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Posts mit dem Label "Berlin" werden angezeigt.

Corona Tagebuch (27)

Heute einen Spaziergang mit der älteren Tochter, zur Halbinsel Stralau. Wir sind am Ufer entlang gelaufen und haben auf all die verglasten Balkone und Terrassen geschaut, die dort in den letzten Jahren entstanden sind, Wasserblick, und entschieden, dass wir dort nicht wohnen wollten.  Es hat doch etwas gewollt modernes, das in der Konsequenz extrem spießig ist. Wobei ich, also, würde mir jemand so eine Wohnung schenken, ich wäre bereit, mich auf eine Testwohnphase dort einzulassen. Man fühlt sich bestimmt ein bisschen wie in Hamburg. Wir sprachen über die Auswirkungen des Lock Downs. Wir fragten uns, ob die wirtschaftlichen Folgen jemals behoben werden können. Der IWF rechnet mit der größten Wirtschaftskrise seit 1929. Das hat immer den Beigeschmack von: und wir wissen ja, wohin die uns geführt hat. Wir fürchten, dass uns diese von Corona eingeläutete Phase (nein, eigentlich wurde sie für mich mit Trumps Wahl im November 2016 eingeläutet, seitdem habe ich das Gefühl, es geht berg...

Corona Tagebuch (23)

"Everything changes." Suzuki Roshi Heute im Wald. Eine Stunde an einem Baum gelehnt, in der Sonne, bis mein Gesicht glühte und endlich mit meiner Tante telefoniert. Wenn man gegen 11 Uhr in den Wald geht, ist er noch nicht so voll. So bevölkert wie in den letzten Wochen habe ich den Wald, glaube ich,  noch nie erlebt. Ich gehe seit Jahren regelmäßig dort spazieren. Oft bin ich fast allein in manchen Ecken. Jetzt gibt es kaum eine Ecke, wo nicht irgendjemand sich häuslich eingerichtet hat. Dies wird vermutlich als Jahr in die Annalen gehen, in dem die Berliner mehr als je zuvor an der frischen Luft waren. im Wald Ich traf eine Studentin unseres Seminars und ihren Bruder. Wir hielten gebührend Abstand voneinander und unterhielten uns kurz. Plötzlich kamen uns zwei Männer entgegen und der eine sagte: "Ich gehe jetzt auf keinen Fall zwischen Ihnen durch. Das ist mir viel zu gefährlich." Er brachte dies nicht sehr freundlich vor. Offensichtlich sah er u...

Corona Tagebuch (20)

Ich lese gerade Was nie geschehen ist von Nadja Spiegelman. Was für ein Buch!! Eine Mutter-Tochter-Geschichte, die zwischen New York und Paris spielt und von der Art Direktorin des New Yorker handelt. Francoise Mouly ist die Mutter der Autorin und hatte zu ihrer eigenen Mutter und ihren Schwestern ein sehr schwieriges Verhältnis. Dieses Buch handelt von der Familie der Mutter, ihren Erinnerungen an das Familienleben und generell davon, wie wir erinnern. Wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen? Und ist es nicht so, dass jede und jeder in einer Familie eine etwas andere Vergangenheit erinnern? Dennoch machen uns diese Erinnerungen zu der Person, die wir sind. Sie können uns einander erklären. Ich verschlinge das Buch gerade regelrecht. Natürlich denke ich dabei auch sehr viel an meine eigene Mutter und manchmal verstehe ich plötzlich etwas, oder erinnere etwas, das ich bislang scheinbar vergessen hatte. Ich bereue es, wie wenig ich sie gefragt habe. Allerdings konnte man mit meiner M...

Corona Tagebuch (8)

Was war heute? Heute war die Wirklichkeit in Realität ganz anders. ein kleiner geschlossener Laden am Weichselplatz, Neukölln In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders Ein Spaziergang mit der jüngeren Tochter. Es war kalt. Die Bäume blühen so schön. Es war stürmisch, der Himmel riss auf und die Sonne begann ein wenig zu wärmen. Am Kanal war es relativ leer. Aber wir sind bis nach Neukölln gelaufen und ich möchte sagen: Social Distancing auf der Sonnenallee in Neukölln ist eine Herausforderung. Viele Menschen mit Gesichtsmasken unterwegs. Treptow, Coronazeit Beim Einkauf im kleinen Rewe auf der Ecke wird darauf geachtet, dass nur noch fünf Kunden gleichzeitig im Laden sind und Abstand halten. Ich kenne die Leute dort seit immer, seitdem meine älteste Tochter ein Baby war, und das ist 20 Jahre her. Also bleibe ich kurz 2 Meter entfernt von ihr stehen, um mit der Besitzerin ein paar freundliche Worte zu wechseln. Ein anderer Kunde schubst mich fast beiseite und knurrt ...

Corona Tagebuch (4)

Heute habe ich zum ersten Mal richtig Angst bekommen. Um die psychische Gesundheit meiner Kinder und von Freunden und Bekannten, deren gesamtes Leben gerade weg bricht. Und ich fragte mich, ob es auch jemanden gibt, der sich darüber Gedanken macht. Was es für Kinder bedeutet, wenn sie nicht mehr raus dürfen, wenn sie keine Sonne bekommen, keine frische Luft, keine Bewegung. Auch was dies für Erwachsene bedeutet. Quarantäne in einem Haus auf dem Land mit Garten ist eine Sache. Aber Quarantäne in einer Stadtwohnung, das ist etwas völlig anderes. Noch dürfen wir ja hinaus. Heute war ich vollkommen unvernünftig. Ich bin mit meiner Tochter zum Friseur gegangen. Es ist ein sehr großer Raum und wir waren die einzigen Kunden. Da es ein japanischer Friseur ist, bekamen wir ein heißes Handtuch in den Nacken gelegt und eine Kopfmassage bei der Haarwäsche. Es war der einzige Moment des Tages, an dem ich wirklich entspannt war. Mein Haar ist fluffig und frisch und danach haben wir in einem vollko...

Corona Tagebuch (2)

15. März Heute wieder im Wald gewesen. Zwei Stunden. Überall am Boden Bärlauch. Ich wünschte, ich könnte hier diesen würzigen Geruch widergeben. Die Farbe: grün. Also GRÜN. Nach dem Winter, der wegen Corona im Grunde nicht zuende ist, also gefühlsmäßig, ist dieses Grün ein ziemlicher Hammer. Genau wie das Blau des Himmels. Obwohl so viel Unsicherheit, soviel Ängste in der Luft sind, haben mich diese Farben glücklich gemacht.  Bärlauch Plantage, Plänterwald Es waren sehr viele Menschen im Wald. So als ob alle nochmal raus wollen, bevor auch das, siehe Spanien und Italien, womöglich bald verboten ist. Eine Instagrambekannte von mir nannte es: Hamsterspaziergänge.  Die meisten Besucher im Wald taten eines von drei Dingen. 1. Sie erklärten am Telefon jemandem, was genau es mit dem Coronavirus auf sich hat. Meine Erkenntnis: Ein großer Teil der deutschen Spezialisten zu dem Thema läuft unter Umständen am Sonntag im Plänterwald in Treptow herum.   2. Bärlauch e...

Arbeiten im Café

Heute hatten wir ein Gespräch am Frühstückstisch, der Mann, Miss Lilly und ich, über Arbeiten in Cafés, über Gastronomie generell und wie wenig ich mich für einen Job als Kellnerin im einzelnen eigne. Man kann dort ungestraft von absoluter Unterbegabung sprechen und dem Mangel jeglichen Ehrgeizes, daran etwas zu ändern. Das durfte ich hautnah feststellen, als ich einmal in einem Café gearbeitet habe. "Du hast mal in einem Café gearbeitet?!?! Warum weiß ich davon nichts!?!?!" exklamierte Miss Lilly voller Entrüstung und ich sagte, dass es lange vor ihrer Zeit gewesen sei und der eine, intensivste Stammkunde wohne mittlerweile lustigerweise hier, in unserem Kiez. (Der Mann darauf: "Ja, manche Menschen begleiten einen ein Leben lang." Ich : "Du meinst wohl verfolgen!" Miss Lilly: "Hat er rote Haare?" Ich: "Nein." Miss Lilly: "Dann weiß ich nicht, wer es ist.") Manchmal begegne ich ihm bei Rewe oder vorm KöfteBurger und er wirkt j...

Common Ground - Theater im Maxim Gorki

Vor zwei Tagen war ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit noch einmal in einem Theater. Meine Freundin hatte eine Karte übrig, und fragte, ob ich mit ihr das Stück Common Ground anschauen wolle, im Maxim Gorki . Ich fragte: Ist es gut? Sie schaute mich, das tut sie übrigens recht häufig, an, als hätte ich eine Klatsche und wäre generell aus der Familie der vollkommen Ahnungslosen, und sagte: Ist es gut? Ist es gut? Es ist phantastisch!!!!! Ich: Muss man als Zuschauer irgendwann auf die Bühne oder sonstwie proaktiv mit machen? - weil ich ihr das einfach zutrauen würde, dass sie mich in sowas schleppt. Sie: Ja, aber nur nackt und nur, wenn man über 50 und weiblich ist. Ich: Haha, o.k., ich komme mit! Fünf Ex-Jugoslawen (zwei Bosnierinnen, drei Serben), eine Israelin, ein Deutscher, der blau weiße Badelatschen trägt, was total witzig ist, auch wenn es sich wie ein Klischee anhören könnte, ist es einfach so, dass Niels (so sein Name) keine anderen Schuhe tragen sollte, ohne jede Gl...

#bizimkiez - Solilesung, zum Beispiel für die Äpfel

Als ich begann, mich bei Bizim Kiez zu engagieren, was in dem Moment geschah, als meine Lieblingsbuchhändlerin mir erzählte, dass der Laden Bizim Bakkal die Kündigung erhalten habe, ging ich zu den Treffen und sammelte Unterschriften und immer wieder fragte ich mich, was ich sonst tun könne. Denn es geht ja nicht um den Laden, sondern um etwas Größeres. Es geht um Selbstbestimmung im Bereich unseres Zuhauses, das wir nicht besitzen, sondern nur mieten, das uns also, so lehrt uns der Fall Bizim Bakkal und viele viele andere vor ihm, jederzeit und willkürlich unterm Hintern weg gerissen werden kann, aus purer Freude an der Geldvermehrung, weil es manchen Menschen Spaß macht, aus Geld mehr Geld und immer mehr Geld zu machen, egal, was der Kollateralschaden davon ist. Da die Politik den Kapitalismus auf diesem Gebiet von der Leine gelassen hat, anstatt die Lebensräume der Bürger zu beschützen, toben sich die Investoren schon seit langem in unseren Innenstädten aus. Das Resultat ist, dass ...

#bizimkiez heißt "unser Kiez" - Wir bleiben!

Eine Familie betreibt 28 Jahre lang einen Laden, der Existenzgrundlage für mehrere Generationen ist. Diese Familie ist in ihrer Nachbarschaft unglaublich beliebt. Ich bin mir der Kitschigkeit der Wortwahl bewusst, aber in diesem Fall trifft sie die Wahrheit. Diese Familie ist ein Teil des Seelenlebens dieser Nachbarschaft, die wir ja in Berlin Kiez nennen In diesem Fall #Wrangelkiez. Bannerherstellung, bringt Bettücher, holt Euch Banner in dem Lotto Toto schräg gegenüber von Bizim Bakkal Das Haus, in dem sich der Laden der Familie befindet, wird verkauft. Der Käufer möchte das Haus, in dem es auch Wohnungen gibt, vollkommen leer haben, Achtung, ich werde wieder kitschig: entseelt, um es dann sanieren und jede einzelne Einheit für einen guten Preis verkaufen zu können. Die Mieter in den Wohnungen bekommen Geld geboten, damit sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ausziehen. Bei der Familie, die den Laden gemietet hat, muss er sich nicht derart aus dem Fenster hängen. Denn die r...