Berlin

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Mittwoch, 20. September 2017

Buch der Woche - Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke

„Ich mußte nach Hause in die Bucht, ohne meine Anwesenheit da, all das Jahr durch, verlöre das Buch seinen Ort und seinen Grund.“

Ein Buch wie eine Meditation.
Ein Schriftsteller schreibt über sieben Freunde, darunter sein Sohn, alle in irgendeiner Form auf Reisen. Er schreibt über die Frau, die er liebt, mit der er lebt, mit der er den Sohn hat und doch verlassen sie sich immer wieder, kann er das Leben mit einem Alltag kaum ertragen, denn alles ist eigentlich auf diese Meditation, die sein Schreiben ist, ausgerichtet. Alles andere stört den Fluß und die Konzentration.
Er lebt in einem alten Haus in der Nähe von Paris, absichtlich in einer klaren Entfernung zu dieser hektischen, auch wichtigtuerischen Metropole, in welcher das Wesentliche unter Hyperaktivitäten vieler Art verschüttet ist.
Aus diesem Haus und seinem Garten heraus unternimmt er tägliche Spaziergänge, im Grunde Wanderungen in die Umgebung.
Wer beginnt, dieses Buch zu lesen, wird sehr schnell in die Umhüllung der Worte gezogen, die Handkes Schreibkunst Seite um Seite entrollt. Ein säuselndes Beschreiben der Welt, die aus dem Haus besteht, seinem Garten, der Umgebung, der Häuser, der Bäume, der Tiere, der Freunde….
In seiner langsamen Genauigkeit konzentriert sich Handke darauf, das Wesentliche zu finden, welches dem alltäglichen Leben da draußen diametral entgegensteht und ihm doch an jeder Stelle eingewoben ist wie ein unsichtbarer Faden.
Der Schreiber beschreibt sein Jahr in der Niemandsbucht, in dieser Landbucht außerhalb von Paris, die niemand kennt, die niemandem etwas bedeutet, wo außer ihm und den Alteingesessenen, die wirklich zum größten Teil alt sind, älter als er, niemand hin möchte. Selten nur verirrt sich ein Fremder dorthin. Selten nur besucht ihn ein Freund.
Dieses Jahr in der Niemandsbucht ist wie ein weißes Blatt, das er mit seinem Leben, behutsam, Tag für Tag, füllen (beschreiben) kann. Behutsam denn, es sollte nichts hinein gelassen werden, das nicht wesentlich ist. Wesentlich ist die Verwandlung, die geschieht, die unvermeidlich geschehen muss, wenn man so hochkonzentriert bei der Sache bleibt.
„Jede Epoche meines Lebens wurde bestimmt von dem täglichen Hin und Her zwischen Ausweglosigkeit und seelenruhigem Weitermachen. Weder vorher noch nachher habe ich je Stunden einer solch vollkommenen Ruhe erlebt. Und indem die Tage andauerten und ich, ob panisch oder seelenruhig, bei der Sache blieb, erschien mit der Zeit immer kräftiger an der Stelle des zwischendurch mich weiterwürgenden „Ende“ das Ding Verwandlung.“
Dass man das Wesentliche im Leben nicht durch irgendwelches Tun finden kann, sondern nur durch Lassen – indem man zum Beispiel an seinem Ort in der Niemandsbucht verweilt, der ein weißes Blatt ist, das aber auf gar keinen Fall gefüllt werden soll mit klugen Bewertungen, Urteilen, Meinungen oder Schlussfolgerungen. Es soll vielmehr gefüllt werden mit Beobachtungen. Der Schreiber in der Niemandsbucht beobachtet aus seinem Fenster und auf seinen Wanderungen das Geschehen in der Bucht, auch das Geschehen in sich, er fängt die Augenblicke ein und bringt sie auf die Seite.
Mein Jahr in der NiemandsbuchtDieses Buch ist eine Meditation. Es zu lesen, verlangsamt und beruhigt.
Man wird sich der Dinge um einen, der Gedanken in einem kristallklar bewusst und zumindest ich habe beim Lesen immer wieder den unbändigen Impuls, mit aller Sinnlosigkeit aufzuhören, um mein Jahr in der Niemandsbucht zu beginnen. Denn nur dort kann Verwandlung stattfinden.

Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke ist eines der wenigen Bücher, die ich bislang in diesem Jahr gelesen habe, welches mich wirklich glücklich machte. Sehr große Leseempfehlung!

Und da wir schon beim Empfehlen sind, möchte ich noch einmal auf den wunderbaren Film hinweisen, Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte, durch den ich verspätet, aber Gott sei Dank nicht zu spät, erst Handke für mich enteckt habe. Am Anfang des Jahres habe ich noch sein Wunschloses Unglück besprochen. Auch dies ein für mich herausragendes Buch.

(c) Susanne Becker




Donnerstag, 14. September 2017

Gleißendes Glück - Film

"Du bist dein eigenes Universum und dein eigenes Glück. Du bist frei und warst es schon immer."

Gestern sah ich den großartigen Film "Gleißendes Glück" mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur, die beide für mich zu den wirklich herausragenden deutschen Schauspielern gehören und in ihrem Zusammenspiel etwas kongeniales hatten.
Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von A.L. Kennedy.

Sehr lange hatte ich den Film hier liegen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Protagonistin Helene Brindel an einer Stelle von ihrem Filmehemann fast zu Tode geprügelt wird. Je älter ich werde, desto zögerlicher setze ich mich derartigen Gewaltszenarien in Filmen aus. Deshalb ließ ich den Film liegen. Wegen der Schauspieler, auch wegen der Autorin, war ich mir eigentlich sicher, dass es ein sehr guter Film sein würde, ging aber davon aus, dass er negativ und brutal wäre.
Ich bin sehr froh, dass ich mir den Film nun angeschaut habe. Denn: er ist gar nicht negativ. Spannend, sogar hoch spannend, das ja. Selten habe ich in einem Film so oft die Luft angehalten. Aber weniger aus Angst, sondern mehr aufgrund der Intensität der sich entwickelnden Geschichte, einer ganz großen Liebesgeschichte.

Die Hausfrau Helene Brindel kann schon seit einiger Zeit nicht mehr schlafen. Sie steht nachts auf, bereitet schon einmal das Frühstück für ihren Ehemann vor und schaut Fernsehen. In der Regel findet ihr Mann sie morgens schlafend auf dem Wohnzimmerteppich vor. Der Fernseher läuft immer noch. Die Fernbedienung liegt neben ihrer Hand.
Tagsüber putzt sie das ohnehin blitzblanke Haus. Sie kauft ein und bereitet aufwändige Mahlzeiten für sich und den Ehemann, die jener durchaus zu schätzen weiß, wenn er auch sonst eine unterschwellige Aggressivität ausstrahlt, die auf der Stelle begreifen lässt, warum Helene Brindel so wenig spricht. Denn ganz schnell kann ein falsches Wort, ausgesprochen oder verschwiegen, diesen Mann zum Ausrasten bringen.
Eines Tages, beim Putzen der Küchenlampe, hört sie im Radio die Stimme eines Wissenschaftler, Eduard E. Gluck, Gehirnforscher, der über die Möglichkeiten zum menschlichen Glück spricht, dass wir unendliche Kapazitäten besitzen, glücklich zu sein, dass wir diese Kapazitäten bewusst trainieren und leben lernen können.
Helene Brindel glaubte einst an Gott. Aber sie hat ihren Glauben verloren. Das ist für sie ein massives Problem. Diese Männerstimme macht ihr Hoffnung und so kontaktiert sie den Professor, trifft ihn am Rande eines Kongresses heimlich in Hamburg.
Mit diesem Treffen, das für sie die Hoffnung birgt, irgendwie zu ihrem oder einem anderen Glauben zurückfinden zu können, beginnt eine zarte, sehr berührende Liebesgeschichte von zwei Menschen, die an einer je eigenen Wand stehen und an ihrem Leben verzweifeln. Denn auch der Professor hat ein riesiges Problem: er ist pornoabhängig, er kann seine eigenen Theorien nicht auf sich selbst anwenden.
Wie Martina Gedeck und Ulrich Tukur diese Nuancen der emotionalen Öffnung, des sich Veränderns durch das Eintreten eines anderen, eines richtigen Menschen in das eigene Leben, wie sie das spielen, ist sensationell Wie subtil beide den Mut darstellen, der dazu gehört, sich für einen anderen zu öffnen. In vielen Besprechungen wird auf die Größe der Gedeckschen Leistung hingewiesen, was absolut stimmt. Allerdings hat mich den ganzen Film über auch Ulrich Tukur beeindruckt, der den selbstherrlichen Wichtigtuer gibt, um dann, Stück für Stück, für ihn selbst unfassbar, aufgrund seiner Gefühle an etwas in seinem tiefsten Inneren heranzukommen, das vielleicht die Fähigkeit zu gleißendem Glück sein könnte. Seine Courage, dort hin zu gehen, an diese Stelle, wo er seine gesamte, mühsam aufrecht erhaltene Fassade verlieren wird, das war groß! Die von Tukur dargestellte Wandlung geschieht an keiner Stelle plump. Er zeigt sie so subtil, nur mit seinem Gesicht, mit seiner Körpersprache - das hat mich mindestens genauso beeindruckt wie die Leistung Martina Gedecks. Wie am Anfang schon erwähnt: die beiden sind kongenial.

Für mich ist dieser Film ein ganz großer Liebesfilm. Er ist aber auch das Protokoll einer psychologischen und spirituellen Vision Quest, Eduard und Helene finden durch einander ihren Heiligen Gral und am Ende, könnte man sagen, baden sie in gleißendem Glück. Du bist frei und warst es schon immer.

Sehr schön! Sehr empfehlenswert! Hochintensiv!

(c) Susanne Becker

Samstag, 2. September 2017

4.07 Uhr

4.07 Uhr.
Der Hahn kräht,
lockt mit seinem Ruf
das erste Licht
in die Geräusche der Nacht.

Irgendwo schläft ein Maler.
Er träumt von einem Bild,
das nur noch Stille ist.
Irgendwo erwacht ein Mönch.
Auf dem Weg in den Zendo
lächelt er seinem Spiegelbild zu.

4.07 Uhr.
Der Hahn kräht,
lockt mit seinem Ruf
den Großen Wagen über den Himmel
bis in mein Fenster.
Dort steigt er, neben dem Mirabellenbaum,
am Himmel entlang.
Alles ist still.
Das Licht kommt.

(c) Susanne Becker

Sonntag, 27. August 2017

Karl Ove Knausgard - Das Amerika der Seele

„Zu schreiben heißt, das Innere zu suchen, einen Ort, wo es das Soziale nicht gibt, man es aber sehen kann, einen Ort, wo Grenzen überschritten und auf diese Weise sichtbar und neu definiert werden.“

Lange habe ich gebraucht, um Das Amerika der Seele von Karl Ove Knausgard zu beenden. Ein Buch mit achtzehn Essays zu so unterschiedlichen Themen wie die Kunst von Cindy Sherman, die Kunst von Sally Mann, die eigene Darmtätigkeit, Adolf Hitler, das Massaker von Utoya, Knut Hamsun, Sören Kierkegaard, die Bibel, das Schreiben…..
Das Spektrum Knausgards scheint unendlich. Beim Lesen gewinnt man immer wieder den Eindruck, seiner persönlichen Spur zu folgen. Er sitzt in seinem Schreibzimmer, er liest, er taucht ein in den eigenen Raum von Stille und Nichts, aus welchem er dann seine Texte holt, die eine Kombination sind von ihm selbst, seinem Leben, und dem, was er so liest, während er arbeitet. Schon allein aus diesem Grund finde ich das Buch unendlich spannend. Es ist wie eine offene Tür in sein Innerstes, in seinen Schreibprozess. Das hat mich sehr fasziniert.

Es gab dabei natürlich Essays, die mich weniger ansprachen. Das liegt in der Natur der Sache, denke ich. Denn wenn man jemandem so tief folgt in seine Gedankenwelt, dann klingen manche Pfade stärker in einem an als andere, weil man ja selbst auch eine Gedankenwelt hat. Ich lese niemals neutral. Das ist meine große Schwäche. Ich sehe niemals von meinem eigenen Raum ab, sondern lese aus diesem heraus. So war es natürlich, dass mich die Essays am stärksten ansprachen, in denen ich Verwandtschaft wahrnehmen konnte, oder aber Inspiration in neue Richtungen fand.
Karl Ove Knausgard hat, und darin erinnern mich diese Essays an die Bände von Mein Kampf, die ich bisher gelesen habe, keinen Anspruch auf Objektivität. Er schenkt sich dem Leser immer ganz und nackt, auch in diesen Essays, die von einem anderen Autor möglicherweise zu gleichen Themen viel neutraler verfasst worden wären. Aber gerade das schätze ich an Knausgard: die absolute Schutzlosigkeit, mit der er sich vor den Leser stellt.
Ich liebe seinen Mut.
Parallel zu seinem Buch lese ich gerade Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke. Die ganze Zeit über spürte ich zwischen beiden Büchern eine Verwandtschaft, eine Art Parallele. Ich würde sie in etwa so formulieren: Beide Autoren konfrontieren sich mit dem absoluten Nichts in sich und bringen das Ergebnis dieser Konfrontation in Worten zu Papier, die sehr persönlich sind und doch alles persönliche transzendieren. Schreibtag für Schreibtag holen beide aus diesem Nichts die Wahrheiten hervor, die sich ihnen offenbaren. Im Schreiben und damit auch für den Leser, scheinen sie einen Raum zu erschaffen, in dem sie die Dinge, inclusive sich selbst, ohne den Zwang zu Konsens oder gesellschaftlicher Vorgaben neu denken und sehen. Man folgt ihnen bei der Lektüre in diesen Raum und in diese spannende Sicht auf die Welt, die nur entstehen kann, wenn man den Mut hat, wirklich frei zu denken,
Das ist für mich die Verbindung. Ich dachte während der Lektüre immer wieder darüber nach und dann finde ich am Ende des letzten Essays jenen letzten Satz, der sich auf die Bücher Handkes bezieht: „…, vielleicht ist es jetzt die Aufgabe der Literatur, dorthin zu gehen, wohin die Erzählung nicht kommt. Mit anderen Worten, dorthin, wo nichts ist, aber alles wird.“
Dorthin gehen Knausgards Bücher, wo nichts ist, nichts fest steht, aber alles wird, werden kann, auch noch einmal neu: Immer sind sie ein Ausdruck des Lebens in seiner Erscheinungsform Mensch, und zwar in einer sehr klaren, sehr entwickelten Form.

Am besten haben mir drei der letzten vier Essays gefallen. Sie handeln alle in irgendeiner Form vom Schreiben.
In „Das Leben in der unendlichen Sphäre der Resignation“ berichtet er von einem Aufenthalt in Beirut, wo er an einem Autorentreffen teilnahm, sich durchaus nach der Berechtigung für sein Schreiben fragte, angesichts der Spuren von Krieg und Zerstörung, die er dort wahrnahm, in der Stadt und in den Texten der Autoren, während seiner von der Ablehnung durch eine Frau handelte. In seiner freien Zeit las er in Beiruter Cafés Kierkegaard und fand eine Verbindung zwischen muslimischen und christlichen Überlieferungen.
„Es ist eine Frage des Sinns. Der im Leben zu finden ist. Je mehr das Leben bedroht ist, desto größere Bedeutung erhält der Sinn darin, und er ist dort am größten, wo der Tod ist: …“

In „Die Literatur und das Böse“ schreibt er über die Frage, wie das Böse in der Literatur behandelt werden kann. In diesem Zusammenhang kommt wieder sehr stark die im Grunde all sein Schreiben durchziehende These auf, dass es offen, so frei wie möglich geschehen muss. Wenn es für den Autor nötig ist, sich dem Konsens der Gesellschaft zu beugen, um etwa nichts zu schreiben, was einen Eklat auslösen könnte, dann ist das nicht richtig. Richtig kann nur sein, das Böse in einer Weise zu behandeln, dass deutlich wird: es ist ein Teil des Menschseins, genau wie auch das Gute. Wir müssen das Böse in uns akzeptieren. Es ist verlogen, es nicht kennen zu lernen, sondern von vornherein zu verdammen, um sich selbst beinahe plakativ auf die Seite des Guten zu stellen. Es ist auch gefährlich, dies zu tun. Denn wie will man das Böse in sich bekämpfen, wenn man sich weigert, es zu kennen? Er nennt in diesem Essay Autoren wie Peter Handke, Thomas Bernhard, Céline, Samuel Beckett als Beispiele von großen Neinsagern, die sich jedem Konsens verweigert haben. Er verknüpft damit keinerlei Bewertung dessen, was sie gesagt oder geschrieben haben. Er sagt lediglich: dass die Literatur der Ort sein sollte, an dem auch über das Böse frei und offen gesprochen werden kann, wo es als innerhalb des menschlichen Spektrums liegend anerkannt wird.

In dem letzten Essay, der mir persönlich in dem Buch am besten gefallen hat, „Dorthin, wo die Erzählung nicht kommt“, behandelt er die Aufgabe des literarischen Lektors, er schreibt über die Literaturwelt Norwegens, aber vor allem auch über sein eigenes Schreiben. Er gibt Einblicke in seine Entwicklung als Schriftsteller und seinen Schreiballtag, und wahrscheinlich ist es deshalb mein Lieblingsessay.
Ich habe es an anderer Stelle bereits geschrieben, dass ich Knausgard sehr mag, auch wenn ich nicht alles mag, was er schreibt. Es gibt ganze Kapitel, die mich schlichtweg nicht interessieren, die ich sogar oberflächlich finde. Aber er steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, er taucht ab in diesen Raum aus Nichts, er schreibt darin, er lässt sich von seinem Schreiben wie an einem roten Faden entlang Bücher lesen, die sein Denken immer weiter prägen und formen, und all das schenkt er uns, seinen Lesern. Vieles davon gehört zum Besten, was es meiner Meinung nach gerade zu lesen gibt!

Herzlich danke ich dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 17. August 2017

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Ein wenig Leben – Als ich das erste Mal von diesem Buch hörte, mir daraufhin bei Goodreads die Besprechungen und den Inhalt anschaute, war mir eigentlich sofort klar, dass es kein Buch für mich war. Ich bin normalerweise nicht jemand, die vor dem Dunkel, den Abgründen der menschlichen Existenz zurück weicht, das Böse, zu dem Menschen fähig sind, hat mich immer interessiert. Denn ich halte es für einen Beweis der menschlichen Freiheit, dass wir böse sein können. Mich interessiert, wie die Menschen umgehen mit dieser Freiheit, die ja im Umkehrschluss auch beinhaltet, dass wir gut sein können.

Dennoch sprach dieses Buch mich nicht an. Bis meine Freundinnen es für sich entdeckten, es reihenweise lasen und mich mit ihrer Begeisterung unsicher machten. Ich bestellte es mir und ordnete es sehr weit unten im SuB ein. Kurz vor einer Reise in den Sommerferien, in der ich erwartete, etwas Zeit zum Lesen zu finden, stellte ich mich selbst vor die Frage: Ein wenig Leben, Die unerhörte Geschichte meiner Familie oder 4 3 2 1?
Ein wenig LebenMein Bauch sagte: 4 3 2 1, irgendetwas anderes sagte: Ein wenig Leben. Fragen Sie mich bitte nicht, warum! Aber die Stimme sagte auch noch so etwas wie: Dann haben wir es hinter uns. Ich hatte Angst vor dem Buch. 

Sehr schnell in die Lektüre hinein, als ich mich zum ersten Mal wirklich unwohl fühlte durch das Buch, fragte ich mich: Warum lese ich eigentlich, nicht dieses Buch, sondern generell?
Auf diese Frage gibt es für mich diverse Antworten: 1. Lese ich, weil ich mich gut fühlen möchte. Ha, da war dieses Buch ja ein wirklicher Volltreffer!! Meine Freunde, mit denen ich den Urlaub verbrachte, sprachen sanft mit mir, wiesen mich darauf hin, wie deprimiert ich bei und nach der Lektüre wirke und regelmäßig schallte ein "Wie lange noch?" quer über den Hof zu mir herüber. 
2. lese ich, um meinen Horizont zu erweitern, in alle denkbaren Richtungen. Bislang hatte ich diesen Grund eher religiös, kulturell, international verstanden, in Welten einzudringen, die ich bislang nicht kannte und die meine Weltsicht öffnen. Mit Ein wenig Leben bekam dieser Grund eine neue Dimension. Mit der eigentlichen Hauptperson Jude, der während seiner Kindheit und Jugend unglaublich brutal misshandelt und sexuell missbraucht wurde, lernt man das Innenleben und die Möglichkeiten, danach überhaupt noch Glück zu finden, eines zutiefst traumatisierten Menschen kennen. Das war für mich ohne Frage eine Erweiterung meines Horizonts.
3. lese ich, um philosophische Interessen zu befriedigen, siehe oben, 4. geografische Interessen, 5. lese ich, und das klingt wirklich ein wenig kitschig, und es ist auch kitschig,  um das Gute in mir zu nähren, das positive. Ich bin zu alt, um mein Leben mit Inhalten zu verbringen, die mich dunkel stimmen, die mich aussaugen oder runterziehen. Denn ich habe in den letzten Jahren sehr deutlich verstanden, dass man umso mehr geben kann, je besser man sich fühlt.  Dann gibt es noch einen 6. Grund, der damit zu tun hat, dass es einen sehr stillen Raum in einem gibt, den ich immer dann versuche, zu betreten, wenn ich schreibe, aber auch sonst so häufig wie möglich. Ich lese unglaublich gerne Bücher, die mich in diesen Raum führen. Als Beispiele würden mir da Friederike Mayröcker einfallen, Peter Handke und Arbeit & Struktur von Herrndorf. 
Ein wenig Leben befriedigt vielleicht noch Grund 3, aber keinen der anderen zuletzt genannten Gründe für mich. 

Eine weitere Frage, die ich mir stellte, war: Wie wähle ich Bücher aus? Die Antwort ist einfach: 100% intuitiv. Ich weiß im Grunde sehr schnell (d.h. innerhalb weniger Minuten), welches Buch mich interessiert und welches nicht. Ich liege mit meiner Einschätzung selten daneben. Allerdings missachte ich sie manches Mal aus oberflächlichen Gründen wie: Alle lesen das Buch, also muss ich auch!
Ich bin ein Lesesoldat. Das heißt, einmal angefangen, bemühe ich mich, jedes Buch zu beenden. Dies nicht zu tun, löste bei mir schon immer ein schlechtes Gewissen aus, ein Gefühl des Versagens.

Ein wenig Leben also. Ich wusste nach einer Minute, dass ich das Buch nicht lesen wollte. Ich las es trotzdem und, obwohl ich mich bei der Lektüre zunehmend unglücklich fühlte, las ich weiter.
Der Anfang ist übrigens betörend. Vier Freunde aus New York City werden dem Leser vorgestellt, ihre Beziehungen untereinander, ihre Persönlichkeiten, ihre Lebenswege, ihre Freundschaften, die so tief und so stark sind, dass man sie selten in dieser Reinheit im wahren Leben findet. Es ist auch eine Liebesgeschichte, die an manchen Stellen wunderschön ist. Zu allem Überfluss haben alle vier Freunde unglaublich interessante Berufe, sie sind extrem erfolgreich und reisen durch die Welt.
Langsam aber kriecht das Dunkel, das von Jude ausgeht, aus der Geschichte heraus zum Leser, und auch zu den anderen Protagonisten der Geschichte, zunächst wie ein Schatten, dann aber immer brutaler. So wie Jude alle Menschen in seinem Leben dazu zwingt, nicht offen über das zu reden, was geschehen ist, so wird auch der Leser irgendwie bezwungen, in einer Atmosphäre der Negativität zu bleiben. Wie oft las ich in Rezensionen Sätze wie: "Dieses Buch hat mein Leben übernommen." oder ähnliches. 
Jude ist traumatisiert, man könnte sagen, durch seine Kindheit seelisch verstümmelt. Zu vielen zwischenmenschlichen Dingen ist er schlichtweg nicht fähig. Viele Rezensenten haben unrealistische Teile des Plots, der Geschichte bemerkt, die in der Regel mit den wunderbaren Lebenswegen der Protagonisten zu tun haben. Was mich am meisten irritiert hat: Wie jemand, der derart traumatisiert ist, so viele Menschen in seinem Erwachsenenleben haben kann, die ihn über alles lieben, die alles für ihn tun würden. Da sind nicht nur die Freunde Willem, Malcom und JB, sondern auch Harold, ein Lehrer an der Universität, der ihn adoptiert, oder der Arzt Andy, der immer wieder die schrecklichen Wunden versorgt, die Jude sich selbst mit Rasierklingen zufügt. Er schneidet sich ganze Stücke Fleisch aus den Armen und bringt sich einmal fast um, als er mit der Klinge zu nah an die Pulsader gekommen ist. All das wird haarklein geschildert. Das Schneiden ist Judes Mittel, den Schmerz über die Vergangenheit, die Erinnerungsbilder unter Kontrolle zu halten. Es ist auch sein Mittel, das Leben generell unter Kontrolle zu halten. Immer dann muss er sich am intensivsten schneiden, wenn seine Gefühle, auch in positiver Hinsicht, zu stark für ihn werden. Immer wieder schlich sich bei der Lektüre die Frage ein: Wie kann jemand, der so unehrlich allen gegenüber ist, soviel Liebe auslösen? Das halte ich nicht für realistisch. Opfer von sexuellem Missbrauch, zumal in diesem Ausmaß, sind in aller Regel nicht die Menschen, die im Erwachsenenleben in Erfolg und Liebe baden. Oder sehe ich das falsch?
Die Beschreibungen von Gewalt, sexuellem Missbrauch, aber auch vom Ritzen haben mich wirklich niedergedrückt. Ich hatte manchmal regelrecht Wut auf Jude. Ich wollte ihn anbrüllen, dass er endlich eine Therapie machen solle. Ich war auch wütend auf die anderen im Buch, dass sie ihn nicht zwangen, in Therapie zu gehen, sich anstattdessen von ihm, dem dysfunktionalsten Mitglied der Gruppe, die Regeln für die Beziehungen vorschreiben lassen.
Ich war allerdings auch voller Hochachtung für die Autorin, die es so lange in einem derartigen Raum von Schmerz und Trauma aushalten konnte. Denn das die Beschreibungen so lebendig sind, so wahr, das liegt natürlich daran, dass sie eine exzellente Schriftstellerin ist. Nichts an dem Buch ist effekthascherisch. Es ist ein zutiefst aufrichtiges Buch.  

Auf Seite 508 konnte ich allerdings nicht mehr. Plötzlich war der Gedanke, das Buch einfach beiseite zu legen, extrem befreiend. Ich wollte nichts mehr darüber lesen, was Jude sonst noch alles zugestoßen war, und ich wollte auch keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, ob Jude sich am Ende umbringen würde, ob einer der anderen sich umbringen würde, oder ob es zum Schluss der Geschichte vielleicht doch noch so etwas wie Hoffnung geben könnte. Ich wollte mich auch nicht länger fragen, wie jemand wie Willem es so lange in einer Beziehung mit Jude aushalten kann. Liebe! Klar! Aber irgendwie auch extrem dysfunktional.  
Es gab Passagen, wo über die Liebe, die Freundschaft geschrieben wurde, die mich wirklich unglaublich berührt haben. Es gab große Momente in dem Buch. Und möglicherweise wären alle meine Zweifel, alle meine offenen Fragen beantwortet worden, wenn ich die letzten zweihundert Seiten auch noch gepackt hätte.

Aber letztlich hat dieses Buch mir vor allem folgendes gebracht: Die Einsicht, dass ich Bücher nicht pflichtschuldigst lese und schon gar nicht zwanghaft beende. Ich übergebe mein Lesen ab jetzt vollkommen meiner Intuition. Das ist vielleicht für ein solches Buch eine etwas dünne Einsicht. Aber ich mag sie.

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 3. August 2017

Knausgard und ein Gedicht von Edgar Lee Masters

Heute hatte sie sehr viel durcheinander gelesen. Das tat sie in letzter Zeit häufiger, vor allem immer dann, wenn kein Buch es schaffte, sie ganz zu fesseln. Sobald dies einem Buch gelang, sie so richtig an sich zu reißen, dann las sie nur noch dieses. In letzter Zeit gelang dies selten. Das letzte Buch, das sie so gefesselt hatte, war Überbitten von Deborah Feldman gewesen, ansonsten in diesem Jahr nur Seethaler und Erpenbeck bislang. Seit über sieben Monaten sehnte sie sich verzweifelt nach Büchern, die sie zogen, aber meistens zog sie sich durch die Bücher und in letzter Zeit kam ihr immer mal wieder der Gedanke, eine Lesepause einzulegen, um sich einfach mal ungestört die Leere in ihrem eigenen Kopf anzuschauen, oder auch das Gerede.
Heute hatte sie gelesen, u.a. in The Penguin Anthology of20th Century American Poetry, ein Gedicht von Edgar Lee Masters, in dem es hieß:

Where are Ella, Kate, Mag, Lizzie and Edith,
The tender heart, the simple soul, the loud, the proud, the happy one? –
All, all, are sleeping on the hill.
One died in shameful child-birth,
One of a thwarted love,
One at the hands of a brute in a brothel,
One of a broken pride, in the search for heart’s desire,….

All, all are sleeping, sleeping on the hill.

The Hill, offensichtlich der Friedhof, der Ort, an dem die Toten schlafen, nachdem sie das ein oder andere Leben gelebt hatten. Der Ort, an den wir alle gehen, nachdem wir das ein oder andere Leben gelebt haben. Der Weg dorthin ist für jeden etwas undurchsichtig. Man hofft, dass man eines Tages aufwacht (bzw. nicht mehr aufwacht) und dort ist, wahrscheinlicher ist es aber, dass der Weg dorthin ein wenig mühsamer ausfallen wird. Der Ort, an dem wir viel länger sein werden als in diesem einen oder anderen Leben, in dem wir oft genug nicht wissen, was wir mit unserer Zeit anfangen sollen. Wie viel davon sind wir bereit zu vergeuden? Wie viel davon nutzen wir wirklich? Die menschliche Existenz schein sehr angsteinflößend zu sein, denn die meisten Menschen, die sie kennt, betäuben sich, um sie auszuhalten: Smartphones, Haschisch, Wein, Fernseher, Internet sind in ihrem Umfeld die gängigsten Betäubungsmittel. Sie selbst versucht gerade, sich nicht zu betäuben. Ihr Ziel ist es, immer klarer zu werden. Das ist nicht immer einfach. Sie weiß aus erster Hand, dass es beunruhigend und schmerzhaft ist, als Mensch zu leben.  

Das andere Buch, Das Amerika der Seele, in dem sie schon eine Weile liest, das sie manchmal packt, dann wieder langweilt, dann geradezu anwidert (wenn er darüber schreibt, wie er scheißt), das sie mit seinen einzelnen Essays bislang nicht so viel anfangen konnte, wie es seine Bücher Lieben oder Leben geschafft haben. Im Grunde nur Lieben so richtig. Leben, auch Sterben, fand sie eher schwierig, wenn auch suchterzeugend. Knausgard, von wem wohl sonst sollte hier die Rede sein. Träumen hat ihr der Verlag zwar geschickt, es ist aber leider nie bei ihr angekommen.
Kämpfen, sie weiß nicht, ob sie es lesen möchte, Spielen genauso. Sie mag Knausgard, vor allem dafür, dass er bei Kind und Kegel die Disziplin aufbringt, jeden Morgen sich um 5 an den Schreibtisch zu schleppen und diese vielen, oft sehr klugen, oft sehr tiefen, in jedem Fall unverrückbar wahren Worte aus sich heraus aufs Papier zu lenken. Dafür liebt sie ihn. Dann wieder geht er ihr unglaublich auf die Nerven. Er geht sehr tief, um dann wieder, unvermittelt, labernd an der Oberfläche zu bleiben, sätzelang, seitenlang. Das nervt sie. Ihr fehlt der Fokus, die Konzentration. Heute las sie bei ihm über Sloterdijk „Seit Beginn des modernen Zeitalters, also seit Pascals Zeit, hat die menschliche Welt konstant, jedes Jahrhundert, jedes Jahrzehnt, jedes Jahr und jeden Tag lernen müssen, neue Wahrheiten über „ein nicht auf den Menschen bezügliches Außen hinzunehmen und zu integrieren“, schreibt Sloterdijk, und bezeichnet die Menschen als „Idioten des Kosmos“.
Man landet auf dem Hill, egal, was man macht. Das Universum schert sich nicht wirklich um uns. Nimm das, Mensch und mach das beste daraus.
Der Mensch ist das Wesen, vielleicht das einzige Wesen, das seine Situation analysieren kann. Auf diese Welt geworfen mit der Fähigkeit, böse zu sein, was letztlich Sinnbild seiner Freiheit ist, plus, er kann sich selbst auch noch dabei zusehen, es reflektieren, wenn er so richtig in die Tonne greift. Dass er böse werden kann, das ist der ultimative Freiheitsbeweis. Dass der Mensch sich dagegen entscheiden kann, ist umso mehr ein Beweis seiner Freiheit. Dass er sich angesichts des Hills und der absoluten Gleichgültigkeit des Universums dazu entschließen kann, gut zu sein, das ist im Grunde fast übermenschlich. Er kann der Versuchung widerstehen und allen Verlockungen zum Trotz ein unglaublich helles Licht in sich anzünden und gut werden, so richtig gut. Kein Wesen kann so gut werden, wie ein guter Mensch, wegen der Absicht. Nimm das, Trump und deine Freakshow von Familie! Aber für all das wird es niemals eine Goldmedaille geben, niemals eine Belohnung. Sterben werden auch die besten. Auch sie landen auf dem Hill, genau neben den Schlechten. Das machte ihr Angst. Nein. Das macht ihr eigentlich gar keine Angst. Das war jetzt aus den Tasten geplumpst wie eine Floskel. Es macht ihr  vielmehr Angst, dass sie auf dem Hill landen könnte, bevor sie alles verstanden hatte. Auch Knausgard wird auf dem Hill landen, und dann wird irgendwann wieder jemand von vorne damit anfangen, um 5 aufzustehen und Wahrheiten aus seinem tiefsten Inneren auf ein leeres Blatt Papier zu lenken. Sie glaubt, dass man als Mensch die Gabe hat, wirklich viel zu verstehen, alles, im Grunde das ganze Leben. Weitergeben kann man dieses Wissen nicht. Leider. Die Belohnung ist das Verstehen. Denn es bringt Frieden. Sie hat keine Geduld mehr mit Menschen, die sich darum nicht bemühen, nicht aufrichtig. Sie interessiert sich eigentlich nur noch für Menschen, die in den kreativen Raum gehen, in die absolute Stille und Leere, die dort herrschen, eintreten, und dann in einem kreativen Akt alles zutage fördern, was sie dort in sich finden. Oder vielleicht es auch nicht zutage fördern. Vielleicht ist das nicht immer nötig. Es geht primär darum, dort zu verweilen und Licht zu machen. Solange wie möglich, so hell wie möglich. Das hört sich sehr einfach an, ist aber im Grunde so eine Art Quantenphysik.

Menschen, die sie wirklich bewundert, sind diesbezüglich Nick Cave, Marina Abramovic, Georgia O’Keeffe. Sich kompromisslos in diesen Raum begeben. Auch Karl Ove Knausgard tut dies. Sie mag nicht alles, was er schreibt. Aber sie mag, dass er schreibt und dass er mit dem, wie er es erschafft, ein unglaublich starkes und beeindruckendes Plädoyer für das Gute im Menschen, das Stille und Leere, hält, aus dem heraus der Mensch, wenn er es möchte, ein helles Licht anzünden kann. Dafür ist sie ihm dankbar.

Obwohl dies noch keine Rezension des Buches ist möchte sie dem Luchterhand Verlag doch schon einmal sehr herzlich danken dafür, dass er ihr ein Rezensionsexemplar hat zukommen lassen.

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 2. August 2017

Gedanken über Nell Zink und sie selbst

gewaltige Ressourcen an Langeweile und Einsamkeit ausbeuten, um ungestört zu schreiben“ Nell Zink

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte sie eine neue Schriftstellerin entdeckt. Ihr Name war Nell Zink. Sie lebte nur eine Stunde entfernt von Berlin, in einer sehr kleinen brandenburgischen Stadt, sie hatte auch mal in Virginia gelebt, sie war im gleichen Jahr wie sie geboren. Das reichte ihr persönlich, also, das waren genug Parallelen, um sich mit ihr auf eine seltsame Art und Weise seelenverwandt zu fühlen. 
Diese Nell Zink hatte jahrzehntelang praktisch für sich selbst geschrieben, oder für einen Freund, und sich mit Gelegenheitsjobs, zum Beispiel auch als Sekretärin (womit sie eine weitere Parallele gefunden hatte!) über Wasser gehalten. Sie hatte gar nicht wirklich damit gerechnet, jemals veröffentlicht zu werden. Sie hatte auch keinerlei Lust auf den Literaturbetrieb. Ihren literarischen Durchbruch hatte sie dann Jonathan Franzen zu verdanken. Dem hatte sie nämlich, als Antwort auf einen Essay über Vogelmord im Mittelmeerraum, ein dort sehr akutes Problem, eine entrüstete Email geschrieben, weil er den Vogelmord in Bosnien in diesem Essay nicht erwähnt hatte. Daraufhin entspann sich zwischen den beiden ein Emailaustausch, wohl eher über Vögel, als über Literatur, den Franzen aber dennoch so wunderbar fand, dass er irgendwann zu dem Schluss kam, nicht nur er sollte etwas von Nell Zink lesen dürfen. Er versuchte, ihre Manuskripte an Verlage zu vermitteln, erfolglos. Ihr selbst gelang es, einen ganz kleinen New Yorker Verlag zu finden, der einen Roman von ihr heraus brachte, für praktisch kein Geld, aber sie musste das vermutlich tun, um Franzen zu beweisen, dass es ging. Daraufhin nahm sich Franzens Agent ihrer an und verkaufte die Rechte an dem Buch unter anderem nach Deutschland. Sie bekommt mittlerweile sechsstellige Vorschüsse auf Buchverträge. Sie lebt in einer spärlich eingerichteten Wohnung in Bad Belzig. Sie sagt Dinge wie „Ich versprach mir nichts  vom Leben als schreibender Mensch“. Womit leider ein entscheidender Unterschied zwischen ihnen beiden festzustellen wäre. Denn sie selbst hatte sich praktisch alles vom Leben als schreibender Mensch versprochen. Geld, Glück, Zufriedenheit, Ruhm, Anerkennung, Liebe, Bewunderung, ein tolles Haus auf dem Land, Freunde, Bewunderer und inneren Frieden. Nicht notwendig in dieser Reihenfolge, aber in dieser Vollzähligkeit. Verrückt, wie sehr sie all ihre Bedürfnisse und Hoffnungen seit vierzig Jahren auf das Schreiben projiziert hatte, ihm treu geblieben war, obwohl es keine dieser Hoffnungen erfüllt hatte. Das Schreiben war möglicherweise ihre ganz große Liebe. Ihre ganze große Illusion. Aber das stimmte nicht ganz. Denn sie hatte durch das Schreiben einen Zugang gefunden zu diesem riesigen Reservoir an Langeweile und Leere, das in jedem wohnt und das die meisten gar nicht gut kennen. Sie hatte es kennen gelernt. Sie war mitten drin. Sie war noch lange nicht damit am Ende. Das war keine Illusion. 

(c) Susanne Becker