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Julia Jessen, Die Architektur des Knotens




"Es gibt einen Ort, wo tatsächlich neue Gedanken wachsen, weil sie weit vor dem ansetzen, was wir alles schon zu wissen glauben. Weit vor dem: So ist es und nicht anders. Weit vor allem Bewiesenen und Erwiesenen. Wo alles ignoriert wird, was wir zu wissen glauben, und wo Pferde von hinten aufgezäumt und rückwärts durch eine Welt geritten werden können, in der einfach alles möglich ist, weil man es will. Ich würde gern an diesen Ort gehen, .....“


Gerade habe ich das Buch „Die Architektur des Knotens“ von Julia Jessen beendet. Es ist in diesem Frühjahr im Kunstmann Verlag erschienen.
Es ist ein weiteres Buch, über das ich dank der #indiebookchallenge gestolpert bin und tauchte auf meinem Instagramaccount mit dem Hashtag #hotelbuch auf. Die Handlungsbeschreibung hat mich sofort interessiert. 

Eine Frau verlässt ihren Mann und ihre zwei kleinen Söhne und wohnt nach einer Affäre mit einem jüngeren Mann in einem Hotel.

Vorher hatte ihr Leben eigentlich, von außen, perfekt gewirkt. Sie und ihr Mann hatten gute Jobs (Grundschullehrerin und Physiotherapeut mit eigener Praxis). Sie bewohnen eine zweigeschossige Wohnung in Hamburg. Ihre Freunde haben ein tolles Haus („schöner wohnen“) in Dänemark.
Aber in Yvonne, der Frau, rumort es von Anfang an. Sie beschreibt ihr Leben, den Besuch bei den Schwiegereltern und den Besuch bei den Freunden in Dänemark und man weiß, irgendwas wird jeden Moment in die Luft gehen. Die Anspannung, die auch so viele Gedichte von Sylvia Plath und Anne Sexton kennzeichnet, schwebt durch die Atmosphäre.

Das Buch hat mich von Anfang an gepackt. Die Geschichte ist so flüssig und klar aufgeschrieben. Tiefe Gedanken werden in einer großen Einfachheit geschildert. An vielen Stellen kam das Buch mir eigentlich vor wie Philosophie, aber so simpel herunter reduziert, dass jeder sie verstehen kann. Das bedarf im Grunde großer Meisterschaft.
Die Frage, wie man eine Familie verändert, ohne sie zu zerstören, fasziniert mich und ich spürte von der ersten Seite an, dass hier unter Umständen eine Autorin am Werk ist, die radikale Gedanken zu Papier zu bringen wagt. Ich wurde nicht enttäuscht. Wobei die Radikalität weniger an äußerlichen Entwicklungen in der Geschichte festzumachen ist. Gut, es ist ausnahmsweise einmal eine Mutter, die die Familie verlässt. Aber das ist es nicht. Eher sind es die Gedanken der Protagonistin und die Schutzlosigkeit, mit der sie sich ins Nichts wirft, bereit, die Gefühle zu fühlen, die sich einem eröffnen, sobald man ohne Netz und doppelten Boden springt. Es aushalten. Stehen bleiben. Fühlen. Das ist es, was für mich die Radikalität des Buches ausmacht. Atmen. Nicht panisch reagieren. Nicht aus Angst zu machen. Es hat mich fasziniert, wie Jessen diese „Strategie“ Yvonnes so nachvollziehbar und lesenswert zu Papier bringen konnte und dabei auch in ihrer Geschichte keine panischen Verrenkungen machte. Für die 424 Seiten gibt es vergleichsweise wenig Handlung. Aber was geschieht, wird in die Tiefe verfolgt und an die äußersten Ränder, wo eine Geschichte sonst manchmal ausfleddert, unbeachtet.

Die Angst, die alle vor der Zerstörung der festen Strukturen haben, und eine funktionierende Familie gibt nicht nur den direkt beteiligten Personen, sondern auch immer dem Umfeld Halt, ließ sich wunderbar ablesen an der Reaktion der Freunde und anderer Familienmitglieder. Manche waren derart entrüstet, als wäre es Yvonnes Pflicht, eine heile Familie für den Seelenfrieden aller anderen zu erhalten. Verpackt wird dieser Anspruch unter dem Vorwurf, nonverbal oft, eine schlechte Mutter zu sein.
Yvonne beobachtet das alles, fühlt die Gefühle, die es in ihr auslöst, Abgründe, und geht weiter durch die Situation hindurch, die sie geschaffen hat, ohne anders gekonnt zu haben. Eine Protagonistin, die kompromisslos ihrer inneren Stimme folgt. Das ist das radikale. Denn wer tut das heute schon? Wer wagt das? 

„Ich habe das Gefühl, immer tiefer in ein Gestrüpp aus Ungewissheiten zu rennen, dorthin, wo ich mich nicht mehr auskenne. Und es ängstigt mich.
Aber immerhin bin ich in Bewegung. Auch wenn ich nicht weiß, wohin. Diese ganze Unordnung fühlt sich auf schmerzhafte Weise auch richtig an.
Nicht gut. Nur richtig.“

Ein faszinierendes Buch. Große Leseempfehlung.

(c) Susanne Becker


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