Berlin

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Sonntag, 24. Juli 2016

Buch der Woche - Unterleuten von Juli Zeh

"Unterleuten war ein Instrument, auf dem ein Virtuose jede beliebige Melodie erzeugen konnte."

Unterleuten ist in gewisser Weise ein Gesellschaftsroman. Er greift viele Themen der Gegenwart in der für Juli Zeh typischen, präzisen Erzählweise auf. Kaum eine beherrscht ihr Handwerk so gut wie sie. Das macht es einem leicht, ihre Bücher zu lesen, sie sind, wie eine Kritikerin vermerkte: Pageturner.
Manchmal aber sind sie mir persönlich auch zu konstruiert, erinnern an amerikanische Schreibratgeber und Diagramme, die den Verlauf einer gelungenen Geschichte verdeutlichen. Es fehlen mir die Abgründe, die Unwägbarkeiten, es fehlt mir die Poesie des Menschseins.
Aber obwohl diese Kritik für mich auch bei Unterleuten zutrifft, ist es ein Buch, das ich gerne gelesen habe, vor allem bis zur Mitte habe ich es verschlungen, weil es intelligent ist und sehr gut geschrieben. Jeder Satz führt unvermeidlich zum nächsten, jedes Kapitel dient der Handlung in beinahe perfekter Weise. Als Leserin geht man nicht eine Zeile verloren. Man wird mit sicherer Hand durch die Handlung geführt. Dass diese Handlung in Brandenburg angesiedelt ist, in einem Dorf, das mich an jeder Ecke an das Dorf erinnert, in dem ich meinen Garten habe, macht die Freude an dem Buch noch größer. Persönlicher Bezug ist ja nie verkehrt, wenn man liest, also zumindest bei mir nicht.

"Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählen."

Unterleuten ist ein Buch über die permanenten Missverständnisse, die es zwischen Menschen gibt. Es zeigt, wie oft genug diese Missverständnisse es sind, die ganze Existenzen formen, unter Umständen gar der Sinnlosigkeit entreißen, ganze Lebenszusammenhänge, alles basiert auf Geschichten, die man sich selbst über andere erzählt, die aber nichts mit der Realität zu tun haben müssen und doch glauben wir sie, als wären sie wahr. Diese Geschichten und das daraus resultierende Verhalten kreiert einen großen Teil der menschlichen Realität. Sie sind wie eine Metaebene, auf der wir alle leben, verstrickt in unsere Missverständnisse über uns selbst und andere, weit entfernt von dem entfernt, was sein könnte, wenn die Menschen nicht beständig ihre innere Leere mit Vermutungen füllen würden.

"In den 61 Jahren ihres Lebens und vor allem in den zwei Jahrzehnten seit Püppis Auszug hatte Elena gelernt, dass die wahre Geißel des Menschen Langeweile hieß. Langeweile verdarb den Charakter. Sie weckte die Sehnsucht nach Skandalen und Katastrophen. Friedliche Menschen verwandelten sich in Schandmäuler, die anderen Böses wünschten, nur damit sie etwas zu besprechen hatten. Im Kampf gegen die Langeweile entschied sich, ob man als Teufel oder als Engel durchs Leben ging. Weil Elena dies verstand, hatte sie sich stets verboten, schlecht über Nachbarn zu reden, auch wenn es bedeutete, dass die Leute sie für hochnäsig hielten. Wenn man die Gerüchteküche mied, gab es an Gartenzäunen, Straßenecken oder Doppelkopftischen wenig zu verhandeln."

Menschen erzählen sich in ihren Köpfen und einander Geschichten über ihre Nachbarn, ihre Ehepartner, ihre Freunde, sogar über ihre Kinder und diese Geschichten werden zu Realitäten, weil man diesen Geschichten eher glaubt als nichts über andere zu wissen, ihnen offen und vorurteilslos entgegen zu treten. Dass Fremde sich gegenseitig falsch einschätzen, mag noch klar sein. Aber in Unterleuten erzählt Juli Zeh, wie sehr diese Interpretation des anderen, in die Irre geführt, auch in engsten Beziehungen durchaus den Ausschlag geben kann. Menschen stehen einander nahe und wissen nichts voneinander. Sie sind einander Projektionen der eigenen Befürchtungen und Befindlichkeiten. Dabei gehen sie aber davon aus, alles voneinander zu wissen, und auf dieser Annahme bauen sie ihr Leben, ihr gesamtes Verhalten auf. Unsere Leben basieren zu großen Teilen auf Vorurteilen. Da die meisten Menschen im Kern verletzt und unsicher sind und sich nach Anerkennung und Liebe sehnen, bestehen viele dieser Geschichten aus Unterstellungen von Übervorteilung, Betrug und Gemeinheit, natürlich auch aus Selbstgerechtigkeit. Wer sieht sich nicht gerne als Opfer und bezieht daraus entscheidende Teile seiner Identität? In Unterleuten wimmelt es von Menschen, die sich von anderen mies behandelt fühlen und dafür nach Rache streben.
Kron, der Kommunist, zündete Gombrowskis Heim an, als dieser ein Teenager war, weil die Eltern die Großgrundbesitzer waren, der Sozialismus begann, Kron glaubte, das Eigentum der Kapitalisten vernichten zu dürfen, weil eine neue Ordnung aufzog. Gombrowski, der nach der Wende die alte LPG und damit Arbeitsplätze fürs Dorf retten konnte, indem er sich sie, und somit den alten Familienbesitz, wieder aneignete, weshalb sich Kron als sein Opfer versteht und soweit geht, Gombrowski des Mordes zu bezichtigen. Zu Recht? Unterleuten ist beinahe auch ein Krimi. Der Tote wurde doch von einem Baum erschlagen, in einem Unwetter. Und ist Hilde, die Frau des Toten, wirklich Jahrzehntelang die Geliebte von Gombrowski gewesen? Ist ihre Tochter Betty, die bei Gombrowski arbeitet, auch seine Tochter?
Unterleuten ist ein Gesellschaftsroman, ein großer Wurf, geradlinig und schnörkellos erzählt. Kapitel für Kapitel werden wir durch dieses Dorf und seine Verstrickungen geführt und dieses Dorf ist ein Abbild der ganzen Welt. Mit der Sprache muss man sich nicht lange aufhalten. Sie ist in diesem Buch kein Selbstzweck, sondern exakt konstruiertes Fahrzeug zum Transport einer sehr präzise durchdachten Geschichte, eines Plots. Eine Geschichte über Beziehungen im Hier und Heute vor dem Hintergrund von Ost und West und alten sowie neuen Verstrickungen am Beispiel eines brandenburgischen Dorfes, in dem ein Windpark errichtet werden soll. Wer Brandenburg kennt, seine Windräder vor Landschaft, der weiß, wie nah Juli Zeh die Gegenwart ausgelotet hat. Wer Juli Zeh und ihre Klugheit, sowie ihr gesellschaftliches Engagement kennt, der weiß auch, wie wahr all dies sein könnte. Erfunden und doch wahr.

Das Personal besteht aus alteingesessenen Ossis und neu dazu gezogenen Wessis. Die Ossis teilen sich in ehemals regimetreu und regimekritisch auf,  so dass ohne die leiseste Ahnung der Wessis die jahrzehntealten Konflikte unterschwellig mit großer Heftigkeit schwelen. Die Zugezogenen, die diese Konflikte gar nicht verstehen können, die sowieso in Unterleuten sind, weil sie in irgendeiner Form das Paradies und absolute Ruhe jenseits des Leistungsdrucks der Stadt für sich suchen, teilen sich in Träumer und in eher kalkulierende Realisten, die in eben diesem Paradies verwirklichen wollen, was in der Stadt nicht möglich ist.
Schließlich gibt es noch Meiler, den Millionär aus Ingolstadt, der eher zufällig bei einer Versteigerung ein großes Stück Land bei Unterleuten erworben hat. Er hat keine Beziehung zum Ort und doch gehört ihm dort so einiges, welches er eventuell nutzen kann, um seinen drogenabhängigen Sohn in die Familie zurück zu holen.
Die Personen werden, das ist ein geschickter Erzählkniff, sowohl aus der eigenen Perspektive geschildert, als auch mit den Augen der anderen, so dass man ständig die Sichtweise der anderen auf eine Person und ihre Handlungen erfährt, und auch die wirklichen Motive und Gedanken. Dabei ist keine der Personen so sympathisch, dass man sich als Leser jemals ganz mit ihr identifizieren würde. Man muss sagen, dass Juli Zeh ihre Charaktere teilweise auch ein wenig vorführt. Keine kommt dabei so unsympathisch rüber, dass man mit Bestimmtheit sagen würde: so ein Schwein. Naja, vielleicht Gombrowski, der jahrelang Frau und Tochter verprügelt hat, der kommt dem schon sehr nahe, und doch schafft Zeh es, auch ihn aus so vielen Perspektiven zu zeigen, dass er einem eher leid tut. Was ich in einem solchen Zusammenhang auch ein wenig fatal fand.

"Eine Geschichte wird nicht klarer dadurch, dass viele Leute sie erzählen." Nach diesem Motto ist der Roman im Grunde aufgebaut. Alle Protagonisten sind auch Erzähler, beziehungsweise immer abwechselnd, Kapitel für Kapitel, berichtet ein auktorialer Erzähler immer wieder mit einem anderen der Protagonisten im Zentrum. So wird die Geschichte wie ein Puzzlestein zusammen gesetzt. Es entstehen Spannungsmomente, die einen weiterziehen.

Als ein Windpark auf dem Gebiet geplant wird, das zum Teil Meiler gehört, zu einem anderen Gombrowski, Kron und einer Wessipferdefrau namens Linda Franzen, formieren sich die Pro- und Contragruppen schnell, und die Konflikte treten in all ihrer Heftigkeit zutage. Denn ein Windpark kann nur errichtet werden, wenn das Grundstück groß genug ist. Einer muss daher verkaufen. Der Käufer wird reich werden.
Konflikte, die zu einem großen Teil auf den falschen Annahmen der Menschen übereinander basieren, fressen sich immer brutaler ins Sozialgefüge des Dorfes hinein.
So hat Unterleuten fast das Zeug zu einem groß angelegten Lustspiel, mit den ganzen Irrtümern und Verwirrungen, wenn nicht auch eine große Tragik und Ernsthaftigkeit all dem beiwohnen würde. Das Buch zeigt die Komplexität, aber auch die Einfachheit, ja Trivialität menschlicher Motive zu handeln, auch und gerade, wenn es darum geht, groß zu handeln. Eitelkeit, Beleidigtsein, Selbstgerechtigkeit formieren in diesem Roman einen nicht unerheblichen Teil der menschlichen Realität, und wer wagt es, dieser Sicht ernsthaft zu widersprechen?
Dennoch: Vielleicht ist dies der für mich größte Kritikpunkt an der Geschichte: dass Juli Zeh die Handlungsmotive relativ konsequent und fast ausnahmslos alle in diese Richtung schreibt. Das macht beim Lesen eine lange Weile Spaß, weil es unterhaltsam ist, aber ab der Hälfte etwa begann es, mich ein wenig zu nerven. Denn Menschen sind, bei aller Liebe, nicht so eindimensional. Sie sind nicht ständig so berechnend. Deshalb ist für mich der große Wurf, den so viele Rezensenten postulieren, nicht wirklich ganz gelungen. Unterleuten spiegelt uns ein bestimmtes Bild von Menschen zurück, welches relativ negativ, auch ein bisschen lächerlich und wie gesagt, sehr eindimensional bleibt. Es fehlen die Liebe, die Größe, die Tiefe des Menschen. Es stimmt, ich habe, trotz allem, was in den letzten Monaten geschieht, immer noch die rosarote Brille auf und glaube an etwas Großes in den Menschen, in jedem Menschen. Es ist mir in Juli Zehs Roman nicht begegnet. Dort gibt es Mittelmaß und sehr viel Mickrigkeit. Das hat mich irgendwann frustriert. Das Buch erinnerte mich zu weiten Teilen mehr an eine Karikatur als an einen wirklich großen Roman. Die Charakterisierungen der Protagonisten schrammen immer wieder nur sehr knapp am Klischee vorbei. Manchmal landen sie auch mitten darin und das Ende ist sowieso Klischee, wie in der Schreibschule vorgegeben, war es für mich der schwächste Teil des ganzen Buches. Alle Enden noch schnell verknoten, damit keines im Leeren baumelt. So gerne ich, bei aller Kritik, Unterleuten gelesen habe, weil es spannend, unterhaltsam und leicht zu lesen ist, weil es sich wunderbar als Ferien- und Urlaubslektüre zum Wegschlürfen eignet. Es kommt nicht an Juli Zehs Meisterwerke Spieltrieb und Adler und Engel heran und es erfüllt nicht die Kriterien, die ich an einen großen Wurf lege.

Ein großer Dank dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker

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