Berlin

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Sonntag, 18. Juni 2017

Überbitten von Deborah Feldman


"Man könnte sagen, dass ich ein spirituelles
Vertrauen in den nicht aufzuhaltenden Elan narrativer
Entwicklungen hatte."

Überbitten, das neue Buch von Deborah Feldman, handelt von den Jahren, nachdem sie die fundamentalistische, jüdische Gemeinde der chassidischen Satmarer in Williamsburg/New York verlassen hat. Es ist ein sehr persönliches Buch. Sie macht sich darin absolut sichtbar, vielleicht noch mehr, als in Unorhodox, dem Buch, in welchem sie ihr Leben bei den Chassiden und den Entschluss, es zu verlassen, schilderte. (hier nochmal meine Rezension von Unorthodox)
ÜberbittenSie baut keinerlei Schutzwall um sich herum. Ihre absolute Ehrlichkeit und Authentizität sind zwei der Gründe, warum dieses Buch so gut ist. Es saugt einen vom ersten Satz an in seinen Bann. Es ist, als würde man mit einer wunderbaren Freundin quatschen, die einen nicht eine Sekunde lang hinters Licht führt. Frei von der Leber weg. Dabei intelligent, tiefsinnig, mit einer Menge Bezügen zu Denkern und Autoren, die man selbst ebenfalls schätzt, z.B. Hannah Arendt oder Primo Levi.  Jede Seite öffnet den eigenen Geist, das eigene Herz ein Stückchen weiter, bis es mir am Ende des Buches so ging, dass ich eigentlich mal kurz die Welt umarmen wollte.

700 Seiten über die sieben Jahre, die folgten, nachdem sie ihre Familie und die chassidische Gemeinde verlassen hat. Es ist auch ein Buch über Deborah Feldmans Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist. Diese Großmutter ist eine ungarische Jüdin. Sie hat Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Sie ist zunächst nach Schweden gekommen, weil sie sehr schwer an Typhus erkrankt war, und von dort, nach langem Hin und Her, in die USA. Sie heiratete einen chassidischen Satmarer, der ebenfalls aus Ungarn stammte, aus einem Nachbardorf. Wenn man Auschwitz überlebt hat, fällt man entweder vollkommen von Gott ab, 

Andreas Platthaus und Deborah Feldman bei der Premiere des
Buches im Berliner Kino Babylon
(C) mit meinem Handy, kein Smart Phone, fotografiert

an dessen Existenz man nicht mehr glauben kann, oder man verschreibt sich ihm ohne Wenn und Aber, hoffend, dass das Einhalten der strengsten und absurdesten Gesetze und Gebote, diesen offensichtlich so zornigen Gott besänftigen kann, somit eine erneute Katastrophe für zumindest diese Gruppe des jüdischen Volkes verhindern wird.
Ich las das Buch als Liebeserklärung an diese Großmutter, die sich den Regeln der Satmarer gebeugt hat, auch wenn darüber ihr Garten verkümmerte, der ihre große Leidenschaft war, ihr Rückzugsort. Die Regeln für einen blühenden, fruchtbaren Garten ließen sich jedoch, und da war der Großvater streng, nicht in Einklang bringen mit den Geboten der Satmarer für das Bearbeiten eines Gartens. Sie hat Auschwitz nie erwähnt, sie konnte wunderbar backen und kochen und war für Deborah, die ohne Eltern aufwuchs, der Inbegriff von Liebe.
Das Buch ist, so vermutete ich die gesamte Lektüre hindurch, auch der Versuch, sie, diese geliebte Großmutter, „mit Bitten zu überwinden“, also „Überbitte“ zu leisten für ihr Fortgehen. (Hier der Link zu einem Video aus der ARD Mediathek mit einem Beitrag, in welchem D. Feldman unter anderem den Begriff Überbitten erläutert. Der Link ist noch bis 8. Juni 2018 verfügbar.)
Aber vor allen Dingen Überbitte zu leisten dafür, dass sie nach diesen sieben Jahren ausgerechnet in dem Land ihr Zuhause gefunden hat, das für die Großmutter, für die Satmarer allgemein, die Verkörperung des Bösen darstellt: Deutschland.
Am Mittwoch hatte das Buch im Berliner Kino Babylon Premiere. Im Rahmen der Veranstaltung gab es die Möglichkeit für das Publikum (geschätzt 500 Menschen waren anwesend, das Kino praktisch voll), Fragen zu stellen. Eine Dame fragte, ob Deborah Feldman je wieder Kontakt zu ihrer Großmutter gehabt habe. Sie verneinte dies. Denn die Regeln der Satmarer sind fundamentalistisch. Wer die Gemeinschaft verlässt, darf nicht nur nie wieder zurück, sondern wird auch von den anderen Mitgliedern verfolgt. Einige andere ehemalige Satmarer, die wie Deborah Feldman die Flucht gewagt haben, haben sich in den letzten Jahren das Leben genommen, weil die Angriffe zu schmerzhaft wurden. Ein Onkel von Deborah Feldman verbreitete das Gerücht über sie, auch sie sei längst tot. Wer die Gemeinschaft  verlässt, ist tot.
Als Deborah Feldman die Frage nach ihrer Großmutter beantwortete, merkte man ihr den Schmerz über die Regeln einer Gemeinschaft an, die ihr dafür, dass sie ihr eigenes Leben gestalten und leben möchte, den Kontakt mit der Person verweigert, die für sie Liebe bedeutet. Das Buch ist dieser Großmutter gewidmet. Vielleicht wird sie es eines Tages lesen, heimlich.

Dieses Buch ist auch ein Buch über Deutschland. Ich muss gestehen, dass ich es liebe, Bücher zu lesen, in denen mir Menschen aus einer vollkommen anderen Perspektive als der meinen die Orte schildern, an denen auch ich mich bewege. Das ist in etwa so mind-opening wie Reisen an Orte, die einem wirklich fremd sind. Man kapiert in wenigen Sekunden, wie egomanisch und eingeschränkt die eigene Sicht ist. Immer glaubt man, die eigene Meinung wäre allgemein gültig, möglicherweise sogar eine Art Norm für Normalität schlechthin. Wie leicht fühlt man sich irritiert von allen, die die Dinge anders handhaben als man selbst. Sie müssen falsch liegen, das ist klar. Diese Irritation mit anderen und das eigene Beharren auf der Rechtmäßigkeit der eigenen Perspektive ist ein wunderbarer Nährboden für jeden Rassismus, für jede Ausgrenzung.
Die Feldman schildert uns deutlich ihre Irritation über Deutschland, wie die Realität mit ihren Vorstellungen, den in der Satmarer Gemeinde gelernten Ansichten über die Heimat des Bösen teilweise kollidierten, teilweise übereinstimmten. So ist dieses Buch auch eine Art Protokoll darüber, wie sie ihre Bewusstseinsblase zum Platzen brachte und immer weiter und immer mutiger wurde, mit jedem Jahr. Bis sie irgendwann zu der Erkenntnis kam, dass sie in Deutschland leben möchte.
Am Abend der Premiere erzählte sie uns, dass sie einen Tag später die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten würde. Wie dies möglich war für sie, welche Verwirrungen und Zufälle in der Vergangenheit ihrer Familie dazu führten, auch das erzählt uns Überbitten.

In Überbitten bringt sie alles zusammen, ihre Familie, ihre Vergangenheit, die Geschichte, in welcher die gesamte Familie ihrer Großmutter in Auschwitz ausgelöscht wurde, sich selbst vorher und jetzt, wo sie sich zum ersten Mal als unabhängiges, starkes Selbst wahrnehmen kann, in einem vollkommen selbstbestimmten Leben.

„Sieben Jahre lang war ich eine Art Flüchtling. Ich platzte in diese Welt, indem ich jene Öffnungen nutzte, die Globalisierung und Technologie in ihre alten Mauern geschlagen hatten,… Ich habe mir diese eine Frage in den vergangenen sieben Jahren beständig gestellt: Ist es möglich, anzukommen?“

Die Seiten, auf denen Deborah Feldman erzählt, wie sie in Neukölln landet und ihre Tage in dem Café Espera verbringt, wie sie nach und nach einen Freundeskreis kennenlernt, zu dem unter anderem dann auch ihr späterer Verleger vom Secession Verlag gehört, sind so wunderbar, dass ich am liebsten gleich von meinem Haus im Wrangelkiez hinüber laufen wollte in den Reuterkiez und mich dazusetzen.

"Wer in jenen Tagen über die Sonnenallee gegangen ist, wird mich höchstwahrscheinlich am Fenster des Café Espera gesehen haben, oder draußen, auf einer Bank, zusammengekauert mit meinem New Yorker , ..., und vielleicht hat man mich im Gespräch mit einigen der benachbarten Anwohner gesehen, mit denen ich zaghafte Freundschaften begonnen hatte: eine Studentin aus Ostdeutschland, die fließend Englisch sprach; ein Dichter und Musiker, der derart system-kritisch eingestellt war, dass sein politisches Gewissen ihm häufig den Zugang zu gesellschaftlichen Ereignissen verwehrt hatte; ein junger Psychotherapeut und Teilzeit_DJ, dessen radikal linke Ansichten aus seiner Jugend in jener Art langsamen Resignation an Zuversicht verloren hatten, die sich uns häufig mit dem Erwachsenwerden aufdrängt, und ein Verleger, den man häufig Zigarette rauchend beim Lesen der Kritiken seiner Autoren antreffen konnte,..."

Dieses Buch ist vielschichtig, es schenkt dem Leser unglaublich verschiedene Erfahrungen, Geschichten und Einsichten. Am Ende der Buchpremiere wird Deborah Feldman gefragt, ob sie ihre Religion immer noch praktiziere. Sie verneint, sagt aber gleichzeitig, dass sie ein tiefgläubiger Mensch sei, und dass dieses Buch im Grunde zeige, woran sie glaube.
Über diesen Satz muss ich seitdem nachdenken. Denn ich denke, weil dem so ist, ist das Buch so nahrhaft für mich gewesen. Es ist ein spirituelles Buch. Woran glaubt Deborah Feldman? An den "nicht aufzuhaltenden Elan narrativer Entwicklung". Daran also, dass alle unsere Leben Geschichten sind, die nur dann authentisch erzählt werden können, geschehen können, wenn wir bereit sind, uns vollkommen unserer eigenen inneren Stimme anzuvertrauen. 
Die 700 Seiten legen Zeugnis darüber ab, wie Deborah Feldman dies tat, kompromisslos, und wohin es sie führte. Letztendlich führte es sie nämlich nicht nur zu sich selbst und nach Deutschland, sondern auch, so sehe ich es, ein Stückweit zu ihrer Großmutter, zu dem Leben, das diese hätte leben können, wenn der Holocaust nicht alles zerstört und auf Null gesetzt hätte für sie.

"Vielleicht ist das ganze Buch eine Erklärung dafür, wie ich glaube, was ich glaube." Lange also dachte ich über diesen Satz nach und was er für mich bedeutet und ich kam zu dem Schluss, dass mir das Buch auch deshalb so gut gefällt, weil ich dem gleichen Glauben anhänge, wie Deborah Feldman.

Ich danke dem Secession Verlag sehr herzlich für das Rezensionsexemplar und auch sonst!!

(c) Susanne Becker


Donnerstag, 1. Juni 2017

Lesen, Schreiben & Trump

Einen Tag, nachdem Trump zum Präsidenten vereidigt wurde, also im Januar diesen Jahres, las ich und schrieb ich, aber ich hatte diesen Mann und was seine Wahl bedeuten würde, ganz schön im System. Heute entdeckte ich diesen Text, den ich damals schrieb. Ich möchte ihn hier teilen, auch, weil er ein paar Hinweise zu interessanten Büchern enthält, die mit Trump, Gott sei Dank, nichts zu tun haben. 

Sie las gerade wieder mehrere Bücher parallel. Was ich liebe und was nicht von Hanns-Josef Ortheil, eine Art autobiografische Erzählung über alle möglichen Dinge, die der Autor eben liebt oder nicht liebt. Es gibt sehr schöne Stellen darin, die sie sogar ein wenig, manchmal, inspirierten. Aber im Großen und Ganzen findet sie das Buch, sie ist mittlerweile fast bis zur Mitte durch, teilweise beinahe unerträglich selbstgefällig und geschwätzig. Die ganze Zeit erwischt sie sich dabei, wie sie sich nach der Mayröcker sehnt oder Handke, nach Autoren, die ihr Ego so vollständig heraus nehmen, selbst noch aus dem autobiografischsten Text, die es transzendieren und damit an das allgemein menschliche gelangen. Dies gelingt Ortheil nicht. Natürlich war das ein überzogener Anspruch. Aber sie hatte ihn nun mal. Knausgard schrieb auch ausschließlich über sich selbst, aber er tat es so uneitel, so vollkommen bar jeder Berechnung, das sie auch diese Bücher sehr schätzt.
Wenn sie an die Mayröcker und auch Handke dachte, dann war das natürlich die Messlatte für ihr eigenes Schreiben. Das war ja genauso egomanisch wie das von Ortheil, und dabei auch noch viel schlechter. Man konnte also im Grunde mal wieder einen Berg eigener Texte schreddern und weiter graben im eigenen Inneren, ob da nochmal was kam, was sich lohnte, festgehalten zu werden. Wenn man von sich schrieb, dann musste es dafür einen Grund geben, der über das Subjektive, über das eigene Ich hinaus ging. Wie dies zum Beispiel Deborah Feldman in Unorthodox so scheinbar mühelos gelingt. Schreiben konnte die Frau, als säße man mit ihr im Café und würde ihr zuhören. So lebendig. 
Zum anderen las sie ein Buch, das ihr ihr Kollege gestern zum Geburtstag geschenkt hatte. Es hieß Seide und war von Alessandro Barrico. Es handelte von einem Franzosen, der nach Japan reist, um dort Seidenraupeneier für die heimische Seidenproduktion zu erstehen. Er sieht dort eine Frau, mit der er kein Wort sprechen kann, eine Japanerin, die zu einem anderen Mann gehört. Er schaut ihr lediglich in die Augen. Sie trinkt aus seiner Teetasse. Er trinkt an der gleichen Stelle wie sie aus der Tasse. Eine Leidenschaft beginnt. Immer wieder reist er nach Japan. Die Frau wird in keiner Weise deutlich. Sie ist so offensichtlich nichts anderes als die Projektionsfläche männlicher Phantasie dafür, wie eine perfekte Frau zu sein hat: anschmiegsam, schweigsam, auf keinen Fall übermäßig agierend, also im Grunde gar nicht agierend. Das Buch machte sie beinahe aggressiv in seiner vollkommenen Objektivierung von Frauen durch einen Mann. Es ist ein Buch über die wahre Liebe. Das versteht sie. Sie versteht es. Aber auch das Verhalten der Ehefrau, die diese Liebe möglicherweise verkörpert, machte sie ein kleines bisschen aggressiv.
Ortheil und Barrico erinnerten sie an etwas, das sie schon immer an einer bestimmten Art Männern gestört hatte: sie waren selbstgefällig, ein wenig überheblich, charmant aber Macho, Frauen dienten im Grunde nur als Kulisse, als Mittel zur Selbstbeweihräucherung qua Bewunderung für besondere Frauen. Diese Frauen mussten schön sein, duldend, ihm ausschließlich zur Verfügung stehen, kein eigenes Wollen verkörpernd, aber Hingabe. Der Mann schmückte sich und erhob sich über die Reihen der gemeinen Männer und Frauen hinweg, indem er sie an seine Seite stellte.

Okay, sie war heute besonders empfindlich. Sie sah überall Trump. Ihr Blick war getrübt. Projektion, auch bei ihr. Sie fand vor allem das Buch von Barrico im Grunde sehr gut. Ein Buch über die Liebe, geschrieben von einem Mann. Die Sprache poetisch. 
Aber Trump war als amerikanischer Präsident gestern vereidigt worden und sie machte sich da keinerlei Illusionen: Die Welt würde an Poesie verlieren, auf allen Gebieten. Sie würde ein hässlicherer, ein brutalerer, ein möglicherweise auch für sie, in ihrer europäischen Wohlstandsblase, lebensgefährlicherer Ort werden in jenen mindestens vier Jahren, in welchen er die Welt bestimmen und verändern würde mit seinen weißen alten Männern, denen es allen nur um Macht und sich selbst ging, egal, welchen Preis dies kosten würde. Männer ohne Herz, ohne Moral, für die Politik, Weltpolitik, ein Spiel war. Für die Frauen Schmuck waren, und Gebärerinnen von Nachkommenschaft. Es waren Prolls, ohne Ehrfurcht, ohne Herzensbildung, aber mit viel Geld. Das waren genau die Leute, vor denen ihr Großvater sie immer gewarnt hatte, mit welcher Warnung er letztlich dazu beigetragen hatte, dass sie niemals hatte reich werden wollen. Denn reiche Leute waren grundsätzlich dumm und oberflächlich, aller Wahrscheinlichkeit nach auch unehrlich, hatte ihr Großvater angedeutet. Mit welcher Auffassung er nicht alleine da stand. Schon Scott F. Fitzgerald im Großen Gatsby sah die Reichen ähnlich. 

Amerika würde sich verändern. Dieses Land, das ihr soviel Freiheit, soviel Selbstwertgefühl geschenkt hatte, und auch Poesie. Vermutlich würde es sich gar nicht verändern. Es zeigte nur einfach diese Seite von sich, die durch Trump perfekt verkörpert wurde, und die sie selbst ja manchmal dort wahr genommen hatte. Diese Seite war pures Ego. Sie war all das, was man im Buddhismus zu überwinden suchte. Aber sie hatte in ihrer eigenen USA-Erfahrung nur eine sehr geringe Rolle gespielt. Denn sie hatte sich in den USA in einer Blase bewegt, in der die Menschen klug waren, poetisch, kreativ, gebildet, multikulti, offen. Die reaktionäre Seite konnte genauso verdrängt werden, wie unangenehme politische Tendenzen hier verdrängt werden konnten, solange sie nicht allzu gefährlich an die Oberfläche gelangten. Die Welt würde sich aber verändern. Durch dieses Amerika, das es immer gegeben hatte, und das nun die Macht in Händen hielt, würde sich peu á peu, sehr viel verändern. Alternative Fakten würden zu Wahrheiten stilisiert werden, solange, bis man sogar mit klarem Verstand sich nicht mehr immer sicher sein würde, was nun eigentlich die Wahrheit war und wem man trauen konnte. Sie merkte, wie diese Tatsache ihre Stimmung tagtäglich belastete. Wenn sie hörte, was Trump sagte und tat, das legte sich wie eine dunkle Wolke auf ihr Gemüt.
mein Amerika

Nachtrag am 1. Juni 2017: Ich lese jetzt Deborah Feldmans neues Buch, Überbitten, und kann es nur wieder bestätigen, dass sie es schafft, das Persönliche auf eine Weise zu erzählen, die so offen und ehrlich ist, dass sie einen vom ersten Satz an berührt und in ihren Bann zieht. Mit ihrer Klugheit transzendiert sie das Subjektive. Ich werde sicher, nach dem Abschluss der Lektüre, ausführlicher darüber schreiben. Denn dies ist auch ein Buch über Amerika.

Trump: er liegt mir nicht mehr in dieser Art und Weise auf dem Gemüt, weil ich jetzt das Gefühl habe, ihn einschätzen zu können. Das macht es nicht unbedingt besser. Aber mir geht es besser. Dass er Präsident werden konnte, ist eine Tragödie. Eine vor allem amerikanische Tragödie. Denn dieses Land bringt so viele große, kluge, innovative, kreative, wunderschöne Menschen hervor, und auf der anderen Seite gibt es genauso viele Menschen, die sich in Trump zuhause fühlen. Das Land ist tief gespalten. Ich liebe es sehr, dieses Amerika, weshalb mich diese Spaltung persönlich schmerzt. Es ist wie eine zweite Heimat für mich. Es ist das Land, in dem ich begann, mich selbst wirklich zu finden und zu verwirklichen. Das Land, das mich begeistert aufnahm und sein ließ. Jahrelang konnte ich mir vorstellen, dort ganz zu leben. Viele meiner allerbesten Freunde leben dort, sind Amerikaner und ich sehe, wie sehr sie damit kämpfen, dass ihr Land, ihr großartiges Land, nun von diesem absoluten Idioten repräsentiert wird. Das Land ist vollkommen gespalten. Zwei Hälften stehen sich im Grunde hasserfüllt gegenüber, ohne den Wunsch, einander zu verstehen. Ich sehe momentan nicht, wie diese Spaltung, die mitten durch das Land zu gehen scheint, überwunden werden könnte. Ich sehe noch nicht einmal, wie der Wunsch, sich gegenseitig zu verstehen, genährt werden könnte. Die Spaltung geht so tief. Sie dringt in jede einzelne Seele ein. Sie stammt noch aus der Zeit der ersten Besiedlung durch Weiße, sie stammt aus der Zeit des Mordens an der Urbevölkerung, des Versklavens der Schwarzen, des Bürgerkriegs, des Vietnamkriegs --- sie scheint sich nahtlos nach heute fortgesetzt zu haben. Als hätte es nie einen Prozess gegeben der Reue, der Verarbeitung, der ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Sich selbst und seine Abgründe anschauen und nicht wegzucken. Das hat es ja auch tatsächlich nie gegeben in dieser Form. Hat es je eine Katharsis gegeben? 
Wenn es in einer Pressekonferenz des Weißen Hauses offiziell heißt, der Präsident und ein paar wenige andere wüssten, was der Tweet #covfefe bedeutet, dann darf man Zweifel hegen. 
Ich bin wirklich dankbar, in einem Land leben zu dürfen, in dem es solche Prozesse gegeben hat und immer noch gibt, in dem es eine große Zahl von Menschen gibt, die sich auseinandersetzen wollen mit der Geschichte des eigenen Landes. Immerhin, das hat mir Trump geschenkt, dass ich sehe, wie gut ich es habe.

(c) Susanne Becker

Donnerstag, 18. Mai 2017

Ein Abend im Secession Verlag


Es gibt ja so Tage, da hat man einfach Glück. Zum Beispiel, wenn die Lieblingsbuchhändlerinnen zu einem Verlagsabend bei Secession eingeladen sind und beide nicht können, ihr daraufhin eine Mail schreiben, ob sie hingehen möchte und sie geistesgegenwärtig genug ist, zu diesem Angebot „ja“ zu sagen.

Der Secession Verlag ist seit geraumer Zeit einer meiner absoluten Lieblingsverlage. Bislang mochte ich jeden gelesenen Titel aus diesem Hause. Denn sie alle vereint die Poesie der Sprache, die Schönheit und Genauigkeit der Gestaltung und die Klarheit der Aussage.
Ich hatte es schon einmal in einer Rezension zu dem Ferrari Buch Ein Gott Ein Tier geschrieben, dass dieser Verlag Poesie und Politik einzigartig verbindet in der heutigen Verlagslandschaft.
Dass er damit Erfolg hat, stimmt mich hoffnungsvoll.

Der Abend fand statt in den Räumen der Druckwerkstatt p98a von Erik Spiekermann, wo mittlerweile seit einem Jahr auch die Secession Bücher gemacht werden und wo seit kurzem, oben auf der Empore, die drei Schreibtische, erreichbar über eine kleine, frei schwebende Wendeltreppe, der Berliner Dependance des Verlags stehen.
Man befand sich also zwischen Druckmaschinen, handgedruckten Plakaten mit Sprüchen wie „Wenn ich umsonst arbeiten wollte, wäre ich Ehrenamtler und nicht Freelancer“ oder „Feck Perfuction“ , und lauter tollen Leuten. Gestaltet wurde der Abend von Adrienne Schneider. Sie organisiert für Secession auch die Veranstaltungen mit Deborah Feldman, deren neues Buch „Überbitten“ am 29. Mai erscheinen wird.
Anwesend waren die drei Verlagsgründer, -verleger, -lektoren, -übersetzer Joachim von Zepelin, Alexander Weidel und Christian Ruziscka.
Man erzählte uns, dem Publikum, das zum größtenteil aus Buchhänderlinnen bestand, aber auch die wunderbare Bloggerin Masuko13 traf ich dort, wie der Verlag gegründet worden war, wie man sich gegenseitig kennengelernt hatte, wie man den ersten richtigen Hausautor, Steven Uhly, der ebenfalls anwesend war, gefunden hatte, wie Christian Ruziscka in einem Neuköllner Café Deborah Feldman zufällig kennen gelernt hatte, ohne zu wissen, dass sie überhaupt schrieb... Alle waren in bester Erzähllaune, und jede einzelne Geschichte hatte so eine unwiderstehliche Note von Humor einerseits, aber Magie andererseits, so dass beim Zuhören die Laune immer besser wurde. 
Immer wieder musste ich an dieses Goethe Zitat denken, in dem es dem Sinn nach heißt: das Universum beginnt sich in deine Richtung zu bewegen in dem Moment, in dem du einen festen Entschluss fasst. Jede einzelne Geschichte schien diese Idee zu bestätigen. 

Zwischen den verschiedenen Gesprächsrunden gab es ein wunderbares Essen: Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise, allesamt zubereitet und dargeboten von dem Besitzer des Konzeptrestaurants Themroc in Mitte. Köstlich! Ich gebe ja hier sonst keine Restaurantempfehlungen, aber soviel sei gesagt, ich werde sicher demnächst dorthin gehen!

Irgendwann kam die Frage auf: Sollten Verlage heute überhaupt noch ein Profil anstreben, ein eigenes Verlagsprofil, oder kommt es eher darauf an, so vielseitig und flexibel wie möglich zu sein?Der Tenor war Ja, man sollte ein Profil anstreben. Ich stimme dem zu! Es gibt so viele offene Fragen und so viele Dinge, die einen politisch beunruhigen und jedes Mal, wenn ich ein Secession Buch oder nur den Katalog in die Hand nehme, möchte ich Luftküsse verteilen, weil da Leute sind, die an die Macht des Wortes glauben. Es erfüllt mich mit Erleichterung und Freude, dass zwischen dem ganzen moderaten Wischiwaschi und dem diplomatischen Blablabla ein Verlag ein poetisches Positionieren meisterhaft vollbringt. Der Glaube daran, dass das Wort umso mächtiger sein kann, je schöner es ist, er scheint diesen Verlag zu tragen. Das ist für mich sein Profil. Egal, ob es sich um Gedichtbände handelt, Romane, oder wie zuletzt, dem Buch mit den letzten Interviews, die Primo Levi vor seinem Tode gegeben hat, Ich, der ich zu Euch spreche. Ein Buch, das erst ganz wird durch das herausragende Nachwort von Maike Albath (die übrigens auch anwesend war!) 
Da sitzt man plötzlich, an einem unerwarteten Montagabend mit Menschen in der Potsdamer Straße und versteht, dass sie die Welt verbessern wollen, und es auch tun, weil ihr Glaube an das Gute, an die Möglichkeit von Wundern, so groß ist, dass diese tatsächlich eintreten können, weil dieser Glaube Räume öffnet. 

Zum Abschluss las der Hausautor Steven Uhly aus einem noch unveröffentlichten Manuskript über das 19. Jahrhundert in Spanien. Ich bewunderte seinen Mut, uns, wildfremden Menschen, einfach so einen Text vorzulesen, der noch gar nicht fertig war. Sich von uns sogar Ratschläge einzuholen. Das Echo war einhellig: Schreib das Buch unbedingt zuende.
Es war toll, auf diese Art einen kleinen Einblick zu bekommen, nicht nur in die Arbeit eines Verlags, sondern auch in die Art, wie ein Schriftsteller seine Texte schreibt, recherchiert, wählt. 
Wie er Schriftsteller wurde: "Da habe ich einfach mal in meinem Computer nachgeschaut, ob ich nicht doch vom Schreiben leben kann." 
Und was fand er im Computer? Er kann!


Ja, an manchen Tagen hat man einfach Glück.

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 17. Mai 2017

Radtour in der Uckermark

Sie waren einfach drauflos geradelt, durch die Felder, und anstatt links zum See und zur Badestelle abzubiegen, waren sie geradeaus gefahren, in den Wald, dort dann irgendwann links, Richtung Fahrenwalde, wo der Wald immer dunkler und dichter wurde und sie an den Wald an der Ostsee, Preerow, Richtung Weststrand, erinnert hatte. Auch an Märchen hatte sie gedacht.
Irgendwann kam ihnen ein in Militaryfarben gesprühter VW-Bus mit Berliner Kennzeichen entgegen, mitten im Wald, am Steuer saß ein vollbärtiger Typ, der sie dunkel taxierte. Neben ihm saß ein schmächtiger Typ mit dunklen Haaren und roter Basecap, der ebenfalls duster durch die Windschutzscheibe glotzte. Sie fuhren an ihnen vorbei. Sie musste unwillkürlich an die Coen Brothers denken, Fargo oder so. Links lag eine wunderschöne Lichtung. Da hielten sie an und waren gerade dabei, ihre Fahrräder an einen Baum zu lehnen, um sich die Lichtung genauer anzuschauen, da kam das Motorengeräusch wieder durch die Kathedrale der alten, riesigen Bäume auf sie zugehallt. Der VW-Bus kam zurück. Die Männer hatten gewendet. Sie blieben stehen und starrten sie an. Sie starrte zurück. Ihr wurde ein wenig mulmig. Sie musste an Steven King denken und daran, dass niemand sie je finden würde, wenn die beiden sie jetzt abknallten oder verschleppten. Es gab so viele Irre, die irgendwo einen Keller oder eine leer stehende Scheune hatten. Wusste sie denn, wie viele Menschen verschwunden waren und irgendwo als persönliche Gefangene von total Irren gehalten wurden? Nicht jeder saß hinterher in TalkShows, um seine Geschichte aufzuarbeiten. Ja natürlich war sie auch ein wenig neurotisch. Sonst wären ihr solche Gedanken natürlich gar nicht gekommen. Sie hatte schon immer eine sehr reiche Fantasie gehabt, wenn es um Mord- und Totschlag ging. Vermutlich, weil sie als Kind immer heimlich Aktenzeichen XY geschaut hatte, durch die nur angelehnte Wohnzimmertür der Großeltern. Freitagabend. Manche Rituale verbissen sich geradezu in einem. Der Typ starrte sie immer noch an und sie starrte zurück. Da sagte er: „Ihr könnt ruhig weiter fahren!“ Sie: „Ja, klar. Ihr aber auch.“ Er lachte unfreundlich und ziemlich genervt, und antwortete: „Nein, wir wollen hier unser Holz abholen.“ Sie „Ja, dann macht das doch.“ Jetzt war sie langsam sauer auf diese Typen, die sich aufspielten wie Mörder, in Wirklichkeit aber vermutlich heimlich Holz stehlen wollten und dabei keine Zeugen gebrauchen konnten. 
Sie gingen dann trotzdem und schauten sich die Lichtung an, in aller Ruhe. Was so eine richtige Waldlichtung ist, da kann man schon eine Weile schauen. In ihrem Rücken fuhren die beiden Typen den VW-Bus im Military Look rückwärts in den Wald und packten eine riesige elektrische Säge aus. So wirklich entspannen konnte sie sich beim Blick auf die Lichtung nicht.

Sie radelten weiter zur Heidemühle, die eigentlich ein kleiner Biergarten war, wo es zwar keine gute Bewirtung gab, aber an dem schönen Ort würde es auch ein schlechter Kaffee tun und für das Kind ne Limo. Leider war wegen Krankheit geschlossen. Weit und breit kein Mensch. Nur kleine Kätzchen, wie auch schon beim letzten Mal vor zwei Jahren und wieder spielte Lilly begeistert mit ihnen. Der Mann und sie setzten sich auf eine Bank am kleinen See. Da kam wieder eine Art Bus, mit Ladefläche, und aus stieg ein Typ mit Jagdhund, der auch im Militarystil
(c) Martin von Elm
(c) Martin von Elm
gekleidet war. Die ganze Gegend voll mit Typen, die aussahen wie Trumpwähler, nur dass das hier Mecklenburg war und nicht Wisconsin. Seine Augen lachten blau und fröhlich, der Hund war wunderschön und sprang sogleich ins Wasser. Der Mann stellte sich ans Ufer. Sie wechselten ein paar Bemerkungen über den Hund aus. Da sah sie, dass seine Hände vollkommen blutverschmiert waren, seine Unterarme auch. Sie dachte an seinen Keller, seine Scheune, und da wusch er sich die Unterarme im See. Es blieben aber Blutspuren zurück. Das störte keinen großen Geist. Auf der Ladefläche seines Wagens, abgedeckt mit einer Plane, lagen Tiere, tot. Das kapierte sie aber erst später. Zunächst starrte sie das Blut an und versuchte, die vom Typen ausgehenden Vibes zu interpretieren. Massenmörder? Jäger? Irrer? Der krank geschriebene Wirt kam irgendwann vor die Tür, holte zwei ausgeleierte Gartenstühle hervor, solche, auf denen schon ihr Vater vor vierzig Jahren in ihrem Garten gesessen und Bier getrunken hatte an einem solchen Sonntagmorgen, zwei Bierflaschen, eine für sich, eine für den Jäger, als Dank zeigte ihm der Jäger das Haupt eines Rehs. Er holte es von unter der Plane hervor und hielt es stolz in die Höhe. Sie unterhielten sich über Kitze und Rehmütter und welche sie noch schießen wollten. Alles kam ihr plötzlich ganz normal vor. Der Hund des Jägers sprang ins Wasser und suchte nach den Stöcken, die Lilly für ihn hineinwarf. Er bellte sie wütend an, wenn sie nicht schnell genug war. Als würden sie sich ewig kennen. Endlos. Endlos können solche Hunde ein solches Spiel spielen. Endlos können solche Tage dauern, in der Uckermark, während die Libellen sich gegenseitig über den See jagen und die Vögel so laut singen, dass man seine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann.

(c) Susanne Becker

Dienstag, 2. Mai 2017

Meine Lieblingsbuchhändlerinnen stellen ihre Lieblingsbücher vor (21)

Die Kreuzberger Buchhändlerinnen Katja Weber und Jessica Ebert stellen in loser Folge hier Bücher vor, die Ihnen gerade gut gefallen oder einfach aufgefallen sind. Sie lesen ständig und wenn der seltene Fall eintritt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich als nächstes lesen oder aber einer Freundin schenken soll, habe ich bei den beiden noch immer Hilfe gefunden. 
Sie haben übrigens auch immer eine genial verführerische Auswahl an englischen Büchern, sowie das tollste Geschenkpapier und anderen Schnickschnack, den man dringend braucht.


Alle hier genannten Bücher könnt Ihr natürlich in ihrem wunderbaren Buchladen ebertundweber in Kreuzberg kaufen. 

Hatte ich erwähnt, dass es mein Lieblingsbuchladen ist, und dass sie jetzt auch bei Facebook sind? 



liebe susanne-
schnell schreib ich was- sonst geht es wieder unter...
rachel cusk, transit, Suhrkamp Verlag, 20€

2.teil ein trilogie :weibliche odyssee im 20.jahrhundert
letztes jahr habe ich diese autorin entdeckt mit ihren buch "outline". schon von diesem buch war ich total begeistert und hab mich riesig gefreut, dass es ein neues von ihr gibt!
beide bücher haben die gleiche schreibmelodie- sehr gradlinig, unaufgeregt und fast schon trocken.
die erzählerin ist in beiden büchern in der schreibbranche zu hause und begegnet kreuz und quer menschen, mit denen sie sich einlässt und im endeffekt immer nur deren geschichten erzählt. die protagonistin selber bleibt deutlisch im hintergrund und ihre geschichte (n) erfährt man nur am rande. obwohl die begegnungen nicht unbedingt miteinander im zusammenhang stehen, fliessen die geschichten ineinander über und als leserin begleitet man alle personen mit größter aufmerksamkeit und interesse, erfährt leben und gedanken in breiter vielfalt.
eine entdeckung!
im englischsprachigen raum ist sie lange schon eine preisgekrönte autorin...


liebe grüße katja

bis 18.30 uhr bestellt am nächsten morgen da!

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www.ebertundweber.de

Mittwoch, 26. April 2017

Jenny Erpenbeck - Gehen Ging Gegangen

"Oft war es so, dass er am Beginn eines Projektes nicht wusste, was ihn vorantrieb, so als hätten seine Gedanken ein von ihm unabhängiges Leben und ihren eigenen Willen und warteten nur darauf, von ihm endlich gedacht zu werden, als existiere eine Untersuchung, die er erst anstellen würde, bereits, bevor er sie machte, und als sei auch der Weg quer durch das, was er wusste, sah, was ihm begegnete oder zustieß, in Wahrheit immer schon da, um von ihm, war er nur endlich so weit, begangen zu werden. ... Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind."

Der emeritierte Professor der Humboldt Universität, Richard, Fachgebiet Alte Sprachen, aber auch Philosophie, lebt allein in einem Haus an einem See, irgendwo im früheren Ostteil der Stadt Berlin. Ich stelle mir vor, Richtung Müggelsee. Sein Leben lang hat er sich mit philosophischen Fragen beschäftigt und in seinem Kopf über Sinn und Zweck der menschlichen Existenz nachgegrübelt, durchaus in einem auf Intellekt gegründeten Sicherheitsabstand von dieser. Dass dabei auch seine eigenen menschlichen Beziehungen vielleicht eher distanziert blieben, wird immer dann klar, wenn er von seiner vor fünf Jahren verstorbenen Ehefrau und seiner Geliebten berichtet.
In dem See, auf den er von seinem Haus blickt, war im Sommer jemand ertrunken, deshalb ist das ganze Jahr niemand darin schwimmen gegangen. Der See bleibt still und ungenutzt, ein beunruhigender Anblick.
Der Tote im See ist vielleicht einer der Gründe dafür, dass Richard so besonders die Endlichkeit seiner Existenz und deren Leere, nach der Pensionierung, bewusst wird. All die Zeit, mit der er nicht mehr wirklich etwas anzufangen weiß. Also ein Projekt muss her. Ja, und vielleicht ist es wahr, dass die Dinge, die wir entdecken sollen, die Rätsel, die wir im Leben zu lösen haben, immer schon gelöst da sind, auf uns wartend, damit auch wir die Lösung begreifen können.

Richard wurde pensioniert etwa zum gleichen Zeitpunkt, als die Flüchtlinge sich auf den Weg machten gen Berlin, um dort sichtbar zu werden, um dann ein Zeltlager am Oranienplatz aufzuschlagen, in der Hoffnung, damit den Staat Deutschland dazu zu bringen, ihre Situation wahrzunehmen und möglicherweise zum Besseren zu wenden. All das interessiert Richard nur peripher. Er ist ein stiller Mensch, der in seinen Gedanken lebt, auch in seinen Erinnerungen und seit der Pensionierung, allein, auch ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Irgendwann nimmt er die Flüchtlinge aber wahr, in den Nachrichten, und etwas an ihnen zieht ihn stark genug an, so dass er sich eines Tages aufmacht zum Oranienplatz. Das hat mit Zeit zu tun. Er setzt sich zwei Stunden auf eine Bank und beobachtet das Treiben im Camp. Währenddessen kann der Leser beobachten, wie in Richards Denken Verbindungen geknüpft werden, Synapsen miteinander reagieren und er am Ende irgendwann zu dem Schluss kommt, dass er ein neues Projekt hat, ein Forschungsprojekt zum Thema Vergänglichkeit und Zeit, und dass die Flüchtlinge am Oranienplatz genau die Richtigen sind, um Fragen zu beantworten, die diese Thematik erhellen können, die damit vielleicht auch noch einmal neu den Sinn des Lebens deutlich machen, oder nicht. Denn sie sind aus der Zeit hinaus gefallen und gleichzeitig in ihr eingesperrt. Ihr Leben ist on hold. Eine Situation, die ihm nicht unvertraut ist. Hat er doch in der DDR gelebt und erfahren, dass ein Staat sich innerhalb weniger Wochen komplett auflösen kann. Dass alles das, worauf wir gerade noch unsere Identität gründen, sich in Nichts auflösen kann. Wenn einem das im eigenen Leben nicht widerfährt, ist das ein Glück, kein angeborenes Recht.
Zwei Wochen liest er und stellt einen Fragenkatalog zusammen. Als er dann am Oranienplatz ankommt, um seine Fragen an den Mann zu bringen, ist das Camp gerade aufgelöst worden, die verschiedenen Menschen wurden auf verschiedene Orte in der Stadt, am Stadtrand verteilt, die Gemeinschaft dabei aufgelöst.
Richard findet eine Gruppe von ihnen wieder, in einem leerstehenden Altersheim gar nicht weit von seinem Haus und dem See entfernt. Er geht hin und beginnt seine Interviews. Peu à peu erfährt er immer mehr Lebensgeschichten, Umstände, Gründe, warum sich junge, afrikanische Männer auf den verzweifelten Weg nach Europa machen.

Richard ist ganz und gar kein politischer Mensch. Er nähert sich den Flüchtlingen nicht, weil er ihre Situation verändern möchte. Naiv geht er auf sie zu, weil er ein Projekt hat, von dem er glaubt, dass sie ihm bei der Erforschung helfen können. Dass diese Forschungsarbeit letztendlich dazu führt, dass auch sein Leben sich vollkommen verändert, ist vielleicht nicht ganz überraschend für den Leser und beweist den Satz, den Richard irgendwann denkt: "Es ist wichtig, dass er die richtigen Fragen stellt. Und die richtigen Fragen sind nicht unbedingt die Fragen, die man ausspricht."

Was mir an dem Buch gefallen hat, sind diese Dinge: dass es im Grunde eine Art Poetologie mitliefert. Es ist ein Buch über die Zeit und die Vergänglichkeit, vor allem die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Man kann während der Lektüre Richards Gedanken- und Entwicklungsgang fast 1 : 1 mitverfolgen und damit die Entstehung dieses Buches. Denn letztlich hat es in seinem Zentrum Richards Projekt, das ihm nicht die Fragen unbedingt beantwortet, die er laut stellt, sondern viele, die er nicht stellt. Am Ende hat er im Grunde ein neues Leben. Am Ende hat er Beziehungen in einer Intensität, die für ihn neu ist. Am Ende hat er auch gelernt, wer seine Freunde sind.

Wie kurz ist unsere Zeit nur und wie privilegiert sind jene, die sie selbstbestimmt hier gestalten önnen und dürfen. Wenige sind es, vergleichsweise, die dieses Privileg genießen. In dem Buch trifft man auf so viele, die vom Leben herum geworfen werden. Richard reflektiert all dies, der Wissenschaftler, der Denker, der Belesene. Er sieht in den jungen Afrikanern nicht die normalen Klischees, sondern Charaktere aus Sagen, aus der Literatur, der Geschichte, sie regen ihn dazu an, seine philosophischen Konzepte zu ergänzen und zu überdenken. Von Anfang an versteht er ihre Geschichten in einer menschlichen Allgemeingültigkeit, gerade weil er auf eine Art naiv an sie herantritt. Er hat keine vorgefasste Meinung, keinen politischen Standpunkt. Er ist einfach als neugieriger Mensch, getrieben vom Interesse an der Lösung seiner Forschungsfrage, auf sie als Menschen, von denen er annahm, sie könnten ihm helfen, zugegangen. Da ist soviel Verwunderung, offensichtliches Überraschtsein über die Lebenssituation der Männer, aber auch über den Umgang der deutschen Bürokratie mit Mord und Totschlag. Man kann ja alles verwalten. Man kann, bürokratisch genug, ein ganzes Leben in den Staub einer Aktenlandschaft hinein verwalten. Da bleibt keine Lebendigkeit mehr übrig.
Diese Unschuld, könnte man beinahe sagen, erhält er sich die ganze Zeit. Auch als er so viele der Geschichten der Männer kennt, ihnen Schritt für Schritt näher kommt, spulen in seinem Kopf niemals Vorurteile ab. Seine Reaktionen sind immer genuin und souverän. Wenn einer der Männer aufs Amt geht, begleitet er ihn. Er regt sich auf, wenn dort etwas ungerechtes geschieht. Er hilft, wenn er kann. Er drängt sich nicht auf. Wenn einer der Afrikaner ihn einen Unterstützer nennt, scheint das Richard beinahe zu irritieren, denn er sieht sich selbst nicht als Unterstützer. Weshalb sein Umgang mit den Männern respektvoll und auf Augenhöhe geschehen kann. Er sieht sie nicht als Opfer. Ihm ist bewusst, wie leicht er selbst in einer derart machtlosen Lebenssituation hätte landen können. Dass es niemandes Verdienst ist, wenn er die Mittel hat, sein Leben im Griff zu haben.

Man kann die Situation anderer Menschen ja niemals beurteilen. Gestern sah ich mit einer Freundin den Film I Am Not Your Negroe, über James Baldwin und sein nicht vollendetes Buchprojekt über den Mord an seinen Freunden Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Es ist ein Film über den Rassismus in den USA. Ich sah ihn aber als Film über Rassismus im allgemeinen. Die Weigerung, sich mit dem Leben jener auseinanderzusetzen, denen es durch unsere Privilegien schlecht geht. Denn wenn wir uns damit auseinandersetzten, müssten wir unsere Privilegien fahren lassen. Alles ist mit allem verbunden. Die, denen wir es schlecht ergehen lassen, formen unser Land mit. Gerade wird Europa weniger von den Europäern, als von jenen geformt, denen wir den Tod an Europas Grenzen verordnen. So wie Amerika geformt wurde und wird von den Schwarzen, die es diskriminiert.
Man kann die Situation anderer Menschen niemals beurteilen. Ich habe keine Ahnung, was es heißt, auf einem Schlauchboot von Afrika nach Italien zu fahren, oder ein fünfzehnjähriges Mädchen zu sein, das von ihren Nachbarn und Mitschülern angespuckt wird, weil sie keine nach Hautfarbe getrennte Schule, sondern eine für alle Kinder besuchen möchte. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Familie vor den eigenen Augen massakriert wird. Aber viele von denen, die in Deutschland stranden, wissen sehr genau, wie sich das anfühlt.
Jenny Erpenbeck gibt Menschen eine Stimme und eine Geschichte, die hier oft nur bürokratische Manövriermasse sind. Richard beobachtet und kommentiert das Ganze, trocken und präzise. Wenn mich dieses Buch eines gelehrt hat, nein, es hat mich vieles gelehrt, aber eines ragt heraus: Erlaube Dir kein Urteil über jemand anderen. Du hast keine Ahnung! Konzentriere dich auf die wichtigen Fragen. Habe die Geduld, mit ihnen zu sein. Warte auf die Antworten.

Für mich ist Gehen Ging Gegangen ein perfektes Leseerlebnis gewesen. Denn Jenny Erpenbeck schafft es, aktuelle politische und gesellschaftliche Geschehnisse in eine spannende und nicht konstruierte, sehr intelligente Geschichte zu verpacken. Das stand 2015 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ich hätte mich gefreut, wenn sie ihn gewonnen hätte.
Natürlich ist dieser Richard wie so eine ideale Gestalt, aber auch das hat mir am Buch gefallen: dass es ein wenig träumt. Abgesehen davon kenne ich so viele Menschen, die seit dem Beginn der Flüchtlingskrise ihr Leben verändert haben, gar nicht so anders als Richard, dass ich die Geschichte nicht als unrealistisch empfinden kann.

(c) Susanne Becker

Montag, 10. April 2017

Juli Zeh - Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien

„Seit Tagen gelingt es mir nicht mehr, das Böse als Ausnahme von der Regel des Guten zu begreifen.“

Die Stille ist ein Geräusch ist ein Reisebericht über eine Reise durch Bosnien. Er ist geschrieben von einer Frau, Juli Zeh, die sehr gut schreiben kann, mutig ist und in dieses vom Krieg zerstörte und tief verwundete Land reist, ohne eine Meinung zu haben, ohne sich ein Wissen einzubilden, das ja nur aus zweiter Hand stammen würde. Sie fährt mit einem Hund und mit vielen offenen Fragen. Zum Beispiel: Wo wachsen die Melonen?
Es ist Sommer, das Jahr 2001, Juli Zeh will mit ihrem Hund nach Bosnien, und dafür informiert sie sich zunächst an einer Stelle, an der viele Reisen beginnen.  „Die Frau im Reisebüro….“Was wollen Sie dort? Da ist doch Krieg!“ Gewesen! Ich verzichte auf Richtigstellung….“
Sie sagt, dass sie dort recherchieren möchte und so gelingt ihr eine Buchung. Touristenführer gibt es für das Land nur noch aus den 80er Jahren, mit Bildern von Dingen, die vielleicht nicht mehr existieren.
„Ich will sehen, ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, an den man fahren kann, oder ob es zusammen mit der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist.“
Sie fährt nach Bosnien-Herzegowina und weiß im Grunde selbst nicht, warum. Vielleicht, weil uns in Deutschland, unserer Generation, der Krieg noch nie so nah gekommen ist wie seinerzeit in Jugoslawien. Da wurde er plötzlich zu etwas beinahe Realem, etwas, das jedem und überall geschehen kann. Sie fährt hin, um zu sehen, wie ein Land ausschaut, nach dem Krieg. Aber eigentlich fährt sie auch hin, und sie hat den Mut, diesen Krieg beinahe zu ignorieren, um das Land zu sehen. Sie behandelt das Land und seine Bewohner wie ein normales Land, also ein Land, in dem nicht gerade Nachbarn einander ermordet haben. Das ist ein Geschenk an dieses Land. Eigentlich ein Geschenk an das Leben ist es, was Juli Zeh mit diesem Buch leistet, mit dieser Reise: Unvoreingenommenheit. Wann begegnet man der schon, heutzutage? Jeder hat immer zu allem eine Meinung, und dank Facebook und Twitter et cetera, werden einem diese Meinungen ständig um die Ohren gehauen. Man selbst haut kräftig mit. Dass sie es dennoch schafft, immer einfach nur Fragen zu stellen, sich offen zu halten, ist eine große Leistung. Auch deshalb ist Die Stille ist ein Geräusch, das ich in den letzten Wochen zum zweiten Mal gelesen habe, immer eines meiner Lieblingsbücher dieser Autorin gewesen. Weil die Haltung, so ein bisschen naiv, offen, eine ist, mit der ich eigentlich auch durchs Leben möchte, und zwar bis zum Schluss. Wo wachsen die Melonen?
Auf ihrer Reise durch Bosnien trifft Juli Zeh auf viel Fachleute, die alle eine Meinung haben, vor allem zum Grund des Krieges, oder auch, wie es weitergehen sollte in diesem Land. Das kennt man irgendwie aus allen Weltgegenden, in denen so dramatisch etwas schief geht, dass dort die „Spezialisten“ aller Couleur einrücken und dem Rest der Welt diese Gegend erklären, objektiv natürlich, ist ja klar!
Frage: Warum war Krieg und gegen wen?
Immer wieder trifft Juli Zeh auf eine Journalistin, die sich im Grunde immer noch als Kriegsberichterstatterin sieht, die von sich selbst beeindruckt ist, weil sie es aushält in einem solchen Land.
„Dieses Land ist ein Pulverfass! Es klingt wie etwas, auf das sie persönlich stolz ist. Ich sage ihr, dass ich nicht das Gefühl habe, ein Pulverfass zu bereisen.
„For God’s sake, my dear!“
Ich komme mir naiv vor,…“.

Die Zeh ist vielleicht auch naiv. Frage: Warum gibt es keinen McDonalds?
Manchmal scheint sie fast ahnungslos hinter SFOR oder UN-Leuten herzustolpern, durch vermintes Gelände oder in denkwürdigen Orten, deren Namen alle kennen, aufgrund der dort produzierten Leichenmengen, der absoluten Grausamkeit, die dort im letzten Jahrhundert ein paar weitere Eckpfeiler sammeln durfte: Srbrenica, Sarajevo, Tuzla. Aber gerade diese Naivität ist es, die ihr Einblicke und Erlebnisse gewährt, die niemand haben würde, der schon eine vorgefasste Meinung hat. Sie begegnet ständig Menschen, auf Augenhöhe, nicht als Besserwisserin. Es ist nicht so, dass sie den Krieg ignoriert. Das geht ja auch gar nicht. Denn an jeder Ecke begegnet ihr die Zerstörung, in Form von niedergebrannten Dörfern, beschossenen Gebäuden, der Sniper Alley in Sarajevo oder den Menschen, die ausnahmslos traumatisiert sind. Aber sie nimmt das alles, genau wie die Menschen, ganz offen auf und lässt es zu, dass dadurch auch etwas mit ihr geschieht. Schlaflosigkeit, zum Beispiel: „Jetzt ist es amtlich, ich kann nicht schlafen. Manchmal hilft Ehrlichkeit: Es liegt nicht an der Klimaumstellung. Bei Tag, in der Stadt, gibt es ihn nicht, diesen Krieg, auch wenn er an jeder Ecke, in jedem zweiten Satz der Menschen seine Markierungen hinterlassen hat. .. Er kommt bei Nacht, wenn ich in einem kleinen, zu gut ausgestatteten Zimmer liege, zwischen den Teppichen, Spiegeln und bereitgestellten Pantoffeln, wo es still ist bis auf das Rauschen der Klimaanlage, abgeschnittene Geschlechtsteile, Massenerschiessungen und die Minuten davor, über brennende Häuser und den Geruch in den Lagern.“
Sie ignoriert den Krieg nicht. Sie lässt ihn hautnah an sich heran und präsentiert uns in diesem kleinen Buch die Verwirrung, die es bei den Menschen auslöst, wenn sie der Grausamkeit der eigenen Spezies so ungeschminkt begegnen. Da hat sich alle Lamoryanz erledigt.
Es gibt kein klares Gut und Böse. Aber es gibt, auch nach dem Krieg, die ständige Bedrohung durch vergrabene Mienen, ganze Landschaften sind abgesperrt, manchmal nicht so eindeutig, dass man nicht doch versehentlich hinein geraten könnte mit dem Hund und schweißgebadet hofft, wieder herauszukommen, heil. „Falls ich mal ein Buch schreibe, soll ich erwähnen, dass es acht Unfälle pro Monat gibt und das Land frühestens in hundert Jahren minenfrei sein wird,…. Ich soll sagen, dass es Bosnien schlimmer erwischt hat, als Kambodscha, ….“
Frage: Wie heißt die Farbe der Neretva?
Dies ist wirklich ein ganz wunderbares Buch, über den Krieg, und was er anrichtet. Es ist auch ein Buch über ein Land, seine unglaubliche Schönheit, die ein Krieg vielleicht überschatten, aber niemals vernichten kann. Es ist eine Liebeserklärung, verzweifelt.

„Ich fühle mich, als wäre das Land durch mich gereist und kehrte nach Hause zurück, während ich übrigbleibe, mit hängenden Armen. Bereist.
Keine meiner Fragen habe ich beantwortet.“

Es gibt einen Brief von Rainer Maria Rilke an Franz Xaver Kappus, vom 16. Juli 1903, darin heißt es unter anderem: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Ich danke dem btb Verlag herzlich dafür, dass sie mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 5. April 2017

Buch der Woche - Von Beruf Schriftsteller von Haruki Murakami

Von Beruf SchriftstellerHeute im Garten Haruki Murakami gelesen, Von Beruf Schriftsteller.

In dem Buch traf mich eine Erkenntnis, die mich aufrüttelte in Bezug auf die Frage, was bei meinem eigenen Schreiben immer noch ein großer Schwachpunkt ist. Wir können das Ganze auch gleich flächendeckend anwenden: was in meinem eigenen Leben ein Schwachpunkt ist. Leben und Schreiben sind ja eins. Auch das fand ich in diesem wunderbaren Buch vom Schreiben Seite um Seite bestätigt. Schreibender sein ist wie Mensch sein, atmen, es ist kein Beruf, den man jemals ablegt, sondern eher eine ganz eigene Weise der Existenz.
Zurück zur Schwachstelle: Es ist meine allzu schnelle, oft mit Überheblichkeit gepaarte Eigenschaft, auch Bereitschaft, beständig Schlüsse zu ziehen.

„Es gibt Charaktere, die ihre Mitmenschen und das, was um sie herum geschieht, rasch und entschieden analysieren und so in kürzester Zeit zu eindeutigen Schlussfolgerungen … gelangen. Allerdings haben solche Menschen keine besondere Veranlagung zur Schriftstellerei…“

Er empfahl diesen Menschen, Journalisten oder Kritiker zu werden. Das würde ihrem Naturell vermutlich eher entsprechen. 
Ich las diese Stelle und es fielen mir die Schuppen, die Jalousien von den Augen. Ich stülpe in einer schon fast gewaltsamen Geste, jedem Menschen, jedem Geschehnis meine Deutung, Analyse, Interpretation über. Ich gehe davon aus, dass ich recht habe. Anstatt einfach, und da liegt die Betonung tatsächlich, auch sprachlich ist sie so zu verstehen und das bestätigt jedes einzelne Buch von Murakami, die Betonung liegt auf einfach, sowohl im Reden mit anderen als auch im Schreiben den Leuten die Welt nicht zu erklären, sondern zu erzählen. In einfachen Sätzen einfache Tatsachen schildern. Das geschieht, dann dies, er hat dabei rote Haare und trägt eine zerlöcherte Jeans – Schreiben und Reden, ohne zu interpretieren, das ist eine wirkliche spirituelle Praxis. Sich dies vorzunehmen, dies zu üben, verändert auf der Stelle alles. Während ich noch auf meiner Liege lag und in die nicht mehr lange kahlen Kirschbäume träumte, fiel ein derartiger Ballast von mir ab. Weil klar wurde, wie anstrengend es ist, immer alles zu deuten, und dass ich mit dieser von Murakami inspirierten Einstellung viel leichter würde leben können. Ich lächelte eine Hummel an, die laut surrend um meinen Liegestuhl kreiste. Dickes, pelziges Insekt. Summt sehr laut. Umkreist mich. Hallo Freundin!
Eine zu schnell getroffene Schlussfolgerung stellt sich oft als falsch heraus und dann ist man in Verlegenheit.
„Erfahrungsgemäß sind … die Fälle, in denen eine Entscheidung dringend notwendig ist, sehr viel seltener als wir annehmen.“
Man kann also ganz in Ruhe und ohne das System mit vorschnellen Deutungen zu verstopfen, Fakten sammeln, Beispiele, Begegnungen, Gerüche, das Verhalten anderer Menschen und sich nichts dabei denken. Einfach nur sammeln! Die Erklärung, die Deutung, die Entscheidung kommen ja, und das ist mir durch meine Meditationspraxis im Grunde auch längst klar, nur dass ich es immer wieder für lange Zeiträume vergesse. Man kann vollkommen darauf vertrauen, dass die richtige Entscheidung, das richtige Urteil, die gültige Erklärung immer kommen, irgendwann, und eigentlich eben nicht irgendwann, sondern zum für diese Entscheidung genau richtigen Zeitpunkt. Wie aus dem Nichts, also der Stelle in einem selbst, die so wunderbar rauscht, wie das Meer, diese riesige Landschaft des Menschseins in einem, aus der heraus steigt die Erklärung. Nein, eigentlich ploppt sie. Sie steigt auf aus dieser Landschaft und bei mir tut sie das oft mit einem lauten Plopp!

„Dazu kann ich im Moment nichts sagen.“ Wie oft sagt man das? Wie oft lässt man sich die Zeit, erst dann etwas zu sagen, wenn man etwas sagen kann?
"Dazu kann ich im Moment nichts sagen" - aber als Yogaübung für den Geist. Anhalten, in der Position verbleiben, atmen, kein Urteil fällen und in die Regionen hinein atmen, die sich als verkrampfte outen.

„Jedenfalls sollte jemand, der Schriftsteller werden will, seinen Stoff nach Möglichkeit so aufnehmen und sammeln, wie er ist, statt überstürzt Schlüsse zu ziehen. Das gespeicherte Rohmaterial lässt er in seinem Inneren arbeiten.“
Dieser Murakami-Tipp gilt ja nicht nur für das Schreiben. Er ist hilfreich für die gesamte Lebensausführung. Er nennt das „minimale Datenverarbeitung“.
Das ist der Unterschied zu meiner eigenen Lebensausführung: Ich betreibe maximale Datenverarbeitung. Als Beispiel: Ich sehe ein Ohr und wie jemand sich daran kratzt, und schon bin ich stundenlang oder länger, ja, oft länger, damit befasst, die das Ohr tragende und kratzende Person bis in ihre winzigsten Nischen hinein zu kategorisieren, zu analysieren, zu beurteilen. Ich spiele mich auf, als wüsste ich von alles von dieser Person. Ich kann durch die Haut hindurch in ihr Innerstes blicken. Wenn ich lange genug nachdenke, kann ich mir sogar ihre Vergangenheit und ihre Zukunft vorstellen und halte diese Vorstellungen durchaus für bare Münze. Nicht selten richtet sich mein gesamtes Tun an diesen Vorstellungen aus, die nichts als Fantasie sind. 
Minimale Datenverarbeitung würde mir unglaublich viel Zeit lassen, die Welt zu beobachten. All die Stunden, die ich mit der Geschichte der ihr Ohr kratzenden Person verbracht hätte, wären plötzlich frei. Zu meiner freien Verfügung.
Diese Herangehensweise hat etwas sehr buddhistisches. Denn auch im Buddhismus ist ein großes Prinzip des Handelns, dass man sich nicht, indem man sie glaubt und ernst nimmt, in seinen eigenen Gedanken und Gefühlen verstricken sollte. Oder in denen der anderen um einen herum. In deren Geschichten. All diese Verstrickungen sind maximale Datenverarbeitung. Das Ziel ist aber minimale Datenverarbeitung. Ein Vertrauen in den Prozess. Ich sammele die Daten, speichere sie in meinem Inneren und ihre Bedeutung wird sich mir erschließen. Im Grunde muss ich nichts tun. Ich bin frei.

Darüber hinaus ist Murakamis Buch eine wunderbare Schilderung seines Lebens, seines Schreibens, seiner Erkenntnisse über die Menschheit und darüber, wie er mit seinem Körper umgeht, der ja ein wesentliches Vehikel für den Menschen ist, der jeden Morgen um fünf am Schreibtisch sitzen und schreiben möchte. Es liest sich wie ein Protokoll der Wahrheiten, die sich ihm aus seiner Datensammlung fast wie von selbst eröffnet haben. Unaufgeregt, schnörkellos und elegant.

Vor der Lektüre war ich kein Murakami Fan, ich gebe es zu. Während der Lektüre verliebe ich mich gerade in ihn. Wie schön, dass ich auf meinem Regal, meinem gigantischen SuB, noch zwei ungelesene Murakami-Bücher habe: Die Doppelausgabe seiner beiden ersten Romane Wenn der Wind singt und Pinball 1973, über deren Entstehungsgeschichte sehr viel in Von Beruf Schriftsteller zu finden ist, sowie Mister Aufziehvogel.

"Fast allen Autoren, die einen Roman beendet haben, steigt das Blut in den Kopf, ihre Hirnmasse überhitzt, und sie verlieren den Verstand. Warum das so ist? Zum großen Teil liegt es sicher daran, dass von vorneherein ausgeglichene Menschen sowieso keine Romane schreiben."

(c) Susanne Becker

Dienstag, 4. April 2017

Osterkoans 1996

Gerade lese ich meine alten Tagebücher, Stück für Stück, was zum größten Teil eine extrem gute Übung in Demut ist. Danach vernichte ich sie. Stück für Stück, was vor allen Dingen eine extrem gute Übung im Ballast abwerfen ist. Wenn man bedenkt, dass ich Tagebuch schreibe, seitdem ich 12 Jahre alt bin und mittlerweile in Band Nr. 176 schreibe, kann man sich die Menge an Kisten vorstellen, mit denen ich diese Journale durch mein Leben schleife, oder auch einfach unsere Wohnung voll stopfe.
Bislang habe ich die gelesenen und nach noch Verwertbarem durchforsteten Bände (+ hallo, war die Menge an Verwertbarem beschämend gering!!) ins Altpapier gegeben, nur in New Mexico habe ich sie verbrannt. Dieses Jahr möchte ich die Bücher, die ich gelesen habe, aber alle verbrennen, im Garten. Das scheint mir symbolisch. Feuer  machen. Meine Vergangenheit dem Feuer übergeben, um Platz für die Zukunft und etwas Neues zu machen.
Es gibt allerdings Momente des Lesens, in denen könnte ich auch leicht größenwahnsinnig werden, weil ich über Zeilen stolpere, von denen ich mich nicht erinnern kann, sie je nieder geschrieben oder auch nur gedacht zu haben. Vielleicht habe ich sie einem Zen Lehrer gestohlen und die Quelle einfach verschwiegen. Oder ich war für einen kurzen Augenblick sehr sehr klug, selber möglicherweie gar eine Zen Lehrerin damals, im September 2001, als ich folgenden Eintrag tätigte:

Osterkoans 1996
(Gefunden in einem Tagebuch von 2001)

1. Wie viele Listen werden Dich gen Himmel heben?

2. Hast Du die Anzahl der Meinungen kalkuliert, die Du brauchen wirst, um eine Kathedrale zu bauen?

3. Wenn Du nie mehr einen weiteren Gedanken in Deinen Kopf gießen würdest, wie viele Bibliothekare würden gebraucht, um Dich zu ordnen und all das, was in den Ecken gestapelt ist?

4. Was kannst Du zwischen den Birnen essen, durch Deine Haut hindurch trinken – ohne Verlust?

5. Wenn sie den großen Flohmarkt abhalten, wie viel werden sie für Deinen Groll bekommen?

6. Wie viele Wege kennst Du, um Dich selbst, Schritt für Schritt, zu vergessen?

7. Schaust Du auf, am Eingang?


8. Kannst Du ein Kichern unterdrücken, einen Seufzer ausbügeln, einen Segen aufbrechen, wie eine widerspenstige Muschel?

(c) Susanne Becker





Donnerstag, 30. März 2017

Don DeLillo - Zero K

„Everybody wants to own the end of the world.“

Zero KIn Don DeLillos novel Zero K, we meet Ross Lockharts son, who is travelling to a far away place to meet his father and his fathers second wife Artis. The place is more then remote. It is in the former Soviet Union, maybe close to China, far away from any city, far enough not to be found. It is a place in the middle of basically nowhere, where, upon entering the compound, you get a wristband, so that those, securing the place, can always tell, where you are. Certain areas are not for you in this Utopia, which was built with the money and help of people, who want to own the end of the world, or maybe rather, who want to own their own end.

Ross is there, because his younger wife Artis‘ health is deteriorating. She and he decided, that she would die, be frozen, and reawakened at some point in the future. That is, what is happening there: people go there to die, some fatally ill, some just ready to go, and they get stored in icehouses to await their future, which is characterized by deeper and more knowledge in many scientific fields. So, it will be possible, to be reawakened, even, if our planet should be destroyed, by climate catastrophes or a nuclear war. The awaited future is characterized by the fact, that human life, the lifes of those, frozen in the desert, will never ever depend on this earth and its conditions anymore. They can live forever, in this institute, no matter, what the world around them looks like. They bought themselves a neverending future.
Preparation for a time,  when death will not be a necessity anymore. At least not for those, who can afford to live forever. So it makes sense, that there is also a monk to counsel the candidates, to give some spiritual depth to the whole matter, even though, he does not seem to agree with it.  
„What do you do here?“
„I talk to the dying.“
„You reassure them.“
„What do I reassure them of?“
„The continuation. The reawakening.“
„Do you believe that?“
„Don’t you“, I said.
„I don’t think I want to. I just talk about the end. Calmly, quietly.
…..What’s the point of living if we don’t die at the end of it?“

Ross left the sons mother Madeline many years ago. The marriage was not happy at all. The son never called Ross „dad“, and never had any real relationship with this workaholic, super rich father, who treated his mother with contempt. But he still is his only heir. They are not close. If there are feelings, they are not tangible, just a hint on the sons side, the insight,  that his fathers destiny, his choice (not just to leave his mother and him, but also to die and be reawakened) „A man of his resources choosing to be a frozen specimen in a capsule in a storage facility twenty years before his natural time.“ will forever shape, who he, his son, is. Something beyond words.

Ross is very rich. He is a global player. Afraid to loose Artis, love of his life. Maybe also afraid to live a small life. „I’m ending one version of my life to enter another and far more permanent  version.“ He decides to accompany Artis, even though, his health is good. Than he changes his mind again. He continues to live. But nothing makes sense for him anymore. He is already in the future, In the face of this father, not much makes sense for the son. And yet, in contrast to his father: he keeps struggling for the beauty of life, here and now, to find it, to see it, to feel it. The beauty, in the light of which the idea of an end of the world looses all meaning, because there is only the here and the now.

A difficult book. Death is a depressing consequence of life. This book confronts us with this deep down, really simple, fact: we all will eventually die. On top of it, many of us will not die peacefully, in old age, but probably in war, in climate catastrophes, in a terrorist attack, as refugees. Life is not beautiful. Or is life beautiful? After all? Can it be beautiful?
The project in the desert seems to be founded by a sort of sect. The members are learning a new language, which is supposed to be better than all languages so far, and it will be capable of communicating things beyond words, our words, today, that is. It will be a complex new language, for a complex and new humankind, not longer humbled by death, and all it involves.
The members believe in their right to live forever, in the future. They believe, that life today is not good enough. They also fear death. They fear pain. They try to controll, what is not controllable. They are willing to sacrifice their lives and their fortune for the hope, that one day, they will be reawakened, maybe to a destroyed planet, but in this spaceship in the desert, safe from everything, even nature. There is a garden, but its not real plants, it is like an engineered garden. Plastic trees. Plastic flowers.

„…Whats the point of living, if we don’t die at the end of it?“
This book is deeply spiritual. It asks all the big human questions. It leaves the reader, as any great book should, to find her own answers, deep inside herself, in that space, in which we all reside.


 The german translation of this book is called Null K and has been publised by Kiepenheuer&Witsch Verlag, Köln. 

(c) Susanne Becker

Sonntag, 26. März 2017

Mein Besuch auf der Leipziger Buchmesse

Ich bin naiv und unvorbereitet zur Leipziger Buchmesse gefahren. Im Grunde wusste ich nur, dass ich mich mal ein paar Stunden im Land der Bücher treiben lassen wollte. Dabei hatte ich nicht eingeplant, dass zeitgleich zur Buchmesse der Manga Convention stattfand und dass man ständig in den langen Haaren, Schwertern und Flügeln von irgendwelchen Impersonatern verloren gehen könnte. Abgesehen davon, dass man zwischen gefühlt 2 Millionen Menschen seine Tasche, die irgendwann 100 Kilogramm zu wiegen schien, durch die Hallen und Gänge schleppen würde. Dabei hatte ich nicht ein Buch gekauft oder sonstiges Material ergattert. Aber, immerhin!, genug Wasser dabei. 
Bevor ich nach Leipzig fuhr, stellte ich mir meinen Einsatz dort folgendermaßen vor: Ich würde die Stände aller mich interessierenden Verlage kurz abklappern, mir ansonsten einfach mal Leipzig anschauen. Der Zoo soll sehr toll sein und auch der Auenwald. Weil: Bücher habe ich ja auch in Berlin genug und im Grunde benötige ich momentan nichts weniger als Ideen, welche weiteren Bücher ich noch lesen sollte. Mein SuB ist unübersichtlich genug. Mitten in der Stadt ein Wald. Welche andere Stadt hat das schon? 
Im Zug las ich. Juli Zehs „Die Stille ist ein Geräusch“, in dem sie über ihre Reise nach Bosnien nicht lange nach dem Ende des Jugoslawienkriegs erzählt. Ich las darin, stehend, denn natürlich war der Zug nach Leipzig voll bis unters Dach und selbstverständlich hatte ich keinen Platz reserviert, folgenden Abschnitt: „Ich habe Angst und ich weiß nicht, wovor. Wenn die Scheißmenschheit sich selbst den Krieg erklärt, gibt es nichts, was zu sagen oder zu denken übrig bliebe. Hör auf zu suchen. Fahr nach Hause. Sie haben im Kleinen vorgeführt, was auch im Großen jederzeit möglich ist. Das will niemand wissen, und auch ich darf es nicht wissen wollen. Wie sollte ich mich sonst zwischen Menschen bewegen, die hier wie überall ihre Grausamkeit nicht ahnen lassen, so dass ein Ausbruch von Gewalt nicht nur bis zur Sekunde, in der er geschieht, sondern auch eine Sekunde nach seinem Erscheinen wieder völlig ausgeschlossen erscheint?“

Als ich die Stelle las, ahnte ich es nicht, aber es wurde ein bisschen das Motto meines Messeaufenthalts, wie ein roter Faden, an dem es mich von einer Lesung zur nächsten treiben ließ und mich immer wieder mit diesem Thema konfrontiert fand: Gewalt, Krieg, wie die Menschen miteinander umgehen, und dass diese Gefahr, diese Grausamkeit, so viel näher an die Oberfläche auch meines Lebens gerückt ist. Viel näher, als ich es je gedacht hätte. 
Meine erste Entdeckung diesbezüglich war der Autor AbbasKhider, der 1973 in Bagdad geboren wurde. Er las am Stand von arte aus seinem Buch „Ohrfeige“ und erzählte von den Erfahrungen der Flüchtlinge in unserem Land, die in der absurden Auseinandersetzung mit der Bürokratie oft genug ihre Seele bis zur Unkenntlichkeit verdrehen müssen. Selbst ein Flüchtling aus dem Irak, der nach so wenigen Jahren ein perfektes Deutsch spricht (er ist 2000 nach Deutschland gekommen), brachte er sehr direkt eine Welt an diesen Messestand, die man normalerweise nur aus zweiter oder dritter Hand kennt, bereits zur Unkenntlichkeit verbogen durch die Deutungen und Interpretationen, wohl- oder übelmeinend, das Schicksal von Flüchtlingen gefiltert durch die Wahrnehmungslinse der eigenen Lebenssituation. 
„Jedes Asylantenheim ist ein regelrechter Schreibworkshop“, denn man begegnet Geschichten, die glaubt einem kein Mensch. Alle sind Geschichtenerzähler, weil sie ihre Realität den bürokratischen Regeln der deutschen Gesellschaft irgendwie anpassen müssen, um sich eine Chance aufs (Über)Leben zu erkämpfen.
Es klang witzig, aber es ist natürlich alles andere als das.
Auf dem Weg durch die Hallen sieht man immer wieder Solidaritätsbekundungen für Deniz Yücel, der mittlerweile seit 39 Tagen in der Türkei inhaftiert ist. #freeDeniz Banner und Plakate an vielen Ständen. Auch auf einer Treppen im Glashaus die Worte #freethewords. Es kann einem so vorkommen, als wäre die Worte, die Freiheit, die im Dichten liegt, die Freiheit des Wortes, noch nie so bedroht gewesen wie in den letzten Monaten, und dass diese Bedrohung zunimmt, nicht nur in entlegenen Ecken der Welt, wo es einem dann schon grad egal ist, sondern ganz nah. Kurz durchflutet mich eine Dankbarkeit dafür, dass ich in einem Land lebe, in dem eine solche Buchmesse möglich ist. Eine Buchmesse, auf der es von weltoffenen, empathischen, klugen Menschen nur so wimmelt. Es gibt so viele Länder auf dieser Welt, wo eine solche Messe sofort gestürmt werden würde von uniformierten Soldatenpolizisten, alle Teilnehmenden als Staatsfeinde festgesetzt oder denunziert würden. Deniz Yücel befindet sich übrigens in Einzelhaft, Folter also im Grunde. Und gestern nahmen auf brutalste Manier Polizisten mehrere Hundert Demonstranten in Minsk fest, weil sie für Europa demonstrieren wollten. Heute nahmen russische Polizisten Hunderte Demonstranten in verschiedenen Städten fest, weil sie gegen Korruption auf die Straße gingen und Donald Trump will dem öffentlichen Rundfunk das Geld abdrehen, um noch mehr Urlaub machen zu können und, selbstverständlich, zur Erhöhung des Verteidigungsetats.

Was können Schriftsteller in einer Welt ausrichten, die von Krieg, Populismus und Demokratiefeindlichkeit immer stärker geprägt zu werden scheint? Als nächstes fand ich mich in Halle 4 wieder, beim Café Europa, eine Diskussion zum Thema Rechtspopulismus in Österreich und Deutschland, mit den Schriftstellern Eva Menasse ( die auch ihr neues Buch Tiere für Fortgeschrittene auf der Messe vorstellte), Robert Misik und Ingo Schulze. Der Grundton blieb hoffnungsvoll: dass die jungen Leute, vor allem auch durch Beispiele wie Trumps in den USA, derart abgeschreckt und politisiert werden und ein Abdriften nach Rechts, in faschistoide, autoritäre Strukturen verhindern werden hier bei uns. Aber auch das Bewusstsein, wie viel Wählerpotenzial hinter den Rechtspopulisten steht, wenn man bedenkt, dass sie in Österreich 46% geholt haben. Die Hälfte der Bevölkerung in vielen Ländern findet es mittlerweile wählbar, rassistisch zu sein. 
Als die Diskussion vorüber war, eröffnete sich vor meinen Augen ein Sitzplatz, über den ich mich sehr freute. Wer schon einmal auf der Buchmesse war, versteht, was ich meine.
Ich blieb also sitzen, ohne zu wissen was als nächstes im Café Europa kommen würde.
Es war die Vorstellung des Buches „Glückliche Wirkungen“ vom Propyläen Verlag, einer Anthologie von 57 Autoren aus OSZE-Staaten, die sich in ihren Texten, inspiriert durch das Goethe-Zitat, glücklichen Zuständen annähern sollten. Während ich dort saß, kam mir der Gedanke, dass dieser Messetag im Grunde das für mich ist, was auch die Bücher, die Autoren, das eigene Schreiben immer mehr für mich werden: Lehrerin in Empathie, ein Ort, an dem man Weltdeutungen begegnet, die man selbst im Alltag niemals leisten könnte. Bücher erzeugen bei mir glückliche Wirkungen, indem sie mich öffnen. „Nicht die Bestätigung dessen, was ich selber denke, sondern eher das Gegenteil“, so drückte es Dr. Michael Krüger, einer der Herausgeber des Buches, aus. Es geht darum, den Horizont zu öffnen, öffne deinen Geist, damit dein Denken die Richtung ändern kann (ich glaube, so ähnlich hat das mal Frank Zappa gesagt). Darum geht es bei guter Literatur. Darum geht es umgekehrt bei all den unwohlen Gefühlen, die einen befallen angesichts der politischen Situation und ihrer Protagonisten. Diese Protagonisten und ihre Anhänger zeichnen sich aus durch ein verschlossenes Herz und einen engstirnigen Verstand, sie sind kleingeistig, kleinmütig, von Angst besessen, humorlos, trennen zwischen uns und denen und bauen gezielt Feindschaftsszenarien auf, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Ihre Welt ist eine, in der zu leben mich ersticken würde.

„Gerechtigkeit unter den Völkern, diese fantastische Idee, ist eine Illusion.“ Auch das sagte Michael Krüger, und machte es fest am Beispiel der Literaturübersetzungen. Wer von uns kann fünf große Schriftsteller aus, sagen wir Turkmenistan nennen, dessen Seite in dem Buch im Übrigen weiß blieb. Denn kein Schriftsteller dort hatte den Mut, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen.
Jene, die sich für Literatur interessieren, so Krügers Appell, müssten immer wieder Übersetzungen einfordern, gerade auch aus Sprachen, gerade auch aus Ländern, wo es bislang wenige Übersetzungen gibt. Denn nur so lernen wir Lebenswelten kennen und verstehen, die uns absolut fremd sind. Nur so lernen wir, das Verhalten anderer zu verstehen, das uns, gemessen an unseren Maßstäben, als Affront vorkommen mag oder einfach nur sonderbar. Literatur ist reicher als alle anderen Diskursformen, auch offener. Politik, im Vergleich, repetiert vielmehr immer gleiche Positionen, ohne die Leichtigkeit der Poesie. 
Anwesend aus dem Kreis der Teilnehmer an der Anthologie waren die kroatische Schriftstellerin Ivana Sajko, die sich gerade in Berlin aufhält im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums am LCB. Ihre Übersetzerin las einen berührenden Text über Krieg und Gewalt, wie die Menschen miteinander umgehen, wie man bei den täglichen Nachrichten von im Mittelmeer sterbenden, in Aleppo getöteten Kinder überhaupt noch einer Depression entgehen kann. Denn sobald man sich auf diese Nachrichten und Bilder einlässt, fällt einen eine unsägliche Trauer an. Dann schließt sie, dass auch hier wieder, wie schon im Jugoslawienkrieg, ihr Kindergedanke, ihr naiver Kindergedanke das einzige ist, das sie vor einer Depression bewahrt: „ Liebe, der Glaube an ihre Kraft und ihre Vernunft. Nur die Liebe kann die Menschen retten.“
Es lasen dann noch der Ukrainer Serhij Zhadan sowie die Finnin Katja Kettu.

Auf dem Rückweg zur Garderobe, eigentlich schon so ein wenig ausgetrocknet und stolpernd vor Erschöpfung, kam ich durch die Glashalle und wer sitzt auf dem Blauen Sofa? Terézia Mora. Das war für mich ein besonderes Geschenk. Denn ich verehre, und das weiß jeder, der meinen Blog kennt, diese Schriftstellerin besonders. Sie hat den diesjährigen Preis der Literaturhäuser gewonnen und las aus ihrem Buch Die Liebe unter Aliens.
Besonders lustig fand ich ihre Antwort auf die Frage des Leiters des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, ob Lesungen für sie eigentlich nur eine unangenehme Verpflichtung seien, wie das ja bei vielen ihrer Kollegen der Fall sei. Darauf sagte sie, dass sie immer sehr lange an ihren Büchern schreibt. In diesen Jahren trifft sie selten Menschen, die es überhaupt interessiert, was sie da macht. Sie trifft zum Beispiel andere Eltern auf dem Spielplatz oder in der Schule ihres Kindes und die fragen dann: „Und was machst Du so?“ und dann sagt sie, dass sie immer noch an diesem Buch schreibt und dann antworten diese Eltern: „Ja, ich habe ja mit dem Lesen aufgehört.“ Ich hätte sie küssen können ob der offensichtlichen Verwirrung, die ihr diese Tatsache immer wieder neu bereitet, dass die Welt von Menschen nur so wimmelt, die nicht lesen. 
Deshalb freue sie sich auf Lesungen. Denn dort treffe sie jene Menschen, die nicht mit dem Lesen aufgehört haben.
Auf der Buchmesse bekommt man den Eindruck, dass sehr viele Menschen nicht mit dem Lesen aufgehört haben. Das war ein irres Gefühl, in dieser Welt herum zu laufen, die vollkommen aus Büchern besteht. An jeder Ecke sieht man berühmte Menschen: am Frühstückstisch saß Lukas Bärfuss praktisch neben mir, auf der Messe sah ich, unter anderem Jo Lendle, den Herausgeber Klaus Schöffling, den ich ebenfalls am Frühstücksbüffet meines Hotels sah (der Schöffling Verlag und der Guggolz Verlag waren in diesem Jahr im übrigen Preisträger des Kurt Wolff Preises für Verlage), Heiner Geissler, Feridun Zeimoglu, Nora Bossong, Ronja von Rönne und und und.
Es war für mich wie für andere vielleicht, wenn sie Fernsehstars sehen. Ich war total geflasht. Schon jetzt freue ich mich auf die Messe im nächsten Jahr, zu der ich sicher wieder fahren werde. Auch, wenn ich wirklich, also ganz bestimmt nicht, Tipps für interessante Bücher brauche. Auch wenn ich bis zum nächsten Jahr mit Sicherheit meinen Stapel neben dem Bett eher vergrößert als verkleinert haben werde.
Auf der Rückfahrt las ich wieder Juli Zeh. Diesmal fand ich diese Stelle: " But literature" fragt sie, "finds the truth? Or is it creating its own?"
"Gute Frage", sage ich. "Die Antwort darauf ist wie ein Haus mit zahlreichen Stockwerken, in denen viele gemischtethnische Familien aus Jas und Neins wohnen."
Mein Fazit: In diesem Haus möchte ich leben!

(c) Susanne Becker