Berlin

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Mittwoch, 16. März 2016

Common Ground - Theater im Maxim Gorki

Vor zwei Tagen war ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit noch einmal in einem Theater. Meine Freundin hatte eine Karte übrig, und fragte, ob ich mit ihr das Stück Common Ground anschauen wolle, im Maxim Gorki. Ich fragte: Ist es gut? Sie schaute mich, das tut sie übrigens recht häufig, an, als hätte ich eine Klatsche und wäre generell aus der Familie der vollkommen Ahnungslosen, und sagte: Ist es gut? Ist es gut? Es ist phantastisch!!!!!
Ich: Muss man als Zuschauer irgendwann auf die Bühne oder sonstwie proaktiv mit machen? - weil ich ihr das einfach zutrauen würde, dass sie mich in sowas schleppt.
Sie: Ja, aber nur nackt und nur, wenn man über 50 und weiblich ist.
Ich: Haha, o.k., ich komme mit!

Fünf Ex-Jugoslawen (zwei Bosnierinnen, drei Serben), eine Israelin, ein Deutscher, der blau weiße Badelatschen trägt, was total witzig ist, auch wenn es sich wie ein Klischee anhören könnte, ist es einfach so, dass Niels (so sein Name) keine anderen Schuhe tragen sollte, ohne jede Glaubwürdigkeit als Deutscher einzubüßen. Dass er zum Schluss andeutet, der verschwundene Vater von Jasmina könne eventuell von Aliens abtransportiert worden sein, rundet das Bild ab. "Sie sind noch nicht reif für diese Sicht der Dinge."
Die Jugoslawen kommen aus verschiedenen Gegenden Ex-Jugoslawiens, vier sind als Kinder vor dem Krieg nach Deutschland geflohen, die fünfte, Vernesa, war damals schon Anfang 20. Jeder der fünf lebt mittlerweile in Berlin, ist sozusagen integriert,  hat eine eigene Geschichte. Jede Geschichte ist mit dem vergangenen Krieg aufs engste verknüpft. Wie kann man einen gemeinsamen Boden finden, wenn dein Vater möglicherweise am Mord meines Vaters beteiligt gewesen sein könnte? Wie kann man Frieden finden, wenn zig Frauen, die du kennst, möglicherweise auch du selbst, du sagst es aber nicht, massenweise vergewaltigt worden sind, als Mittel der Kriegsführung. Wie kann angesichts grenzenloser Grausamkeit Leben weiter gehen. Kann es weiter gehen?

Yael Ronen, die israelische Regisseurin, bringt diese Schauspieler zusammen auf die Bühne, wo sie, wie in einem sicheren Raum, ihre Vergangenheiten, ihre Gefühle erkunden. Dabei ist die Israelische Schauspielerin Orit (eine Art Alter Ego der Regisseurin). Sie fungiert wie eine Gruppentherapeutin/Regisseurin, die den Prozess der Suche nach einer gemeinsamen Basis begleitet, dabei aber nie aus ihrer eigenen Befindlichkeit als Israelin heraus kommt. Denn, wie sie es selbst so schön am Anfang sagt: Wenn man Israelin ist, glaubt einem jeder, dass man sich mit Konflikten auskennt. Daraus habe ich eine Geschäftsidee entwickelt.
Der Deutsche Niels ist ebenfalls mit von der Partie, als Vertreter des Landes, in dem sich die Begegnung abspielt, aber auch, hey, weil da endlich mal KZs auf europäischem Boden waren und wir Deutschen haben sie nicht gebaut.  Danke! Niels bringt solche Sprüche (zu Orit: wieso sprichst Du Englisch, wenn Du hier was machen willst, lern erstmal Deutsch), aber auch eine Perspektive in das weit offene, emotionale Stück, die jedem, aber vor allem auch dem Publikum, dem sehr viel gezeigt (ja, vermutlich auch zugemutet wird, denn mit steifer Verschlossenheit sitzt man ganz schön verkrampft im Theaterraum, während, wenn man es schafft, sich den ganzen Emotionen zu öffnen, man den Saal wie nach einer Art Katharsis verlässt), also Niels bringt mit seinen teils egomanischen, teils unangebrachten, teils hilflosen Kommentaren, zum einen uns, das deutsche Publikum auf die Bühne, zum anderen hilft es einem immer wieder, sich aus dem emotionalen Knoten frei zu lachen. Schwarzer Humor ist anwesend. Ich lese, dass die Regisseuring Yael Ronen unter anderem dafür bekannt ist und nehme mir vor, ab jetzt alle ihre Stücke zu schauen. Ich bin jetzt ihr neuer Fan. Ich bin eigentlich ab der ersten Minute des Stücks auch ein neugeborener Theaterfan. Bei diesem Ensemble, ganz ehrlich, hätte man mich sogar auf die Bühne schleifen können, ich hätts gut gefunden
Ich glaube, Niels ist noch aus einem anderen Grund auf der Bühne: Weil es nämlich bei diesem Stück auch darum geht, welchen gemeinsam Grund wir Deutschen mit all jenen haben, die vorm Krieg aus ihrem Land in unser Land fliehen, traumatisiert hier ankommen, während wir, die Generation Niels', unser nationales Trauma schon ziemlich weit hinter uns lassen durften.
Das Theaterstück als eine Art Gruppentherapieprozess, um den gemeinsamen Grund zu finden, auf dem die fünf Jugoslawen stehen, auch den gemeinsamen Grund, auf dem wir entweder alle stehen, alle Menschen, oder den wir gerade unter den Füßen verlieren. Im Angesicht der Flüchtlingskrise ist ein Stück über Menschen, die vor zwanzig Jahren hierher geflohen sind, vor einem Krieg, der ihr Land zerstört hat, die immer noch an der Vergangenheit, vor der sie als Kinder fliehen mussten, fast unerträglich aktuell leiden, kaum auszuhalten. Immer wieder ging es mir so, dass ich dachte: In zwanzig Jahren schauen wir dann wieder ein Stück und das handelt von den Syrern, oder was? Von denen, die es noch rein geschafft haben ins sichere Europa und von denen, die jetzt draußen stehen und verrecken?
Beim Zuhören der Kindergeschichten der beiden Mädchen Jasmina und Mateja, die mir einen Kloß in den Hals trieben, musste ich immer wieder an all die Kinder denken, die jetzt zum Beispiel im Schlamm von Idomeni spielen. Heute las ich irgendwo, dass 306tausend syrische Kinder bislang als Flüchtlinge geboren wurden.

Der Balkankrieg wurde auf die Bühne gebracht, für mich war er von Anfang an exemplarisch. Auch und natürlich gerade für mich als Deutsche.
Vernesa, die es noch sehr lange in Sarajevo gehalten hatte, hatte sich dann doch zur Flucht entschieden. An einem Checkpoint wurde sie festgehalten. Sie konnte aufgrund der Uniformen nicht erkennen, von welcher Seite die sie befragenden Soldaten waren und was also die richtige Antwort auf die Frage: Was bist du? war. Sie hatte dann einen Geistesblitz und sagte: Ich bin Jüdin.
Sie wurde anstandslos durchgewunken und kommentierte dies mit den Worten: "Das war vermutlich das einzige Mal im Europa des 20. Jahrhunderts, dass die Tatsache, dass jemand gesagt hat, sie sei Jüdin, ihr das Leben gerettet hat."
Kann es nach Massenvergewaltigungen, nach Massenmorden, noch so etwas wie Versöhnung, wie Freundschaft, wie Liebe geben? Was ist der gemeinsame Grund, auf dem man steht? Der einen trägt?

Die Theatergruppe unternimmt eine gemeinsame Reise nach Bosnien. Diese Reise hat, davon gehe ich aus, tatsächlich stattgefunden. Während des ganzen Stücks, die "Darstellung" war so authentisch, ging ich auch davon aus, die wahren Geschichten der Protagonisten zu erleben. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob wirklich alles autobiografisch im strengen Sinne war. Aber das ist ja auch egal. Manche Geschichten hat man in sich, ohne sie selbst ganz genau so erlebt zu haben.
Es werden Bilder an die Rückwand der Bühne geworfen von dieser Reise.
Die Schilderung dieser Reise füllt die zweite Hälfte des Theaterstücks. Sie besuchen das ehemalige KZ, in welchem Matejas Vater gearbeitet hat, in welchem vermutlich Jasminas Vater "verschwunden" ist. Es befindet sich auf dem Gebiet der Republika Srpska, einer mehrheitlich serbisch bewohnten Enklave im heutigen Bosnien-Herzegowina. Es gibt keinen Gedenkstein für das KZ, aber für die serbischen Helden. Im ehemaligen Foltergebäude des KZs ist wieder, wie vor dem Krieg, eine Schule untergebracht.
Sie besuchen gemeinsam Sarajevo und wohnen im berühmten Holiday Inn. In Sarajevo bringt Vernesa sie mit einer Frau zusammen, die Insassin eines Vergewaltigungslagers war (gibt es dieses Wort eigentlich?) und die ihr Leben damit verbringt, die Verbrechen, die an den Frauen geschehen sind, öffentlich zu machen. Sie hat gegen einen ihrer Vergewaltiger beim UN-Kriegsverbrechtertribunal in Den Haag ausgesagt. Die Stelle, wo im Hintergrund immer nur der Mund dieser ketterauchenden Frau auf einem Film zu sehen ist und Vernesa und die anderen, vor allem der Serbe Dejan, erzählen, was sie sagte, und wie es für ihn gewesen ist, dass er alles übersetzen musste, da bleibt einem auch als Zuschauer der Atem stehen und nach einer Weile merke ich, dass mir meine Hände weh tun, weil ich sie im Schoß total verkrampft ineinander verknotet habe.
Der Serbe Alexander schließlich, der kurz vor der Abreise, endlich, möchte man sagen, ausrastet, der bis dahin seine so offensichtlich angestauten, tiefdunklen Gefühle über die Bühne und bis in den Zuschauerraum hinein verströmte, brüllt uns entgegen, wie es ist, ein Serbe zu sein, immer schuldig, immer das Schwein, aber in Sicherheit, während die UN-Truppen deine Familie in Serbien zerbomben, am studieren, während deine Familie zerbombt wird, am einkaufen während deine Familie zerbombt wird, im Urlaub während deine Familie zerbombt wird, und du darfst deswegen noch nicht mal entrüstet sein, dass sie zerbombt werden, weil sie die Bösen sind. An irgendeiner Stelle sagt er, wie gerne er ein Opfer wäre, nicht auf der Seite der Täter stünde, damit er legitime Gefühle haben kann. Das ist ein Ressentiment, das ich als Deutsche sehr gut nachempfinden kann.

Das Stück jagt die Darsteller und die Zuschauer durch einen emotionalen Marathon. Beim Schlussapplaus ist man glücklich. Man hat das Gefühl, dem Menschsein nahe gekommen zu sein, eine Katharsis nicht nur mit erlebt, sondern auch irgendwie erfahren zu haben. Man hat tatsächlich das Gefühl, irgendwie durch den Mut des Ensembles und durch die Größe des Stücks den Common Ground betreten zu haben. Man hat gespürt, wie beflügelnd er ist, dieser gemeinsame Boden. Das war so ein Moment in diesem Theater, wo ich wieder einmal merkte, wie sehr gute Kunst eine Notwendigkeit ist, weil sie uns das Leben zu begreifen hilft.

Dieses Stück war ein wunderbares Erlebnis. Es wird am 14. April noch einmal aufgeführt und ich kann es jedem nur von ganzem Herzen empfehlen.
Vielleicht schaue ich es mir selbst auch noch einmal an.

© Susanne Becker


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