Berlin

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Mittwoch, 26. April 2017

Jenny Erpenbeck - Gehen Ging Gegangen

"Oft war es so, dass er am Beginn eines Projektes nicht wusste, was ihn vorantrieb, so als hätten seine Gedanken ein von ihm unabhängiges Leben und ihren eigenen Willen und warteten nur darauf, von ihm endlich gedacht zu werden, als existiere eine Untersuchung, die er erst anstellen würde, bereits, bevor er sie machte, und als sei auch der Weg quer durch das, was er wusste, sah, was ihm begegnete oder zustieß, in Wahrheit immer schon da, um von ihm, war er nur endlich so weit, begangen zu werden. ... Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind."

Der emeritierte Professor der Humboldt Universität, Richard, Fachgebiet Alte Sprachen, aber auch Philosophie, lebt allein in einem Haus an einem See, irgendwo im früheren Ostteil der Stadt Berlin. Ich stelle mir vor, Richtung Müggelsee. Sein Leben lang hat er sich mit philosophischen Fragen beschäftigt und in seinem Kopf über Sinn und Zweck der menschlichen Existenz nachgegrübelt, durchaus in einem auf Intellekt gegründeten Sicherheitsabstand von dieser. Dass dabei auch seine eigenen menschlichen Beziehungen vielleicht eher distanziert blieben, wird immer dann klar, wenn er von seiner vor fünf Jahren verstorbenen Ehefrau und seiner Geliebten berichtet.
In dem See, auf den er von seinem Haus blickt, war im Sommer jemand ertrunken, deshalb ist das ganze Jahr niemand darin schwimmen gegangen. Der See bleibt still und ungenutzt, ein beunruhigender Anblick.
Der Tote im See ist vielleicht einer der Gründe dafür, dass Richard so besonders die Endlichkeit seiner Existenz und deren Leere, nach der Pensionierung, bewusst wird. All die Zeit, mit der er nicht mehr wirklich etwas anzufangen weiß. Also ein Projekt muss her. Ja, und vielleicht ist es wahr, dass die Dinge, die wir entdecken sollen, die Rätsel, die wir im Leben zu lösen haben, immer schon gelöst da sind, auf uns wartend, damit auch wir die Lösung begreifen können.

Richard wurde pensioniert etwa zum gleichen Zeitpunkt, als die Flüchtlinge sich auf den Weg machten gen Berlin, um dort sichtbar zu werden, um dann ein Zeltlager am Oranienplatz aufzuschlagen, in der Hoffnung, damit den Staat Deutschland dazu zu bringen, ihre Situation wahrzunehmen und möglicherweise zum Besseren zu wenden. All das interessiert Richard nur peripher. Er ist ein stiller Mensch, der in seinen Gedanken lebt, auch in seinen Erinnerungen und seit der Pensionierung, allein, auch ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Irgendwann nimmt er die Flüchtlinge aber wahr, in den Nachrichten, und etwas an ihnen zieht ihn stark genug an, so dass er sich eines Tages aufmacht zum Oranienplatz. Das hat mit Zeit zu tun. Er setzt sich zwei Stunden auf eine Bank und beobachtet das Treiben im Camp. Währenddessen kann der Leser beobachten, wie in Richards Denken Verbindungen geknüpft werden, Synapsen miteinander reagieren und er am Ende irgendwann zu dem Schluss kommt, dass er ein neues Projekt hat, ein Forschungsprojekt zum Thema Vergänglichkeit und Zeit, und dass die Flüchtlinge am Oranienplatz genau die Richtigen sind, um Fragen zu beantworten, die diese Thematik erhellen können, die damit vielleicht auch noch einmal neu den Sinn des Lebens deutlich machen, oder nicht. Denn sie sind aus der Zeit hinaus gefallen und gleichzeitig in ihr eingesperrt. Ihr Leben ist on hold. Eine Situation, die ihm nicht unvertraut ist. Hat er doch in der DDR gelebt und erfahren, dass ein Staat sich innerhalb weniger Wochen komplett auflösen kann. Dass alles das, worauf wir gerade noch unsere Identität gründen, sich in Nichts auflösen kann. Wenn einem das im eigenen Leben nicht widerfährt, ist das ein Glück, kein angeborenes Recht.
Zwei Wochen liest er und stellt einen Fragenkatalog zusammen. Als er dann am Oranienplatz ankommt, um seine Fragen an den Mann zu bringen, ist das Camp gerade aufgelöst worden, die verschiedenen Menschen wurden auf verschiedene Orte in der Stadt, am Stadtrand verteilt, die Gemeinschaft dabei aufgelöst.
Richard findet eine Gruppe von ihnen wieder, in einem leerstehenden Altersheim gar nicht weit von seinem Haus und dem See entfernt. Er geht hin und beginnt seine Interviews. Peu à peu erfährt er immer mehr Lebensgeschichten, Umstände, Gründe, warum sich junge, afrikanische Männer auf den verzweifelten Weg nach Europa machen.

Richard ist ganz und gar kein politischer Mensch. Er nähert sich den Flüchtlingen nicht, weil er ihre Situation verändern möchte. Naiv geht er auf sie zu, weil er ein Projekt hat, von dem er glaubt, dass sie ihm bei der Erforschung helfen können. Dass diese Forschungsarbeit letztendlich dazu führt, dass auch sein Leben sich vollkommen verändert, ist vielleicht nicht ganz überraschend für den Leser und beweist den Satz, den Richard irgendwann denkt: "Es ist wichtig, dass er die richtigen Fragen stellt. Und die richtigen Fragen sind nicht unbedingt die Fragen, die man ausspricht."

Was mir an dem Buch gefallen hat, sind diese Dinge: dass es im Grunde eine Art Poetologie mitliefert. Es ist ein Buch über die Zeit und die Vergänglichkeit, vor allem die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Man kann während der Lektüre Richards Gedanken- und Entwicklungsgang fast 1 : 1 mitverfolgen und damit die Entstehung dieses Buches. Denn letztlich hat es in seinem Zentrum Richards Projekt, das ihm nicht die Fragen unbedingt beantwortet, die er laut stellt, sondern viele, die er nicht stellt. Am Ende hat er im Grunde ein neues Leben. Am Ende hat er Beziehungen in einer Intensität, die für ihn neu ist. Am Ende hat er auch gelernt, wer seine Freunde sind.

Wie kurz ist unsere Zeit nur und wie privilegiert sind jene, die sie selbstbestimmt hier gestalten önnen und dürfen. Wenige sind es, vergleichsweise, die dieses Privileg genießen. In dem Buch trifft man auf so viele, die vom Leben herum geworfen werden. Richard reflektiert all dies, der Wissenschaftler, der Denker, der Belesene. Er sieht in den jungen Afrikanern nicht die normalen Klischees, sondern Charaktere aus Sagen, aus der Literatur, der Geschichte, sie regen ihn dazu an, seine philosophischen Konzepte zu ergänzen und zu überdenken. Von Anfang an versteht er ihre Geschichten in einer menschlichen Allgemeingültigkeit, gerade weil er auf eine Art naiv an sie herantritt. Er hat keine vorgefasste Meinung, keinen politischen Standpunkt. Er ist einfach als neugieriger Mensch, getrieben vom Interesse an der Lösung seiner Forschungsfrage, auf sie als Menschen, von denen er annahm, sie könnten ihm helfen, zugegangen. Da ist soviel Verwunderung, offensichtliches Überraschtsein über die Lebenssituation der Männer, aber auch über den Umgang der deutschen Bürokratie mit Mord und Totschlag. Man kann ja alles verwalten. Man kann, bürokratisch genug, ein ganzes Leben in den Staub einer Aktenlandschaft hinein verwalten. Da bleibt keine Lebendigkeit mehr übrig.
Diese Unschuld, könnte man beinahe sagen, erhält er sich die ganze Zeit. Auch als er so viele der Geschichten der Männer kennt, ihnen Schritt für Schritt näher kommt, spulen in seinem Kopf niemals Vorurteile ab. Seine Reaktionen sind immer genuin und souverän. Wenn einer der Männer aufs Amt geht, begleitet er ihn. Er regt sich auf, wenn dort etwas ungerechtes geschieht. Er hilft, wenn er kann. Er drängt sich nicht auf. Wenn einer der Afrikaner ihn einen Unterstützer nennt, scheint das Richard beinahe zu irritieren, denn er sieht sich selbst nicht als Unterstützer. Weshalb sein Umgang mit den Männern respektvoll und auf Augenhöhe geschehen kann. Er sieht sie nicht als Opfer. Ihm ist bewusst, wie leicht er selbst in einer derart machtlosen Lebenssituation hätte landen können. Dass es niemandes Verdienst ist, wenn er die Mittel hat, sein Leben im Griff zu haben.

Man kann die Situation anderer Menschen ja niemals beurteilen. Gestern sah ich mit einer Freundin den Film I Am Not Your Negroe, über James Baldwin und sein nicht vollendetes Buchprojekt über den Mord an seinen Freunden Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Es ist ein Film über den Rassismus in den USA. Ich sah ihn aber als Film über Rassismus im allgemeinen. Die Weigerung, sich mit dem Leben jener auseinanderzusetzen, denen es durch unsere Privilegien schlecht geht. Denn wenn wir uns damit auseinandersetzten, müssten wir unsere Privilegien fahren lassen. Alles ist mit allem verbunden. Die, denen wir es schlecht ergehen lassen, formen unser Land mit. Gerade wird Europa weniger von den Europäern, als von jenen geformt, denen wir den Tod an Europas Grenzen verordnen. So wie Amerika geformt wurde und wird von den Schwarzen, die es diskriminiert.
Man kann die Situation anderer Menschen niemals beurteilen. Ich habe keine Ahnung, was es heißt, auf einem Schlauchboot von Afrika nach Italien zu fahren, oder ein fünfzehnjähriges Mädchen zu sein, das von ihren Nachbarn und Mitschülern angespuckt wird, weil sie keine nach Hautfarbe getrennte Schule, sondern eine für alle Kinder besuchen möchte. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Familie vor den eigenen Augen massakriert wird. Aber viele von denen, die in Deutschland stranden, wissen sehr genau, wie sich das anfühlt.
Jenny Erpenbeck gibt Menschen eine Stimme und eine Geschichte, die hier oft nur bürokratische Manövriermasse sind. Richard beobachtet und kommentiert das Ganze, trocken und präzise. Wenn mich dieses Buch eines gelehrt hat, nein, es hat mich vieles gelehrt, aber eines ragt heraus: Erlaube Dir kein Urteil über jemand anderen. Du hast keine Ahnung! Konzentriere dich auf die wichtigen Fragen. Habe die Geduld, mit ihnen zu sein. Warte auf die Antworten.

Für mich ist Gehen Ging Gegangen ein perfektes Leseerlebnis gewesen. Denn Jenny Erpenbeck schafft es, aktuelle politische und gesellschaftliche Geschehnisse in eine spannende und nicht konstruierte, sehr intelligente Geschichte zu verpacken. Das stand 2015 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ich hätte mich gefreut, wenn sie ihn gewonnen hätte.
Natürlich ist dieser Richard wie so eine ideale Gestalt, aber auch das hat mir am Buch gefallen: dass es ein wenig träumt. Abgesehen davon kenne ich so viele Menschen, die seit dem Beginn der Flüchtlingskrise ihr Leben verändert haben, gar nicht so anders als Richard, dass ich die Geschichte nicht als unrealistisch empfinden kann.

(c) Susanne Becker

Montag, 10. April 2017

Juli Zeh - Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien

„Seit Tagen gelingt es mir nicht mehr, das Böse als Ausnahme von der Regel des Guten zu begreifen.“

Die Stille ist ein Geräusch ist ein Reisebericht über eine Reise durch Bosnien. Er ist geschrieben von einer Frau, Juli Zeh, die sehr gut schreiben kann, mutig ist und in dieses vom Krieg zerstörte und tief verwundete Land reist, ohne eine Meinung zu haben, ohne sich ein Wissen einzubilden, das ja nur aus zweiter Hand stammen würde. Sie fährt mit einem Hund und mit vielen offenen Fragen. Zum Beispiel: Wo wachsen die Melonen?
Es ist Sommer, das Jahr 2001, Juli Zeh will mit ihrem Hund nach Bosnien, und dafür informiert sie sich zunächst an einer Stelle, an der viele Reisen beginnen.  „Die Frau im Reisebüro….“Was wollen Sie dort? Da ist doch Krieg!“ Gewesen! Ich verzichte auf Richtigstellung….“
Sie sagt, dass sie dort recherchieren möchte und so gelingt ihr eine Buchung. Touristenführer gibt es für das Land nur noch aus den 80er Jahren, mit Bildern von Dingen, die vielleicht nicht mehr existieren.
„Ich will sehen, ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, an den man fahren kann, oder ob es zusammen mit der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist.“
Sie fährt nach Bosnien-Herzegowina und weiß im Grunde selbst nicht, warum. Vielleicht, weil uns in Deutschland, unserer Generation, der Krieg noch nie so nah gekommen ist wie seinerzeit in Jugoslawien. Da wurde er plötzlich zu etwas beinahe Realem, etwas, das jedem und überall geschehen kann. Sie fährt hin, um zu sehen, wie ein Land ausschaut, nach dem Krieg. Aber eigentlich fährt sie auch hin, und sie hat den Mut, diesen Krieg beinahe zu ignorieren, um das Land zu sehen. Sie behandelt das Land und seine Bewohner wie ein normales Land, also ein Land, in dem nicht gerade Nachbarn einander ermordet haben. Das ist ein Geschenk an dieses Land. Eigentlich ein Geschenk an das Leben ist es, was Juli Zeh mit diesem Buch leistet, mit dieser Reise: Unvoreingenommenheit. Wann begegnet man der schon, heutzutage? Jeder hat immer zu allem eine Meinung, und dank Facebook und Twitter et cetera, werden einem diese Meinungen ständig um die Ohren gehauen. Man selbst haut kräftig mit. Dass sie es dennoch schafft, immer einfach nur Fragen zu stellen, sich offen zu halten, ist eine große Leistung. Auch deshalb ist Die Stille ist ein Geräusch, das ich in den letzten Wochen zum zweiten Mal gelesen habe, immer eines meiner Lieblingsbücher dieser Autorin gewesen. Weil die Haltung, so ein bisschen naiv, offen, eine ist, mit der ich eigentlich auch durchs Leben möchte, und zwar bis zum Schluss. Wo wachsen die Melonen?
Auf ihrer Reise durch Bosnien trifft Juli Zeh auf viel Fachleute, die alle eine Meinung haben, vor allem zum Grund des Krieges, oder auch, wie es weitergehen sollte in diesem Land. Das kennt man irgendwie aus allen Weltgegenden, in denen so dramatisch etwas schief geht, dass dort die „Spezialisten“ aller Couleur einrücken und dem Rest der Welt diese Gegend erklären, objektiv natürlich, ist ja klar!
Frage: Warum war Krieg und gegen wen?
Immer wieder trifft Juli Zeh auf eine Journalistin, die sich im Grunde immer noch als Kriegsberichterstatterin sieht, die von sich selbst beeindruckt ist, weil sie es aushält in einem solchen Land.
„Dieses Land ist ein Pulverfass! Es klingt wie etwas, auf das sie persönlich stolz ist. Ich sage ihr, dass ich nicht das Gefühl habe, ein Pulverfass zu bereisen.
„For God’s sake, my dear!“
Ich komme mir naiv vor,…“.

Die Zeh ist vielleicht auch naiv. Frage: Warum gibt es keinen McDonalds?
Manchmal scheint sie fast ahnungslos hinter SFOR oder UN-Leuten herzustolpern, durch vermintes Gelände oder in denkwürdigen Orten, deren Namen alle kennen, aufgrund der dort produzierten Leichenmengen, der absoluten Grausamkeit, die dort im letzten Jahrhundert ein paar weitere Eckpfeiler sammeln durfte: Srbrenica, Sarajevo, Tuzla. Aber gerade diese Naivität ist es, die ihr Einblicke und Erlebnisse gewährt, die niemand haben würde, der schon eine vorgefasste Meinung hat. Sie begegnet ständig Menschen, auf Augenhöhe, nicht als Besserwisserin. Es ist nicht so, dass sie den Krieg ignoriert. Das geht ja auch gar nicht. Denn an jeder Ecke begegnet ihr die Zerstörung, in Form von niedergebrannten Dörfern, beschossenen Gebäuden, der Sniper Alley in Sarajevo oder den Menschen, die ausnahmslos traumatisiert sind. Aber sie nimmt das alles, genau wie die Menschen, ganz offen auf und lässt es zu, dass dadurch auch etwas mit ihr geschieht. Schlaflosigkeit, zum Beispiel: „Jetzt ist es amtlich, ich kann nicht schlafen. Manchmal hilft Ehrlichkeit: Es liegt nicht an der Klimaumstellung. Bei Tag, in der Stadt, gibt es ihn nicht, diesen Krieg, auch wenn er an jeder Ecke, in jedem zweiten Satz der Menschen seine Markierungen hinterlassen hat. .. Er kommt bei Nacht, wenn ich in einem kleinen, zu gut ausgestatteten Zimmer liege, zwischen den Teppichen, Spiegeln und bereitgestellten Pantoffeln, wo es still ist bis auf das Rauschen der Klimaanlage, abgeschnittene Geschlechtsteile, Massenerschiessungen und die Minuten davor, über brennende Häuser und den Geruch in den Lagern.“
Sie ignoriert den Krieg nicht. Sie lässt ihn hautnah an sich heran und präsentiert uns in diesem kleinen Buch die Verwirrung, die es bei den Menschen auslöst, wenn sie der Grausamkeit der eigenen Spezies so ungeschminkt begegnen. Da hat sich alle Lamoryanz erledigt.
Es gibt kein klares Gut und Böse. Aber es gibt, auch nach dem Krieg, die ständige Bedrohung durch vergrabene Mienen, ganze Landschaften sind abgesperrt, manchmal nicht so eindeutig, dass man nicht doch versehentlich hinein geraten könnte mit dem Hund und schweißgebadet hofft, wieder herauszukommen, heil. „Falls ich mal ein Buch schreibe, soll ich erwähnen, dass es acht Unfälle pro Monat gibt und das Land frühestens in hundert Jahren minenfrei sein wird,…. Ich soll sagen, dass es Bosnien schlimmer erwischt hat, als Kambodscha, ….“
Frage: Wie heißt die Farbe der Neretva?
Dies ist wirklich ein ganz wunderbares Buch, über den Krieg, und was er anrichtet. Es ist auch ein Buch über ein Land, seine unglaubliche Schönheit, die ein Krieg vielleicht überschatten, aber niemals vernichten kann. Es ist eine Liebeserklärung, verzweifelt.

„Ich fühle mich, als wäre das Land durch mich gereist und kehrte nach Hause zurück, während ich übrigbleibe, mit hängenden Armen. Bereist.
Keine meiner Fragen habe ich beantwortet.“

Es gibt einen Brief von Rainer Maria Rilke an Franz Xaver Kappus, vom 16. Juli 1903, darin heißt es unter anderem: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Ich danke dem btb Verlag herzlich dafür, dass sie mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 5. April 2017

Buch der Woche - Von Beruf Schriftsteller von Haruki Murakami

Von Beruf SchriftstellerHeute im Garten Haruki Murakami gelesen, Von Beruf Schriftsteller.

In dem Buch traf mich eine Erkenntnis, die mich aufrüttelte in Bezug auf die Frage, was bei meinem eigenen Schreiben immer noch ein großer Schwachpunkt ist. Wir können das Ganze auch gleich flächendeckend anwenden: was in meinem eigenen Leben ein Schwachpunkt ist. Leben und Schreiben sind ja eins. Auch das fand ich in diesem wunderbaren Buch vom Schreiben Seite um Seite bestätigt. Schreibender sein ist wie Mensch sein, atmen, es ist kein Beruf, den man jemals ablegt, sondern eher eine ganz eigene Weise der Existenz.
Zurück zur Schwachstelle: Es ist meine allzu schnelle, oft mit Überheblichkeit gepaarte Eigenschaft, auch Bereitschaft, beständig Schlüsse zu ziehen.

„Es gibt Charaktere, die ihre Mitmenschen und das, was um sie herum geschieht, rasch und entschieden analysieren und so in kürzester Zeit zu eindeutigen Schlussfolgerungen … gelangen. Allerdings haben solche Menschen keine besondere Veranlagung zur Schriftstellerei…“

Er empfahl diesen Menschen, Journalisten oder Kritiker zu werden. Das würde ihrem Naturell vermutlich eher entsprechen. 
Ich las diese Stelle und es fielen mir die Schuppen, die Jalousien von den Augen. Ich stülpe in einer schon fast gewaltsamen Geste, jedem Menschen, jedem Geschehnis meine Deutung, Analyse, Interpretation über. Ich gehe davon aus, dass ich recht habe. Anstatt einfach, und da liegt die Betonung tatsächlich, auch sprachlich ist sie so zu verstehen und das bestätigt jedes einzelne Buch von Murakami, die Betonung liegt auf einfach, sowohl im Reden mit anderen als auch im Schreiben den Leuten die Welt nicht zu erklären, sondern zu erzählen. In einfachen Sätzen einfache Tatsachen schildern. Das geschieht, dann dies, er hat dabei rote Haare und trägt eine zerlöcherte Jeans – Schreiben und Reden, ohne zu interpretieren, das ist eine wirkliche spirituelle Praxis. Sich dies vorzunehmen, dies zu üben, verändert auf der Stelle alles. Während ich noch auf meiner Liege lag und in die nicht mehr lange kahlen Kirschbäume träumte, fiel ein derartiger Ballast von mir ab. Weil klar wurde, wie anstrengend es ist, immer alles zu deuten, und dass ich mit dieser von Murakami inspirierten Einstellung viel leichter würde leben können. Ich lächelte eine Hummel an, die laut surrend um meinen Liegestuhl kreiste. Dickes, pelziges Insekt. Summt sehr laut. Umkreist mich. Hallo Freundin!
Eine zu schnell getroffene Schlussfolgerung stellt sich oft als falsch heraus und dann ist man in Verlegenheit.
„Erfahrungsgemäß sind … die Fälle, in denen eine Entscheidung dringend notwendig ist, sehr viel seltener als wir annehmen.“
Man kann also ganz in Ruhe und ohne das System mit vorschnellen Deutungen zu verstopfen, Fakten sammeln, Beispiele, Begegnungen, Gerüche, das Verhalten anderer Menschen und sich nichts dabei denken. Einfach nur sammeln! Die Erklärung, die Deutung, die Entscheidung kommen ja, und das ist mir durch meine Meditationspraxis im Grunde auch längst klar, nur dass ich es immer wieder für lange Zeiträume vergesse. Man kann vollkommen darauf vertrauen, dass die richtige Entscheidung, das richtige Urteil, die gültige Erklärung immer kommen, irgendwann, und eigentlich eben nicht irgendwann, sondern zum für diese Entscheidung genau richtigen Zeitpunkt. Wie aus dem Nichts, also der Stelle in einem selbst, die so wunderbar rauscht, wie das Meer, diese riesige Landschaft des Menschseins in einem, aus der heraus steigt die Erklärung. Nein, eigentlich ploppt sie. Sie steigt auf aus dieser Landschaft und bei mir tut sie das oft mit einem lauten Plopp!

„Dazu kann ich im Moment nichts sagen.“ Wie oft sagt man das? Wie oft lässt man sich die Zeit, erst dann etwas zu sagen, wenn man etwas sagen kann?
"Dazu kann ich im Moment nichts sagen" - aber als Yogaübung für den Geist. Anhalten, in der Position verbleiben, atmen, kein Urteil fällen und in die Regionen hinein atmen, die sich als verkrampfte outen.

„Jedenfalls sollte jemand, der Schriftsteller werden will, seinen Stoff nach Möglichkeit so aufnehmen und sammeln, wie er ist, statt überstürzt Schlüsse zu ziehen. Das gespeicherte Rohmaterial lässt er in seinem Inneren arbeiten.“
Dieser Murakami-Tipp gilt ja nicht nur für das Schreiben. Er ist hilfreich für die gesamte Lebensausführung. Er nennt das „minimale Datenverarbeitung“.
Das ist der Unterschied zu meiner eigenen Lebensausführung: Ich betreibe maximale Datenverarbeitung. Als Beispiel: Ich sehe ein Ohr und wie jemand sich daran kratzt, und schon bin ich stundenlang oder länger, ja, oft länger, damit befasst, die das Ohr tragende und kratzende Person bis in ihre winzigsten Nischen hinein zu kategorisieren, zu analysieren, zu beurteilen. Ich spiele mich auf, als wüsste ich von alles von dieser Person. Ich kann durch die Haut hindurch in ihr Innerstes blicken. Wenn ich lange genug nachdenke, kann ich mir sogar ihre Vergangenheit und ihre Zukunft vorstellen und halte diese Vorstellungen durchaus für bare Münze. Nicht selten richtet sich mein gesamtes Tun an diesen Vorstellungen aus, die nichts als Fantasie sind. 
Minimale Datenverarbeitung würde mir unglaublich viel Zeit lassen, die Welt zu beobachten. All die Stunden, die ich mit der Geschichte der ihr Ohr kratzenden Person verbracht hätte, wären plötzlich frei. Zu meiner freien Verfügung.
Diese Herangehensweise hat etwas sehr buddhistisches. Denn auch im Buddhismus ist ein großes Prinzip des Handelns, dass man sich nicht, indem man sie glaubt und ernst nimmt, in seinen eigenen Gedanken und Gefühlen verstricken sollte. Oder in denen der anderen um einen herum. In deren Geschichten. All diese Verstrickungen sind maximale Datenverarbeitung. Das Ziel ist aber minimale Datenverarbeitung. Ein Vertrauen in den Prozess. Ich sammele die Daten, speichere sie in meinem Inneren und ihre Bedeutung wird sich mir erschließen. Im Grunde muss ich nichts tun. Ich bin frei.

Darüber hinaus ist Murakamis Buch eine wunderbare Schilderung seines Lebens, seines Schreibens, seiner Erkenntnisse über die Menschheit und darüber, wie er mit seinem Körper umgeht, der ja ein wesentliches Vehikel für den Menschen ist, der jeden Morgen um fünf am Schreibtisch sitzen und schreiben möchte. Es liest sich wie ein Protokoll der Wahrheiten, die sich ihm aus seiner Datensammlung fast wie von selbst eröffnet haben. Unaufgeregt, schnörkellos und elegant.

Vor der Lektüre war ich kein Murakami Fan, ich gebe es zu. Während der Lektüre verliebe ich mich gerade in ihn. Wie schön, dass ich auf meinem Regal, meinem gigantischen SuB, noch zwei ungelesene Murakami-Bücher habe: Die Doppelausgabe seiner beiden ersten Romane Wenn der Wind singt und Pinball 1973, über deren Entstehungsgeschichte sehr viel in Von Beruf Schriftsteller zu finden ist, sowie Mister Aufziehvogel.

"Fast allen Autoren, die einen Roman beendet haben, steigt das Blut in den Kopf, ihre Hirnmasse überhitzt, und sie verlieren den Verstand. Warum das so ist? Zum großen Teil liegt es sicher daran, dass von vorneherein ausgeglichene Menschen sowieso keine Romane schreiben."

(c) Susanne Becker

Dienstag, 4. April 2017

Osterkoans 1996

Gerade lese ich meine alten Tagebücher, Stück für Stück, was zum größten Teil eine extrem gute Übung in Demut ist. Danach vernichte ich sie. Stück für Stück, was vor allen Dingen eine extrem gute Übung im Ballast abwerfen ist. Wenn man bedenkt, dass ich Tagebuch schreibe, seitdem ich 12 Jahre alt bin und mittlerweile in Band Nr. 176 schreibe, kann man sich die Menge an Kisten vorstellen, mit denen ich diese Journale durch mein Leben schleife, oder auch einfach unsere Wohnung voll stopfe.
Bislang habe ich die gelesenen und nach noch Verwertbarem durchforsteten Bände (+ hallo, war die Menge an Verwertbarem beschämend gering!!) ins Altpapier gegeben, nur in New Mexico habe ich sie verbrannt. Dieses Jahr möchte ich die Bücher, die ich gelesen habe, aber alle verbrennen, im Garten. Das scheint mir symbolisch. Feuer  machen. Meine Vergangenheit dem Feuer übergeben, um Platz für die Zukunft und etwas Neues zu machen.
Es gibt allerdings Momente des Lesens, in denen könnte ich auch leicht größenwahnsinnig werden, weil ich über Zeilen stolpere, von denen ich mich nicht erinnern kann, sie je nieder geschrieben oder auch nur gedacht zu haben. Vielleicht habe ich sie einem Zen Lehrer gestohlen und die Quelle einfach verschwiegen. Oder ich war für einen kurzen Augenblick sehr sehr klug, selber möglicherweie gar eine Zen Lehrerin damals, im September 2001, als ich folgenden Eintrag tätigte:

Osterkoans 1996
(Gefunden in einem Tagebuch von 2001)

1. Wie viele Listen werden Dich gen Himmel heben?

2. Hast Du die Anzahl der Meinungen kalkuliert, die Du brauchen wirst, um eine Kathedrale zu bauen?

3. Wenn Du nie mehr einen weiteren Gedanken in Deinen Kopf gießen würdest, wie viele Bibliothekare würden gebraucht, um Dich zu ordnen und all das, was in den Ecken gestapelt ist?

4. Was kannst Du zwischen den Birnen essen, durch Deine Haut hindurch trinken – ohne Verlust?

5. Wenn sie den großen Flohmarkt abhalten, wie viel werden sie für Deinen Groll bekommen?

6. Wie viele Wege kennst Du, um Dich selbst, Schritt für Schritt, zu vergessen?

7. Schaust Du auf, am Eingang?


8. Kannst Du ein Kichern unterdrücken, einen Seufzer ausbügeln, einen Segen aufbrechen, wie eine widerspenstige Muschel?

(c) Susanne Becker





Donnerstag, 30. März 2017

Don DeLillo - Zero K

„Everybody wants to own the end of the world.“

Zero KIn Don DeLillos novel Zero K, we meet Ross Lockharts son, who is travelling to a far away place to meet his father and his fathers second wife Artis. The place is more then remote. It is in the former Soviet Union, maybe close to China, far away from any city, far enough not to be found. It is a place in the middle of basically nowhere, where, upon entering the compound, you get a wristband, so that those, securing the place, can always tell, where you are. Certain areas are not for you in this Utopia, which was built with the money and help of people, who want to own the end of the world, or maybe rather, who want to own their own end.

Ross is there, because his younger wife Artis‘ health is deteriorating. She and he decided, that she would die, be frozen, and reawakened at some point in the future. That is, what is happening there: people go there to die, some fatally ill, some just ready to go, and they get stored in icehouses to await their future, which is characterized by deeper and more knowledge in many scientific fields. So, it will be possible, to be reawakened, even, if our planet should be destroyed, by climate catastrophes or a nuclear war. The awaited future is characterized by the fact, that human life, the lifes of those, frozen in the desert, will never ever depend on this earth and its conditions anymore. They can live forever, in this institute, no matter, what the world around them looks like. They bought themselves a neverending future.
Preparation for a time,  when death will not be a necessity anymore. At least not for those, who can afford to live forever. So it makes sense, that there is also a monk to counsel the candidates, to give some spiritual depth to the whole matter, even though, he does not seem to agree with it.  
„What do you do here?“
„I talk to the dying.“
„You reassure them.“
„What do I reassure them of?“
„The continuation. The reawakening.“
„Do you believe that?“
„Don’t you“, I said.
„I don’t think I want to. I just talk about the end. Calmly, quietly.
…..What’s the point of living if we don’t die at the end of it?“

Ross left the sons mother Madeline many years ago. The marriage was not happy at all. The son never called Ross „dad“, and never had any real relationship with this workaholic, super rich father, who treated his mother with contempt. But he still is his only heir. They are not close. If there are feelings, they are not tangible, just a hint on the sons side, the insight,  that his fathers destiny, his choice (not just to leave his mother and him, but also to die and be reawakened) „A man of his resources choosing to be a frozen specimen in a capsule in a storage facility twenty years before his natural time.“ will forever shape, who he, his son, is. Something beyond words.

Ross is very rich. He is a global player. Afraid to loose Artis, love of his life. Maybe also afraid to live a small life. „I’m ending one version of my life to enter another and far more permanent  version.“ He decides to accompany Artis, even though, his health is good. Than he changes his mind again. He continues to live. But nothing makes sense for him anymore. He is already in the future, In the face of this father, not much makes sense for the son. And yet, in contrast to his father: he keeps struggling for the beauty of life, here and now, to find it, to see it, to feel it. The beauty, in the light of which the idea of an end of the world looses all meaning, because there is only the here and the now.

A difficult book. Death is a depressing consequence of life. This book confronts us with this deep down, really simple, fact: we all will eventually die. On top of it, many of us will not die peacefully, in old age, but probably in war, in climate catastrophes, in a terrorist attack, as refugees. Life is not beautiful. Or is life beautiful? After all? Can it be beautiful?
The project in the desert seems to be founded by a sort of sect. The members are learning a new language, which is supposed to be better than all languages so far, and it will be capable of communicating things beyond words, our words, today, that is. It will be a complex new language, for a complex and new humankind, not longer humbled by death, and all it involves.
The members believe in their right to live forever, in the future. They believe, that life today is not good enough. They also fear death. They fear pain. They try to controll, what is not controllable. They are willing to sacrifice their lives and their fortune for the hope, that one day, they will be reawakened, maybe to a destroyed planet, but in this spaceship in the desert, safe from everything, even nature. There is a garden, but its not real plants, it is like an engineered garden. Plastic trees. Plastic flowers.

„…Whats the point of living, if we don’t die at the end of it?“
This book is deeply spiritual. It asks all the big human questions. It leaves the reader, as any great book should, to find her own answers, deep inside herself, in that space, in which we all reside.


 The german translation of this book is called Null K and has been publised by Kiepenheuer&Witsch Verlag, Köln. 

(c) Susanne Becker

Sonntag, 26. März 2017

Mein Besuch auf der Leipziger Buchmesse

Ich bin naiv und unvorbereitet zur Leipziger Buchmesse gefahren. Im Grunde wusste ich nur, dass ich mich mal ein paar Stunden im Land der Bücher treiben lassen wollte. Dabei hatte ich nicht eingeplant, dass zeitgleich zur Buchmesse der Manga Convention stattfand und dass man ständig in den langen Haaren, Schwertern und Flügeln von irgendwelchen Impersonatern verloren gehen könnte. Abgesehen davon, dass man zwischen gefühlt 2 Millionen Menschen seine Tasche, die irgendwann 100 Kilogramm zu wiegen schien, durch die Hallen und Gänge schleppen würde. Dabei hatte ich nicht ein Buch gekauft oder sonstiges Material ergattert. Aber, immerhin!, genug Wasser dabei. 
Bevor ich nach Leipzig fuhr, stellte ich mir meinen Einsatz dort folgendermaßen vor: Ich würde die Stände aller mich interessierenden Verlage kurz abklappern, mir ansonsten einfach mal Leipzig anschauen. Der Zoo soll sehr toll sein und auch der Auenwald. Weil: Bücher habe ich ja auch in Berlin genug und im Grunde benötige ich momentan nichts weniger als Ideen, welche weiteren Bücher ich noch lesen sollte. Mein SuB ist unübersichtlich genug. Mitten in der Stadt ein Wald. Welche andere Stadt hat das schon? 
Im Zug las ich. Juli Zehs „Die Stille ist ein Geräusch“, in dem sie über ihre Reise nach Bosnien nicht lange nach dem Ende des Jugoslawienkriegs erzählt. Ich las darin, stehend, denn natürlich war der Zug nach Leipzig voll bis unters Dach und selbstverständlich hatte ich keinen Platz reserviert, folgenden Abschnitt: „Ich habe Angst und ich weiß nicht, wovor. Wenn die Scheißmenschheit sich selbst den Krieg erklärt, gibt es nichts, was zu sagen oder zu denken übrig bliebe. Hör auf zu suchen. Fahr nach Hause. Sie haben im Kleinen vorgeführt, was auch im Großen jederzeit möglich ist. Das will niemand wissen, und auch ich darf es nicht wissen wollen. Wie sollte ich mich sonst zwischen Menschen bewegen, die hier wie überall ihre Grausamkeit nicht ahnen lassen, so dass ein Ausbruch von Gewalt nicht nur bis zur Sekunde, in der er geschieht, sondern auch eine Sekunde nach seinem Erscheinen wieder völlig ausgeschlossen erscheint?“

Als ich die Stelle las, ahnte ich es nicht, aber es wurde ein bisschen das Motto meines Messeaufenthalts, wie ein roter Faden, an dem es mich von einer Lesung zur nächsten treiben ließ und mich immer wieder mit diesem Thema konfrontiert fand: Gewalt, Krieg, wie die Menschen miteinander umgehen, und dass diese Gefahr, diese Grausamkeit, so viel näher an die Oberfläche auch meines Lebens gerückt ist. Viel näher, als ich es je gedacht hätte. 
Meine erste Entdeckung diesbezüglich war der Autor AbbasKhider, der 1973 in Bagdad geboren wurde. Er las am Stand von arte aus seinem Buch „Ohrfeige“ und erzählte von den Erfahrungen der Flüchtlinge in unserem Land, die in der absurden Auseinandersetzung mit der Bürokratie oft genug ihre Seele bis zur Unkenntlichkeit verdrehen müssen. Selbst ein Flüchtling aus dem Irak, der nach so wenigen Jahren ein perfektes Deutsch spricht (er ist 2000 nach Deutschland gekommen), brachte er sehr direkt eine Welt an diesen Messestand, die man normalerweise nur aus zweiter oder dritter Hand kennt, bereits zur Unkenntlichkeit verbogen durch die Deutungen und Interpretationen, wohl- oder übelmeinend, das Schicksal von Flüchtlingen gefiltert durch die Wahrnehmungslinse der eigenen Lebenssituation. 
„Jedes Asylantenheim ist ein regelrechter Schreibworkshop“, denn man begegnet Geschichten, die glaubt einem kein Mensch. Alle sind Geschichtenerzähler, weil sie ihre Realität den bürokratischen Regeln der deutschen Gesellschaft irgendwie anpassen müssen, um sich eine Chance aufs (Über)Leben zu erkämpfen.
Es klang witzig, aber es ist natürlich alles andere als das.
Auf dem Weg durch die Hallen sieht man immer wieder Solidaritätsbekundungen für Deniz Yücel, der mittlerweile seit 39 Tagen in der Türkei inhaftiert ist. #freeDeniz Banner und Plakate an vielen Ständen. Auch auf einer Treppen im Glashaus die Worte #freethewords. Es kann einem so vorkommen, als wäre die Worte, die Freiheit, die im Dichten liegt, die Freiheit des Wortes, noch nie so bedroht gewesen wie in den letzten Monaten, und dass diese Bedrohung zunimmt, nicht nur in entlegenen Ecken der Welt, wo es einem dann schon grad egal ist, sondern ganz nah. Kurz durchflutet mich eine Dankbarkeit dafür, dass ich in einem Land lebe, in dem eine solche Buchmesse möglich ist. Eine Buchmesse, auf der es von weltoffenen, empathischen, klugen Menschen nur so wimmelt. Es gibt so viele Länder auf dieser Welt, wo eine solche Messe sofort gestürmt werden würde von uniformierten Soldatenpolizisten, alle Teilnehmenden als Staatsfeinde festgesetzt oder denunziert würden. Deniz Yücel befindet sich übrigens in Einzelhaft, Folter also im Grunde. Und gestern nahmen auf brutalste Manier Polizisten mehrere Hundert Demonstranten in Minsk fest, weil sie für Europa demonstrieren wollten. Heute nahmen russische Polizisten Hunderte Demonstranten in verschiedenen Städten fest, weil sie gegen Korruption auf die Straße gingen und Donald Trump will dem öffentlichen Rundfunk das Geld abdrehen, um noch mehr Urlaub machen zu können und, selbstverständlich, zur Erhöhung des Verteidigungsetats.

Was können Schriftsteller in einer Welt ausrichten, die von Krieg, Populismus und Demokratiefeindlichkeit immer stärker geprägt zu werden scheint? Als nächstes fand ich mich in Halle 4 wieder, beim Café Europa, eine Diskussion zum Thema Rechtspopulismus in Österreich und Deutschland, mit den Schriftstellern Eva Menasse ( die auch ihr neues Buch Tiere für Fortgeschrittene auf der Messe vorstellte), Robert Misik und Ingo Schulze. Der Grundton blieb hoffnungsvoll: dass die jungen Leute, vor allem auch durch Beispiele wie Trumps in den USA, derart abgeschreckt und politisiert werden und ein Abdriften nach Rechts, in faschistoide, autoritäre Strukturen verhindern werden hier bei uns. Aber auch das Bewusstsein, wie viel Wählerpotenzial hinter den Rechtspopulisten steht, wenn man bedenkt, dass sie in Österreich 46% geholt haben. Die Hälfte der Bevölkerung in vielen Ländern findet es mittlerweile wählbar, rassistisch zu sein. 
Als die Diskussion vorüber war, eröffnete sich vor meinen Augen ein Sitzplatz, über den ich mich sehr freute. Wer schon einmal auf der Buchmesse war, versteht, was ich meine.
Ich blieb also sitzen, ohne zu wissen was als nächstes im Café Europa kommen würde.
Es war die Vorstellung des Buches „Glückliche Wirkungen“ vom Propyläen Verlag, einer Anthologie von 57 Autoren aus OSZE-Staaten, die sich in ihren Texten, inspiriert durch das Goethe-Zitat, glücklichen Zuständen annähern sollten. Während ich dort saß, kam mir der Gedanke, dass dieser Messetag im Grunde das für mich ist, was auch die Bücher, die Autoren, das eigene Schreiben immer mehr für mich werden: Lehrerin in Empathie, ein Ort, an dem man Weltdeutungen begegnet, die man selbst im Alltag niemals leisten könnte. Bücher erzeugen bei mir glückliche Wirkungen, indem sie mich öffnen. „Nicht die Bestätigung dessen, was ich selber denke, sondern eher das Gegenteil“, so drückte es Dr. Michael Krüger, einer der Herausgeber des Buches, aus. Es geht darum, den Horizont zu öffnen, öffne deinen Geist, damit dein Denken die Richtung ändern kann (ich glaube, so ähnlich hat das mal Frank Zappa gesagt). Darum geht es bei guter Literatur. Darum geht es umgekehrt bei all den unwohlen Gefühlen, die einen befallen angesichts der politischen Situation und ihrer Protagonisten. Diese Protagonisten und ihre Anhänger zeichnen sich aus durch ein verschlossenes Herz und einen engstirnigen Verstand, sie sind kleingeistig, kleinmütig, von Angst besessen, humorlos, trennen zwischen uns und denen und bauen gezielt Feindschaftsszenarien auf, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Ihre Welt ist eine, in der zu leben mich ersticken würde.

„Gerechtigkeit unter den Völkern, diese fantastische Idee, ist eine Illusion.“ Auch das sagte Michael Krüger, und machte es fest am Beispiel der Literaturübersetzungen. Wer von uns kann fünf große Schriftsteller aus, sagen wir Turkmenistan nennen, dessen Seite in dem Buch im Übrigen weiß blieb. Denn kein Schriftsteller dort hatte den Mut, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen.
Jene, die sich für Literatur interessieren, so Krügers Appell, müssten immer wieder Übersetzungen einfordern, gerade auch aus Sprachen, gerade auch aus Ländern, wo es bislang wenige Übersetzungen gibt. Denn nur so lernen wir Lebenswelten kennen und verstehen, die uns absolut fremd sind. Nur so lernen wir, das Verhalten anderer zu verstehen, das uns, gemessen an unseren Maßstäben, als Affront vorkommen mag oder einfach nur sonderbar. Literatur ist reicher als alle anderen Diskursformen, auch offener. Politik, im Vergleich, repetiert vielmehr immer gleiche Positionen, ohne die Leichtigkeit der Poesie. 
Anwesend aus dem Kreis der Teilnehmer an der Anthologie waren die kroatische Schriftstellerin Ivana Sajko, die sich gerade in Berlin aufhält im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums am LCB. Ihre Übersetzerin las einen berührenden Text über Krieg und Gewalt, wie die Menschen miteinander umgehen, wie man bei den täglichen Nachrichten von im Mittelmeer sterbenden, in Aleppo getöteten Kinder überhaupt noch einer Depression entgehen kann. Denn sobald man sich auf diese Nachrichten und Bilder einlässt, fällt einen eine unsägliche Trauer an. Dann schließt sie, dass auch hier wieder, wie schon im Jugoslawienkrieg, ihr Kindergedanke, ihr naiver Kindergedanke das einzige ist, das sie vor einer Depression bewahrt: „ Liebe, der Glaube an ihre Kraft und ihre Vernunft. Nur die Liebe kann die Menschen retten.“
Es lasen dann noch der Ukrainer Serhij Zhadan sowie die Finnin Katja Kettu.

Auf dem Rückweg zur Garderobe, eigentlich schon so ein wenig ausgetrocknet und stolpernd vor Erschöpfung, kam ich durch die Glashalle und wer sitzt auf dem Blauen Sofa? Terézia Mora. Das war für mich ein besonderes Geschenk. Denn ich verehre, und das weiß jeder, der meinen Blog kennt, diese Schriftstellerin besonders. Sie hat den diesjährigen Preis der Literaturhäuser gewonnen und las aus ihrem Buch Die Liebe unter Aliens.
Besonders lustig fand ich ihre Antwort auf die Frage des Leiters des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, ob Lesungen für sie eigentlich nur eine unangenehme Verpflichtung seien, wie das ja bei vielen ihrer Kollegen der Fall sei. Darauf sagte sie, dass sie immer sehr lange an ihren Büchern schreibt. In diesen Jahren trifft sie selten Menschen, die es überhaupt interessiert, was sie da macht. Sie trifft zum Beispiel andere Eltern auf dem Spielplatz oder in der Schule ihres Kindes und die fragen dann: „Und was machst Du so?“ und dann sagt sie, dass sie immer noch an diesem Buch schreibt und dann antworten diese Eltern: „Ja, ich habe ja mit dem Lesen aufgehört.“ Ich hätte sie küssen können ob der offensichtlichen Verwirrung, die ihr diese Tatsache immer wieder neu bereitet, dass die Welt von Menschen nur so wimmelt, die nicht lesen. 
Deshalb freue sie sich auf Lesungen. Denn dort treffe sie jene Menschen, die nicht mit dem Lesen aufgehört haben.
Auf der Buchmesse bekommt man den Eindruck, dass sehr viele Menschen nicht mit dem Lesen aufgehört haben. Das war ein irres Gefühl, in dieser Welt herum zu laufen, die vollkommen aus Büchern besteht. An jeder Ecke sieht man berühmte Menschen: am Frühstückstisch saß Lukas Bärfuss praktisch neben mir, auf der Messe sah ich, unter anderem Jo Lendle, den Herausgeber Klaus Schöffling, den ich ebenfalls am Frühstücksbüffet meines Hotels sah (der Schöffling Verlag und der Guggolz Verlag waren in diesem Jahr im übrigen Preisträger des Kurt Wolff Preises für Verlage), Heiner Geissler, Feridun Zeimoglu, Nora Bossong, Ronja von Rönne und und und.
Es war für mich wie für andere vielleicht, wenn sie Fernsehstars sehen. Ich war total geflasht. Schon jetzt freue ich mich auf die Messe im nächsten Jahr, zu der ich sicher wieder fahren werde. Auch, wenn ich wirklich, also ganz bestimmt nicht, Tipps für interessante Bücher brauche. Auch wenn ich bis zum nächsten Jahr mit Sicherheit meinen Stapel neben dem Bett eher vergrößert als verkleinert haben werde.
Auf der Rückfahrt las ich wieder Juli Zeh. Diesmal fand ich diese Stelle: " But literature" fragt sie, "finds the truth? Or is it creating its own?"
"Gute Frage", sage ich. "Die Antwort darauf ist wie ein Haus mit zahlreichen Stockwerken, in denen viele gemischtethnische Familien aus Jas und Neins wohnen."
Mein Fazit: In diesem Haus möchte ich leben!

(c) Susanne Becker



Donnerstag, 16. März 2017

er schenkt es schweigend

am ende der worte
hülle ich dich in mein
schweigen es wird
wie zuhause sein

in die unendlichkeit der räume,
die sich öffnen, sobald die worte
einen nicht mehr verstummen.
in mein herz ein einziger blick,
so dass ein sommer,
kirschkerne in der hosentasche,
die bühne betreten kann.
ein endloser sommer,
der auch den winter
ausdauert, den frost,
der sich der erde widmet,
hinweg atmet. ein lächeln.
er schenkt es schweigend.

(c) Susanne Becker

Samstag, 11. März 2017

Perform a random act of kindness every day

Vor nicht allzulanger Zeit sah ich diesen Ted Talk von Amanda Palmer.
Was sie darin sagte, vor allen Dingen über zufällige Nähe, mit völlig Fremden, hat mich nie wieder losgelassen. Seitdem bin ich freundlicher geworden, so als eine Art Selbstversuch. Was geschieht, wenn Du wildfremde Leute einfach ganz offen anschaust und dabei lächelst? Lustigerweise strahlen die meisten sofort zurück, als hätten sie nur darauf gewartet, dass jemand in ihrem Gesicht ein Lciht anzündet. Seltsamerweise also ist durch Amanda Palmer und meinen auf ihren TedTalk folgenden Selbsetversuch mein Universum ein freundlicheres geworden. Seltsamerweise, ja vielleicht vielmehr logischerweise, bestehen meine Tage seitdem aus so unzählig vielen Momenten von Nähe, mit Freunden und mit Fremden. Jeder dieser Momente erzeugt Glück.

Gestern schrieb ich diesen kleinen Text dazu, der vermutlich noch in dem Roman, an dem ich gerade arbeite, Verwendung finden wird. Aber zunächst einmal hier, in meiner persönlichen kleinen Schatzkiste, meinem Blog.

Wenn es darum geht, Räume zu öffnen, dann kann dies immer nur und zuerst im eigenen Bewusstsein geschehen.

Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
möglicherweise sogar einem Fremden gegenüber, 
besser sogar einem Fremden gegenüber. 
Das erhöht den Grad der Zufälligkeit noch um ein gehöriges, zufriedenstellendes Maß. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
arglos müsste er sein, jeden Tag, 
das nun nicht zufällig, sondern als eine Art Selbstverpflichtung dem Leben gegenüber, 
jenen gegenüber, die sehr unfreundlich die Macht der Welt an sich reißen. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit und begreife, 
dass du umgehend ein Teil der Widerstandsbewegung bist, 
die sich gegen all das Negative stellt, das gefühlt oder empirisch belegbar diese Welt gerade so rücksichtslos an sich zu reißen scheint, möglicherweise zerstören wird. 
Das wissen wir noch nicht.

Begehe einen zufälligen Akt, täglich, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, einem Fremden gegenüber. 
Genieße die sich daraus ergebende absolute Freiheit. 
Begehe einen zufälligen Akt, 
bestehend aus nichts als Freundlichkeit, 
möglicherweise dem nächsten Menschen gegenüber, 
der Deinen Pfad kreuzt und stelle fest, wie zufällig absolute Nähe geschieht, 
so zufällig, Du kannst Dich im Grunde hundertprozentig darauf verlassen, 
dass zufällige Nähe entstehen wird, wenn Du zufällig freundlich bist zu Menschen. 
Spare Dich und Deine Freundlichkeit nicht länger auf. 
Vergeude Dich und Du wirst sehen, was geschieht. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 8. März 2017

Hermann Hesse - Das Glasperlenspiel

Es gab Momente, da verstand ich nichts und wollte das Buch einfach beiseite legen.
Das Buch! Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse, sein letzter und umfangreichster Roman, sein Alterswerk, erschienen 1943, in zwei Bänden (ja, das Buch ist sehr dick!). Es lag in meinem Stapel ungelesener Bücher, seitdem ich circa 20 war. Ich habe noch die alte, dunkelgrüne Suhrkamp Ausgabe. Gekauft in einer Buchhandlung am Opladener Markt, die es schon lange nicht mehr gibt. Begonnen habe ich das Buch gefühlt zehnmal, und immer wieder beiseite gelegt, weil ich einfach nichts verstand. Einmal bin ich bis Seite 100 gekommen, weiter nie. Ich beschloss dann, dass man vermutlich doch alt sein müsste, um es zu verstehen, Alterswerk eben! Jetzt bin ich einigermaßen alt und ich kann den Erfolg vermelden: Diesmal hab ichs geschafft. Ich bin durch!

Das Glasperlenspiel„Versenkung und Weisheit waren gute, waren edle Dinge, aber es schien, sie gediehen nur abseits, am Rande des Lebens, und wer im Strom des Lebens schwamm und mit seinen Wellen kämpfte, dessen Taten und Leiden hatten nichts mit der Weisheit zu tun, sie ergaben sich, waren Verhängnis, mussten getan und erlitten sein.“

Ist es möglich, ein Leben, das der Meditation und dem Wissen gewidmet ist, in einem normalen, menschlichen Alltag zu leben, oder muss man dazu nach Kastalien oder in den Wald gehen? Wenn ich die Weisheit entdeckt habe, die letztlich darin bestehen muss, dass all das, was im Alltag eine Rolle spielt, nicht mehr ist als eine Illusion, werde ich dann noch schreiben wollen? Worüber sollte ich dann schreiben? Vielleicht war alles, um das man sich im Leben sorgte und mit dem man sich verstrickte, nicht mehr, als eine Illusion, ein Traum. Wir träumen unser Leben und nehmen es ernst. Aber in Wahrheit ist es nur das Instrument, die Weisheit zu erlangen, die darin besteht zu erkennen, dass dieses Leben nur ein Traum ist. Wir können uns für immer in den Wald setzen oder an dem Ort, an den das Leben uns gestellt hat, das tun, was ansteht, ohne noch damit zu hadern.

Das Buch beginnt bei Josef Knecht, einem Jungen, der nach Kastalien berufen wird, einem Hort der Wissens- und Weisheitspflege, an den nur die besten (männlichen) Schüler geladen werden, um Kastalier zu werden. Einmal ein Kastalier, bleibt man dort für immer. Man kehrt nicht in das normale Leben zurück. In Kastalien studiert man die einzelnen Wissenschaften, ein Schwerpunkt liegt bei der Musikwissenschaft. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Glasperlenspiel, welches auf höchster Ebene die verschiedenen Wissenschaften und ihre Erkenntnisse miteinander unter immer neuen Überschriften verbindet und verknüpft, somit das Wissen auf immer höhere Ebenen treibt. Einmal im Jahr findet das große Glasperlenspiel statt, zu dem aus allen Gegenden des Reiches die Gäste und Zuschauer angereist kommen. Das Spiel wird angeleitet vom Magister Ludi, dem Glasperlenspielmeister, einem der höchsten Würdenträger Kastaliens. Josef Knecht wird als noch verhältnismäßig junger Mann, er muss so um die 40/50 Jahre gewesen sein, zu diesem Magister Ludi ernannt und erfüllt sein Amt vorbildlich, so wie er auch in jeder anderen Hinsicht ein vorbildlicher Kastalier ist, der das Zeug dazu hat, ein ganz großer Kastalier zu werden. Allerdings treiben ihn Zweifel um und die Sehnsucht nach dem Leben außerhalb Kastaliens, dessen elfenbeinturmartige Begrenzung er sieht. Er möchte am wirklichen Leben außerhalb Kastaliens teilhaben. Geschult durch Kastalien glaubt er nun, dem Leben draußen etwas zurück geben zu können, zu müssen. Er möchte seine Weisheit und seine Begabung nicht im Elfenbeinturm belassen. So tut er, was noch kein Magister vor ihm getan hat: er verlässt Kastalien, um als Hauslehrer in der Welt zu leben.
Am Ende der Lebensbeschreibung dieses außergewöhnlichen Josef Knecht finden sich dann noch Texte von ihm, Gedichte, sowie drei Lebensläufe, die er einst, als Junge, für die Schulleitung hat schreiben müssen. Sie stehen im Buch wie beinahe eigene Geschichten, sind aber aufs engste mit den Gedanken und Ideen Josef Knechts verwoben und geben weiteren Aufschluss über ihn.

Das Buch handelt von Menschen, die sich von der Allgemeinheit abheben, weil sie das Verlangen und die Fähigkeit haben, tiefer in das Leben und seine Bedeutung einzudringen, weil sie nach Wissen und Erleuchtung streben. Josef Knecht, auch die in seinen Lebensläufen zentralen Figuren: der Regenmacher, Josephus Famulus und Dasa, alle zeichnen sich aus durch eine besondere Fähigkeit und den starken Wunsch, Wahrheiten zu erkennen, den Sinn und die Bedeutung des Lebens zu durchdringen. Alle sind sie somit Alter Egos von Josef Knecht. Diese Fähigkeit sondert sie ab von den, wenn man sie so nennen mag, normalen Menschen. Sie werden von diesen auch durchaus als Sonderlinge wahrgenommen, beziehungsweise nehmen an einem normalen Alltag mit Arbeit, Brot verdienen oder ähnlichem so gut wie nicht teil. Wenn sie daran teilnehmen, wie Dasa, oder auch Josef Knecht, nachdem er Kastalien verlassen hat, führt dies nicht zu Erfüllung oder Frieden – im Gegenteil. Die Verknüpfung der beiden Regionen: Geistiges und Materielles, scheint zum Scheitern verurteilt.

„Man musste lernen, den Menschen als ein schwaches, selbstsüchtiges und feiges Wesen zu sehen, man musste einsehen, wie sehr man selbst an allen diesen üblen Eigenschaften und Trieben teilhabe, und durfte dennoch daran glauben und seine Seele davon nähren, dass der Mensch auch Geist und Liebe sei, dass etwas in ihm wohne, das den Trieben entgegensteht und ihre Veredlung ersehnt.“

Ich habe das Buch an vielen Stellen genossen, weil es sich mit Themen beschäftigt, die mich selbst ins Nachdenken bringen, die für mich auch durchaus Lebensthemen sind.
Fragen wie: Ist die Wahrheit tatsächlich in Worten vermittelbar? Kann man im Alltag funktionieren, wenn man im Grunde den Wunsch hat, sich intellektuell und/oder spirituell in höchste Höhen zu begeben?
Es gab Momente, da wollte ich das Buch dennoch wieder beiseite legen, diesmal endgültig, weil ich nichts verstand. Aber auf den letzten Seiten, am Ende der Geschichte Dasas, fiel alles für mich an seinen Platz und ich hatte das Gefühl, sehr viel gelernt zu haben. Dies ist ein Buch wie eine lange Meditation. Ein Buch im Grunde wie das ganze Leben, und das Erwachen aus diesem Traum.

Hesse postuliert eine strikte Trennung zwischen den beiden Welten des Geistigen und des Materiellen. Ich sehe diese Trennung grundeigentlich nicht so scharf. Für mich sind beide eins. Es gibt kein Leben, das der geistigen Welt unwert wäre. Wenn ich an die Lehren von berühmten Zen-Meistern des letzten Jahrhunderts denke, (Charlotte-Joko Beck, Suzuki Roshi z.B.) dann kommt da immer wieder die Aufforderung, Erleuchtung beim Abwaschen des schmutzigen Geschirrs oder beim Windeln wechseln der Kinder anzustreben. Zen imAlltag ist ein bekanntes Buch von Beck.
Ich glaube, dass die Trennung auch eine sehr männliche Sicht ist, vielleicht auch eher war. In einer Zeit, als in der Regel Männer sich dazu entschließen konnten, allem weltlichen den Rücken zu kehren und sich ganz Bereichen wie Philosophie, Spiritualität oder Kunst zu widmen, kümmerten sich die Frauen dennoch um die Kinder und den Haushalt. Den Frauen stand der Weg nach Kastalien auch in Hesses Buch so wenig offen, dass sich darin noch nicht einmal jemand darüber wundert, dass das ganze Kastalien nur aus Männern besteht. Die Frauen von Hesse haben die Männer eher behindert oder aus der Fassung gebracht. Im besten Fall haben sie den Männern Söhne geboren, niemals eine Tochter. Eine gute Mutter konnten sie den Söhnen selten sein, dazu bedurfte es dann wieder eines Meisters, per se eines Mannes.
Das Glasperlenspiel ist ein Männerbuch, es ist frauenlos. Ich dachte dies sehr oft bei der Lektüre. Es ist ein vollkommen aus Männerperspektive geschriebenes Buch, in dem Frauen praktisch gar nicht vorkommen. Dies hat mich, so wunderbar ich das Buch auch fand, doch immer wieder irritiert. Es ist ein Buch der Männerbündelei, in welchem Frauen nur die verschiedenen Rollen der Störerin von geistiger Ruhe übernehmen, also auf der niedrigen Seite des Materiellen stehen, während Männer mehr oder weniger überzeugend das Geistige verkörpern.
Das Glasperlenspiel ist auch das Buch eines zutiefst an östlicher Spiritualität und Buddhismus interessiertem westlichen Autors, der die Zeit nicht mehr erleben durfte, in der der Buddhismus den Westen regelrecht eroberte, vor allen Dingen Nordamerika, und dort eine Integration in den Alltag erfuhr, beziehungsweise es müsste eher umgekehrt heißen: der Alltag wurde in die Zen Lehre integriert. Denn die meisten westlichen Buddhismus-Schüler konnten es sich nicht leisten, oder wollten es nicht, ihren Alltag für ein Klosterleben zu verlassen. So handelten die Dharmavorträge plötzlich von Liebeskummer, Kinderkrankheiten oder stressigen Situationen im Job, von Haustieren, Angst vor Arbeitslosigkeit, von allem, dem ganzen normalen Leben. Irgendwie denke ich, das hätte ihm gefallen. Er hätte erfahren, dass die Trennung, die er solange fühlte, mit der er kämpfte und an der er litt, gar nicht notwendig ist. Die Trennung ist im Grunde Teil des Dualismus, der im Buddhismus keinen Bestand mehr hat und also überwunden werden muss.

„Wie Ihr Leben auch aussehen mag, ich möchte Sie ermutigen, es zur Übung werden zu lassen.“ Charlotte Joko Beck

Denn: wer im Strom des Lebens schwimmt, der kann in diesem Strom zur Weisheit vordringen.
Seine Taten und Leiden sind nicht Verhängnis, sondern das Instrumentarium, an dessen Hand man das Leben verstehen lernt, an dessen Hand man mit großer Ausdauer lernt, seine Perspektive so zu öffnen, dass man die Weisheit erblickt.
„Der inneren Öffnung, die einem Menschen möglich ist, sind keine Grenzen gesetzt.“ Charlotte Joko Beck
Das Buch ist ein großes Buch, eines jener Bücher, die man, wenn man ist wie ich, gelesen haben sollte in seinem Leben. Leicht liest es sich nicht. Es ist ein Buch, das Konzentration und auch ein wenig Mühen abverlangt. Aber das ist gut. Ich mag solche Bücher! Am Ende fühlt man sich immer reich beschenkt und hat noch Wochen danach Stoff zum Nachdenken. Es ist ein Buch, das nach all den Jahren immer noch dazu beiträgt, den Menschen von innen zu öffnen.

(c) Susanne Becker

Montag, 27. Februar 2017

Ein Gott Ein Tier von Jérôme Ferrari

Es geschieht mir nicht häufig, dass ich ein Buch lese und es dann am liebsten in Gänze zitieren würde, weil eigentlich das ganze Buch wie ein großes Gedicht ist, welches mit seinen Worten in die Tiefen der menschlichen Existenz abtaucht, um dort dem Grauen nicht auszuweichen. Welcher Mut gehört dazu, ein solches Buch zu schreiben, in sich diesen Schmerz zu finden, aus dem die Worte aufs Papier bluten?

Ich empfinde, dass wir in einem Zeitalter der Angst leben. Alle haben Angst. Viele erliegen dieser Angst und suchen nach Sündenböcken und schnellen Lösungen. Das Wegducken vor der Angst ist eigentlich das Schlimme an ihr. Wer seiner Angst nachgibt, der hat verloren. Mut ist, der Angst ins Auge zu schauen und dann so lange diese Angst auszuhalten, bis der Schlamm sich gesetzt hat, der Schlamm im eigenen Inneren, der einen dazu bringen möchte, um sich zu schlagen. Die Angst aushalten, bis das Wasser wieder klar ist, um dann aus dieser Klarheit heraus zu handeln. Keine Klarheit ist klarer als jene, die nach durchlebten, heftigen Gefühlen auftritt.

Dieses Buch ist wie eine Katharsis. Ein Gott Ein Tier von Jérôme Ferrari, erschienen im, ich muss es noch einmal sagen, wunderbaren SecessionVerlag. Poetisch vom ersten bis zum letzten Wort. Das Original aus dem Französischen übersetzt hat Christian Rusiczka.

Heute war ich im Ocelot Buchladen in Mitte, um gleich ein Exemplar dieses Buches als Geschenk für meinen Kollegen zu kaufen. Ich suchte herum und als ich fragte, „Habt ihr dieses Buch, das gerade erst heute erschienen ist?“ Da nickten die beiden Buchhändlerinnen „Ja, aber natürlich, das ist doch ein befreundeter Verlag!“ Wir strahlten uns an. Denn wir wussten auf der Stelle, dass wir den gleichen Geschmack haben. Gleich am Eingang lag ein großer Stapel!
Beim Bezahlen fragte mich die eine Mitarbeiterin: „Wer glauben Sie, ist in dem Buch der Erzähler?“
Ich: „Ich weiß nicht, aber ich dachte mir irgendwann, dass es einfach Jérôme Ferrari ist, der Schriftsteller selbst, der uns berichtet vom Abtauchen in die menschlichen Tiefen, von der Begegnung mit Menschen, die wir beide vermutlich in unserem Leben so nicht treffen werden, von denen es aber im Grunde sehr viele gibt.“
Sie nickte: „Ja, zu dem Schluss bin ich irgendwann auch gekommen. Aber zuerst dachte ich, der Erzähler wäre Gott. Bis dann irgendwann über Gott geschrieben wird.“
„Für mich ist es ein Protokoll über die Suche nach Gott in unserer Zeit, in einer Lebenswelt, die mit meiner nichts zu tun hat. Von der ich aber annehme, dass sehr viel mehr Menschen in ihr leben, als in meiner.“
„Ein Paralleluniversum."
"Ja, das aber vielleicht dichter bevölkert ist als mein Universum."
"Ich sehe es genauso!“
Ich bin also heute meinen Lieblingsbuchhändlerinnen untreu geworden, was ich praktisch nie tue. Aber ich habe es nicht bereut. Für ein solches Buchkaufgespräch lohnt es sich!

„Gewiss, die Dinge enden schlecht, und doch, du wärest fortgegangen und du wärest, sobald die Umarmung der Welt zu drückend geworden wäre, zurückgekehrt zu dir nach Hause. Aber so ist es eben nicht gelaufen, denn die Dinge enden auf ihre rätselhafte und grausame Weise schlecht und lassen sämtliche Illusionen der Hellsichtigkeit an sich zerschellen.“

Von Anfang an weiß man also, die Dinge enden schlecht. Dieses Buch wird uns nicht erklären, wie wunderbar die Welt ist. Hier wird das Geworfensein der menschlichen Existenz deutlich gemacht am Beispiel zweier Personen, die symptomatische Rollen übernehmen in unserem von Gier und Kriegen zerfressenen Hier und Heute: Söldner an einem Checkpoint im Libanon und Headhunterin.
Ein junger Mann verlässt sein französisches Dorf und wird Söldner auf der Suche nach Bedeutung, in der Hoffnung, sich zu spüren. Die Sehnsucht, ein besonderes Leben zu führen, nicht in der langweiligen Alltäglichkeit, Sinnlosigkeit, stumpf zu enden. Er begegnet dem Tod, der ihn verschont, aber doch verändert. Als er in sein Dorf zurückkehrt, ist es nicht mehr sein Zuhause. Er erinnert sich an seine Teenagerliebe zu Magali, die mittlerweile in einer Stadt lebt und als Headhunterin in einer gänzlich auf Optimierung ausgerichteten Firma arbeitet und sich vollkommen mit dieser Welt identifiziert. Sie ist wie ein Teil der Corporate Identity, sowie alle anderen Mitarbeiter dort auch. Sie leben für und durch die Arbeit und empfinden darin eine Illusion von Sinn.
Der junge Mann schreibt Magali einen Brief. Er möchte sie wiedersehen. Sie ist wie ein Synonym von Liebe für ihn. 
„…so ist sie jener Teil von dir, der heil geblieben ist. Vielleicht der einzige.“

Er wartet auf ihre Antwort, während sie den Brief zunächst in den Tiefen ihrer Tasche vergräbt. Nachdem sie ihn gelesen hat, erinnert sie sich an die Freiheit der Vergangenheit, die unbegrenzten Möglichkeiten, Liebe, Gefühle, alles im Grunde Störfaktoren in ihrem jetzigen Leben.
Beide, der junge Mann und Magali, sind auf ihre Weise gebrochen. Wird sie auf seinen Brief reagieren?
So war dieses Buch für mich auch eine wunderbar zarte, traurige Liebesgeschichte. Liebe in den Zeiten von Krieg und Gier. Große Hoffnung, sie schwingt viele Seiten mit, auf das einzige, das heil geblieben ist.
„So heftig wir die Welt auch verurteilen, so sind wir doch ein Teil von ihr, und dies muss akzeptiert werden, denn außerhalb der Welt, da ist nichts, keine Ruhe, keine Güte, …“

Dies ist kein freudiges Buch. Es ist vielmehr ein drastisches Buch und ließ mich an etwas denken, das ich einmal bei Terézia Mora, ich glaube, in ihrem Buch Nicht sterben, gelesen habe, über die Drastik beim Erzählen, dass man dahin gehen muss, wo es weh tut, aber man muss es auf eine Weise tun, dass man den Leser nicht verliert. Es gibt zum gleichen Thema auch noch einen Essay von ihr aus der Zeitschrift Bella Triste (Nr. 16, leider vergriffen, aber die wunderbare Redaktion hat mir den Text eingescannt und gemailt) besorgt. Die Mora sagt im Grunde dies: dass es die Aufgabe des Schriftstellers ist, Drastisches zum Ausdruck zu bringen, dem Leser vor Augen zu führen. Er muss dies mit einer so perfekten und schönen Sprache tun, dass der Leser, obwohl ihm der Text zu nahe kommt, dennoch nicht anders kann als weiter zu lesen. Wenn der Text nicht schön ist, aber dem Leser dennoch auf die Pelle rückt, wird er ihn in die Ecke pfeffern. Für mich ist Ferraris Buch ein wunderbarer Beweis dieser Mora-These. Denn die Sprache ist einmalig schön! Sie ist tatsächlich ein Grund, dass man immer weiter liest, auch wenn es weh tut, und man sich davon stehlen möchte.

Das Leben ist etwas, das weh tut. Auch! Nicht nur! Kunst muss es wagen, diese Region des absoluten Schmerzes nachzuspüren. Das Buch ist wie ein Requiem, ein Buch voller Schmerz, das einen jedoch bei der Lektüre mit einem großen Reservoir an Ruhe und Güte beschenkt, also kathartisch. Denn es ist wahr, und man versteht dies während der Lektüre sehr genau: der Söldner, der Krieg, der Tod, die im kapitalistischen Optimierungswahn sich selbst Verlierende, sie sind ein Teil von uns, von unserem Leben. Ja, im Grunde sind auch sie Gott. Dies macht Angst. Wir können nur bestehen, wenn wir uns vor der Angst nicht wegducken, sondern hindurch gehen, aufrecht. Die Angst führt zur Wahrheit.
Ein Gott Ein Tier ist für mich eine dringende, eine absolut aktuelle Lektüre gewesen, und hat mir einmal mehr gezeigt, wie unglaublich sensibel dieser Verlag seine Manuskripte auswählt. Für mich einer der Verlage, die heute wirklich am Puls der Zeit publizieren. Ein Verlag, der Poesie und Politik auf einzigartige Weise immer wieder verbindet. Hut ab!

Weitere Bücher von Jerôme Ferrari im Secession Verlag: Predigt auf den Untergang Roms, welches mir im Ocelot auch sehr ans Herz gelegt wurde und für das Ferrari im Jahre 2012 den Prix Goncourt erhalten hat; Balco Atlantico; Das Prinzip; Und meine Seele ließ ich zurück

Herzlich danke ich dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

(c) Susanne Becker




Sonntag, 5. Februar 2017

Nancy Princenthal - Agnes Martin Her Life and Art

I am reading a biography about Agnes Martin, the american artist, who spent so many years in or close to Taos. I started reading it, shortly before I departed for New Mexico last August. That said, it is obviously, that it takes me an awful long time, to finish the book. So, this morning, I started to wonder, why that was the case, and the first answer was: this book is demanding. You can not just read it. It often reads like a scientists paper in art history. Many informations on places, she lived, the artists and circles, whom one could encounter there, pages and pages of  descripitions of her paintings, which I would rather expect from a catalogue of a workshow, not from a biography. The book is often filled with knowledge, which did not help me personally, to understand Agnes Martin. Fact is: she grew more and more distant. Constructions considering her mental illness (schicophrenia), which probably are researched impeccably, but still, the artist remained distant, like somebody without feelings. It all read like theory. No life in this. Maybe, this has to do with her shyness. She did'nt leave much for biographers to search through. 
Yesterday evening though, I read the part about Agnes Martins own writing (she always wrote by hand, because she preferred a quiet and a very simple life, and a typewriter would have been noisy). I found this one sentence, which totally touched me, to which I absolutely could relate:

 „Now I am very clear, 
that the object is freedom.“

I immediately knew two things: 1. that I really want to read Agnes Martins own writing and 2, that this was a very deep insight, which also is true for my own writing, actually, for my life, in general. 

„Now I am very clear, 
that the object is freedom.“

My own writing, my own life, has always been about freedom, to one day be able (attention: IDEAL!) to live and write, which is one and the same thing for me, really,  completely out of this freedom. This vast space, in which the truth reveals itself to me constantly. The truth of the next step to be taken, the next book to be read, the next sentence to be said......
Freedom from feelings and stories past, which turn us into prisoners, unconscious. Freedom from feelings and stories present, which still turn us into prisoners, unconscious of what we do, why we do it and who we are. No involvement. In order to be able to live and write in this area of freedom, which is inside, as well as outside, the ocean, the desert Namib, the Mesa near Taos, meditation, to live clearly and consciously, to write clearly and consciously.
Three years ago, my mother has died. What I remember most from those days, I spent with her at the hospital, was this freedom, this vast space. For hours, I was sitting with her, quiet, I shared a room with her, in which all involvement was gone. Freedom. Clarity. Back then, I often thought: death is not all bad, because the ego dies first, I mean, in the good cases, in the ideal cases, and all involvement stops, which probably is the ultimate in liberation ---- if you can refrain from fighting. Frankly, who can refrain from fighting pain and fear?

I want to finish this book. Although I find it, apart from this one deep moment, not engaging. I remember a biography about Georgia O’Keeffe, written by Roxana Robinson. I could not get enough of it. I read all night long, which was fantastic, because that night, I was on a train from Chicago to Santa Fe. I was on my way to Ghost Ranch, Georgia O'Keeffes home, to attend a writing workshop. But that was not the reason for this book being so engaging. It was the way it was written, the way, it told stories. I even reread it once. Robinson brought Georgia O'Keeffe absolutely alive. I, the reader, totally connected with O'Keeffe, while Agnes Martin, who I believe, is on many levels much closer to my inner world, somebody, I just knew, I would connect with, after once seeing this video, remains totally distant. She seems more distant after the read, than ever before. Which is a shame. 
I know, Agnes Martins character was quite different from O'Keeffes. She was more withdrawn. maybe not as vain, and it was probably much more difficult, to puzzle her life and being together, to catch it into some written form. But maybe, just a suggestion, some biographies should not be written? Maybe, she, Agnes Martin, would not have liked it either? 
I really want to read her own writings now, and can not wait for an exhibition of her art so nearby, hopefully sometime soon, so I can indulge in her grids and paintings, which I do love. Because I always saw in them this:

"Now I am very clear,
that the object is freedom."


For now, I will be off to Vienna on Friday, to see this exhibition of Georgia O'Keeffes work. I have been to Ghost Ranch, and I have seen some of Martins paintings in Taos, but to see a whole, big exhibition --- can't wait. 

(c) Susanne Becker

Donnerstag, 26. Januar 2017

rauhnächte




nichts sagen, damit da ein raum ist
zwischen den tauben & den schnäbeln
für die wahrheit, die ja liebe ist,
also die wahrheit ist immer …..

während ich alle ecken frei räume
von altem schmerz von wut
die luft schwanger von rauch – vor der wahrheit
habe ich auch angst, warte ich auf mich
– durch alle gefühle gegen mich auch
hindurchgehen & einmal nicht
davon laufen – fortschritt übrigens
mich selbst zu treffen einfach so
inmitten dieser tage voller sturm
& sehnsucht räuchere ich die
vergangenheit aus allen räumen
bin ich auf dem weg zu dir
auch wenn es dauern wird - geduld

vor meinem fenster biegt sich der baum
& es ist, als hätte er sich mir zugesellt
ungeduldig die ecken auszufegen &
dabei nichts zu sagen, weil die wahrheit
sich am leichtesten ihren weg durch
ein schweigen bahnt & in der dunkelheit
nach einem heftigen sturm

(c) Susanne Becker 

Sonntag, 15. Januar 2017

Robert Seethaler - Ein ganzes Leben

"Meistens schwieg Egger während seiner Touren. "Wem das Maul aufgeht, dem gehen die Ohren zu", hatte Thomas Mattl immer gesagt, und Egger teilte diese Ansicht."

In den letzten Tagen habe ich ein kleines, zartes, und doch die ganze Welt enthaltendes Buch Seite für Seite gelesen. Ich habe versucht, dabei behutsam vorzugehen und keinen Buchstaben zu übersehen, wirklich jeden Satz mit Respekt und Achtsamkeit zu lesen. So wie Robert Seethaler, der Autor, in Ein ganzes Leben, das Leben des einfachen Mannes Andreas Egger mit außergewöhnlichem Respekt und großer Hochachtung dem Leser ans Herz gelegt hat.
Heute möchte eigentlich fast jeder, den ich kenne (ich selbst natürlich auch!), etwas besonderes sein. Es ist wie so ein Mantra der heutigen Zeit, dass man besonderes leisten muss, auffallen sollte, auf gar keinen Fall ein normales und einfaches Leben führen darf. Normal ist das neue gescheitert! Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, wie hohl dieser Anspruch ist. Er geht an so vielem, das wesentlich ist, vorbei. Die Lektüre dieses kleinen Buches, das auf nur 185 Seiten so viel Leben entfaltet und würdigt, hat mich mit so etwas wie Demut erfüllt, Achtung auch, vor jedem einzelnen Leben.
Andreas Egger kommt als vierjähriger in ein Bergdorf. Wir schreiben den Anfang des 20. Jahrhunderts. Er kommt zu einem Bauern, der ihn, den Sohn einer Schwägerin, nur aufnimmt, weil er einen Beutel mit ein paar Geldscheinen um den Hals trägt. Seine Kindheit ist von brutalen Schlägen und harter Arbeit gekennzeichnet. Sie zeigt aber auch schon, wie stark dieser Andreas Egger ist, der sich sein Leben lang von nichts und niemandem wird beugen lassen.
Als er alt genug ist, verlässt er den Hof und heuert bei einer Firma an, die Seilbahnen baut. Die Arbeit ist hart und gefährlich.
Er baut sich ein eigenes kleines Häuschen oben am Berg.
Er lernt Marie kennen, und heiratet sie.
Er wird eingezogen und muss in den Kaukasus, an die Ostfront, wo er noch viele Jahre nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft verbringt.
Er kehrt zurück in sein Dorf und wird Bergführer für Touristen.
Am Ende seines Lebens wohnt er in einer Art Höhlenbau oben am Berg, mit Blick aufs Tal, und ist zufrieden, trotz der vielen Schicksalsschläge, obwohl sein Leben ein entbehrungsreiches und hartes gewesen ist. Es gab auch die Glücksmomente. Er wusste jeden einzelnen zu schätzen. Er haderte nicht mit dem Schicksal. Er nahm das Leben an, wie es sich ihm präsentierte, ohne auch nur einmal zu glauben, es stünde ihm etwas Besseres zu. Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich habe das Gefühl, aus einer Generation zu kommen, in der wir alle denken, es stünde uns immer etwas Besseres zu, eventuell sogar das Beste. Nichts ist gut genug, beglückend genug für uns. Die Sehnsucht nach einem tollen einem besonderen Leben ist gierig und kennt im Grunde keine Befriedigung. Wie viele zufriedene Menschen kenne ich? So richtig viele fallen mir nicht ein. Die Tatsache, das jedes Leben wertvoll ist, wurde in meiner Lebenszeit immer mehr interpretiert als: mir steht ein perfektes Leben zu. 
Andreas Egger war irgendwie zufrieden, gemeint hier als: im Frieden mit sich und der Welt, obwohl sein Leben nach heutigen Maßstäben hart war und er nicht viel erreicht hat.

„Für seine Begriffe jedoch hatte er es irgendwie geschafft und dementsprechend allen Grund, zufrieden zu sein. Von dem Geld aus seiner Zeit als Fremdenführer würde er noch eine Weile gut leben können, er hatte ein Dach über dem Kopf, schlief in seinem eigenen Bett, und wenn er sich mit seinem kleinen Hocker vor die Tür setzte, konnte er seinen Blick so lange schweifen lassen, bis ihm die Augen zufielen und das Kinn auf die Brust kippte. Wie alle Menschen hatte auch er in seinem Leben Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da.“

An noch etwas ließ mich dieses Buch sehr oft denken: an meinen Großvater, den ich hier einmal namentlich nennen möchte, weil er ein so wunderbarer Mensch gewesen ist, der ebenfalls ein hartes und entbehrungsreiches Leben geführt hat, der dabei immer ein offenes Herz behielt. Theodor Boddenberg, der mich gelehrt hat, ohne Worte, allein durch sein Tun, dass jedes menschliche Leben gleich viel Wert hat, egal, wie jemand aussieht, was jemand besitzt, woran er glaubt oder woher er kommt. Diese Lektion wurde nie ausgesprochen, aber sie wurde tagtäglich von ihm gelebt. Schon in den 60er und 70er Jahren war unser Haus immer offen für jeden, der neu ins Dorf kam oder schon ewig dort lebte. An unserem Küchentisch bekam der erste Portugiese genauso Kaffee, wie Nesme, die erste Türkin der Straße, in deren Hof am Feuer ich als Kind jahrelang täglich mit ihren kleinen Söhnen spielte und ich liebte es, dass sie den Hof mit einem Reisigbesen fegte, dass sie mehrere Röcke übereinander trug, dass sie aufgeregt schon am frühen Morgen an unsere Tür klopfte und weinend erzählte, wie in der Nacht eine riesige Ratte sie angefallen habe. Als Kind saß ich immer unter dem Küchentisch und spielte, während die Besucher, tagtäglich, Geschichten erzählten, oft mit Händen und Füßen, und Hilfe jeder Art bekamen: ein Stück Land, um endlich ein Haus bauen zu können, einen Job, Geld, einen Sack Kohlen für mau. Ich lernte, dass jedes Leben wertvoll ist. Ich ging niemals davon aus, das sich einmal in einer Zeit leben würde, in der das nicht mehr Konsens sein würde in Europa und den USA. Die letzten anderthalb Jahre haben mich diesbezüglich aufgeweckt. Vielleicht fällt mir deshalb mein Großvater so oft ein. Vielleicht wird mir deshalb erst jetzt diese seine große Lebenslektion so bewusst, dass ich sie in Worte fassen und ihn dafür ausdrücklich würdigen kann: Jeder Mensch ist wertvoll!
Aber auch: Es ist wichtig, sich nichts zuschulden kommen zu lassen. Man hat die Verantwortung dafür, ein guter Mensch zu sein. Was das ist, da gibt es eigentlich wenig Diskussionsspielraum. Die zehn Gebote sind beispielsweise, geht man nach meinem Großvater, ein ganz guter Maßstab.

Weil ich mich plötzlich in einer Welt wieder finde, in der der Wert eines menschlichen Lebens inflationär abnimmt, hier, wo ich lebe, bekomme ich manchmal Angst. Ein Buch wie das von Seethaler macht mir wieder Mut. So wie mir auch der Gedanke an meinemnen Großvater, der ebenfalls lange in Russland war, der viele Jahre gegen den Krebs gekämpft hat, der vieles von sei Hab und Gut an andere gegeben hat, der nicht einen Tag schlecht gelaunt war, der jedem geholfen hat, mir Mut macht.
Jeder Mensch ist wertvoll!

Ich möchte die Gelegenheit noch nutzen, ein weiteres Buch von Robert Seethaler zu empfehlen, welches ich im letzten Jahr gelesen habe: DerTrafikant. Leider kam ich nie dazu, es zu besprechen. Aber es ist ebenso wunderbar. Robert Seethaler ist für mich ein Meister darin, das Leben schreibend zu würdigen und die kleinen Dinge, die so leicht unbemerkt bleiben, aber im Grunde das Leben und seinen Verlauf bestimmen, in wunderschöne, noch lange in einem nachhallende Worte zu fassen.

  

 (c) Susanne Becker