Berlin

Berlin

Mittwoch, 19. Juli 2017

Lesung mit Molly Antopol im Jüdischen Musuem

Am Samstag war ich bei einer Lesung und Gespräch mit Molly Antopol, welche im Rahmen des Jüdischen Kultursommers im Jüdischen Museum in Berlin stattfand. Eine Schriftstellerin, die sich bislang nicht wirklich auf meinem Radar zeigte, die Veranstaltung rein zufällig entdeckt, und da ich mich sowieso in der Nähe befand, bin ich hin gegangen. Pure Neugierde. Bereut habe ich es nicht!

Molly Antopol hat mit ihrem Band von Erzählungen, Die Unamerikanischen, erschienen bei Hanser, vor einer Weile Furore gemacht und aus diesem Buch wurde gelesen, es gab aber auch eine ganz neue, kurze Geschichte, die sie während der Arbeit an ihrem aktuellen Roman geschrieben hat, um zwischendurch nicht das Gefühl zu haben, den Verstand zu verlieren. Romane zu schreiben ist eine recht einsame und langwierige Angelegenheit.
Die deutschen Versionen der Texte las die Schauspielerin Katharina Marie Schubert, das Gespräch führte Antopols Übersetzerin Patricia Klobusiczky kongenial.

Antopols Geschichten spielen u.a. in Israel, den USA, Russland, in u.a. den Jahren 1942, während der McCarthy-Ära (50er Jahre) und heute. Sie umspannt ein enormes Pensum an historischen Momenten und Personen, die alle irgendwie mit ihrer Familiengeschichte verankert sind, ohne diese buchstabengetreu zu erzählen. Wie Antopol es ausdrückte, geht es ihr weniger um eine historische Nacherzählung, als um eine emotionale Wahrhaftigkeit. Sie kann nicht über lebende Personen schreiben. Sie wüsste gar nicht, wie sie dies anstellen sollte. Sobald sie beginnt, zu schreiben, entwickeln sich die Personen in der Geschichte wie von selbst.
Wenn sie eine Geschichte schreibt, und dafür benötigt sie normalerweise ein bis zwei Jahre, schreibt sie diese immer wieder neu, redigiert und wechselt dabei auch wiederholt die Erzählperspektive. Grundsätzlich dauert es, bis sie die Person herauskristallisiert hat, welche dann schlussendlich die Geschichte erzählen wird. Diese Person ist häufig jene, welche im Verlauf der Geschichte die größte Schuld auf sich geladen hat und somit in irgendeiner Form die stärkste Reue empfindet. Ihre Erfahrung beim Schreiben ist es, dass diese Schuldgefühle ein großartiger und ganz natürlicher Motor für eine Geschichte sind. Es gibt, grob gesagt, zwei Möglichkeiten, wie Menschen mit Schuld umgehen, 1. sie bleiben in dem Gefühl stecken und wiederholen für den Rest ihres Lebens ein daraus resultierendes, unter Umständen traumatisches, Muster, 2. sie versuchen, aus dem dunklen Loch ihrer Erfahrung heraus zu kommen. Beide Impulse treiben eine Geschichte voran.
Programmatisch fand ich persönlich den Titel des Erzählbandes Die Unamerikanischen. Meine Freundin, mit der ich dort war, fragte mich nach der Lesung, was er wohl bedeutet. Spontan sagte ich, dass ich ihn sehr aktuell fände. Denn gerade wird von Trump und seiner Regierung ja wieder alles angeprangert und ausgegrenzt, was deren Meinung nach unamerikanisch ist. Hautfarben, Nationalitäten, Einstellungen, Verhaltensweisen, Religionen werden ohne jede Scheu angegriffen.
Die Geschichten Antopols handeln von Personen, die in vieler Hinsicht unamerikanisch sind: Kommunisten, die von McCarthy gehetzt werden, Juden, die erst nach Amerika emigrieren oder emigriert sind, und zunächst eben gar keine Amerikaner sind, sondern beispielsweise Partisanen in russischen Wäldern, die gegen die Nazis kämpfen, Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen als unamerikanisch fühlen. Unter McCarthy, der unrühmlichen Ära der Berufsverbote und schwarzen Listen, galten als unamerikanisch alle Aktivitäten, die in irgendeiner Form als kommunistisch eingeschätzt werden konnten. Dazu gehörten dann auch schnell generell amerikakritische Töne. Unzählige Kulturschaffende, auch und gerade Journalisten und Schriftsteller, erhielten damals Berufsverbote. Kunst braucht Freiheit. Und Amerika war damals alles andere als frei. Unwillkürlich taucht in meinem Kopf die Frage auf: War Amerika eigentlich irgendwann frei? Oder war diese Freiheit immer nur eine programmatisch eingesetzte Illusion? Antopol erwähnt die tiefe Verzweiflung, die unzähligen Suizide, die unter Kulturschaffenden jene amerikanische Ära gekennzeichnet hat. Ihr neuer Roman, an dem sie gerade hier in Berlin im Rahmen einer Fellowship der American Academy arbeitet, spielt in dieser Zeit des Kalten Krieges. Ihre Großeltern waren überzeugte Kommunisten. Ihr Großvater war in den USA wegen seiner politischen Überzeugungen inhaftiert. In diesem Zusammenhang erwähnte sie, dass einer ihrer absoluten Lieblingsfilme Das Leben der anderen sei. Denn er habe ihr vor Augen geführt, wie das System in den USA dem in der DDR gar nicht so unähnlich gewesen sei.
Für mich war dieser Abend in vieler Hinsicht interessant. Als leidenschaftliche Leserin weiß ich schon jetzt, dass ich ihren Erzählband unbedingt lesen möchte. Denn die Kostproben daraus waren wunderbar.
Aber er war auch in inhaltlich für mich spannend. Denn es wurde mir bewusst, wie sehr ein Land, das offiziell das Label FREIHEIT auf jeder seiner Aktionen, von denen viele brutal und kriegerisch waren und sind, stehen hat, als wäre es ein Werbeslogan, in Wahrheit diesen Grundwert missbraucht. Die USA waren das Land, in dem ich persönlich meine Freiheit fand. Ich habe es in der Tat seinerzeit als Heimat der Freiheit wahrgenommen, weil es genau dies für mich war. Subjektiv ist dieses Land vermutlich für viele Menschen ein Hort der Freiheit, ein Ort, an dem sie sie selbst sein können. Aber global gesprochen ist dieses Land möglicherweise auf dem Weg, eine Art Diktatur zu werden. Vielleicht war es das sogar schon immer, nur in einem angenehmen Gewand? Molly Antopol erzählte von einem Gespräch mit einer Verwandten, und der unvermeidlich darin auftauchenden Frage: Wann ist es so schlimm in einem Land, dass man sagt, es ist schlimm? Ist es jetzt in der Türkei schlimm? In Syrien? Seit wann ist es das und wie lange hat die Welt nicht hingeschaut. Was muss geschehen, dass die Welt hinschaut und erkennt, da hat schon längst eine Abwärtsspirale weg von Demokratie und Freiheit eingesetzt.
Antopol wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der amerikanische Präsident massiv die Pressefreiheit einschränkt.

Ein wunderbarer Abend mit einer tollen Schriftstellerin!

(c) Susanne Becker


Mittwoch, 12. Juli 2017

Buch der Woche - Wir sind die Früchte des Zorns von Sabine Scholl

Sabine Scholl schenkt dem Leser mit ihrem Buch „Früchte des Zorns“ eine Familiengeschichte, ihre Familiengeschichte. Im Mittelpunkt stehen mehr oder weniger ausschließlich die Frauen, die Mütter eigentlich. Es geht also um jene Frauen, die durch das freiwillige oder gezwungene, das im Grunde unvermeidliche Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse, der eigenen Träume, der eigenen Räume zur Selbstentfaltung, oft ein Leben lang, durch das Gebären von Kindern und die ständige Sorge für diese der Kitt unser aller Gesellschaft sind. Im Guten wie im Schlechten.
18529333Es ist ein Buch, das dem Frust der Frauen, der Wut, der Entrüstung, der Enttäuschung, der Traurigkeit dieser Frauen nachspürt und eine Stimme gibt. Auf jeder Seite wird die Trauer darüber spürbar, was alles möglich wäre, wenn die Frauen ihre Kinder in einer Welt bekämen, in welcher Gleichberechtigung wahrhaft praktiziert würde. An den Müttern kann man ablesen, ob und inwieweit es Gleichberechtigung gibt. Das wurde mir in dem Moment klar, als ich selbst Mutter wurde.
Ich fand die Übung, mein Ego ständig zurück zu stellen, teilweise sehr spannend. Denn ich beschäftige mich noch viel länger, als dass ich Mutter bin, mit Buddhismus. Es half mir streckenweise sehr, meine Kinder, meine ganze Familie als eine Art Klostereinrichtung zu betrachten, wobei die Kinder ausgezeichnete Zen Meister abgaben. Die Klostereinrichtung bestand einzig aus dem Grund, mitten in Kreuzberg, um mir die Lächerlichkeit und absolute Überflüssigkeit meines Egos und seiner lachhaften Bedürfnisse klar zu machen. So gesehen hatte die Sache sehr viel Gutes. Andere gehen für so manche Erkenntnis, die mich beim Spülen oder Staubsaugen ansprang auf teure Meditationskurse irgendwo in Asien.  

Wir sind die Früchte des Zorns leuchtet den Kampf der Frauen um ihr eigenes Leben mit so einer sehr starken, kleinen LED Taschenlampe aus. Bis in die hintersten Winkel der Frauenleben leuchtet das Buch und sagt so vieles schnörkellos, was in anderen Büchern poetisiert wurde, also im Grunde irgendwie auch beschönigt. An allen möglichen, im Grunde wunderschönen Orten leuchtet die Taschenlampe herum: ein Dorf in Österreich, Paris, Chicago, New York, Wien, Berlin. Es folgt damit dem Lebensweg der Erzählerin, die viel herum gekommen ist in ihrem Leben. Ein Jahrhundert an Frauenleben, ein Jahrhundert an Versuchen, dem Ganzen auf die Spur zu kommen: Ist es gerechtfertigt, dass Frauen zornig sind? Ist es ein Wunder, dass sie nicht noch viel zorniger sind und was hält ihren Zorn im Zaum?
Die Mutter der Erzählerin will nicht mehr leben. Immer wieder unternimmt sie Versuche, sich das Leben zu nehmen. Eine Österreicherin, auf dem Dorf. Unwillkürlich denkt man an die Mutter Peter Handkes, der in Wunschloses Unglück, wie ich hier schon einmal berichtet habe, ein großartiges Denkmal gesetzt wurde. Ihr und somit allen unglücklichen Müttern, die sich selbst aufgaben, um eine Familie nicht zu zerstören.
Sabine Scholls Buch ist nicht angenehm zu lesen. Es tut weh. Es ist auch lästig. Obwohl es zum Teil meine eigene Situation ausleuchtet, hatte ich keine Lust, mir immer wieder klar machen zu lassen, wie trist sie ist, hoffnungslos womöglich? Zumal ich diese Ansicht so nicht teile. Wenn man aber Trost sucht oder Weichspülerei, dann ist man bei ihr, das hatte ich hier schon bei Die Füchsin spricht festgestellt, an der falschen Adresse. Sie spricht eine klare und niemals beschönigende Sprache. Das muss man mögen.
Ich tat dies nicht das ganze Buch hindurch. Die Entrüstung, die ständige Wut, auch das Jammern, sie haben mich zeitweise ermüdet. Man verfängt sich beim Lesen in den Fangseilen auch der eigenen Entrüstung und, Achtung, jetzt wird es wieder buddhistisch, da sagte ich mir irgendwann, dass Entrüstung auch nur eine unter vielen Perspektiven ist, die man dem, was ist gegenüber, einnimmt. Insofern eine freie Wahl. So eingeschnürt man sich vorkommen mag in einem durch Pflichten eingeengten Alltag, in der Geschichte, die man sich selber von seinem Leben erzählt. Es steht einem frei, die Perspektive zu wechseln. 
Wir sind die Früchte des Zorns. Wenn man eine Geschichte wieder und wieder mit Entrüstung erzählt, dann wird das bleiben: die Entrüstung. Sie wird sich einschreiben in uns, in unsere Leben, dann auch wieder in die Leben unserer Töchter (und Söhne). Ich möchte das nicht. Ich wünsche mir einen Wechsel der Perspektive. Ich würde fast behaupten, dass dies mein persönliches Lebensziel ist. Ich möchte so frei denken, dass sich dadurch alles verändert.
Was ich mochte an dem Buch, neben der Tatsache, dass Sabine Scholl sich diesem Thema gewidmet hat. Denn das möchte ich noch einmal klar sagen: Frauen sind das Servicepersonal dieser Welt. Ob sie es wollen oder nicht. Sie haben nur dann Glück, wenn sie unter Männer fallen, die bereit sind, die Hälfte mit zu tragen, die bereit sind, ihr Ego genauso zurück zu stellen, wie es die Frauen seit Jahrhunderten tun und oft genug daran verzweifeln.
Was ich noch an dem Buch mochte: Diese Vielfalt, diese bunte Familiengeschichte, dieses Eintauchen in so viele unterschiedliche Welten.
Ich mochte auch den Einband. Grün. Grün ist die Hoffnung. Die Farbe der Hoffnung für ein Buch des Zorns. Denn wenn man durch den Zorn hindurch gegangen ist, ganz und gar, dann ist am Ende vielleicht genau das: die Hoffnung!

Einmal mehr ist es dem Secession Verlag, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke, gelungen, ein wunderschönes Buch vorzulegen.
Wir sind die Früchte des Zorns ist 2013 erschienen.

(c) Susanne Becker


Mittwoch, 5. Juli 2017

Meine Lieblingsschriftstellerinnen stellen ihre Lieblingsbücher vor (22)

Die Kreuzberger Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 
Sie haben übrigens auch immer eine genial verführerische Auswahl an englischen Büchern, sowie das tollste Geschenkpapier und anderen Schnickschnack, den man dringend braucht.
Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 

Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist, und dass sie jetzt auch bei Facebook sind? 





Liebe Susanne,

"Sonka" von dem polnischen Autor Ignacy Karpowicz, Piper Verlag, 20€.

Mit heftiger Atemnot habe ich dieses Buch gelesen,

Ein Theaterautor aus Warschau bleibt in einem Dorf im Osten Polens nah an der Grenze zu Weißrussland liegen.

Eine alte Frau nimmt ihn in ihr Haus auf. Und erzählt ihre Geschichte.

Sie erzählt von ihrer großen, leidenschaftlichen Liebe zu einem deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg.

Es ist eine wahre Geschichte und es gibt das Theaterstück dazu. Dies wird in die Geschichte von Sonka mit eingeflochten, so entsteht ein Sprung in unsere Zeit, die Kriegsgeschichte, voller Dorfgemeinheiten, Vergewaltigung.

Intrige aber eben auch die ganz große Liebe, gehen dem Leser unter die Haut.

Erstaunlich, überwältigend, sprachlich wirklich großartig eigen und bildhaft und und und.

Das Beste Buch seit Auster  :)


Was ist mit dem nächsten Date?

Liebe Grüße,

Jessica
bis 18.30 uhr bestellt am nächsten morgen da!

mo --fr 9.30 uhr - 19.00 uhr

sa 10.00 uhr - 16.00 uhr

buchladenebertundweber

falckensteinstraße44

10997 berlin


  tel. 030-69 56 51 93

www.ebertundweber.de

Freitag, 30. Juni 2017

Book of the Week - Refuge by Terry Tempest Williams


Refuge by Terry Tempest Williams

The first time, I heard anything about Terry Tempest Williams was many years ago, when I was about to go to New Mexico for a writing workshop with Natalie Goldberg at Ghost Ranch, Georgia O'Keeffes former home. A little while, before the workshop started, Natalie sent us a list with things to bring and how to prepare ourselves. Among pen & paper, there was also the book "An Unspoken Hunger" by Terry Tempest Williams on that list, and the unambiguous order: READ! I did not understand the book back then, only that it was really good, and that Terry Tempest Williams was a great writer. I could taste the quality and depth of her words. But I guess, somehow, I was too young to fully grasp it. I still had my first very spiritual experiences in nature back during this workshop, walking the O'Keeffe landscape in combination with writing with Natalie and meditating with a zen-nun, brought me insights and joy, peace of mind really in an intensity, I had never experienced before. Maybe it was there, that I realized for the first time, that we will not be able to find peace, if we do not respect nature.
Refuge now is the second book, I read by her, and I enjoy every page, every word nourishes me. 
It is a book written by a daughter, who loses her mother to cancer, and every page carries the pain about this. Since I lost my mother to cancer, I could relate instantly.

„I was raised to believe in a spirit world, that life exists before the earth and will continue to exist afterward, that each human being, bird, and bulrush, along with all other life forms had a spirit life before it came to dwell physically on the earth. Each occupied an assigned sphere of influence, each has a place and a purpose.“

Refuge was written in 1991 for her mother, who had died of cancer in 1986. 

"I come into the peace of wild things
who do not tax their lives with forethoughts
of grief. I come into the presence of still water." (Wendell Berry)

Tempest Williams reads this poem, The Peace of Wild Things, to her mother, when she is already very weak. The two women often communicate about literature and nature, both gates into stillness.

The reader finds so much wisdom, both, from Tempest Williams herself and the other authors, she quotes, that the entire book is like a wonderful learning experience, or rather, itself a gate into stillness.

It is a book, in which landscape is made palpable as refuge. It is a book, in which still water, still places, the stillness within ourselves, is made palpable as refuge and the path to this refuge is mapped out through Tempest Williams intimate knowledge of the landscape and birds around the Great Salt Sea in Utah, where she grew up, where she still lives and works as a writer. She is well known as conservationist, nature writer and spiritual person, really. You find your still place, when you go into nature.

„I know the solitude my mother speaks of. It is what sustains me and protects me from my mind. It renders me fully present. I am desert. I am mountains. I am Great Salt Lake. There are other languages being spoken by wind, water and wings.“

This book is a testimony of her connection with the land around her, it is also a book about her dying mother and her own grief. Maybe this is one of the reasons, I feel so close to this book. Because what she writes about her mother, I feel, I understand completey, because the dying process and what she and her mother learned from it, is so familiar to how I experienced my mothers dying of cancer five years ago. The stillness was the same. Tempest Williams succeeds on a very skillful and high level to write about mortality, spirituality and nature. She connects everything with everything, and makes the interconnectedness of us all with the entire life around us palpable.

„We are no more and no less than the life that surrounds us.“

When my mother was dying and I sat with her in her room, I understood this truth instantly. I also understood, that everything our ego ever desires, is completely unimportant, because we are part of a bigger picture. Our ego is the most unimportant part about us, but it lives our lifes most of the time. This is really a huge waste of our time and energy. I looked at my mom and I thought: Only those, who have succeeded in getting rid of their ego, will have a peaceful journey to the other side. My mother let go of her ego completely, before she died. Being with her, was like being in a vast landscape. There was only peace. I meant to keep all, what I understood, in my mind and heart and live it. But of course, this kind of wisdom is so much against our everyday life rules, that it slipped away after a while. 
There is a piece in the book, where the mother talks about a story written by Tolstoy. A man is wrongly accused of murder, spends 26 years in a prison camp in Siberia, and does not free himself, when he finally has the opportunity to, because he no longer wants anything.

"I ask Mother, why this story matters to her. "Each of us must face our own Siberia," she says. "We must come to peace within our own isolation. No one can rescue us. My cancer is my Siberia."

Terry Tempest Williams catches this bigger picture, she connects our mortality with our place here, and our spirituality.
It is a beautiful book, very deep and nourishing. I love reading it. I feel, it catapults me back to my mother’s bedside and all the depth and peace, I found there. I love reading it, because it reminds me again of the fact, that nothing, my ego desires, really matters. It reminds me, that I would really like to spend more time with books and places and people, who remind me of this. 

I should mention, that Refuge is also a book about birds. Every chapter is called like a bird from the Great Salt Lake area and shows up in this chapter. So we learn a lot about birds and how they are threatened by the growth of the Great Salt lake and consequently the destruction of their home, The Bear River Migratory Bird Refuge. The birds, in the end, represent us, humanity, losing our refuge by destroying this planet. I admit, that I found the parts about her mother, personally, more interesting, but I still loved her description of the birds, their behaviour, their unusual names like Snowy Egrets, Long-Billed Curlews, Western Tanager, Whistling Swan. The birds, she "meets" in the field (while writing the book, she works as a curator and naturalist-in-residence at the Utah Museum of Natural History), often carry a message to Terry, metaphorically, by their special behaviour or their general characteristics. The birds always fit right into the chapter. The connection between them and the part of the story, she is telling, is always obvious, which makes it so obvious again, how much we are a part of nature, that we are really nothing without it.

Yes, a wonderful book.
READ!

(c) Susanne Becker





Sonntag, 18. Juni 2017

Überbitten von Deborah Feldman


"Man könnte sagen, dass ich ein spirituelles
Vertrauen in den nicht aufzuhaltenden Elan narrativer
Entwicklungen hatte."

Überbitten, das neue Buch von Deborah Feldman, handelt von den Jahren, nachdem sie die fundamentalistische, jüdische Gemeinde der chassidischen Satmarer in Williamsburg/New York verlassen hat. Es ist ein sehr persönliches Buch. Sie macht sich darin absolut sichtbar, vielleicht noch mehr, als in Unorhodox, dem Buch, in welchem sie ihr Leben bei den Chassiden und den Entschluss, es zu verlassen, schilderte. (hier nochmal meine Rezension von Unorthodox)
ÜberbittenSie baut keinerlei Schutzwall um sich herum. Ihre absolute Ehrlichkeit und Authentizität sind zwei der Gründe, warum dieses Buch so gut ist. Es saugt einen vom ersten Satz an in seinen Bann. Es ist, als würde man mit einer wunderbaren Freundin quatschen, die einen nicht eine Sekunde lang hinters Licht führt. Frei von der Leber weg. Dabei intelligent, tiefsinnig, mit einer Menge Bezügen zu Denkern und Autoren, die man selbst ebenfalls schätzt, z.B. Hannah Arendt oder Primo Levi.  Jede Seite öffnet den eigenen Geist, das eigene Herz ein Stückchen weiter, bis es mir am Ende des Buches so ging, dass ich eigentlich mal kurz die Welt umarmen wollte.

700 Seiten über die sieben Jahre, die folgten, nachdem sie ihre Familie und die chassidische Gemeinde verlassen hat. Es ist auch ein Buch über Deborah Feldmans Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist. Diese Großmutter ist eine ungarische Jüdin. Sie hat Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Sie ist zunächst nach Schweden gekommen, weil sie sehr schwer an Typhus erkrankt war, und von dort, nach langem Hin und Her, in die USA. Sie heiratete einen chassidischen Satmarer, der ebenfalls aus Ungarn stammte, aus einem Nachbardorf. Wenn man Auschwitz überlebt hat, fällt man entweder vollkommen von Gott ab, 

Andreas Platthaus und Deborah Feldman bei der Premiere des
Buches im Berliner Kino Babylon
(C) mit meinem Handy, kein Smart Phone, fotografiert

an dessen Existenz man nicht mehr glauben kann, oder man verschreibt sich ihm ohne Wenn und Aber, hoffend, dass das Einhalten der strengsten und absurdesten Gesetze und Gebote, diesen offensichtlich so zornigen Gott besänftigen kann, somit eine erneute Katastrophe für zumindest diese Gruppe des jüdischen Volkes verhindern wird.
Ich las das Buch als Liebeserklärung an diese Großmutter, die sich den Regeln der Satmarer gebeugt hat, auch wenn darüber ihr Garten verkümmerte, der ihre große Leidenschaft war, ihr Rückzugsort. Die Regeln für einen blühenden, fruchtbaren Garten ließen sich jedoch, und da war der Großvater streng, nicht in Einklang bringen mit den Geboten der Satmarer für das Bearbeiten eines Gartens. Sie hat Auschwitz nie erwähnt, sie konnte wunderbar backen und kochen und war für Deborah, die ohne Eltern aufwuchs, der Inbegriff von Liebe.
Das Buch ist, so vermutete ich die gesamte Lektüre hindurch, auch der Versuch, sie, diese geliebte Großmutter, „mit Bitten zu überwinden“, also „Überbitte“ zu leisten für ihr Fortgehen. (Hier der Link zu einem Video aus der ARD Mediathek mit einem Beitrag, in welchem D. Feldman unter anderem den Begriff Überbitten erläutert. Der Link ist noch bis 8. Juni 2018 verfügbar.)
Aber vor allen Dingen Überbitte zu leisten dafür, dass sie nach diesen sieben Jahren ausgerechnet in dem Land ihr Zuhause gefunden hat, das für die Großmutter, für die Satmarer allgemein, die Verkörperung des Bösen darstellt: Deutschland.
Am Mittwoch hatte das Buch im Berliner Kino Babylon Premiere. Im Rahmen der Veranstaltung gab es die Möglichkeit für das Publikum (geschätzt 500 Menschen waren anwesend, das Kino praktisch voll), Fragen zu stellen. Eine Dame fragte, ob Deborah Feldman je wieder Kontakt zu ihrer Großmutter gehabt habe. Sie verneinte dies. Denn die Regeln der Satmarer sind fundamentalistisch. Wer die Gemeinschaft verlässt, darf nicht nur nie wieder zurück, sondern wird auch von den anderen Mitgliedern verfolgt. Einige andere ehemalige Satmarer, die wie Deborah Feldman die Flucht gewagt haben, haben sich in den letzten Jahren das Leben genommen, weil die Angriffe zu schmerzhaft wurden. Ein Onkel von Deborah Feldman verbreitete das Gerücht über sie, auch sie sei längst tot. Wer die Gemeinschaft  verlässt, ist tot.
Als Deborah Feldman die Frage nach ihrer Großmutter beantwortete, merkte man ihr den Schmerz über die Regeln einer Gemeinschaft an, die ihr dafür, dass sie ihr eigenes Leben gestalten und leben möchte, den Kontakt mit der Person verweigert, die für sie Liebe bedeutet. Das Buch ist dieser Großmutter gewidmet. Vielleicht wird sie es eines Tages lesen, heimlich.

Dieses Buch ist auch ein Buch über Deutschland. Ich muss gestehen, dass ich es liebe, Bücher zu lesen, in denen mir Menschen aus einer vollkommen anderen Perspektive als der meinen die Orte schildern, an denen auch ich mich bewege. Das ist in etwa so mind-opening wie Reisen an Orte, die einem wirklich fremd sind. Man kapiert in wenigen Sekunden, wie egomanisch und eingeschränkt die eigene Sicht ist. Immer glaubt man, die eigene Meinung wäre allgemein gültig, möglicherweise sogar eine Art Norm für Normalität schlechthin. Wie leicht fühlt man sich irritiert von allen, die die Dinge anders handhaben als man selbst. Sie müssen falsch liegen, das ist klar. Diese Irritation mit anderen und das eigene Beharren auf der Rechtmäßigkeit der eigenen Perspektive ist ein wunderbarer Nährboden für jeden Rassismus, für jede Ausgrenzung.
Die Feldman schildert uns deutlich ihre Irritation über Deutschland, wie die Realität mit ihren Vorstellungen, den in der Satmarer Gemeinde gelernten Ansichten über die Heimat des Bösen teilweise kollidierten, teilweise übereinstimmten. So ist dieses Buch auch eine Art Protokoll darüber, wie sie ihre Bewusstseinsblase zum Platzen brachte und immer weiter und immer mutiger wurde, mit jedem Jahr. Bis sie irgendwann zu der Erkenntnis kam, dass sie in Deutschland leben möchte.
Am Abend der Premiere erzählte sie uns, dass sie einen Tag später die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten würde. Wie dies möglich war für sie, welche Verwirrungen und Zufälle in der Vergangenheit ihrer Familie dazu führten, auch das erzählt uns Überbitten.

In Überbitten bringt sie alles zusammen, ihre Familie, ihre Vergangenheit, die Geschichte, in welcher die gesamte Familie ihrer Großmutter in Auschwitz ausgelöscht wurde, sich selbst vorher und jetzt, wo sie sich zum ersten Mal als unabhängiges, starkes Selbst wahrnehmen kann, in einem vollkommen selbstbestimmten Leben.

„Sieben Jahre lang war ich eine Art Flüchtling. Ich platzte in diese Welt, indem ich jene Öffnungen nutzte, die Globalisierung und Technologie in ihre alten Mauern geschlagen hatten,… Ich habe mir diese eine Frage in den vergangenen sieben Jahren beständig gestellt: Ist es möglich, anzukommen?“

Die Seiten, auf denen Deborah Feldman erzählt, wie sie in Neukölln landet und ihre Tage in dem Café Espera verbringt, wie sie nach und nach einen Freundeskreis kennenlernt, zu dem unter anderem dann auch ihr späterer Verleger vom Secession Verlag gehört, sind so wunderbar, dass ich am liebsten gleich von meinem Haus im Wrangelkiez hinüber laufen wollte in den Reuterkiez und mich dazusetzen.

"Wer in jenen Tagen über die Sonnenallee gegangen ist, wird mich höchstwahrscheinlich am Fenster des Café Espera gesehen haben, oder draußen, auf einer Bank, zusammengekauert mit meinem New Yorker , ..., und vielleicht hat man mich im Gespräch mit einigen der benachbarten Anwohner gesehen, mit denen ich zaghafte Freundschaften begonnen hatte: eine Studentin aus Ostdeutschland, die fließend Englisch sprach; ein Dichter und Musiker, der derart system-kritisch eingestellt war, dass sein politisches Gewissen ihm häufig den Zugang zu gesellschaftlichen Ereignissen verwehrt hatte; ein junger Psychotherapeut und Teilzeit_DJ, dessen radikal linke Ansichten aus seiner Jugend in jener Art langsamen Resignation an Zuversicht verloren hatten, die sich uns häufig mit dem Erwachsenwerden aufdrängt, und ein Verleger, den man häufig Zigarette rauchend beim Lesen der Kritiken seiner Autoren antreffen konnte,..."

Dieses Buch ist vielschichtig, es schenkt dem Leser unglaublich verschiedene Erfahrungen, Geschichten und Einsichten. Am Ende der Buchpremiere wird Deborah Feldman gefragt, ob sie ihre Religion immer noch praktiziere. Sie verneint, sagt aber gleichzeitig, dass sie ein tiefgläubiger Mensch sei, und dass dieses Buch im Grunde zeige, woran sie glaube.
Über diesen Satz muss ich seitdem nachdenken. Denn ich denke, weil dem so ist, ist das Buch so nahrhaft für mich gewesen. Es ist ein spirituelles Buch. Woran glaubt Deborah Feldman? An den "nicht aufzuhaltenden Elan narrativer Entwicklung". Daran also, dass alle unsere Leben Geschichten sind, die nur dann authentisch erzählt werden können, geschehen können, wenn wir bereit sind, uns vollkommen unserer eigenen inneren Stimme anzuvertrauen. 
Die 700 Seiten legen Zeugnis darüber ab, wie Deborah Feldman dies tat, kompromisslos, und wohin es sie führte. Letztendlich führte es sie nämlich nicht nur zu sich selbst und nach Deutschland, sondern auch, so sehe ich es, ein Stückweit zu ihrer Großmutter, zu dem Leben, das diese hätte leben können, wenn der Holocaust nicht alles zerstört und auf Null gesetzt hätte für sie.

"Vielleicht ist das ganze Buch eine Erklärung dafür, wie ich glaube, was ich glaube." Lange also dachte ich über diesen Satz nach und was er für mich bedeutet und ich kam zu dem Schluss, dass mir das Buch auch deshalb so gut gefällt, weil ich dem gleichen Glauben anhänge, wie Deborah Feldman.

Ich danke dem Secession Verlag sehr herzlich für das Rezensionsexemplar und auch sonst!!

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 1. Juni 2017

Lesen, Schreiben & Trump

Einen Tag, nachdem Trump zum Präsidenten vereidigt wurde, also im Januar diesen Jahres, las ich und schrieb ich, aber ich hatte diesen Mann und was seine Wahl bedeuten würde, ganz schön im System. Heute entdeckte ich diesen Text, den ich damals schrieb. Ich möchte ihn hier teilen, auch, weil er ein paar Hinweise zu interessanten Büchern enthält, die mit Trump, Gott sei Dank, nichts zu tun haben. 

Sie las gerade wieder mehrere Bücher parallel. Was ich liebe und was nicht von Hanns-Josef Ortheil, eine Art autobiografische Erzählung über alle möglichen Dinge, die der Autor eben liebt oder nicht liebt. Es gibt sehr schöne Stellen darin, die sie sogar ein wenig, manchmal, inspirierten. Aber im Großen und Ganzen findet sie das Buch, sie ist mittlerweile fast bis zur Mitte durch, teilweise beinahe unerträglich selbstgefällig und geschwätzig. Die ganze Zeit erwischt sie sich dabei, wie sie sich nach der Mayröcker sehnt oder Handke, nach Autoren, die ihr Ego so vollständig heraus nehmen, selbst noch aus dem autobiografischsten Text, die es transzendieren und damit an das allgemein menschliche gelangen. Dies gelingt Ortheil nicht. Natürlich war das ein überzogener Anspruch. Aber sie hatte ihn nun mal. Knausgard schrieb auch ausschließlich über sich selbst, aber er tat es so uneitel, so vollkommen bar jeder Berechnung, das sie auch diese Bücher sehr schätzt.
Wenn sie an die Mayröcker und auch Handke dachte, dann war das natürlich die Messlatte für ihr eigenes Schreiben. Das war ja genauso egomanisch wie das von Ortheil, und dabei auch noch viel schlechter. Man konnte also im Grunde mal wieder einen Berg eigener Texte schreddern und weiter graben im eigenen Inneren, ob da nochmal was kam, was sich lohnte, festgehalten zu werden. Wenn man von sich schrieb, dann musste es dafür einen Grund geben, der über das Subjektive, über das eigene Ich hinaus ging. Wie dies zum Beispiel Deborah Feldman in Unorthodox so scheinbar mühelos gelingt. Schreiben konnte die Frau, als säße man mit ihr im Café und würde ihr zuhören. So lebendig. 
Zum anderen las sie ein Buch, das ihr ihr Kollege gestern zum Geburtstag geschenkt hatte. Es hieß Seide und war von Alessandro Barrico. Es handelte von einem Franzosen, der nach Japan reist, um dort Seidenraupeneier für die heimische Seidenproduktion zu erstehen. Er sieht dort eine Frau, mit der er kein Wort sprechen kann, eine Japanerin, die zu einem anderen Mann gehört. Er schaut ihr lediglich in die Augen. Sie trinkt aus seiner Teetasse. Er trinkt an der gleichen Stelle wie sie aus der Tasse. Eine Leidenschaft beginnt. Immer wieder reist er nach Japan. Die Frau wird in keiner Weise deutlich. Sie ist so offensichtlich nichts anderes als die Projektionsfläche männlicher Phantasie dafür, wie eine perfekte Frau zu sein hat: anschmiegsam, schweigsam, auf keinen Fall übermäßig agierend, also im Grunde gar nicht agierend. Das Buch machte sie beinahe aggressiv in seiner vollkommenen Objektivierung von Frauen durch einen Mann. Es ist ein Buch über die wahre Liebe. Das versteht sie. Sie versteht es. Aber auch das Verhalten der Ehefrau, die diese Liebe möglicherweise verkörpert, machte sie ein kleines bisschen aggressiv.
Ortheil und Barrico erinnerten sie an etwas, das sie schon immer an einer bestimmten Art Männern gestört hatte: sie waren selbstgefällig, ein wenig überheblich, charmant aber Macho, Frauen dienten im Grunde nur als Kulisse, als Mittel zur Selbstbeweihräucherung qua Bewunderung für besondere Frauen. Diese Frauen mussten schön sein, duldend, ihm ausschließlich zur Verfügung stehen, kein eigenes Wollen verkörpernd, aber Hingabe. Der Mann schmückte sich und erhob sich über die Reihen der gemeinen Männer und Frauen hinweg, indem er sie an seine Seite stellte.

Okay, sie war heute besonders empfindlich. Sie sah überall Trump. Ihr Blick war getrübt. Projektion, auch bei ihr. Sie fand vor allem das Buch von Barrico im Grunde sehr gut. Ein Buch über die Liebe, geschrieben von einem Mann. Die Sprache poetisch. 
Aber Trump war als amerikanischer Präsident gestern vereidigt worden und sie machte sich da keinerlei Illusionen: Die Welt würde an Poesie verlieren, auf allen Gebieten. Sie würde ein hässlicherer, ein brutalerer, ein möglicherweise auch für sie, in ihrer europäischen Wohlstandsblase, lebensgefährlicherer Ort werden in jenen mindestens vier Jahren, in welchen er die Welt bestimmen und verändern würde mit seinen weißen alten Männern, denen es allen nur um Macht und sich selbst ging, egal, welchen Preis dies kosten würde. Männer ohne Herz, ohne Moral, für die Politik, Weltpolitik, ein Spiel war. Für die Frauen Schmuck waren, und Gebärerinnen von Nachkommenschaft. Es waren Prolls, ohne Ehrfurcht, ohne Herzensbildung, aber mit viel Geld. Das waren genau die Leute, vor denen ihr Großvater sie immer gewarnt hatte, mit welcher Warnung er letztlich dazu beigetragen hatte, dass sie niemals hatte reich werden wollen. Denn reiche Leute waren grundsätzlich dumm und oberflächlich, aller Wahrscheinlichkeit nach auch unehrlich, hatte ihr Großvater angedeutet. Mit welcher Auffassung er nicht alleine da stand. Schon Scott F. Fitzgerald im Großen Gatsby sah die Reichen ähnlich. 

Amerika würde sich verändern. Dieses Land, das ihr soviel Freiheit, soviel Selbstwertgefühl geschenkt hatte, und auch Poesie. Vermutlich würde es sich gar nicht verändern. Es zeigte nur einfach diese Seite von sich, die durch Trump perfekt verkörpert wurde, und die sie selbst ja manchmal dort wahr genommen hatte. Diese Seite war pures Ego. Sie war all das, was man im Buddhismus zu überwinden suchte. Aber sie hatte in ihrer eigenen USA-Erfahrung nur eine sehr geringe Rolle gespielt. Denn sie hatte sich in den USA in einer Blase bewegt, in der die Menschen klug waren, poetisch, kreativ, gebildet, multikulti, offen. Die reaktionäre Seite konnte genauso verdrängt werden, wie unangenehme politische Tendenzen hier verdrängt werden konnten, solange sie nicht allzu gefährlich an die Oberfläche gelangten. Die Welt würde sich aber verändern. Durch dieses Amerika, das es immer gegeben hatte, und das nun die Macht in Händen hielt, würde sich peu á peu, sehr viel verändern. Alternative Fakten würden zu Wahrheiten stilisiert werden, solange, bis man sogar mit klarem Verstand sich nicht mehr immer sicher sein würde, was nun eigentlich die Wahrheit war und wem man trauen konnte. Sie merkte, wie diese Tatsache ihre Stimmung tagtäglich belastete. Wenn sie hörte, was Trump sagte und tat, das legte sich wie eine dunkle Wolke auf ihr Gemüt.
mein Amerika

Nachtrag am 1. Juni 2017: Ich lese jetzt Deborah Feldmans neues Buch, Überbitten, und kann es nur wieder bestätigen, dass sie es schafft, das Persönliche auf eine Weise zu erzählen, die so offen und ehrlich ist, dass sie einen vom ersten Satz an berührt und in ihren Bann zieht. Mit ihrer Klugheit transzendiert sie das Subjektive. Ich werde sicher, nach dem Abschluss der Lektüre, ausführlicher darüber schreiben. Denn dies ist auch ein Buch über Amerika.

Trump: er liegt mir nicht mehr in dieser Art und Weise auf dem Gemüt, weil ich jetzt das Gefühl habe, ihn einschätzen zu können. Das macht es nicht unbedingt besser. Aber mir geht es besser. Dass er Präsident werden konnte, ist eine Tragödie. Eine vor allem amerikanische Tragödie. Denn dieses Land bringt so viele große, kluge, innovative, kreative, wunderschöne Menschen hervor, und auf der anderen Seite gibt es genauso viele Menschen, die sich in Trump zuhause fühlen. Das Land ist tief gespalten. Ich liebe es sehr, dieses Amerika, weshalb mich diese Spaltung persönlich schmerzt. Es ist wie eine zweite Heimat für mich. Es ist das Land, in dem ich begann, mich selbst wirklich zu finden und zu verwirklichen. Das Land, das mich begeistert aufnahm und sein ließ. Jahrelang konnte ich mir vorstellen, dort ganz zu leben. Viele meiner allerbesten Freunde leben dort, sind Amerikaner und ich sehe, wie sehr sie damit kämpfen, dass ihr Land, ihr großartiges Land, nun von diesem absoluten Idioten repräsentiert wird. Das Land ist vollkommen gespalten. Zwei Hälften stehen sich im Grunde hasserfüllt gegenüber, ohne den Wunsch, einander zu verstehen. Ich sehe momentan nicht, wie diese Spaltung, die mitten durch das Land zu gehen scheint, überwunden werden könnte. Ich sehe noch nicht einmal, wie der Wunsch, sich gegenseitig zu verstehen, genährt werden könnte. Die Spaltung geht so tief. Sie dringt in jede einzelne Seele ein. Sie stammt noch aus der Zeit der ersten Besiedlung durch Weiße, sie stammt aus der Zeit des Mordens an der Urbevölkerung, des Versklavens der Schwarzen, des Bürgerkriegs, des Vietnamkriegs --- sie scheint sich nahtlos nach heute fortgesetzt zu haben. Als hätte es nie einen Prozess gegeben der Reue, der Verarbeitung, der ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Sich selbst und seine Abgründe anschauen und nicht wegzucken. Das hat es ja auch tatsächlich nie gegeben in dieser Form. Hat es je eine Katharsis gegeben? 
Wenn es in einer Pressekonferenz des Weißen Hauses offiziell heißt, der Präsident und ein paar wenige andere wüssten, was der Tweet #covfefe bedeutet, dann darf man Zweifel hegen. 
Ich bin wirklich dankbar, in einem Land leben zu dürfen, in dem es solche Prozesse gegeben hat und immer noch gibt, in dem es eine große Zahl von Menschen gibt, die sich auseinandersetzen wollen mit der Geschichte des eigenen Landes. Immerhin, das hat mir Trump geschenkt, dass ich sehe, wie gut ich es habe.

(c) Susanne Becker

Donnerstag, 18. Mai 2017

Ein Abend im Secession Verlag


Es gibt ja so Tage, da hat man einfach Glück. Zum Beispiel, wenn die Lieblingsbuchhändlerinnen zu einem Verlagsabend bei Secession eingeladen sind und beide nicht können, ihr daraufhin eine Mail schreiben, ob sie hingehen möchte und sie geistesgegenwärtig genug ist, zu diesem Angebot „ja“ zu sagen.

Der Secession Verlag ist seit geraumer Zeit einer meiner absoluten Lieblingsverlage. Bislang mochte ich jeden gelesenen Titel aus diesem Hause. Denn sie alle vereint die Poesie der Sprache, die Schönheit und Genauigkeit der Gestaltung und die Klarheit der Aussage.
Ich hatte es schon einmal in einer Rezension zu dem Ferrari Buch Ein Gott Ein Tier geschrieben, dass dieser Verlag Poesie und Politik einzigartig verbindet in der heutigen Verlagslandschaft.
Dass er damit Erfolg hat, stimmt mich hoffnungsvoll.

Der Abend fand statt in den Räumen der Druckwerkstatt p98a von Erik Spiekermann, wo mittlerweile seit einem Jahr auch die Secession Bücher gemacht werden und wo seit kurzem, oben auf der Empore, die drei Schreibtische, erreichbar über eine kleine, frei schwebende Wendeltreppe, der Berliner Dependance des Verlags stehen.
Man befand sich also zwischen Druckmaschinen, handgedruckten Plakaten mit Sprüchen wie „Wenn ich umsonst arbeiten wollte, wäre ich Ehrenamtler und nicht Freelancer“ oder „Feck Perfuction“ , und lauter tollen Leuten. Gestaltet wurde der Abend von Adrienne Schneider. Sie organisiert für Secession auch die Veranstaltungen mit Deborah Feldman, deren neues Buch „Überbitten“ am 29. Mai erscheinen wird.
Anwesend waren die drei Verlagsgründer, -verleger, -lektoren, -übersetzer Joachim von Zepelin, Alexander Weidel und Christian Ruziscka.
Man erzählte uns, dem Publikum, das zum größtenteil aus Buchhänderlinnen bestand, aber auch die wunderbare Bloggerin Masuko13 traf ich dort, wie der Verlag gegründet worden war, wie man sich gegenseitig kennengelernt hatte, wie man den ersten richtigen Hausautor, Steven Uhly, der ebenfalls anwesend war, gefunden hatte, wie Christian Ruziscka in einem Neuköllner Café Deborah Feldman zufällig kennen gelernt hatte, ohne zu wissen, dass sie überhaupt schrieb... Alle waren in bester Erzähllaune, und jede einzelne Geschichte hatte so eine unwiderstehliche Note von Humor einerseits, aber Magie andererseits, so dass beim Zuhören die Laune immer besser wurde. 
Immer wieder musste ich an dieses Goethe Zitat denken, in dem es dem Sinn nach heißt: das Universum beginnt sich in deine Richtung zu bewegen in dem Moment, in dem du einen festen Entschluss fasst. Jede einzelne Geschichte schien diese Idee zu bestätigen. 

Zwischen den verschiedenen Gesprächsrunden gab es ein wunderbares Essen: Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise, allesamt zubereitet und dargeboten von dem Besitzer des Konzeptrestaurants Themroc in Mitte. Köstlich! Ich gebe ja hier sonst keine Restaurantempfehlungen, aber soviel sei gesagt, ich werde sicher demnächst dorthin gehen!

Irgendwann kam die Frage auf: Sollten Verlage heute überhaupt noch ein Profil anstreben, ein eigenes Verlagsprofil, oder kommt es eher darauf an, so vielseitig und flexibel wie möglich zu sein?Der Tenor war Ja, man sollte ein Profil anstreben. Ich stimme dem zu! Es gibt so viele offene Fragen und so viele Dinge, die einen politisch beunruhigen und jedes Mal, wenn ich ein Secession Buch oder nur den Katalog in die Hand nehme, möchte ich Luftküsse verteilen, weil da Leute sind, die an die Macht des Wortes glauben. Es erfüllt mich mit Erleichterung und Freude, dass zwischen dem ganzen moderaten Wischiwaschi und dem diplomatischen Blablabla ein Verlag ein poetisches Positionieren meisterhaft vollbringt. Der Glaube daran, dass das Wort umso mächtiger sein kann, je schöner es ist, er scheint diesen Verlag zu tragen. Das ist für mich sein Profil. Egal, ob es sich um Gedichtbände handelt, Romane, oder wie zuletzt, dem Buch mit den letzten Interviews, die Primo Levi vor seinem Tode gegeben hat, Ich, der ich zu Euch spreche. Ein Buch, das erst ganz wird durch das herausragende Nachwort von Maike Albath (die übrigens auch anwesend war!) 
Da sitzt man plötzlich, an einem unerwarteten Montagabend mit Menschen in der Potsdamer Straße und versteht, dass sie die Welt verbessern wollen, und es auch tun, weil ihr Glaube an das Gute, an die Möglichkeit von Wundern, so groß ist, dass diese tatsächlich eintreten können, weil dieser Glaube Räume öffnet. 

Zum Abschluss las der Hausautor Steven Uhly aus einem noch unveröffentlichten Manuskript über das 19. Jahrhundert in Spanien. Ich bewunderte seinen Mut, uns, wildfremden Menschen, einfach so einen Text vorzulesen, der noch gar nicht fertig war. Sich von uns sogar Ratschläge einzuholen. Das Echo war einhellig: Schreib das Buch unbedingt zuende.
Es war toll, auf diese Art einen kleinen Einblick zu bekommen, nicht nur in die Arbeit eines Verlags, sondern auch in die Art, wie ein Schriftsteller seine Texte schreibt, recherchiert, wählt. 
Wie er Schriftsteller wurde: "Da habe ich einfach mal in meinem Computer nachgeschaut, ob ich nicht doch vom Schreiben leben kann." 
Und was fand er im Computer? Er kann!


Ja, an manchen Tagen hat man einfach Glück.

(c) Susanne Becker