Berlin

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Donnerstag, 12. Oktober 2017

Buch der Woche - Im Herbst von Karl Ove Knausgard

„Das Geheimnis der Vergebung besteht jedoch darin, dass sie einen Ort entstehen lässt, tief im Einzelnen verwurzelt, an dem kein anderer Macht besitzt, und wenn man einmal dorthin vordringt, wo andere Menschen nichts bedeuten, findet man eine Stärke, die einem keiner nehmen kann, und diese Stärke macht es möglich, den anderen mit Hilfe von Vergebung in die Knie zu zwingen.“

Knausgards Buch Im Herbst ist voll mit solchen Erkenntnissen. Meist schüttele ich den Kopf und sage: nein, nein, das stimmt so nicht. Seltener nicke ich und stimme ihm zu. Das oben genannte Zitat ist ein wunderbares Beispiel dafür, was Knausgard mit dem Leser macht. Er schleudert ihm seine Weltsicht entgegen. Dabei sind die Gegenstände seiner Welt äußerst vielschichtig: in einem Absatz schreibt er noch über Erbrochenes, im nächsten schon über Vergebung, Apfelbäume, Thermosflaschen oder Krieg. Man findet die übliche Dichte an Themen, die so typisch für Knausgards Bücher ist. Er schreibt im Grunde über alles, alles interessiert ihn. Sein Spektrum reicht von Pisse bis zu Flaubert.
Im Herbst ist ein Buch, das Knausgard schrieb, als er und seine Frau Linda ihr viertes Kind, die Tochter Anne, erwarteten. Es ist ein Buch, geschrieben für dieses Kind, das im Leib der Mutter heran wächst, während der Vater draußen das tut, worin er gut ist: er sammelt die Welt für dieses Wesen und schildert sie mit Worten. Seine Welt. Seine Weltsicht. Spürbar auf jeder Seite die Liebe zu seiner Familie, den Kindern, dem kleinen Wesen, das bald zu ihnen stoßen wird. Spürbar auch die Neugierde, wer da kommen wird und die Freude, ein weiteres Mitglied in die Familie aufnehmen zu können. Seine Freude überträgt sich bei mir, der Leserin, in eine Freude darüber, dass jemand so akribisch diese unsere Welt anschaut, da ist auch sehr viel Ehrfurcht, und sich die Mühe macht, alles, was ihm dazu einfällt, in Worte zu fassen. Für seine Tochter Anne, aber natürlich auch für mich und für jeden anderen, der die Welt durch diese Linse aufmerksam betrachten möchte.
Man muss seiner Sicht auf die Welt nicht zustimmen. Ich tue es in vielen Fällen nicht. Aber wieder, wie eigentlich bei allen Knausgard – Büchern, bleibt die Schönheit dieses Unterfangens an sich, die Zartheit, der Mut. Dass da jemand sitzt, in seinem kleinen Schreibkämmerlein, und die Welt einfängt, sie versucht, so zu beschreiben, dass da ein Sinn, eine Liebe erkennbar werden, das ist einfach schön.

Viele der Essays sind gar nicht besonders tiefsinnig, es sind kleine Momentaufnahmen, dennoch regten mich sehr viele zum Nachdenken an, auch zum eigenen Schreiben. Vor allem auch dann, wenn ich nicht seiner Meinung bin, wenn ich die Welt anders sehe. Dabei wirkt das Büchlein so mühelos dahin geschrieben. Als läse man im Grunde in einem Notizblock von ihm.
Mein Lieblingsessay ist der über die Knöpfe. Er erinnerte mich sofort an meine Kindheit und daran, wie meine Mutter tagtäglich an der Nähmaschine saß und selbstverständlich auch eine große Dose mit vielen, verschiedenen Knöpfen besaß. Der Essay erinnerte mich daran, wie schön es ist, Dinge zu bewahren, die man besitzt.

"Meine Kinder wachsen ohne eine solche Knopfschachtel auf, sie haben ihre Eltern niemals beim Nähen gesehen, denn wenn sich bei uns ein Knopf löst, sortieren wir das Kleidungsstück aus und kaufen ein neues. Das widerstrebt mir....Schätze ich Genügsamkeit und Armut mehr als Überfluss? Ja, in gewisser Weise tue ich das wohl."

Dieses Buch, der erste Band aus der Jahreszeiten-Serie, ist ein wunderbarer Einstieg in das Werk Knausgards. Denn die kleinen Essays sind nie länger als 2-3 Seiten, das Buch insgesamt hat 280 Seiten. An diesem Buch kann man erproben, wie man es mit Knausgard hält und dann zu den dicken Wälzern weiter ziehen, falls man sich verliebt hat. Oder aber sagen: Okay, dieser Knausgard ist nichts für mich.
Das Buch enthält Bilder der norwegischen Künstlerin VanessaBaird, welche es in meinen Augen zu einem kleinen Schatzstück machen. 

Herzlich danke ich dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker



Donnerstag, 5. Oktober 2017

Lesung: Losfahren mit Manal al-Sharif im Deutschen Theater Berlin

„Nenn‘ Leute wie mich nicht Aktivistin, das ist der erste Fehler, den Ihr macht. Wir alle sollten Aktivisten sein, sobald Unrecht geschieht.“

Am Montagabend las Manal al-Sharif im Deutschen Theater aus ihrem Buch Losfahren, soeben erschienen im Secession Verlag.

Geboren und aufgewachsen in Saudi Arabien, einem jener Länder weltweit, in welchem die Situation der Frauenrechte kaum schlechter sein könnte, war Manal al-Sharif zwar daran gewöhnt, dass sie unter anderem nirgendwo ohne männliche Begleitung hingehen konnte und natürlich auch nicht Autofahren durfte. Aber sie wollte dies nicht akzeptieren. Also ließ sie sich von ihrem Bruder das Fahren beibringen („Die Lektion dauerte dreißig Minuten, danach bist du auf dich gestellt.“), lieh sich von einem Freund ein Auto, fuhr, begleitet von einer Freundin, die zur Feier des Tages ein rosa Kopftuch trug „Wenn wir schon verhaftet werden, möchte ich gut aussehen“, fuhr ein wenig Auto, ließ sich dabei filmen, stellte das Video in YouTube ein und wurde verhaftet. Sie verbrachte neun Tage im Gefängnis, und wurde unter anderem frei gelassen, weil Hillary Clinton persönlich für sie intervenierte.

"Wenn das Gesetz mich nicht akzeptiert, akzeptiere ich das Gesetz auch nicht."

Manal al-Sharif ist eine beeindruckende Frau. Spannender fast noch, als die Passagen aus ihrem Buch, die von der Schauspielerin Christina Athenstädt gelesen wurden, fand ich die Antworten al-Sharifs auf Hatice Akyüns viele Fragen. Es wurde einmal mehr so deutlich, dass wir hier wenig von Menschen wissen, die beispielsweise in Saudi Arabien leben, dass die Medien uns im Grunde mit einem Schubladenwissen versorgen, das kaum Platz für individuelle Menschen lässt. Wir erhalten ein vorgefertigtes Bild, welches leicht manipulierbar ist, weil es kaum auf echten Begegnungen oder lebendigen Fakten beruht. Umso glücklicher bin ich deshalb jedesmal, wenn dieses Bild erschüttert wird in mir und ich durch eine echte Begegnung spüre, wie die Strukturen in meinem Bewusstsein zurecht gerückt werden. In diesem Sinne ist die Lesereise Manal al-Sharifs ein großartiger Beitrag dazu, die Menschen dieser Welt zusammen zu bringen und unser Verständnis füreinander zu fördern. 

Das Autofahren war für Manal al-Sharif ein Weg in die Freiheit, nicht nur für sich persönlich, sondern für alle Frauen. Die Unfreiheit der Frauen besteht ja überall zumeist auch auf der Anhäufung vieler kleiner Unbeweglichkeiten im Alltag, die sich zu einem Gebilde summieren, welches ein Leben nur noch in einem sehr eingeschränkten Umkreis gestattet. Wenn eine Frau nicht Auto fahren oder nicht ohne einen Mann das Haus verlassen darf, ist der Radius ihres Lebens klein. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nirgendwo hinfahren darf, dass ich immer einen Mann brauche, der mich fährt, dann kann ich mein momentanes Leben im Grunde von A bis Z vergessen. Lachend berichtete sie, wie gerne ihr Bruder sie dabei unterstützt habe, da er es leid war, zwei Frauen, seine eigene und sie, überall hinfahren zu müssen. Denn die Unfreiheit der Frauen bedeutet im ganz konkreten sofort auch Unfreiheit für die Männer. Hier noch einmal das Video, in dem sie durch die Straßen fährt und selbst so eindrücklich von der Unfreiheit spricht, die das Fahrverbot für alle Frauen, für alle Menschen Saudi Arabiens, bedeutet und warum auch so viele Männer ihre Bewegung Woman2Drive unterstützen. 
Auf ihre Frage ans Publikum, wer von uns Ahmed, ihren Freund, der ihr für das Youtube Video ihr Auto geliehen hatte, für einen Helden hielte, meldeten sich nicht viele. Manal al-Sharif verwunderte dies, denn, so versuchte sie uns deutlich zu machen, auch Männer leiden unter der Unterdrückung der Frauen und diejenigen, die ihnen helfen, werden genauso mit Repressalien belangt wie jede Frau. Wenn Frauen in einer Gesellschaft nicht frei und gleichberechtigt sind, ist es niemand in dieser Gesellschaft.

Die von Manal al-Sharif und vielen Mitkämpfer*innen ins Leben gerufene Organisation Woman 2 Drive hat gerade in den Tagen, in denen sie zur Vorstellung ihres Buches nach Deutschland kommt, einen riesigen Erfolg zu feiern: per königlichem Dekret ist es Frauen ab Mitte 2018 erlaubt, in Saudi Arabien Auto zu fahren. Welche Gründe genau dahinter stehen, bleibt ein wenig dubios, aber die Autorin ist sich sicher, dass es sich nicht um einen plötzlichen Gesinnungswandel handelt. Die Machthaber in Saudi Arabien gehen im Großen und Ganzen immer noch davon aus, dass Frauen im Grunde unfrei bleiben müssen. Aber es gibt gute wirtschaftliche Gründe, Frauen das Autofahren zu gestatten. Lachend wies sie darauf hin, dass die Krise der saudiarabischen Wirtschaft gut für die Frauenbewegung sei.

So wird ihre Lesereise zwar zu einer Art Beweis dafür, dass Unrecht bekämpft werden kann, erfolgreich. Eine Überzeugung, die wie mir scheint, gerade heute, wo es oftmals eher so wirkt, als wäre Unrecht an so vielen Fronten auf dem Vormarsch, sehr notwendig ist.
Glaubhaft verkörperte sie im Deutschen Theater Rückgrat, Mut, Gelassenheit. Heute lebt sie in Australien. Es wird für sie schwierig werden, nach Saudi Arabien zurück zu gehen. Die Möglichkeit, dass sie wieder verhaftet wird, ist durchaus gegeben. Aber, wie sie sagt: Ich habe davor keine Angst mehr. Ich war im Gefängnis. Ich weiß, wie es ist. Also muss ich keine Angst mehr haben.
Wenn man gelesen und gesehen hat, wie furchtbar diese Tage im Gefängnis für sie waren, sind ihre Worte umso beeindruckender. Diese Frau zu sehen, macht aber auch deutlich, wie viel Macht das Unrecht hat, wie fragil der Erfolg ist, und dass er einem schnell genommen werden kann. Nicht alle in Saudi Arabien freuen sich über die Aufhebung des Fahrverbots. Viele sind dagegen und werden möglicherweise auch mit Gewalt dagegen vorgehen. Durch ihre Freude über den Erfolg schimmerte immer auch spürbar die Skepsis darüber, wie genau die Aufhebung umgesetzt werden wird. Dennoch: Sie kann es kaum erwarten, zurück zu kehren und in Saudi Arabien mit dem Auto herum zu fahren. 

Der Abend mit dieser klugen und weltoffenen Frau hat mir einmal mehr gezeigt, dass Widerstand nichts mit Gewalt zu tun, sondern sehr viel mit einer inneren Haltung und sehr viel Würde. 
Jemand wie sie kann niemals besiegt werden. "Der Regen beginnt mit einem einzelnen Tropfen."

Hier noch ein Link zu einem tollen Text über die Autorin aus der Hannoverschen Allgemeinen  und ich freue mich jetzt schon darauf, das Buch zu lesen!

Noch ein paar Tage ist sie übrigens in Deutschland unterwegs. Heute in Köln, morgen in Bremen. Vielleicht schafft Ihr es ja noch, sie zu sehen, 

(c) Susanne Becker

Dienstag, 3. Oktober 2017

In die Sehnsucht

Sich selbst in die Sehnsucht tragen.

Tiefer als möglich in diese Landschaft,
sich hinein begleiten -
den Innenraum wässern, kommend,
auf halbem Schritt, nicht entgegen,
einer Art Glück gestolpert, natürlich
Tränenknäuel, auch, gewickelt,
hauchzart aus Befindlichkeiten
verschiedener Art, das ist ja menschlich.

Klar, wer aus der Wüste, lächelnd,
die Träume sammelt, die Tränen auch,
der kann in der Sehnsucht lesen,
dem ist sie ein offenes Buch.

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 28. September 2017

Buch der Woche - Ende gut von Sibylle Berg

„Ich bin so um die 40. Das sagt man heute auf Partys, zu denen einen keiner einlädt,…Ich bin 176 Zentimeter groß, ich wiege 56 kg, ich habe irgendwelche Haare, meine Augen sind blau, aber nicht sehr, und meine Haut wird immer weicher oder das Fleisch darunter, … Ich wohne in einer deutschen Stadt, die wirkt, als wäre sie komplett besoffen. …. Ich habe mich für kaum etwas bewußt entschieden, ich habe es passieren lassen, das Leben.“

Das ändert sich dann allerdings Schlag auf Schlag im Verlauf der Geschichte: die Ich-Erzählerin beginnt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und dies gelingt ihr trotz der mehr als widrigen Umstände (immerhin geht quasi gerade die Welt unter) sehr erfolgreich.

Aber von Anfang an: Seit eben habe ich eine neue weibliche Hauptperson in Büchern. Die Protagonistin aus Sibylle Bergs Roman „Ende gut“, erschienen bei Rowohlt ist einfach in jeder Hinsicht so, dass ich immer weiter das Geschehen dieser Welt, von ihr kommentiert, NUR von ihr kommentiert, erleben möchte. (Was würde sie z.B. zu Trump sagen?) Diese schnoddrige, lustige und glasklare Stimme schildert das Leben und seine Abgründe auf eine mir extrem sympathische Weise. Vorher hatte ich Sibylle Berg noch nie gelesen. Keine Ahnung. Ich hatte immer gedacht, sie würde mir nicht liegen. Dann sagte ein Freund: Du musst sie lesen, Du bist genau, wie sie schreibt. Du wirst sie lieben.
Ich glaube nicht, dass ich bin, wie sie schreibt. Aber vom ersten Satz an war ich in dieses Buch verknallt. Es klang mir so vertraut, die abgebrühte, witzige Art, mit der sie über alles schreibt, ohne die geringste Ehrfurcht, ohne Respekt, gerade deshalb aber irgendwie doch voller Ehrfurcht. Ich ahne, das klingt widersprüchlich, aber so ist das Buch ja auch.

Die Geschichte: Jene Protagonistin lebt also in dieser besoffenen deutschen Stadt (und sind nicht irgendwie alle deutschen Städte ein bisschen besoffen?) und hat kein besonders tolles Leben. Beschissene Wohnung, beschissene Jobs, keine Freunde.
Bei einem beschissenen Date fliegen plötzlich die Körperteile durch die Gegend. Attentat.
Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die Stadt, das Land, der Kontinent, die Welt, in ein einziges Notstandsgebiet, weil sämtliche phantasierten und echten Terrorszenarien, die zum Beispiel die Wähler der AfD dazu gebracht haben, die AfD zu wählen, Realität geworden sind. Atombomben fliegen, Amerika ist im Krieg, Viren werden frei gelassen, Menschen krepieren städteweise. 
Die Protagonistin macht sich auf den Weg, um zu fliehen, zu suchen, was genau, weiß sie eigentlich gar nicht, denn so wirklich toll findet sie das Leben ja nicht. Sie landet in Weimar, ihrer Geburtsstadt, aus der sie irgendwann gen Westen geflohen war, noch vor der Wende. 

"Die Innenstadt Weimars habe ich nach zehn Minuten gesehen. Wie erbärmlich die Orte der Kindheit auf einen Erwachsenen wirken. ... Es gibt im Hirn links hinten eine Schaltzentrale für die Beschönigung von Vergangenheit. Blöder Name, ich weiß, aber die heißt so. Wissenschaftlich. Dort wird über alle Erinnerungen ein kitschiger Weichzeichner-Hamilton-Schmier gelegt. Die Sonne wird hellgeschraubt. Wiesen farbig, Menschen gütig. Würden wir uns an unsere Vergangenheit in ihrer ganzen Schäbigkeit erinnern, kämen wir vielleicht schneller zu der Erkenntnis, dass auch die Zukunft nichts speziell Appetitliches bereithalten wird."

In Weimar sieht sie einem taubstummen Mann dabei zu, wie er ein Auto knackt. Die beiden machen sich auf den Weg zu den schönen Orten, die sie noch sehen wollen, bevor die Welt endgültig untergeht.

In Amsterdam, das unter Wasser steht und wo die Leichen durch die Grachten treiben, stellen sie fest, dass es die schönen Orte nicht mehr gibt.
Sie machen sich auf den Weg nach Helsinki. Das ist überraschend intakt. Ein netter Finne nimmt sie mit nachhause und erklärt ihnen, wo sein abgelegenes Ferienhaus liegt und dass sie es benutzen dürfen. Weil ihnen diese Großzügigkeit fast etwas peinlich ist, fahren sie erst einmal zu einer Insel, auf der sich Flüchtlinge aus allen europäischen Ländern eingerichtet haben. Sehr schnell mutiert das Flüchtlingscamp zu einer Art Sektenlager, wo der Guru Maik (der früher Seminare auf Mallorca abgehalten hat, Mallorca ist jetzt aber komplett verstrahlt) Satsangs abhält und 3000 € Eintritt kassiert.
Die Protagonistin verlässt diesen Ort und sucht das Ferienhaus.
Dort findet sie irgendwann der taubstumme Mann.
Sie leben dort gut bis an ihr Ende.

Die Geschichte ist deshalb so gut, weil sie so nah an all dem ist, was gerade durch das Bewusstsein oder Unterbewusstsein eines Großteils der westlichen Weltbevölkerung wabert. Die Angst vor dem totalen Terror, der unsere Welt auslöscht. Geschrieben hat Sibylle Berg das Buch nicht lange nach 9/11. Mittlerweile hat sich die Situation ja noch ein wenig verschärft und es klingt für mich heute realistischer, als es mir vielleicht damals vorgekommen wäre. Damals hat sie damit alle Ängste auf die Spitze getrieben, heute umschreibt sie auf vielen Seiten bereits existierende Realität. Sie tut dies gnadenlos, aber so witzig, dass ich oft laut auflachen musste.
Abwechselnd mit der Haupterzählerin kommen andere Charaktere des Buches O-Ton mäßig zu Wort. Auf diese Weise zeichnet das Buch eine Landkarte deutscher Befindlichkeiten und Lebenssettings und man versteht einmal mehr, wieso die AfD so viele Stimmen bekommen konnte. Kein Witz!

Last but not least sind Infohappen zwischen gestreut, welche alle nicht erfunden sondern real sind. So lernt man ganz nebenbei, wie wenig unrealistisch dieses Buch ist, und wie eine Wasserstoffbombe sowie chemische Kampfstoffe wirken, mit welchen Viren man, eingelassen ins Trinkwassersystem, den größten Schaden anrichten kann und weitere Einzelheiten darüber, wie Terroristen, die es wirklich ernst meinen mit der Zerstörung der Menschheit, dies sinnvoll anstellen könnten.
Man lernt auch, wie die Menschheit darauf möglicherweise reagieren würde (klingt für meine Ohren alles recht plausibel) und dass es immer irgendwelche Inseln gibt, auf denen man dann doch überleben kann. In diesem Fall eben in Finnland, weil Finnland so uninteressant ist, dass kein Mensch es zerstören will.

„Das ist das Geheimnis, zu uninteressant sein, als dass irgendwer Erwartungen in einen setzt.“

Ehrfurcht also, ich erwähnte es oben bereits,  für mich ist dies im letzten, guten Ende ein Buch, das voll ist davon, weil sie es schafft, die Protagonistin und Sibylle Berg, beide schaffen es, aus diesem ganzen Scheiß, aus dem so ein Leben mit Terroristen, Weltuntergang, Atombomben, anderen Menschen besteht, eine Auflösung zu kreieren, die sehr viel mit Loslassen zu tun hat, oder auch mit Annehmen des Lebens, wie es nun einmal ist. In dem Moment, in dem die Protagonistin los lässt, wird zumindest für sie alles gut! Man legt das Buch beiseite, und empfindet nach Krieg und Untergang, nach Pest und anderen Seuchen, eine Art Frieden, innerlich.

Ein wirklich tolles Buch, das mir, nur so als Zugabe, den Wahlabend versüßt hat, für den es in meinen Augen keine perfektere Lektüre hätte geben können. Danke dafür!!

P.S. Meine andere Lieblingsbucheldin ist übrigens Elizabeth Bennett. ( aus der Reihe: überflüssige Informationen)

(c) Susanne Becker



Mittwoch, 20. September 2017

Buch der Woche - Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke

„Ich mußte nach Hause in die Bucht, ohne meine Anwesenheit da, all das Jahr durch, verlöre das Buch seinen Ort und seinen Grund.“

Ein Buch wie eine Meditation.
Ein Schriftsteller schreibt über sieben Freunde, darunter sein Sohn, alle in irgendeiner Form auf Reisen. Er schreibt über die Frau, die er liebt, mit der er lebt, mit der er den Sohn hat und doch verlassen sie sich immer wieder, kann er das Leben mit einem Alltag kaum ertragen, denn alles ist eigentlich auf diese Meditation, die sein Schreiben ist, ausgerichtet. Alles andere stört den Fluß und die Konzentration.
Er lebt in einem alten Haus in der Nähe von Paris, absichtlich in einer klaren Entfernung zu dieser hektischen, auch wichtigtuerischen Metropole, in welcher das Wesentliche unter Hyperaktivitäten vieler Art verschüttet ist.
Aus diesem Haus und seinem Garten heraus unternimmt er tägliche Spaziergänge, im Grunde Wanderungen in die Umgebung.
Wer beginnt, dieses Buch zu lesen, wird sehr schnell in die Umhüllung der Worte gezogen, die Handkes Schreibkunst Seite um Seite entrollt. Ein säuselndes Beschreiben der Welt, die aus dem Haus besteht, seinem Garten, der Umgebung, der Häuser, der Bäume, der Tiere, der Freunde….
In seiner langsamen Genauigkeit konzentriert sich Handke darauf, das Wesentliche zu finden, welches dem alltäglichen Leben da draußen diametral entgegensteht und ihm doch an jeder Stelle eingewoben ist wie ein unsichtbarer Faden.
Der Schreiber beschreibt sein Jahr in der Niemandsbucht, in dieser Landbucht außerhalb von Paris, die niemand kennt, die niemandem etwas bedeutet, wo außer ihm und den Alteingesessenen, die wirklich zum größten Teil alt sind, älter als er, niemand hin möchte. Selten nur verirrt sich ein Fremder dorthin. Selten nur besucht ihn ein Freund.
Dieses Jahr in der Niemandsbucht ist wie ein weißes Blatt, das er mit seinem Leben, behutsam, Tag für Tag, füllen (beschreiben) kann. Behutsam denn, es sollte nichts hinein gelassen werden, das nicht wesentlich ist. Wesentlich ist die Verwandlung, die geschieht, die unvermeidlich geschehen muss, wenn man so hochkonzentriert bei der Sache bleibt.
„Jede Epoche meines Lebens wurde bestimmt von dem täglichen Hin und Her zwischen Ausweglosigkeit und seelenruhigem Weitermachen. Weder vorher noch nachher habe ich je Stunden einer solch vollkommenen Ruhe erlebt. Und indem die Tage andauerten und ich, ob panisch oder seelenruhig, bei der Sache blieb, erschien mit der Zeit immer kräftiger an der Stelle des zwischendurch mich weiterwürgenden „Ende“ das Ding Verwandlung.“
Dass man das Wesentliche im Leben nicht durch irgendwelches Tun finden kann, sondern nur durch Lassen – indem man zum Beispiel an seinem Ort in der Niemandsbucht verweilt, der ein weißes Blatt ist, das aber auf gar keinen Fall gefüllt werden soll mit klugen Bewertungen, Urteilen, Meinungen oder Schlussfolgerungen. Es soll vielmehr gefüllt werden mit Beobachtungen. Der Schreiber in der Niemandsbucht beobachtet aus seinem Fenster und auf seinen Wanderungen das Geschehen in der Bucht, auch das Geschehen in sich, er fängt die Augenblicke ein und bringt sie auf die Seite.
Mein Jahr in der NiemandsbuchtDieses Buch ist eine Meditation. Es zu lesen, verlangsamt und beruhigt.
Man wird sich der Dinge um einen, der Gedanken in einem kristallklar bewusst und zumindest ich habe beim Lesen immer wieder den unbändigen Impuls, mit aller Sinnlosigkeit aufzuhören, um mein Jahr in der Niemandsbucht zu beginnen. Denn nur dort kann Verwandlung stattfinden.

Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke ist eines der wenigen Bücher, die ich bislang in diesem Jahr gelesen habe, welches mich wirklich glücklich machte. Sehr große Leseempfehlung!

Und da wir schon beim Empfehlen sind, möchte ich noch einmal auf den wunderbaren Film hinweisen, Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte, durch den ich verspätet, aber Gott sei Dank nicht zu spät, erst Handke für mich enteckt habe. Am Anfang des Jahres habe ich noch sein Wunschloses Unglück besprochen. Auch dies ein für mich herausragendes Buch.

(c) Susanne Becker




Donnerstag, 14. September 2017

Gleißendes Glück - Film

"Du bist dein eigenes Universum und dein eigenes Glück. Du bist frei und warst es schon immer."

Gestern sah ich den großartigen Film "Gleißendes Glück" mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur, die beide für mich zu den wirklich herausragenden deutschen Schauspielern gehören und in ihrem Zusammenspiel etwas kongeniales hatten.
Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von A.L. Kennedy.

Sehr lange hatte ich den Film hier liegen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Protagonistin Helene Brindel an einer Stelle von ihrem Filmehemann fast zu Tode geprügelt wird. Je älter ich werde, desto zögerlicher setze ich mich derartigen Gewaltszenarien in Filmen aus. Deshalb ließ ich den Film liegen. Wegen der Schauspieler, auch wegen der Autorin, war ich mir eigentlich sicher, dass es ein sehr guter Film sein würde, ging aber davon aus, dass er negativ und brutal wäre.
Ich bin sehr froh, dass ich mir den Film nun angeschaut habe. Denn: er ist gar nicht negativ. Spannend, sogar hoch spannend, das ja. Selten habe ich in einem Film so oft die Luft angehalten. Aber weniger aus Angst, sondern mehr aufgrund der Intensität der sich entwickelnden Geschichte, einer ganz großen Liebesgeschichte.

Die Hausfrau Helene Brindel kann schon seit einiger Zeit nicht mehr schlafen. Sie steht nachts auf, bereitet schon einmal das Frühstück für ihren Ehemann vor und schaut Fernsehen. In der Regel findet ihr Mann sie morgens schlafend auf dem Wohnzimmerteppich vor. Der Fernseher läuft immer noch. Die Fernbedienung liegt neben ihrer Hand.
Tagsüber putzt sie das ohnehin blitzblanke Haus. Sie kauft ein und bereitet aufwändige Mahlzeiten für sich und den Ehemann, die jener durchaus zu schätzen weiß, wenn er auch sonst eine unterschwellige Aggressivität ausstrahlt, die auf der Stelle begreifen lässt, warum Helene Brindel so wenig spricht. Denn ganz schnell kann ein falsches Wort, ausgesprochen oder verschwiegen, diesen Mann zum Ausrasten bringen.
Eines Tages, beim Putzen der Küchenlampe, hört sie im Radio die Stimme eines Wissenschaftler, Eduard E. Gluck, Gehirnforscher, der über die Möglichkeiten zum menschlichen Glück spricht, dass wir unendliche Kapazitäten besitzen, glücklich zu sein, dass wir diese Kapazitäten bewusst trainieren und leben lernen können.
Helene Brindel glaubte einst an Gott. Aber sie hat ihren Glauben verloren. Das ist für sie ein massives Problem. Diese Männerstimme macht ihr Hoffnung und so kontaktiert sie den Professor, trifft ihn am Rande eines Kongresses heimlich in Hamburg.
Mit diesem Treffen, das für sie die Hoffnung birgt, irgendwie zu ihrem oder einem anderen Glauben zurückfinden zu können, beginnt eine zarte, sehr berührende Liebesgeschichte von zwei Menschen, die an einer je eigenen Wand stehen und an ihrem Leben verzweifeln. Denn auch der Professor hat ein riesiges Problem: er ist pornoabhängig, er kann seine eigenen Theorien nicht auf sich selbst anwenden.
Wie Martina Gedeck und Ulrich Tukur diese Nuancen der emotionalen Öffnung, des sich Veränderns durch das Eintreten eines anderen, eines richtigen Menschen in das eigene Leben, wie sie das spielen, ist sensationell Wie subtil beide den Mut darstellen, der dazu gehört, sich für einen anderen zu öffnen. In vielen Besprechungen wird auf die Größe der Gedeckschen Leistung hingewiesen, was absolut stimmt. Allerdings hat mich den ganzen Film über auch Ulrich Tukur beeindruckt, der den selbstherrlichen Wichtigtuer gibt, um dann, Stück für Stück, für ihn selbst unfassbar, aufgrund seiner Gefühle an etwas in seinem tiefsten Inneren heranzukommen, das vielleicht die Fähigkeit zu gleißendem Glück sein könnte. Seine Courage, dort hin zu gehen, an diese Stelle, wo er seine gesamte, mühsam aufrecht erhaltene Fassade verlieren wird, das war groß! Die von Tukur dargestellte Wandlung geschieht an keiner Stelle plump. Er zeigt sie so subtil, nur mit seinem Gesicht, mit seiner Körpersprache - das hat mich mindestens genauso beeindruckt wie die Leistung Martina Gedecks. Wie am Anfang schon erwähnt: die beiden sind kongenial.

Für mich ist dieser Film ein ganz großer Liebesfilm. Er ist aber auch das Protokoll einer psychologischen und spirituellen Vision Quest, Eduard und Helene finden durch einander ihren Heiligen Gral und am Ende, könnte man sagen, baden sie in gleißendem Glück. Du bist frei und warst es schon immer.

Sehr schön! Sehr empfehlenswert! Hochintensiv!

(c) Susanne Becker

Samstag, 2. September 2017

4.07 Uhr

4.07 Uhr.
Der Hahn kräht,
lockt mit seinem Ruf
das erste Licht
in die Geräusche der Nacht.

Irgendwo schläft ein Maler.
Er träumt von einem Bild,
das nur noch Stille ist.
Irgendwo erwacht ein Mönch.
Auf dem Weg in den Zendo
lächelt er seinem Spiegelbild zu.

4.07 Uhr.
Der Hahn kräht,
lockt mit seinem Ruf
den Großen Wagen über den Himmel
bis in mein Fenster.
Dort steigt er, neben dem Mirabellenbaum,
am Himmel entlang.
Alles ist still.
Das Licht kommt.

(c) Susanne Becker