfrontiert werden. Ich wusste, was er damit meinte. Ich kannte das Gefühl, vor diesem Abgrund in mir flüchten zu wollen sehr gut. Denn sobald es in einem still wird, kriechen ja auch die Dämonen an die Oberfläche. Das kann sogar körperlich unangenehm werden. Es ist also verständlich, wenn man davor flüchten möchte.
In letzter Zeit geht es mir häufig so, dass ich mich nach dieser Leere sehne und wahrnehme, wie sehr meine Lebensgewohnheiten mich von ihr fern halten. Ich sehne mich sogar nach den Dämomen, alte Bekannte, die mir immer noch auf die Nerven gehen, die ich aber gerne noch abarbeiten würde in diesem Leben. Das unbewusste, automatisierte im Netz Herumsurfen, das sich eigentlich immer einstellt, sobald man online geht, und aus welchem man wahlweise nach 10 Minuten oder 2 Stunden desorientiert auftaucht, als hätte man sich unter Wasser aufgehalten, vielleicht ist es ein Dämon? Der Dämon der Flucht vor sich selbst. War jetzt nur so ein Gedanke.

Das geht dann so: Ursprünglich hatte man damit begonnen, einen Satz zu schreiben an dem Romanmanuskript, das mit seinen über 400 Seiten zu lang ist. Der Satz, ein Wort darin war einem unklar. Man musste also nachschauen. Wie unglaublich praktisch, dass das online immer alles so schnell und unkompliziert geht heute, denkt man. Das Suchen wird dann zu einer Reise. Von dem Wort ausgehend, zieht sich eine Spur, auch durchs eigene Bewusstsein, die einen an einem vollkommen anderen Ort, nach 10 oder 120 Minuten wieder absetzt. Man merkt auf und fragt sich: äh, wie war nochmal das Wort? Auf der Strecke getroffen hat man Trump, den Klimawandel, Peter Handke, Ivanka Trump, Angela Merkel, Obama, Facebook Freunde aus USA, man hat neue Unterhosen bei Tchibo bestellt und gleich, ist ja so praktisch, fünf Mails beantwortet ….  Die Person, die ursprünglich das Wort nachschauen wollte, gibt es nicht mehr. Sie ist in einem Expresszug durch die Welt gerast und um Jahre gealtert. Das Bewusstsein ist mit Jahren an Informationen verstopft und man hat neue Unterhosen, die man gar nicht brauchte. Das Wort, das man ursprünglich nachschauen wollte, hat man vergessen.  Der Zugang zum Text, den man ursprünglich hatte schreiben wollen, ist erneut verstellt und außerdem ist die Schreibzeit vorüber. Man muss jetzt los, das Kind abholen. Kein Wunder, dass dieser Roman niemals fertig werden wird.
Auf eine geradezu possessive und übergriffige Weise übernehmen die online gesammelten Eindrücke dann auch noch die Oberhand im Bewusstsein, und rauben den wirklich gemachten Erlebnissen immer mehr Raum. Plötzlich hat man Gefühle aufgrund angeklickter Beiträge, die nichts mit dem eigenen Leben zu tun haben. Plötzlich hat man ein Leben, das nichts mehr mit dem eigenen Leben zu tun hat.
Man wird ein Avatar.

Sagen wir mal, ich meditiere 50 Minuten, dann gehen allein 25 dafür drauf, die online gemachten Eindrücke zu verdauen und aus dem System wieder hinaus zu schwemmen. Das steht dem Eindringen in die Tiefe, der Auseinandersetzung mit der Leere, um die es mir eigentlich geht, diametral entgegen. Mal abgesehen von den 10 oder 120 Minuten Lebenszeit, die ich sowieso schon verloren habe. (In einem Artikel in der Zeit stand im vergangenen Oktober, dass die Deutschen durchschnittlich 2,5 Stunden im Internet verbringen. Jüngere Leute verbringen deutlich mehr Zeit im Netz, ältere weniger. Ich würde sagen, ich verbringe locker 2,5 Stunden täglich im Netz. Eventuell mehr.)
Man kann sein ganzes Leben so wunderbar mit Ablenkungen füllen. Aber darum geht es mir eigentlich nicht. Je älter ich werde, desto weniger möchte ich mich ablenken. Es bleibt nur noch eine begrenzte Zeit, um zum Wesentlichen vorzudringen. Jeden Tag möchte ich dafür nutzen. Vergeudung war gestern. Ich unterhalte mich darüber mit meiner Tochter. Sie sagt: "Wenn das Es nur nicht so stark wäre." Triebkontrolle ist alles. Ich bin darin offensichtlich nicht sehr gut. Meine Tochter, die übrigens eine der inspirierendsten Personen ist, die ich kenne,  hat dafür Verständnis. Sie ist darin übrigens besser, glaube ich. Obwohl ich glaube, dass sie mehr Zeit als ich im Netz verbringt. Aber sonst ist sie sehr fokusiert und unabhängig im Denken. Ist das jetzt ein Widerspruch? I am lost.

Ich bewundere Menschen wie Handke oder Mayröcker. Sie gehen nicht ins Netz. Dinosaurier. Beide erreichen ein Maß an Konzentration und Tiefgang, das für mich Vorbild ist.
Immer wieder muss ich an den wunderbaren Film „Bin im Wald.Kann sein, dass ich mich verspäte“ denken. Ein Film über Peter Handke, sein Leben, sein Schreiben. Der Film war wie eine Enthüllung für mich. Ich hatte verstanden, wie ich leben wollte. Diese Tiefe, aber auch dieses Haus, der Garten, die Bleistifte, dass da kein Computer war, die Waldspaziergänge, „diese kleinteilige Welt ist die Rettung“.

Wird es irgendwann die Fähigkeit zu tiefer Konzentration in unserer Welt nicht mehr geben? Werden jene, die dazu fähig sind, in einer unbeachteten Minderzahl sein?
Was geht der Welt damit verloren?
Die Kleinteiligkeit und all die Wahrheit, die sich darin in jedem Augenblick offenbart.
Die Stille.
Ist das schlimm?
Ich finde es schlimm. Meine Töchter möglicherweise schon nicht mehr. 
Die Menschen, die keine Stille mehr haben, werden andere sein, als jene, die Stille regelmäßig leben. Das wird beinahe eine andere Spezies sein und vermutlich wird man sich gegenseitig ein Forschungsobjekt sein können, wohl kaum seelenverwandt. Wahrscheinlich verändern sich auch die Gehirne beider Gruppen in sehr unterschiedliche Richtungen. 

Ich finde es bemerkenswert, wie schwer es trotz dieser Erkenntnis ist, offline zu bleiben. Ich kenne eine Schriftstellerin, die bringt ihr Modem runter in den Briefkasten, bevor sie morgens mit dem Schreiben beginnt. Weil sie es sonst selbstverständlich nicht schafft, offline zu bleiben. Es ist wie eine Sucht. Ich kann mir sagen: Bis 12 Uhr gehe ich nicht ins Netz, da schreibe ich, da bin ich in meiner Stille und teile und recherchiere auch nichts und Bücher bestelle ich auch nicht. 1 Minute später schaue ich bei Amazon nach, wie teuer der neue Handke ist. Gibt es ihn schon gebraucht, nein. Mal bei den anderen Bloggern schauen, was sie so dazu sagen. 45 Minuten später, oops….

Mit Disziplin hat es zu tun. Mit der Fähigkeit, sein Leben wirklich bewusst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Wie Du Deine Tage verbringst, so verbringst Du Dein Leben. So ähnlich hat das mal Annie Dillard, eine großartige amerikanische Schriftstellerin, die viel Zeit allein in der Natur verbracht und auch darüber geschrieben hat, ausgedrückt. Sie ist, denke ich, nie online. 

Darauf läuft es hinaus, für mich, wie ich meine Tage verbringen möchte. 
Es läuft darauf hinaus, dass ich sie bewusst und souverän verbringen möchte und dass dieses Internet irgendwie in dieser Hinsicht ein Problem darstellt, oder sagen wir ein Übungsfeld, auf welchem ich mir wunderbar meine Dämonen anschauen kann.

Namaste🙏


(c) Susanne Becker


*frei nach Peter Handke

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