Berlin

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Sonntag, 21. Januar 2018

Die Obstdiebin von Peter Handke zu verschenken

„ Diese Geschichte hat begonnen an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wurde.“
So lautet der erste Satz von Peter Handkes neuem Buch „Die Obstdiebin“.

Wie habe ich eigentlich Peter Handke für mich entdeckt? Ich weiß es noch genau, dass er für mich jahrzehntelang keine Bedeutung hatte und ich auch damit rechnete, dies würde für den Rest meines Lebens so bleiben. Ich hielt ihn für trocken und langweilig. Wohl hatte ich das ein oder andere Mal in einem seiner Bücher geblättert, aber nichts daran hatte mich in Bann gezogen. Ich wusste, dass es ihn gab, eine Rolle spielte er für mich nicht. Ich las begeistert um ihn herum und an ihm vorbei.

An einem Sonntag im Herbst ging ich in meinem Viertel spazieren. Zufällig kam ich an dem Kino Eiszeit vorbei, betrachtete mir die im Fenster hängenden Plakate neugierig. Eines zeigte Peter Handke, wie er zusammengekrümmt in einem Raum, der wie ein Atelier anmutete, auf einem kleinen Holzklappstuhl saß, eine Hand am Kinn, barfuß, lesend.
Es war die Kombination aus diesem Titel und dem Bild, die mich ins Foyer treten und ein Ticket kaufen ließ.  Ich kam dann wie verzaubert wieder heraus an diesem Herbstsonntag. Er war eine Enthüllung gewesen, eine Enthüllung dessen, wie ich gerne leben wollte. Dieses Haus, dieser Garten, die Bleistifte, dass da kein Computer war, die Waldspaziergänge, „diese kleinteilige Welt ist die Rettung“.
Danach las ich Wunschloses Unglück, dann Mein Jahr in der Niemandsbucht und gerade Der Bildverlust. Auf meinem SuB liegt noch Vor der Baumschattenwand nachts . Peter Handke hat, ich schätze, an die 90 großen Texte veröffentlicht: Tagebücher, Theaterstücke, Geschichten, Romane, Gedichte. Er ist 75 Jahre alt und kommt mir momentan produktiver vor denn je. Als würde er die Früchte seines Alters, die Weisheit aus all den Jahren, noch einmal geballt verschenken. Ich werde nicht alle seine Bücher lesen, aber ich hoffe, noch viele.
Denn niemand vermag es wie er, mich mit nur einem Satz in eine andere Welt zu manövrieren, in eine Welt, in der eine Ruhe herrschen und ein innerer Frieden möglich scheint. Seine Bücher sind wie Meditationen. Ruhige Entfaltungen der Kleinteiligkeit unserer Leben, jenseits der durchorganisierten Technik, in der unsere Welt mehr und mehr versinkt und welche die Menschen verschlingt in einem ständig wirbelnden Geschwindigkeits- und Eindrücketaumel. Er stellt dem entgegen: Pilze, Kastanien, Äpfel, Bleistifte, Taschenmesser, der Wald.
„Das Ich empfand ich heute abend als eine (von Natur) unzuverlässige Maschine zum Ingangsetzen der Welt: als ob gleichsam erst das Ich sich in Gang setzen muss, wie ein Kraftwerk, damit die Welt beleuchtet wird (erleuchtet).“ Aus dem Film: Bin im Wald.

Zum Geburtstag bekam ich das Buch Die Obstdiebin, und hier kommt Ihr ins Spiel. Denn ich bekam das Buch zweimal.
Gerne würde ich das eine Exemplar an eine/n von Euch weiter geben. Wer sie haben möchte, melde sich doch bitte bei mir, mit Adresse und ich verschicke sie sofort! First come, first served.


Viel Glück!

(c) Susanne Becker 

Sonntag, 7. Januar 2018

Lissabon

Angeregt durch einen Kommentar in meinem Blog, aber noch vielmehr durch meine letzte Lissabon Reise, die gerade erst wenige Monate zurückliegt, kam mir der Gedanke, hier einmal ein paar Vorschläge zu machen für all jene, die vorhaben, in nächster oder späterer Zeit Lissabon zu bereisen. Wenn Ihr, wie ich, Eure Reisevorbereitungen gerne mit Hilfe von Lektüre, Filmen und Musik bestreitet, dann habe ich hier ein paar Ideen für Euch. Ich übernehme aber keine Haftung! Wenn Ihr Euch, wie ich, in Lissabon verliebt, gibt es nur eine Hilfe: immer wieder hinfahren.

„Quem nao viu Lisboa, nao viu coisa boa!“ („Wer Lissabon nicht gesehen hat, hat nichts Schönes gesehen.“) Portugiesisches Sprichwort, dem ich voll und ganz zustimme.

Eines der klassischen Bücher, in denen Lissabon eine Hauptrolle spielt, habe natürlich auch ich verschlungen. Nachtzug nach Lissabon, 2004  von Pascal Mercier geschrieben, ist eine wunderbare Geschichte über einen Schweizer Altphilologen, der eine Zeitreise unternimmt und auch eine Reise im Hier und Jetzt: nämlich von Bern nach Lissabon.
Die Geschichte trägt ihn und die Leser zurück in die Zeit des Salazarregimes, in die Folterkeller und zu Widerstandskämpfern gegen die Diktatur, aber auch ins heutige Lissabon, wo er auf der anderen Seite des Tejo eine Augenärztin trifft, die ihm endlich eine Brille verschreibt, mit der er etwas sehen kann.
Eine spannende Geschichte, ein Krimi, der auch philosophisch und psychologisch tiefsinnig ist.


2013 wurde das Buch von Bille August mit Jeremy Irons in der Rolle des Gregorius Mundus verfilmt. Ich mochte den Film, auch wenn er bei weitem nicht an das Buch heran kommt.


Ein anderer Film, den ich sehr gerne gesehen habe in seiner, aus heutiger Sicht, langsamen Genüsslichkeit, Altmodigkeit fast, aber dies trifft ja im Grunde ein bisschen auf alle Filme von Wim Wenders zu, und der das Lissabon zeigt, welches ich liebe: Lisbon Story. Bereits 1995 gedreht, geht es um einen Deutschen, der in der Alfama zu einer Fadoband stößt und ein Geheimnis lüften möchte. Bei der Gruppe handelt es sich um Madredeus, die für diesen Film von Wenders praktisch entdeckt und danach sehr berühmt wurde. Der Deutsche und die Sängerin erleben eine zarte Liebesgeschichte, aber die größte Liebesgeschichte erlebt der Zuschauer, der durch die alten Gassen der Stadt geführt wird. Der Film besticht durch wunderbare Bilder. Wenn man dann wirklich nach Lissabon kommt, erkennt man auf der Stelle, dass Wenders Film, zwanzig Jahre alt, dennoch das Wesen dieser Stadt eingefangen hat, welches noch immer genau so lebendig ist. In diesem Sinne sind seine Filme vielleicht doch nicht altmodisch, sondern sie gehen in die Tiefe, was heute möglicherweise mit altmodisch gleich bedeutend ist.

Ein Jahr in Lissabon ist ein leicht zu lesendes kleines Buch von einer Deutschen, erschienen im Herder Verlag, die sich so sehr in die Stadt am Tejo verliebt hat, dass sie beschließt, ein ganzes Jahr dort zu leben und darüber zu schreiben, vor allen Dingen über den Alltag. Es soll kein Buch für Touristen sein, sondern zeigen, wie es sich dort lebt. Gut lebt es sich dort. Nach der Lektüre hatte ich umgehend Lust, selbst mindestens ein Jahr in dieser wunderbaren Stadt zu bleiben. 

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, ist natürlich ein Muss, wenn man sich auf Lissabon vorbereiten möchte. Hier habe ich mal ein wenig zu ihm geschrieben. Nein, niemand kann nach Lissabon fahren und Pessoa übergehen. Als ich im Oktober dort war, wohnte ich in der Mouraria. Um zum Tejo zu kommen oder in die Einkaufsstraßen, nach Barrio Alto oder zum berühmten Aufzug, kreuzte ich regelmäßig seine Rua dos Douradores. Jedes Mal durchzuckte mich etwas, das fast wie ein religiöses Gefühl war. Ehrfurcht vielleicht. Ich wandele auf den selben Steinen, auf denen er (oder der fiktive Charakter dieses großen Buches) jeden Tag zu seiner Arbeit im Büro ging. Schön ist auch das Casa Fernando Pessoa. Ich habe noch immer die Eintrittskarte von meinem Besuch dort vor dreieinhalb Jahren. An der U-Bahnhaltestelle Chiado sitzt er selbst, lebensgroß, und die Touristen lassen sich mit diesem Metall-Pessoa fotografieren. 
Generell hat es mich beeindruckt, wie lebendig die Literatur in Lissabon ist und wie sehr die Literaten, ob noch lebend oder längst verstorben, eine Rolle spielen im Straßenbild und verehrt werden. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die älteste Buchhandlung der Welt, nicht weit von der Pessoa Statue, genau in Lissabon befindet. Die Livraria Bertrand.
Hier ist noch einmal ein älterer Text von mir über zeitgenössische portugiesische Schriftsteller.
Jose Saramago, der portugiesische Literaturnobelpreisträger, dem in Lissabon ebenfalls ein Museum gewidmet ist, eigentlich ist es eine Stiftung, das Casa de Bicos, und dessen Asche vor diesem Museum unter einem Olivenbaum begraben ist, hat unzählige Bücher geschrieben. Empfehlen möchte ich Claraboia oder Wo das Licht einfällt. Denn ich finde die Idee so wunderbar, dass ein ganzes Buch in einem einzigen Haus spielt, einem Mietshaus, dessen Bewohner wir lesend dabei beobachten, wie sie versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Viele seiner Werke sind auf Deutsch bei Hoffmann & Campe erschienen.

Der Sarkophag von Luís Vaz de Camoes übrigens, dem Nationaldichter Portugals, ist sogar in Belem aufgebahrt, so wie derjenige der Könige Portugals. Dies nur noch einmal als Anmerkung bezüglich der Bedeutung, die Schriftsteller in Portugal geniessen. Ich weiß nicht, ob ich etwas Vergleichbares in irgendeinem anderen Land je wahrgenommen hätte. Belehrt mich gerne!

Peixoto  ist ein zeitgenössischer und sehr erfolgreicher portugiesischer Schriftsteller, der in Lissabon lebt und sehr viel reist. Die deutschen Übersetzungen seiner Bücher erscheinen im Wiener Septime Verlag. Einmal durfte ich ihn bei einer Lesung erleben und fand ihn einen sehr beeindruckenden Menschen. Hier ist meine Rezension zu seinem Buch Das Haus im Dunkel.

Noch ein letzter Lektüretipp: Lissabon Eine Stadt in Biografien, erschienen im Merian Verlag. Darin enthalten sind die Biografien vieler bekannter früherer und heutiger Bewohner der Stadt, an deren Lebenswegen entlang man sich durch die Straßen bewegen kann. Natürlich Fernando Pessoa, Jose Saramago, aber auch die Fadista Amàlia Rodrigues oder die Malerin Paula Rego, deren Museum in Cascais mehr als empfehlenswert ist, sind darin enthalten.

Wenn Ihr in Berlin wohnt und in der Zwischenzeit auch kulinarisch ein wenig verreisen wollt, empfehle ich Euch das Pastel in der Wrangelstaße oder dessen Mutterhaus Bekarei in der Dunckerstraße. Dort gibt es die echten Pastel de Natas (sogar in veganer Variante, das macht sie natürlich etwas weniger echt), und in der Dunckerstraße gibt es auch das göttliche Pao de Deus, sagte man mir.

Viel Spaß und até breve a Lisboa!

(c) Susanne Becker


Samstag, 30. Dezember 2017

My List of Favourites 2017

Am Ende eines jeden Jahres stelle ich eine Liste zusammen mit den Filmen, Büchern, Musikstücken, Orten, die mir in dem Jahr am meisten Freude gemacht haben, an denen oder mit denen ich "random acts of closeness" erleben durfte. Heute, bei einem Spaziergang durch die Stadt wurde mir klar, dass ich diese Dinge auch deshalb auswähle (oder sie mich), weil ich an ihnen oder mit ihnen einen Zustand innerer Stille erfahren durfte, das Gefühl, mich in einem unendlichen inneren Raum zu bewegen, der meine Kreativität und mein Glück nährt. Somit hat mich jede einzelne dieser Begegnungen weiter gebracht auf meinem Weg.
Wenn ich einen Vorsatz für 2018 haben würde, und wahrscheinlich habe ich ihn in diesem Moment, in dem ich ihn hier aufschreibe, gerade öffentlich getroffen, dann wäre es dieser: so viel Stille wie möglich in mein Leben bringen, durch gute Freunde und neue Menschen, gute Bücher, gute Filme, gute Musik, Yoga, Meditation, das Verweilen an Orten, die die Stille in mir befruchten, somit das Lernen, somit das open your mind als rund um die Uhr Grundhaltung, somit das Erleben von Random acts of closeness.
Ich wünsche Euch in diesem und vielen anderen Sinnen ein gutes Jahr 2018 🙏


Meine liebsten Filme waren gar nicht alle so still, dennoch haben sie mir unglaubliche Einsichten und das Erkennen von starken Wahrheiten ermöglicht. Beim Zuschauen war ich immer ganz da und bei mir.

Die schmerzhafteste Einsicht hatte ich sicherlich bei dem Film, I am not your Negro. Ich verstand, dass die positive Entwicklung, von der ich mein Leben lang wie selbstverständlich ausgegangen war in meinem luxuriösen, friedlichen Leben, nicht stattgefunden hat, nicht auf einer allgemeinen Ebene. Die gleichen Menschen, die James Baldwin oder Anne Frank das Leben schwer gemacht haben, die töten, ausgrenzen, Wut zur Politik erklären und im Großen und Ganzen das Gegenteil von einem offenen Geist und einem offenen Herzen personifizieren, sind immer noch, zwei Generationen später, genau so aktiv. Sie übernehmen gerade in vielen Ländern, wie zum Beispiel den USA, aber auch hier in Europa, die Herrschaft. Was kommen wird, könnte dunkel, sehr dunkel sein. Deshalb wünsche ich mir Aufmerksamkeit und den Mut, sich zu widersetzen.

Filme


I am not your Negro

Körper & Seele



One more Time with Feeling

Gleißendes Glück

Bücher

In der ersten Jahreshälfte gab es nur wenige Bücher, die mich  wirklich gepackt haben. Da waren im Grunde nur Erpenbeck und Seethaler.
Aber dann kam die zweite Jahreshälfte und plötzlich die Bücher, die mein Lesejahr ausmachten und mich unglaublich bereicherten und inspirierten. Es wurde dann auch ein Lesejahr, in welchem ich besonders viele sehr umfangreiche Bücher las,  was dazu führte, dass ich mit manchen Büchern, wie Jergovics Familiengeschichte, viele Wochen verbandelt war. Sie wurden zu Freunden, die Bücher, die Schreiber und die Charaktere und ein wenig fiel der Abschied schwer. So auch bei Auster, den ich gerade erst beendet habe. Es wurde auch das Jahr, in welchem es ein Lyrikbuch in die Riege meiner Lieblingsbücher des Jahres schaffte und in welchem ich Peter Handke noch mehr für mich entdeckte. Ich sah die wunderbare Deborah Feldman lesen und war bei einem Verlagsabend beim ebenso wunderbaren Secession Verlag und das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse. Literarisch war es für mich ein wirklich tolles Jahr.

Musik

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war ich noch einmal auf einem Konzert. Ich habe Nick Cave hier in Berlin gesehen. Nach einer Minute war mir bereits klar, warum der Mann ein Star ist, und dass ich absolut froh bin, gekommen zu sein. Ich mag nicht alle seine Lieder. Aber ich mag ihn, das Universum, das er kreiert, in dem er lebt und das besonders ist und kompromisslos. Deshalb ist auch sein Film One more Time with Feeling, in dem man so tiefe Einblicke in Trauer und Liebe als menschliche Grunderfahrungen erhält, auf der Liste meiner Lieblingsfilme. Nick Cave verwandelte die riesige Max Schmeling Halle in einen intimen Ort, an dem er, scheinbar nur mit uns, exklusiv, den Tod seines Sohnes Arthur betrauerte, dann wieder zurück sprang in die Zeit, in der er selbst in Berlin lebte und so das volle Spektrum seiner Genialität vorführte. Es war wie ein Akt von großer Freundschaft, mit dem er das Publikum beschenkte, uns alle, so viele Menschen ( ca.10 000), an seiner Trauer und seiner Liebe teilnehmen zu lassen. Alexander Gumz nannte das Konzert in der Berliner Morgenpost einen Trauergottesdienst. Damit trifft er eine Hälfte, die andere Hälfte war ein Liebesakt. Nick Cave schafft es, aus einer Sporthalle einen Ort zu machen, der so intim ist, dass man sich fühlt wie in einer kleinen, schummrigen Bar, Sekunden, bevor ein Fremder einen anspricht und das ganze Leben sich ändert.
Ich habe jetzt übrigens Blut geleckt in puncto Konzerte und mir schon eine Karte für Pearl Jam besorgt, die im Juli 2018 in der Waldbühne spielen.
2018, das Jahr, in dem ich einmal mehr verstand, wie groß Berlin ist, wie bunt, wie offen ... und dass ich an all dem teilnehmen kann. Dankbarkeit!

Pearl Jam 💓


wunderbarer Song von dem Film Körper & Seele



Nick Cave in Berlin
Gus Black, ein Zufallsfund 
  • Pearl Jam Thumbing my way back to heaven 
  • Laura Marling What he wrote (aus dem Film Körper & Seele) 
  • Nick Cave, die ganze Show 
  • Gus Black The world is on Fire 

Orte
  • Leipziger Buchmesse Einfach die ganze Messe, nur toll, dort herum zu laufen und all diese Schreiber zu sehen, die man toll findet. Hier ist noch ein Text, den ich seinerzeit darüber geschrieben habe. Ich freue mich schon auf die nächste Messe im März! 
  • der Berliner Stadt Forst und die Seen darin
    Müggelsee an einem frühen Nachmittag im Dezember
  • Prag, die Gerhard Richter Ausstellung, war für mich im Grunde auch ein Zufallsfund. Ich war mit dem Auto auf dem Weg ins Burgenland unterwegs und dachte nicht, dass ich in Prag anhalte. Da hält jeder an. Ich wollte lieber in irgendeiner kleinen tschechischen Stadt Rast machen für die Nacht. Aber dann, Lilly und ich waren auf der Autobahn schon vorüber gerauscht, nahm ich zu meiner Überraschung die nächste Ausfahrt und steuerte den Wagen zurück in die bunten Straßen dieser fabelhaften Stadt. Wir ließen uns den ganzen Abend treiben und ich sah, dass im Palais Kinski eine Werkschau von Gerhard Richter stattfand. So fuhren wir auf dem Rückweg vom Burgenland noch einmal nach Prag und schauten uns die Ausstellung an. Lilly: "Das halte ich nur für Dich aus!" Ich fand es herrlich und freue mich, dass 2018 so ein Jahr war, in dem ich in zwei Lieblingsstädten zwei Lieblingskünstler sehen durfte. Denn im Februar war ich noch in Wien und habe mir dort im Kunstforum die Werkschau von Georgia O'Keeffe angeschaut. 
    Kunstforum Wien

Prag, die Sonne geht unter hinter der Karlsburg

  • Jardim Estrela Eine Oase der Ruhe und Schönheit in einer meiner absoluten Lieblingsstädte: Lissabon Ich bin so froh, dass ich es in diesem Jahr noch einmal geschafft habe, hinzureisen. 
    Lissabon

(c) Susanne Becker

Dienstag, 26. Dezember 2017

Buch der Woche - Stille von Erling Kagge

Stille
„Gute Dichter erinnern mich an große Entdecker. Indem sie die richtigen Worte wählen, setzen sie Gedanken in meinem Kopf in Gang, ein bisschen wie die Berichte der Entdecker, die ich als kleiner Junge las.“

In seinem kleinen, feinen Buch „Stille. Ein Wegweiser.“ tut Erling Kagge für die Leserin genau dies: er wählt Worte, aber auch stille Momente, und setzt damit die Gedanken in Gang, die immer um die gleichen Fragen kreisen, jene, die Kagge zu Beginn seines Buches stellt und die er versucht, zu beantworten:
„Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?“
In dreiunddreissig Abschnitten forscht Kagge, mit einem denkbar offenen Geist, der Stille hinterher. Dazu nimmt er sowohl seine eigenen Erinnerungen zur Hilfe, als auch den Austausch mit Zeitgenossen wie dem norwegischen Dichter Jon Fosse oder der Performancekünstlerin Marina Abramovic. Ich schätze Marina Abramovic sehr, wie man hier und hier auf meinem Blog nachlesen kann. Daher verwunderte es mich auch nicht, als ich gerade ihre Antwort auf seine Frage: was ist Stille, am inspirierendsten fand: "Das Gegenteil von Stille ist laut Abramovic ein Hirn, das arbeitet. Und denkt. Wenn du Ruhe finden willst, musst du aufhören zu denken. Nicht tun. Die Stille ist ein Werkzeug, um der Umgebung zu entkommen." 
Kagge liest auch Bücher von Ludwig Wittgenstein ("worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen") oder Emily Dickinson und unterhält sich mit seinen Töchtern, Teenagern, die mehr am Smartphone hängen als an seinen Lippen.

„Stille kann langweilig sein.“


Vor nur zwei Wochen sah ich zufällig, bevor ich überhaupt von der Existenz dieses Büchleins wusste, den Film „Zeit für Stille“ von Patrick Shen im Kino, der im Grunde die gleiche Thematik beleuchtet. Ich möchte diesen Film jedem von Herzen empfehlen, der sich für die Frage „Was ist Stille?“ interessiert.

Kennen wir heute überhaupt noch Stille? Ist Stille ein äußerer Zustand der Geräuschlosigkeit oder ein ruhender Ozean in unserem eigenen Inneren, aus dem Antworten zu allen Fragen aufsteigen, bevor wir sie überhaupt stellen könnten? Ist die Stille in uns abhängig von einer Geräuschlosigkeit im Außen oder ist diese Stille möglicherweise immer da?

Bereiche wie Meditation, die Natur, die Musik von John Cage spielen genauso in diese Überlegungen wie die Verzweiflung der modernen Menschen in der Stadt, der ununterbochen Geräusche hören muss, die er nicht in sein Leben eingeladen hat, ununterbrochen online ist, weil er nicht weiß, wie man wieder offline geht, die Stille andererseits eigentlich nur noch mit Qual und Langeweile, der bedrohlichen Konfrontation mit dem Abgrund im eigenen Inneren, in Verbindung zu bringen vermögen. Haben wir Angst vor der Stille?
Was ist Stille? Es gibt in dem Buch keine bahnbrechenden Antworten auf die Frage. Denn die Stille ist vielleicht ein Rätsel, für jeden etwas anderes. So muss auch jeder seine eigene Antwort, seine eigene Stille finden.
„Die Stille wird niemals alt unter der Sonne, sie ist immer wieder neu. In der Wissenschaft geht es um Beobachtungen über einen bestimmten Zeitraum hinweg, um etwas Nachprüfbares. Die Wissenschaft erklärt das Materielle, das Geschaffene. … Jenseits der Erkenntnis beginnt die Stille.“

Nein, bahnbrechende Erkenntnisse kann und will das Büchlein gar nicht bieten, denn die Stille beginnt jenseits, und da hinein muss jeder sich selbst begeben. Aber es lädt ein in den Raum, wo man sich der eigenen Stille, was immer man darunter versteht, zuwenden kann. 

"Der Mystiker Rumi soll einmal gesagt haben: "Jetzt muss ich still sein und die Stille entscheiden lassen, was Wahrheit ist und was Lüge..."

Herzlich danke ich dem Suhrkamp/Insel Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

(c) Susanne Becker



Sonntag, 24. Dezember 2017

poem for the time passing




I never said goodbye to the moment, when everything was still in front of me.

Not a matter of words.
Breathing.
Mostly.

When everything still seemed probable.
The turn of direction went unnoticed –
at first.

Maybe water, plenty of it.
drink water, also sink into it – a lot,
go to the bottom
the Ocean
a Lake

I never said goodbye.

Then of course silence.
More than not.
Be a monk for a change.

The moment,
when I thought, everything would be different.

Trees.
Never underestimate the power of trees.

I never said goodbye to the moment,
when I thought,
& when one word nourished another,
& when I became a warrior.  Unnoticed.
At first. Until I saw myself. 

(c) Susanne Becker

Freitag, 22. Dezember 2017

Buch der Woche - Nachtlichter von Amy Liptrot

„Eine kleine Insel für sich allein zu haben, gibt einem das seltsame Gefühl, frei und gefangen zugleich zu sein. Ich pinkle am Rand einer Klippe, schaue dabei in Richtung Norwegen und komme mir vor wie ein nordischer Eroberer. Vor einem Jahr war ich in einer Entzugseinrichtung in London. Und jetzt liege ich, alle viere von mir gestreckt, auf einer unbewohnten Insel…“

Kurz vor dem Ende des Jahres habe ich noch ein paar sehr schöne Bücher auf meinem Regal liegen und ich habe mir vorgenommen, Euch einige davon noch vorzustellen, bevor das neue Jahr beginnt.

Ein Buch, das mir nur durch den wunderbaren Blog literaturleuchtet von Marina Büttner ins Bewusstsein gerufen wurde, begleitet mich schon seit einigen Tagen. Ich habe es immer in der Tasche und lese darin bei jeder Gelegenheit, häufig in der Berliner U-Bahn, aber auch, während ich darauf warte, dass das Nudelwasser anfängt zu kochen.
Es heißt Nachtlichter und ist von der Autorin Amy Liptrot.

Der Einband ist wunderbar blau und violett wie der Himmel und das Meer, weiß, wie die Möwen, die in dieser Landschaft fliegen. Sehr schön ausgewählt für ein Buch, in dem das Meer eine so wichtige Rolle spielt.

Der autobiografische Text handelt davon, wie die Autorin die Orkney-Inseln als junge Frau verlässt, um als Journalistin in London zu leben, wie sie vom Alkohol abhängig wird und nach einer Entziehungskur in dem verzweifelten Versuch, nicht rückfällig zu werden, zurück in ihre Heimat kehrt, die Geborgenheit in einer stürmischen und eher rauen Form bietet. Wir erfahren, dass ihre Kindheit nicht einfach war. Denn der Vater war psychisch labil und wurde beispielsweise an dem Tag, an dem ihre Mutter mit ihr als Säugling aus dem Krankenhaus zurück kehrte, in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Ihre Wege kreuzten sich auf dem kleinen Flughafen der Hauptinsel. Allein die Vorstellung, dass Amys junge Mutter mit einem Säugling alleine auf einer einsamen Insel hockte, geht einem nahe. Hinzu kam, dass die Mutter sehr religiös war. Die Welten der Eltern knallten mit ihren Extremen immer wieder aufeinander.

Das ganze Buch ist rau und zart zugleich, brutal und liebevoll. Es ist auch der Versuch,  schreibend die Leere zu füllen, die durch das Ende des Alkoholismus in Amy Liptrots Leben sich auftat.
Der Kampf gegen die Sucht, der Versuch zu heilen, finden in ihrer Schonungslosigkeit einen Spiegel in der rauen Landschaft dieser nördlich von Schottland liegenden Inselgruppe. Hier findet sie auch Beschäftigungen, um die Leere nicht ununterbrochen spüren zu müssen. Zum Beispiel arbeitet sie einen Sommer lang als Wachtelkönigbeobachterin für eine Umweltorganisation. Wachtelkönige sind sehr selten und vom Aussterben bedroht.
Gut kennt sich Amy Liptrot mit den Tieren und der Vegetation aus, so dass das Buch nicht nur ihre eigene innere Landschaft schildert, die Leere, die Angst davor, der Versuch, ihr nicht auszuweichen, sondern auch das Leben der Tiere und Pflanzen in einer Region, in der diesem Planeten das Leben fast abgetrotzt werden muss. Viele der Inseln sind nicht mehr bewohnt oder waren es auch nie, da das Klima zu rau ist. Man spürt es auf jeder Seite, dass auch die Autorin möglicherweise unbewohnt bleiben könnte, wenn sie es nicht schafft, dem rauen Klima in sich zu trotzen.
Es geht ums Überleben, das Überleben einzelner, von der Ausrottung bedrohter Tierarten wie der Wachtelkönige, aber auch das der Autorin.
Wir erleben beim Lesen mit, wie sie dank der Natur, dank der Abgelegenheit, dank ihrer unglaublichen Courage schwankend im Wind auf den Klippen ihrer Inseln, den Abgrund vor Augen,  langsam doch wieder Boden unter die Füße bekommt, wie die Leere sich mit Sinn und Sinnhaftem füllt. 
Eine zutiefst befriedigende Lektüre, mit dem zumindest für mich kleinen Seiteneffekt, dass ich jetzt unbedingt sobald wie möglich Schottland und die nördlich davon gelegenen Orkney Inseln besuchen möchte.

Ich danke dem btb Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

Hier ist noch der Link zu einem Interview mit der Autorin aus der Sendung Aspekte

(c) Susanne Becker


Samstag, 16. Dezember 2017

Halb Taube Halb Pfau von Maren Kames


„C: Ich möchte etwas, das unter Einsatz des ganzen Körpers entsteht.“

Mit ihrem Debüt, für das Maren Kames den Poesie-Debut-Preis Düsseldorf 2017, sowie den Anna- Seghers-Preis 2017 gewonnen hat, führt sie uns hinein in eine Landschaft, in der alles möglich ist. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich ist der Raum in einer größtmöglichen Offenheit gestaltet. Weiß, lichtdurchflutet, leer. Das spiegelt sich auch im Layout wider. Die Aufgabe besteht darin, diesen Raum, dieses Land „Nimm meinen Schädel, das ist das Land“ zu besiedeln, auszuloten, zu bebauen. Das geht drinnen und draußen, im Land und im Schädel. Dazu soll alles zum Einsatz kommen, der ganze Körper, jede Seite. Auch jede leere Seite hat eine Bedeutung. Weiß wie Schnee. Die Antarktis. Es gibt Stellen in dem Buch, da denke ich, Maren Kames ist Roald Amundsen. Wird sie den Pol erreichen, bevor es keinen Pol mehr geben, bevor alles geschmolzen sein wird? 

Das Weiß und Leer der Landschaft, ich las es als eine Metapher des Lebens, in das wir alle geworfen werden. Wie sich zurechtfinden? Die Gedichte, das ganze Buch, ist ein Versuch der Orientierung, für sich selbst und jeden, der es liest. Ausgeliefert und doch Meister des eigenen Schicksals. 

Man fängt mit der Leere an und landet irgendwann bei den Großvätern, den Müttern. Ohne den Bezug auf sie kann man sich selbst nicht verorten.

„Dass ich Flecken finde auf deinen Händen, dass deine Verwirrung eine Kapsel. Wie du vor einem Fenster sitzen wirst, dein Profil im Gegenlicht, die Krümmung deiner Nase zum Beispiel,
dein durchsichtiges Haar.“

Wie sich durch die Landschaft bewegen? Wie mit dem umgehen, was man in ihr findet? Nicht findet?
Da muss auch Liebe sein. Ohne Liebe kann man sich nicht verorten. Was ist Liebe?

"Ich höre: das kleine Geräusch das deine
Zunge beim Aufwachen in der Mundhöhle
macht..."

Aber auch erkennen, wie sehr man selbst die Landschaft, die Leere, das Weiß prägen kann. All das ist ja Leben. 

"Offenbar geht es darum, das Land zu durchqueren, es womög-
lich zu besiedeln. Das bin also ich, wie ich das Land durchquere, 
es mir erschließe."

Eingelassen in den Text, es fällt so leicht, das Buch zu lesen, jede Seite ist anders, auch anders gestaltet, das Layout ist lebendig, eingelassen sind QR-Codes (und Mensch, war ich froh, dass ich mir endlich vor drei Wochen ein Smartphone zugelegt hatte!), die einen entführen in Klangwelten, in ein weiteres Ausleuchten der Räume, auch über die Ohren.

Das Buch ist herausragend gestaltet. Der Secession Verlag ist berühmt für seine schönen Bücher, aber dieses ist noch schöner, mit seinem silber changierenden Moiré-Einband, der etwas arktisches für mich hat, gleißender Schnee bis an den Horizont und mittendrin, in blauer Schrift, der Himmel, der Titel. Der Beginn, diese Endlosigkeit auszumessen. Der Beginn, sich selbst zu verorten: halb Taube halb Pfau.  Es ist schön, dieses Buch in Händen zu halten. Es schmiegt sich an. 
Es hat mich in seinem Mut, einfach alles so zu machen, wie es passt, und nicht, wie "man" es macht, beglückt. Viele der Sätze in dem Buch haben mich auch beglückt. Sehr oft dachte ich beim Lesen: es ist wahr, Lyrik macht glücklich. Poesie ist ein Gebet. 

Lest es, dann macht es Euch vielleicht auch glücklich!

Ich danke dem Secession Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar. 

(c) Susanne Becker