Direkt zum Hauptbereich

Die traditionelle Weihnachtswunschliste

Ich wünsche mir immer nur Bücher. Oder Reisen - aber das ist hier irgendwie egal, weil ich erstens keine Reise zu Weihnachten bekommen werde und  (sollte allerdings doch jemand interessiert daran sein, mir eine Reise zu schenken, wären folgende Ziele oben auf meiner Liste: Formentera, Istanbul, Lissabon, Rom, Irland oder ein mindestens achtwöchiger Roadtrip durch Polen, Weissrussland, Russland, die Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Albanien, Serbien, Bosnien, Kroatien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien) zweitens, geht es ja hier um Bücher, zumindest manchmal, und eigentlich fast nie ums Reisen, was, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, schade ist. Vielleicht erweitere ich meinen Blog zukünftig noch und schreibe mehr übers Reisen, also meine Reisen.

Aber zunächst zurück zu den Büchern:
Mo Yan Frösche Ich habe das Buch des chinesischen Nobelpreisträgers auf einem Lesezeichen vom Hanser Verlag beworben gefunden und mich interessierte sofort das Thema. Unterschwellig hatte sich diese Geschichte, dass Frauen in China zu Abtreibung und Sterilisation gezwungen werden, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, bei mir schon sehr lange eingegraben, ohne dass ich allzu bewusst darüber nachgedacht hätte. Es war ein Wissen, und jedesmal, wenn ich daran dachte, schüttelte es mich eigentlich und ich verdrängte den Gedanken lieber, dass in ganzen Ländern aus politischen Gründen Frauen verstümmelt werden. Da fällt mir ein, dass ich letzte Woche im Radio gehört habe, dass in Indien mindestens neun Frauen gestorben sind und 82 im Krankenhaus liegen. Sie bekommen, auch das ein Regierungsprogramm zur Bevölkerungsbegrenzung, 15€ oder einen Kühlschrank von der Regierung, wenn sie sich sterilisieren lassen. Leider hatte der Arzt in einem Dorf am Fließband gearbeitet und seine Instrumente nicht ein einziges Mal zwischendurch sterilisiert.
Als ich das Lesezeichen betrachtete und über Mo Yans Buch darauf las, sprang es mich geradezu an und das lange unterdrückte Bewusstsein griff nach seiner Gelegenheit, mehr zu erfahren. Dieses Buch ist also ganz weit oben auf meiner Wunschliste.

Barbara Kingsolver The Poisonwood Bible Sie ist eine amerikanische Autorin, die mir schon von vielen Freunden und Freundinnen empfohlen worden ist. Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich sie wirklich mögen werde, aber ich möchte es jetzt endlich einmal wissen.Dieses Buch handelt von einer Baptistenfamilie, die 1959 nach Belgisch Kongo auswandert und was sie dort in drei Generationen erlebt und wie sie transformiert wird.  Klingt im schlimmsten Fall nach sehr guter Unterhaltung. Ich habe durch die Empfehlungen allerdings den Eindruck bekommen, dass Kingsolver eine Autorin ist, die tiefer geht und nicht nur unterhalten möchte.

Olga Grjasnowa Die juristische Unschärfe einer Ehe Gehört zu den deutschen Büchern 2014, die mir aufgefallen sind. Mich interessieren Bücher gerade, die östlich von Berlin spielen, ob in Rumänien, Ungarn, Polen, der Ukraine, Russland, und wenn sie dann auch noch von Liebe handeln, bin ich nicht mehr zu halten. Reisetechnisch bin ich bislang nie östlicher gewesen als an der polnischen Ostseeküste bei Kolberg. Unser Garten ist im nord-östlichsten Zipfel Deutschlands und meine Traumreise wäre ein Roadtrip durch alle Staaten östlich und südlich dieses Gartens, so ein bisschen wie Darius Kopp es in dem Buch Das Ungeheuer gemacht hat, nur ohne Urne im Kofferraum. Ich bin sehr neugierig auf alles, was sich dort entdecken lässt und stille diese Neugierde gerade in literarischer Form. Der Russe ist einer, der Birken liebt von der gleichen Autorin kann im Grunde gleich auch auf die Liste. Das Gute ist, dass einem das Stillen der Neugierde in Deutschland gerade leicht gemacht wird, denn viele der veröffentlichten und populären Autorinnen und Autoren schreiben von dort. So auch:

Nino Haratischwili Das achte Leben, ein Buch, das eigentlich ganz oben stehen sollte auf meiner Liste. Denn es ist das eine und einzige Buch, das ich mir wünschen würde, wenn ich mir nur ein Buch wünschen dürfte. Sobald ich es in Händen halte, werde ich mich eine Woche aus dem Leben zurück ziehen und lesen (es hat über 1000 Seiten, ich glaube, das letzte Buch dieser Länge war Anna Karenina und ich habe drei Monate dafür gebraucht). Aber Das achte Leben soll sich so leicht lesen wie man eine Schokoladentorte verzehrt, und erzählt dem Leser eine Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert umspannt, von Georgien nach Deutschland reicht und alles enthält, was in den Jahren und den Orten von Bedeutung war. Ich habe noch keinen vernünftigen Menschen getroffen, der dieses Buch nicht liebt. Selbst, wenn man in eine Buchhandlung geht, um dort nur einen Kaffee und ein belegtes Brot zu kaufen, wie ich letztens im Ocelot, ist man innerhalb weniger Sekunden in ein Gespräch über dieses Buch verwickelt und die Ocelotfrau bekam, ich schwöre, fiebrig glänzende Augen und beinahe wäre ich schwach geworden und hätte es gekauft. Aber ich lebe gerade wieder unter dem Verdikt des selbst auferlegten Bücherkaufstopps, um ein bisschen an den Büchern zu arbeiten, die ich habe, die ich nicht mehr kaufen muss. Ich musste meinen Körper also zwingen, den Laden ohne dieses Buch wieder zu verlassen, eine grandiose Meisterleistung in Sachen Selbstkontrolle, aber ich schwöre, ich werde diese Kontrolle auf der Stelle verlieren, wenn ich es nicht zu Weihnachten bekomme. Und dann renne ich am 27. Dezember in meinen Lieblingsbuchladen und hole es mir selbst.

Susan Sontag Reborn: Journals and Notebooks 1947-63 und As Consciousness is harnessed to flesh: Journals and Notebooks 1964-1980 Erstens, weil ich Susan Sontag liebe und zweitens, weil ich unglaublich gerne Tagebücher lese.Ich gehe davon aus, dass diese beiden Bücher ein Hort an Klugheit, Inspiration, Kreativität, Tiefgang und Schreibkunst sind. Deshalb kann ich es kaum erwarten, sie zu lesen.

Svetlana Aleksijewitsch Secondhand-Zeit Leben auf den Trümmern des Sozialismus und im Grunde fast jedes andere Buch von ihr. Hier spielt wieder meine Faszination herein mit allem, was östlich von Berlin liegt, aber auch ein bei mir immer schon vorhandenes Interesse an realistischen Berichten über Dinge, die nur schwer zu ertragen sind, die aber derart gekonnt in literarischer Form aufgearbeitet sind, dass man sie dennoch verschlingt und dabei unglaublich viel lernt. Ihre Bücher handeln von Tschernobyl (sie hat dort die Überlebenden interviewt), von Kriegen und ihren Auswirkungen. Hier der Link zu einigen anderen ihrer Bücher. Sie war eigentlich meine ganz große Favoritin für den Nobelpreis und ich bin immer noch nicht darüber hinweg, dass sie ihn nicht erhalten hat. Ich finde, aus vielen Gründen, literarische Qualität, Bedeutung für das menschliche Bewusstsein, nicht zuletzt aus politischen Gründen, hätte sie ihn bekommen sollen.

Jenny Offill Dept. of Speculation Ein Buch über die Spannungen zwischen einem kreativen Leben und einem Leben als Mutter und Ehefrau. Dieses Thema interessiert mich aus vielen Gründen, nicht zuletzt natürlich aus den persönlichen ;-), aus welchen sich mein Leben praktisch zusammen setzt.

Sheila Heti How should a person be? Dieses Buch ist mir bereits vor fast einem Jahr begegnet und ich wollte es sofort haben. Der Titel hat mich sehr angesprochen und auch alles, was ich darüber gelesen habe. Sheila Heti war dann sogar in Berlin und las in der Autorenbuchhandlung. Leider konnte ich nicht hingehen, worüber ich mich immer noch ein wenig ärgere. Ein Buch über Kunst, Kreativität und die Suche nach sich selbst, das von der Liste, trotz vieler Sortierereien, nicht herunter gepurzelt ist.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich diese Liste endlos weiter führen könnte, und dass im Grunde täglich ein neues Buch dazu kommt. Ein großer Teil meiner literarischen Orientierungstätigkeit besteht darin, die Bücher so zu ordnen, zu sortieren, hin- und herzuschieben, dass ich immer wieder fundiert entscheiden kann, welche der unglaublich vielen alten und neuen Werke ich nun eigentlich wirklich lesen möchte. Wem diese Liste nicht genügt dem sei noch diese und aber auch durchaus diese empfohlen. Auf beiden befinden sich viele viele Bücher, die noch nicht gelesen habe und über die ich mich extrem freuen würde.
Was wünscht Ihr Euch zu Weihnachten?

© Susanne Becker

Kommentare

Beliebte Texte

My list of favourites 2018

Hier ein paar kurze Highlights meines Jahres 2018, ohne große Worte. Es war ein eher ruhiges Jahr, gespickt mit wunderbaren Ausnahmeerscheinungen. Die Leipziger Buchmesse, im Schnee versunken, ein Konzert von Pearl Jam in der Waldbühne bei strahlendem Sommerwetter, eine Geburtstagsparty in München, bei stundenlangem Platzregen, draußen, eine spontane Fahrt nach Prag, die Marina Abramovic Werkschau in Bonn, eine Reise nach Rom, eine Floßfahrt auf der Mecklenburgischen Seenplatte, die beste Demo meines Lebens... Viele viele random acts of kindness, von Freunden und Fremden.

Filme:




Werk ohne Autor, den ich dank Bloggerfreundin Marina von literaturleuchtet mit einer Freikarte geniessen durfte. Danke 💜Female PleasureLuckyBücher: Ich habe für meinen eigenen Geschmack in diesem Jahr ein paar echte Meisterwerke in den Händen und vor den Augen gehalten, und dann noch viele Bücher, die wunderbar waren, mich überrascht und beglückt haben. Hier nur eine Auswahl. Ansonsten könnt Ihr in meinem Blog …

Philipp Weiss, Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen

Ein Roman ist dies, der alle Regeln sprengt, leichtfüßig, selbstverständlich und nicht einmal dachte ich: so geht das nicht, sondern ununterbrochen, bei der Lektüre der gesamten über 1000 Seiten, aufgeteilt auf insgesamt fünf verschiedene Bände, dachte ich immer nur: ja, genau so geht es. Nur so geht es ab jetzt, dass einer einen Roman schreibt. Alles ist erlaubt und das muss auch so sein.


Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen war vielleicht die befriedigendste Lektüre im gesamten Jahr 2018 für mich und sie fand mich erst zum Ende hin. Da kam meine Freundin aus dem Burgenland und brachte mir dieses wunderbare Buch mit. Ein Schuber, fünf Bände, jedes eine andere Farbe, jedes ein anderer Erzähler. Ich schreckte zunächst zurück und dachte mir, höflicherweise würde ich es nicht ablehnen, aber lesen würde ich es erst so um 2024 herum, oder sogar später. Dann blätterte ich noch am gleichen Abend den ersten Band im Schuber auf, der schwarz ist und las die ersten Seiten und danach konnt…

Lucy Fricke, Töchter

Natürlich habe ich ein Faible für lange, sehr lange, komplizierte, sehr komplizierte Bücher.
Gerade noch schwelgte ich am Weltenrand des Österreichers Philipp Weiss herum, da flog mir zu Weihnachten Töchter ins Haus. Geschrieben ist es von Lucy Fricke, die, wenn ich mich nicht sehr täusche, bei mir um die Ecke wohnt. Jedenfalls beschreibt sie meinen Kiez mit präziser Kenntnis der Sachlage und berichtet sogar von Bizim Kiez, unserem Kampf für den Türkischen Gemüseladen und ja, ich kann mich erinnern, sie dort ein paar Mal gesehen zu haben. Es muss in einem Roadmovie nicht ständig etwas passieren, aber es macht Spaß, wenn es doch so ist. Dies ist ein normales Buch, nicht zu lang, nicht zu kompliziert. Eine spannend und schnell erzählte Geschichte, ein Pageturner der besten Sorte: voller Tiefe und voller Witz.


Es geht um zwei Frauen, die ihren Vätern, bzw. Ersatzvätern, nachspüren und sich gleichzeitig von ihnen verabschieden müssen. Es geht nebenbei natürlich auch um die Mütter und Selbs…

Anke Stelling, Schäfchen im Trockenen

"Wir sind Opfer. Und unseres Glückes Schmied! Wir machen uns gut in egal welcher Kulisse, sind die Protagonisten unseres Lebens."


Anke Stellings neues Buch Schäfchen im Trockenen habe ich verschlungen. Es ist großartig geschrieben und mit seiner Handlung so nah am Leben dran, wie man es selten findet, an dem Hier und Jetzt von mir und vielen meiner Freunde, die mit Kindern und der existentiellen Unsicherheit mitten in Berlin, mitten in einer großen Stadt in Europa leben, wo Neoliberalismus und Kapitalismus die Werte vorgeben und man, plant man schlecht, auch sehr leicht unter die Räder kommen kann. Vielleicht vor allen Dingen dann, wenn man sich dem Leben mit Chuzpe und offenen Armen, voller Vertrauen, ein wenig ausliefert. Hier springe ich vom Zehnmeterbrett, mach' mit mir, was Du willst, Du verrücktes Leben!
Resi ist Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und hat ein Buch über ihre Freunde geschrieben, die im Rahmen einer Baugruppe ein tolles eigenes Hau…

Assaf Gavron - Achtzehn Hiebe

"Ich spürte, dass sie mich ansah, ein intensiver Blick trotz der doppelten Filterung durch Sonnenbrille und Spiegel, und dann zuckten ihre zinnoberrot geschminkten Lippen, die etwas zu voll und zu jung für ihr Alter schienen, und mit einem halben Lächeln sagte sie: "Zum Trumpeldorfriedhof." Ich schaltete in Drive."



Der Taxifahrer Eitan Einoch fährt die fünfundachtzigjährige Lotta Perl an einem ganz normalen Tag zu einer Beerdigung, aber von diesem Moment an verändert sich vieles in seinem Leben. Es wird aufregend, spannend und unversehens findet er sich in der Rolle eines Detektivs wider.
Dieser Roman, der im heutigen Tel Aviv spielt, bezieht einen großen Teil seiner Spannung aus der Vergangenheit, aus der Mandatszeit, als Israel noch nicht Israel war, als Palästina noch von den Engländern besetzt/verwaltet wurde und Lotta Perl und der Engländer, zu dessen Beerdigung sie unterwegs ist, junge Leute und ein Liebespaar waren. Der Roman erzählt von einer Zeit, von eine…

Karl Ove Knausgård - Im Frühling

„Ich hatte begonnen, eine Art Tagebuch für dich zu schreiben, oder einen langen Brief darüber, wer wir waren und was hier passierte, während wir auf dich warteten….Als eine Art, Platz für dich zu schaffen.“
Dieser Gedanke ist so wunderschön, dass er mich jedesmal lächeln lässt: für ein noch im Mutterleib heran wachsendes Kind eine Art Tagebuch schreiben, um für es in dem bereits existierenden Leben einen Platz zu schaffen. Unwillkürlich wünschte ich mir, ich wäre auf diese Idee gekommen, während ich mit meinen Töchtern schwanger war. Mit dieser Aussage hat Karl Ove Knausgård einmal mehr umschrieben, für wie wichtig und mächtig er die Sprache hält. Sie ist für ihn das Medium, welches uns alle im Leben verankern kann, egal, was uns zustoßen mag, egal, wie heftig das Leben sich uns um die Ohren schlägt.  Im Frühling hat mich auf eine  unvorhersehbare Art kalt erwischt. Denn ich hatte ja bereits Im Herbst und Im Winter gelesen, welche ich beide mehr oder weniger ähnlich fand, gerne gelesen…