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Denial - oder: ich verdränge.




Vor einigen Wochen sah ich das Stück Denial im Maxim Gorki Theater hier in Berlin. Ist es ein Stück? Vielleicht eher eine Art Entwicklung der offenen Frage: wie können wir trotz all des Schmerzes, der in uns und um uns ist, leben? 
Das Suchen nach den Antworten beginnt bei Yael Ronen und der Truppe mit der Idee. Die Aufführungen, das „fertige“ Stück scheinen immer, und das schätze ich daran, wie eine Präsentation von work in progress. Man lässt das Publikum teilhaben an den bisherigen Ergebnissen der Forschung und lädt zu eigener Forschung ein. Es gibt immer so viele Antworten wie Antwortende, oder Fragende. Es ist das zweite Stück, das ich von Yael Ronen sehe, und beiden gemeinsam ist die Offenheit der Haltung, die es der Zuschauerin sofort ermöglicht, eine Antworten zu suchen.

Es geht hier um die offene Frage, wie wir Menschen in der Lage sind, all das zu verdrängen, was in unserem direkten Leben und um uns herum geschieht, Schmerzen und Leid erzeugt und weiter so zu leben, als wäre nichts, als wäre das Leben prima. All das Elend, die Zerstörung, die Gewalt, der Wahnsinn, die mit Plastik vermüllten Ozeane, Kinderpornos, das Elend der Tiere und dennoch essen wir Fleisch, fahren in Urlaub, finden das Leben toll.
Also, all das. Vor allem aber auch: wie viele Dinge über uns selbst wir vergessen, verdrängen, wegschieben, sobald wir erzählen, wer wir sind, wer unsere Familie ist, sobald wir unsere Geschichte erzählen, spielt es keine Rolle mehr, dass unser Vater gelogen hat, unsere Mutter auch. „Meine Kindheit war glücklich!“

Die menschliche Fähigkeit wegzuschauen.
Die menschliche Fähigkeit, nicht zu fühlen, was gerade geschieht.
Ist sie vielleicht die herausragende menschliche Fähigkeit?
Könnte man anders nicht überleben?

Yael Ronen und ihre Truppe interviewten für die Recherche zum Beispiel Sozialarbeiter und Psychologen. Im Stück dann erzählen die Darsteller Geschichten, die letztendlich wie ein Puzzle die offene Frage, wie kann man unendliches Leid verdrängen und scheinbar gut leben, Stück für Stück zusammenzulegen sucht. Möglicherweise ergibt sich eine Antwort, ein irgendwie entzifferbares Puzzlebild aus den einzelnen Geschichten. Möglicherweise nicht, weil es nie eine erschöpfende Antwort geben kann. Weil jeder Mensch anders ist. Weil das menschliche Leben aus Leiden besteht und bislang niemand die erschöpfende Antwort auf die Frage gegeben hat, wie man damit klar kommen kann, ohne durchzudrehen. 

Ich ging mit nicht weniger als der Erwartung ins Theater, das mich schon lange beschäftigende Problem erklärt zu bekommen. Wie kann ich aufmerksamer sein gegenüber dem, was in der Welt wirklich geschieht, obwohl das, was ich wahrnehme, mir so unangenehm ist, dass ich instinktiv wegzucke? Wie kann ich bleiben? Wie kann ich dazu beitragen, dass die Missstände sich verändern? Wie kann ich so klar und stark sein, dass ich es aushalte, nicht wegzuschauen, mich nicht zu betäuben vor dem Elend der Welt. Denn ich möchte zumindest das sein: hellwache Zeugin. Auch meiner selbst. 

Ich bekam eine Antwort. Meine Erwartungen an Yael Ronen, die seit dem Stück Common Ground unglaublich hoch sind, wurden nicht enttäuscht. Dennoch fiel die Antwort vollkommen anders aus, als ich es erwartet hatte. Im Nachhinein frage ich mich, warum mich das wundert. Denn ich weiß die Antwort selbst ja schon sehr lange. Sie ist aber ein wenig unbequem und nicht so glamourös. Ja, vielleicht hatte ich mir von dem Stück eine glamourösere Antwort erhofft. Eine Illusion. Einen Traum. Eine Art Bühnenshow.

Vor einer Woche stand ich vor meinem Bücherregal. Ich lese eigentlich viele Romane, manchmal Lyrik. Aber ich habe auch ein paar Regalfächer mit buddhistischen Texten, philosophischen Büchern und ähnlichem. Ich kann eine Weile existieren, ohne so etwas zu lesen, aber dann kommt immer der Hunger danach wieder hoch und ich stelle mich vor dieses Regal oder stöbere im Buchladen, bis mich etwas anspringt.
Während also Denial unbewusst in mir nachwirkte und ich keine Ahnung hatte, dass ich diesen Text darüber schreiben würde, griff ich nach einem Buch, das ich schon einmal vor Jahren gelesen hatte und welches mir damals, gelinde gesagt, nur mäßig gefiel.
Es heißt Start where you are und ist von Pema Chödrön, einer buddhistischen Nonne, die ein Kloster in Kanada leitet.
Ich fasse kurz und sehr grob zusammen, was sie in dem Buch sagt: Der Mensch hat im Grunde den Wunsch, frei von Leiden, also glücklich zu sein. Allerdings sind die Mittel, mit denen er dieses Ziel zu erreichen sucht, genau gegenteilig in ihrer Wirkung. Er vergrößert sein Leiden und das Unglück der Welt dadurch.
Die Mittel haben in der Regel eines gemeinsam: sie sind Flucht vor all dem, was uns unangenehm ist. Oder sie sind ein sehnsüchtiges sich hinwenden zu allem, was Wohlgefühl vermittelt. Somit sind sie immer ein Verleugnen dessen, was gerade wirklich ist. 
Pema Chödrön, in der Tradition des tibetischen Lehrers Chögyam Trungpa Rinpoche, schlägt eine andere Lösung vor: die Dinge, die einen unglücklich machen, weh tun, unangenehm sind et cetera, so nah wie möglich heran holen, sie wirklich einatmen. Dabei den Sturm aushalten, den sie in einem verursachen. Die Geschichten, die einem das Denken während des Sturms erzählt, niemals, NIEMALS für bare Münze nehmen. Sondern immer wieder zurückkehren zu den reinen Gefühlen. Unser Denken ist, was diese Dinge anbelangt, im Grunde dumm. Es kann uns nicht dabei helfen, gelassen und glücklich zu werden. Glücklich zu sein bedeutet nicht, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen, sondern dass man in seiner Befindlichkeit vollkommen unabhängig von den äußeren Umständen wird. Unangenehmes gibt es nicht nur im Außen, sondern auch in uns selbst. Auch dieses sollte ganz aus der Nähe betrachtet werden, so lange, bis man sich selbst verstanden hat. Nur wer sich selbst versteht und annimmt, hat es nicht mehr nötig, irgendetwas zu verleugnen. Nur eine solche Person ist in der Lage, ganz genau hinzuschauen.

Plötzlich meine ich, dass Pema Chödrön und das Theaterstück Denial das gleiche sagen. Im Grunde.

Wir leben auf so einem kleinen Planeten, der sich im Weltall taumelnd bewegt. Die sogenannten Führer der Menschheit lassen nichts unversucht, diesen Planeten zu zerstören und seine Bewohner in endlosen Kriegen zu vernichten. Dennoch glitzert dieser Planet im Weltall vor sich hin und jeder Atemzug, den wir tun, ist ein Wunder. 

Für mich war dieses Theaterstück eine Erinnerung daran, genau hinzuschauen, und damit bei mir selbst anzufangen. Wenn ich mich selbst sehe, kann ich von diesem Zentrum aus ganz viel anderes sehen und würdigen.

Als ich aus dem Theater ging, mein Fahrrad bestieg, begann es zu schneien.

P.S. vom 7. bis 10. April läuft im Gorki übrigens die erste Roma Biennale. Sehr spannend!

(c) Susanne Becker

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