Berlin

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Samstag, 13. Juni 2015

#bizimkiez heißt "unser Kiez" - Wir bleiben!



Eine Familie betreibt 28 Jahre lang einen Laden, der Existenzgrundlage für mehrere Generationen ist. Diese Familie ist in ihrer Nachbarschaft unglaublich beliebt. Ich bin mir der Kitschigkeit der Wortwahl bewusst, aber in diesem Fall trifft sie die Wahrheit. Diese Familie ist ein Teil des Seelenlebens dieser Nachbarschaft, die wir ja in Berlin Kiez nennen In diesem Fall #Wrangelkiez.
Bannerherstellung, bringt Bettücher, holt Euch Banner
in dem Lotto Toto schräg gegenüber von Bizim Bakkal
Das Haus, in dem sich der Laden der Familie befindet, wird verkauft. Der Käufer möchte das Haus, in dem es auch Wohnungen gibt, vollkommen leer haben, Achtung, ich werde wieder kitschig: entseelt, um es dann sanieren und jede einzelne Einheit für einen guten Preis verkaufen zu können. Die Mieter in den Wohnungen bekommen Geld geboten, damit sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ausziehen. Bei der Familie, die den Laden gemietet hat, muss er sich nicht derart aus dem Fenster hängen. Denn die rechtliche Lage für Gewerbemietverträge sieht kaum Schutz vor. Die Familie muss ihren Laden fristgerecht und in renoviertem und besenreinem Zustand übergeben. Angebote der Familie, mehr Miete zu zahlen oder das Ladenlokal selbst zu kaufen, werden abgelehnt. Logischerweise möchte man keine Spuren von Vergangenheit in diesem Projekt verankern. Man möchte ein ganz neues Haus in den Kiez stellen, leer und rein. Besenrein. Es sollen dort dann auch ganz neue Menschen und Geschäfte sein.
  
Ein Mensch kann ein Haus kaufen, und die Existenzgrundlage einer ganzen Familie zerstören durch eine, Achtung: Unterstellung, egoistische Entscheidung, der die Motivation zugrunde liegt, mit dem gekauften Haus soviel Geld wie möglich zu verdienen.
Was macht man mit soviel Geld? Gut, man könnte einwenden, dass mich das nichts angeht. Und doch argumentiere ich, dass wir alle zusammen eine Gesellschaft bilden, und wenn jemand viel Geld hat und es lediglich für egoistische, gewinnmaximierende Zwecke einsetzt, wenn er nicht das gesellschaftliche Wohl dabei zumindest ein Stückchen im Auge hat, es noch nicht einmal in Erwägung zieht, dann drängt sich mir die Frage auf: Sollte Wohn- und Existenzraum überhaupt Privatbesitz sein dürfen? Natürlich eine Frage, die zu Millionen Missverständnissen führen würde, weshalb ich sie auch nur rhetorisch stelle. Aber: sollte es nicht zumindest Regeln geben, die Besitzer von Wohn- und Existenzraum dazu zwingen, sich zum gesellschaftlichen Wohle zu verhalten? Diese Regeln gibt es, klar. Aber wieso gestatten sie, dass Bizim Bakkal ganz legal seine Existenzgrundlage verlieren darf? Meine Meinung ist: Dann stimmt was mit den Regeln nicht und ich wünsche mir, dass sie sehr schnell geändert werden!
nächstes Mal soll es auch was zu essen geben,
bringt Essen
Tische, Stühle mit, ist doch schön, im Sommer
draußen zu essen
 In was für einer Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?
Ebenfalls eine rhetorische Frage, auf die ich eine Antwort fand: Ich bin vor etwa 18 Jahren das erste Mal in den Wrangelkiez gekommen. Ich bog von der Skalitzer auf die Wrangelstraße ein und konnte nicht fassen, was ich sah. Die schönste Straße, in der ich je gewesen war. Sie war grün und bunt und lebendig, voller Hundescheisse und irgendwie auch schmutzig, und ich sah nur interessante Leute. Man hörte alle möglichen Sprachen, man fühlte sich wie in einem anderen Land. Es pulsierte und ich passte sofort meinen Schritt dieser Straße an, damit ja keiner glaubte, ich sei nur zu Besuch da. Ich wollte auf der Stelle dazu gehören, von der ersten Minute an. Gut war in diesem Zusammenhang, dass ich diese Straße tatsächlich betrat, um mir eine Wohnung anzuschauen, hinten, kurz vor der Taborkirche, Hinterhaus 4. Stock. Besser war, dass ich die Wohnung bekam. Das war damals noch möglich. Man konnte eine Wohnung in der Wrangelstraße mieten und es blieb einem noch Geld zum Leben übrig. Deshalb war die Straße ja so toll: weil dort so viele unterschiedliche Menschen wohnten, die es sich leisten konnten. In meinem Haus wohnten damals Artisten und Zirkusleute und ein paar sehr alte Leute, die schon in Kreuzberg, in diesem Kiez, ihre Kindheit verbracht hatten.
Die meisten, unterstelle ich, wohnen im Wrangelkiez, weil sie genau diese Atmosphäre wollen, in der jeder vollkommen er selbst sein darf. Das ninmt manchmal absurde Züge an, aber so ist das eben, wenn man die Menschen frei lässt. 
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der ich an dem Ort wohnen kann, an dem ich mich wohl fühle und an dem man die Menschen frei lässt. Ich vermute, dass ich damit nicht auf einer Wellenlänge mit Menschen bin, die Immobilien zu Zwecken der Gewinnmaximierung kaufen und verkaufen. Denen ist das alles ja egal. Das ist natürlich dumm und kurzsichtig. Weil unser Kiez gerade der angesagteste in der ganzen Republik ist (dieses „gerade“ hält sich mit kleineren Unterbrechungen seit Jahrzehnten), kann man mit ihm so viel Geld verdienen. Da schnuppern "Investoren" natürlich Morgenluft, zu Recht. Wenn all die Leute, die den Kiez ausmachen, weg sind, wird das anders sein. Dann ist auch der Wrangelkiez nur noch langweilige Meterware. Aber für Immobilienkäufer und -verkäufer reicht kurzfristig, die sind mit ihrem Gewinn aus unseren Leben dann längst woanders und investieren in eine andere Nachbarschaft. 
Wir befinden uns mitten in einer Entwicklung, wo Berlin bedroht ist, die Freiheit, die man hier haben kann und weswegen so viele immer noch hier sind, endgültig zu verlieren. Der Anfang ist ja längst gemacht, Unzählige haben diese Freiheit hier schon verloren. Es wird irgendwann gar nicht mehr darum gehen, wo ich mich zuhause fühle, sondern nur noch darum, wo ich es mir leisten kann, zu wohnen.
Wenn ich nicht entscheiden kann, wo ich wohnen möchte, weil es für mich zu teuer ist, dann ist meine Selbstbestimmung, meine Freiheit an einem ganz entscheidenden Punkt nicht vorhanden. Ja, mir ist auch bewusst, dass das in anderen Städten längst so ist und wir deshalb auf hohem Niveau klagen und überhaupt, die Mieten in Berlin paradiesisch sind, noch. Deshalb bin ich ja nicht nach Köln zurück gegangen, weil ich nicht in Flittard wohnen wollte!
Wenn diese Freiheit eingeschränkt wird, weil immer mehr Häuser, in denen Wohnungen und Lebensräume von Menschen als Ware auf dem Freien Markt verkauft und hin – und hergeschoben, entleert, saniert, weiter verkauft werden, als handelte es sich um etwas, wo seelisch keinerlei Inhalt vorhanden ist. Als wären es tote Gegenstände: die Räume, in denen die Familie Caliskan 28 Jahre lang den Kiez mit Lebensmitteln und Respekt und Freundlichkeit versorgt hat und dabei nebenher ihr eigenes Leben gelebt hat, geliebt, gestritten, Kinder bekommen hat,  (dazu gibt es einen sehr schönen Artikel in der TAZ), ist nicht mehr als eine Ware,  mit der irgendwer Geld verdienen möchte, also mehr Geld als bisher durch  die Ladenmiete möglich war. Also wird raus geworfen. Da wird nicht mit der Wimper gezuckt. Als Bewohner wird man zu purer Manövriermasse und man fühlt sich ein bisschen wie im falschen Film. Dein ganzes Leben kann von heute auf morgen komplett ins Schwanken geraten, weil dein Haus verkauft wird und der neue Besitzer mit den Fingern schnippt. 

Bizim Bakkal ist einer der tollsten Läden, den es in unserer Straße gibt. Ein Obst-, Gemüse und Lebensmittelladen, der einzige in der Straße, der noch von einer Familie geführt wird und nicht von einer Kette.
Oben erwähnte ich schon einmal das Wort Seele. Wenn ich sagen müsste, was die Seele des Wrangelkiezes ausmacht, dann sind es unter anderem genau diese Läden wie Bizim Bakkal. Den Lieferwagen der Familie sehe ich jeden Tag und ich weiß, dass Ahmet jeden Morgen lange bevor ich überhaupt aufstehe, mit diesem Lieferwagen zum Großmarkt fährt und persönlich die besten Waren aussucht und wenn ich dann meine Kinder zur Schule bringe, dann fahre ich vorbei an diesem Wagen vor dem Laden und sehe, wie er ausgeladen wird. Meine Töchter bekamen, als sie noch klein waren, dort immer irgendwas geschenkt: ein Stück Melone, eine Erdbeere, sowieso immer offenes Interesse und unglaublichen Respekt. Während im Kaisers ein paar Meter weiter kaum ein Einkauf möglich ist, ohne einen Streit oder eine Pöbelei zu erleben, ist in Bizim Bakkal die Umgehensweise respektvoll, man fühlt sich als Mensch absolut gewürdigt. Das wird mir erst jetzt bewusst, wo ich genau darüber nachdenke. Die Familie ist immer aufmerksam.
Ahmet Caliscan
Ahmet muss an meinem Haus vorbei, um von seinem Laden zu seiner Wohnung zu kommen. Manchmal sehe ich ihn vom Balkon aus und immer ist ein Lächeln auf seinen Lippen. Schon vor Jahren hatte ich den Verdacht, dass dieser Mann zu den Erleuchteten in unserem Kiez gehört. Seitdem ich weiß, dass er jede Nacht nur drei Stunden schläft, weil er um zwei Uhr aufstehen muss, um zum Großmarkt zu fahren, habe ich keinen Zweifel mehr daran.

Wenn ein solcher Laden verdrängt wird, stirbt der Kiez ein Stückweit. Wenn alle verdrängt werden, bekommen die Käufer eine leere tote Hülle, denn das, was den Kiez ausmacht, sind die Menschen, und nicht der Standort oder die Häuser. Das Problem ist nur, dass ihnen das vollkommen egal ist. Je mehr Seele, desto mehr Potenzial für Ärger, könnte man sagen. Das sieht man ja jetzt jeden Mittwochabend vor dem Laden. Denn wer in Kontakt mit seiner Seele ist, der spürt sofort, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Der ganze Kiez spürt es und immer mehr hängen ihre Banner an die Fenster und Balkone Bizim Bakkal bleibt steht darauf und im Grunde heißt es, ich bleibe. Im Grunde heißt es: ich hoffe, dass ich bleiben kann. Jedes Banner ist ein Ausdruck von Angst und Hoffnung gleichermaßen. Weil wir, die Kiezbewohner wissen, wenn Bizim Bakkal geht, kann jeder von uns die nächste sein. Und die nächsten stehen ja schon Schlange: Die Kioskbesitzerin auf der Schlesischen, Kubi’s Bike Shop auf der Falckensteinstraße… Unser aller Leben steht auf der Kippe. Je nachdem, wie viel Geld wir haben, kann ein Rauswurf hier das Ende unserer glücklichen Zeit mitten in Berlin bedeuten. Wenn wir Pech haben, finden wir uns im Märkischen Viertel wieder, oder sonst irgendwo im Plattenbaugebiet am Rande der Stadt.

Wer im Wrangelkiez lebt, für den ist das immer eine bewusste Entscheidung. Denn natürlich gibt es die dunklen Tage, an denen man schon an der Haustür in den ersten Kackehaufen tritt und noch beim Kampf mit dem Schuh von einem schlecht gelaunten Betrunkenen angepöbelt, von einem Drogendealer angemacht, von einem Fahrrad auf dem Gehsteig überfahren, von einem Kampfhund abgeschleckt wird ("er will nur spielen!"). Wir kennen diese Tage vermutlich alle. Da waren Sternstunden darunter, in denen ich sofort nach Zehlendorf oder Braunschweig umziehen wollte.
Aber die sind egal, weil schon eine Stunde später die Kacke wieder getrocknet ist und man Freunde zufällig trifft oder neue kennen lernt. Weil man sich bei Bizim Bakkal eine Schale Erdbeeren holt und sie auf der Eichenwiese an der Lohmühle verspeist oder einen Kaffee bei Inci trinkt, einen Köfteburger gegenüber isst (dort ist meine jüngere Tochter übringens Prinzessinnenlieblingskundin!), lässt sein Fahrrad bei Kubi's Bikeshop reparieren (der, nur zur Info, ebenfalls zum Ende des Jahres raus muss, so wie es derzeit aussieht!) und weil einem die Buntheit des Kiezes, dass hier alle Menschen gemischt leben, alle Farben, alle Arten, alle Sprachen, so unglaublich viel bedeutet. Und ich fürchte, man kann nie wieder in Zehlendorf oder in Braunschweig wohnen, wenn man einmal verdorben ist durch den Wrangelkiez.

spontanes Treffen mit Presse und Nachbarn, jeden Mittwoch
An jedem Mittwoch treffen wir uns um 19 Uhr spontan vor dem Laden, um als Nachbarn miteinander ins Gespräch zu kommen, Aktionen zu planen, Erfolge und Informationen auszutauschen und unsere Solidarität mit Bizim Bakkal zu zeigen. Das sind wir ihm schuldig. So empfinde ich es wenigstens. Es gibt auch eine Website, auf der Ihr Euch für den Newsletter anmelden könnt und alle Neuigkeiten regelmäßig erfahrt. Diese Sache betrifft alle Kieze! Das wird mir immer dann bewusst, wenn ich in Mitte Unterschriften sammle (ja, wir sammeln auch Unterschriften für den Erhalt des Ladens!)
und alle sagen: kenne ich, kämpft weiter!

Verrückt wie es ist, beweist sich durch den drohenden Untergang des Kiezes in noch stärkerer Intensität, was den Kiez ausmacht: dass hier unglaublich viele Menschen wohnen, die sich für andere interessieren, die ein selbstbestimmtes, nicht durch gesellschaftliche Normierung festgelegtes Leben entwerfen möchten für sich und ihre Familien, Menschen, die Lust darauf haben, selbst zu denken. Ich frage mich, ich hoffe, ich bange, ob wir, diese Menschen, eine Chance haben gegen die, die die Macht haben, und somit die gesellschaftlichen Normen, die wir in Frage stellen, gegen uns durchsetzen könnten, oder ob wir ein solches großes Fragen und Nachdenken in Gang setzen können, dass sich etwas grundlegend bewegt. 

Das erste Ziel ist, dass Bizim Bakkal bleibt. Wenn Bizim Bakkal bleibt, gibt es sehr viel Hoffnung, dass wir etwas ändern können. #bizimkiez ist das neue Motto, das hashtag, ihr könnt die Bizim- Kiez-Bewegung damit auf Facebook und Twitter finden, so wie bizim bakkal unser Laden heißt, heißt bizim kiez unser Kiez. Heute schrieb ein Kommentator auf Facebook folgendes und das finde ich, ist ein gutes Schlusswort für meinen sehr langen Text: „…dass die Gesellschaft etwas zu gewinnen hat – dass die Veränderung bei der Gesetzgebung stattfinden muss – schnell – genauso schnell, wie die Gesetze liberalisiert wurden. Es ist nicht nur das Private politisch – es ist auch das Politische privat – Gesetze sind für Menschen da – nicht für das Geld, nicht für Investoren – sie müssen uns schützen – wir brauchen einen sozialen Denk x Schutz!!!“

© Susanne Becker

Danke an ©Ralf Holzem für die tollen Fotos, die ich benutzen durfte!

Und hier noch ein paar Links zu Artikeln und Pressearbeiten, die bereits erschienen sind:
Die Bildzeitung war da,
ein anderer sehr schöner Blogartikel von Gloria Biberger und eins, zwei, drei tolle Blogartikel von Ralf Holzem 

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