Berlin

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Freitag, 29. Juli 2016

Buch der Woche - Wider die Natur von Tomas Espedal

"Er blies seine Trompete, und mich traf der Gedanke, wie falsch ich lebte, so schwach und feige, so still und vorsichtig; ich wollte werden wie dieser Mann mit Hut und Poncho, ich wollte ein aufrichtiger, kompromissloser Mensch werden, ich wollte so schreiben, wie er sang, ich wollte ein schwieriger, ehrlicher Mann sein."

In seinem Buch Wider die Natur berichtet Tomas Espedal von der Beziehung eines älteren Mannes, eines Mannes von 48 Jahren, mit einer jungen Frau, einer Frau von Anfang 20. In der Öffentlichkeit werden die beiden nicht selten für Vater und Tochter gehalten. Sie schämen sich, in der Öffentlichkeit zu sein, wegen des Altersunterschiedes, der wider die Natur zu sein scheint. Sie ziehen sich in ihr Haus zurück. Dort ist der Mann, aus dessen alleiniger Sicht alles geschrieben wird, so glücklich wie noch nie zuvor. Er liebt, wie noch nie zuvor.
ImageNach sechs Jahren verlässt die junge Frau ihn. Für sie ist es die erste wirkliche Beziehung und sie möchte jetzt mehr erleben, all das erleben, was er bereits erlebt hat.
Der Mann, der Ich-Erzähler Tomas Espedal, zieht sich in den Keller des Hauses zurück und füllt Notizbücher. In diesen schreibt er über die Beziehung, aber auch über vergangene Beziehungen, über die großen Lieben seines Lebens.

"Jedes Mal, wenn ich "meine" schreibe, muss ich daran denken, wie wenig uns wirklich gehört; nichts gehört uns. Unsere Kinder nicht, unsere Eltern nicht, unsere eigene Geschichte nicht, auch unsere Kindheit und Jugend nicht oder unsere Freunde und Freundinnen, die Liebsten nicht; nichts gehört uns."

Espedal ist ein sehr guter Freund von Karl-Ove Knausgard, ebenfalls Norweger und die beiden Schreibprojekte ähneln sich, zumindest in ihrer anfänglichen Ausrichtung: so ehrlich und schonungslos wie möglich über sich selbst zu schreiben.
Für mich persönlich endet dort bereits die Parallele. Denn beide sind so unterschiedlich in dem, was sie schreiben und wie sie es schreiben, dass ich niemals das Gefühl hatte, sie überhaupt vergleichen zu wollen. Ich könnte nicht sagen, wer von beiden mir besser gefällt. Ich mag, ich mochte beide. Vor allem aber mag ich diese Ausrichtung. Sie hat für mich beinahe ein neues  Literaturgenre in meinen Lesehorizont eingeführt. Bücher von Männern, die schonungslos ihre eigene Alltäglichkeit auf eine Weise zu Papier bringen, die nicht langweilig ist, nicht eine Seite lang.
Schonungslose Offenheit – es geht eigentlich nur noch um die Wahrheit und die Stille, möglichst ohne Absicht, sich selbst zu produzieren, zum Ausdruck zu bringen. Freie Assoziationen, ein Eindringen in eine unglaubliche Tiefe, sowohl emotional, als auch intellektuell, als auch, obwohl darauf überhaupt nicht herum gepocht wird, spirituell. Für mich waren zum Beispiel die Bücher von Knausgard unter anderem auch mit die spirituellsten Bücher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Mir fällt in dieser Reihe immer wieder auch Navid Kermani ein, der mit Dein Name eine Chronik verfasst hat, die Knausgards und Espedals Unterfangen auf die Spitze treibt, in dem dort wirklich alles aufgeschrieben wird. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit Kermani auch Dinge erfunden hat. Aber seine Chronik des Alltäglichen war eine Chronik des Heiligen, Kochen, Kinderwagen schieben, schreiben, lieben, verschmäht werden, Tote nicht vergessen, verschmähen, das Herz gebrochen haben, ein Herz brechen, sich erbrechen, trinken, essen, im Internet flirten...alles gehört hinein und wird zur Poesie, zum Heiligen.
Was für mich diese Autoren ausmacht, was sie für mich so überaus empfehlenswert und lesenswert macht, ist dieses immer wieder aufs Neue ausgehen von dem leersten aller möglichen leeren Blätter, dem Ausgehen von der leersten aller möglichen Stillen im eigenen Inneren, der stillsten aller stillen Stellen im eigenen Sein, der puren Subjektivität, und sich von dort Heraustasten, herausschreiben an eine mögliche Bedeutung, die nicht konstruiert wird, sondern heraus geholt wird aus dem kompromisslosen Schreibzustand, der Einsamkeit, dem auf sich selbst zurück geworfen sein. Diese Wahrheit, die vielleicht für einen, der sie liest, auch eine Bedeutung haben könnte, eine Wahrheit, die für einen ganz kurzen, für einen wunderbaren Moment aufflackert wie ein sehr helles Licht und bei allen Büchern dieses Genres das Subjektive zum Objektiven macht. 
Wenn ich ehrlich bin, macht mich diese Art zu schreiben süchtig und auch glücklich. Ich bin unendlich glücklich für jedes weitere Buch von Espedal, das mir noch bevor steht. 

"Nein, das Glück kommt jäh und unerwartet, es ist eine ganz selbständige, unabhängige Größe, es tritt ein ohne Vorboten, wie ein Naturereignis, ein Regenbogen, eine Sternschnuppe, ein Blitzschlag oder ein Feuer, furchteinflößend und schön; auch das Glück wirft alles über den Haufen."

Aber auch glücklich für jedes weitere Buch dieser Ausrichtung von jedem anderen Autor. (Vor Glück tanzen könnte ich, weil ich noch 3!!! Knausgards ungelesen vor mir habe).  Gerade bin ich auf der Suche nach weiblichen Autorinnen, die für mich in diese Richtung schreiben und mir fiel sofort Jenny Offil ein, Dept. of Speculation
Wenn Ihr weitere Tipps habt, immer her damit.


(c) Susanne Becker

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