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Lesung: Losfahren mit Manal al-Sharif im Deutschen Theater Berlin

„Nenn‘ Leute wie mich nicht Aktivistin, das ist der erste Fehler, den Ihr macht. Wir alle sollten Aktivisten sein, sobald Unrecht geschieht.“

Am Montagabend las Manal al-Sharif im Deutschen Theater aus ihrem Buch Losfahren, soeben erschienen im Secession Verlag.

Geboren und aufgewachsen in Saudi Arabien, einem jener Länder weltweit, in welchem die Situation der Frauenrechte kaum schlechter sein könnte, war Manal al-Sharif zwar daran gewöhnt, dass sie unter anderem nirgendwo ohne männliche Begleitung hingehen konnte und natürlich auch nicht Autofahren durfte. Aber sie wollte dies nicht akzeptieren. Also ließ sie sich von ihrem Bruder das Fahren beibringen („Die Lektion dauerte dreißig Minuten, danach bist du auf dich gestellt.“), lieh sich von einem Freund ein Auto, fuhr, begleitet von einer Freundin, die zur Feier des Tages ein rosa Kopftuch trug „Wenn wir schon verhaftet werden, möchte ich gut aussehen“, fuhr ein wenig Auto, ließ sich dabei filmen, stellte das Video in YouTube ein und wurde verhaftet. Sie verbrachte neun Tage im Gefängnis, und wurde unter anderem frei gelassen, weil Hillary Clinton persönlich für sie intervenierte.

"Wenn das Gesetz mich nicht akzeptiert, akzeptiere ich das Gesetz auch nicht."

Manal al-Sharif ist eine beeindruckende Frau. Spannender fast noch, als die Passagen aus ihrem Buch, die von der Schauspielerin Christina Athenstädt gelesen wurden, fand ich die Antworten al-Sharifs auf Hatice Akyüns viele Fragen. Es wurde einmal mehr so deutlich, dass wir hier wenig von Menschen wissen, die beispielsweise in Saudi Arabien leben, dass die Medien uns im Grunde mit einem Schubladenwissen versorgen, das kaum Platz für individuelle Menschen lässt. Wir erhalten ein vorgefertigtes Bild, welches leicht manipulierbar ist, weil es kaum auf echten Begegnungen oder lebendigen Fakten beruht. Umso glücklicher bin ich deshalb jedesmal, wenn dieses Bild erschüttert wird in mir und ich durch eine echte Begegnung spüre, wie die Strukturen in meinem Bewusstsein zurecht gerückt werden. In diesem Sinne ist die Lesereise Manal al-Sharifs ein großartiger Beitrag dazu, die Menschen dieser Welt zusammen zu bringen und unser Verständnis füreinander zu fördern. 

Das Autofahren war für Manal al-Sharif ein Weg in die Freiheit, nicht nur für sich persönlich, sondern für alle Frauen. Die Unfreiheit der Frauen besteht ja überall zumeist auch auf der Anhäufung vieler kleiner Unbeweglichkeiten im Alltag, die sich zu einem Gebilde summieren, welches ein Leben nur noch in einem sehr eingeschränkten Umkreis gestattet. Wenn eine Frau nicht Auto fahren oder nicht ohne einen Mann das Haus verlassen darf, ist der Radius ihres Lebens klein. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nirgendwo hinfahren darf, dass ich immer einen Mann brauche, der mich fährt, dann kann ich mein momentanes Leben im Grunde von A bis Z vergessen. Lachend berichtete sie, wie gerne ihr Bruder sie dabei unterstützt habe, da er es leid war, zwei Frauen, seine eigene und sie, überall hinfahren zu müssen. Denn die Unfreiheit der Frauen bedeutet im ganz konkreten sofort auch Unfreiheit für die Männer. Hier noch einmal das Video, in dem sie durch die Straßen fährt und selbst so eindrücklich von der Unfreiheit spricht, die das Fahrverbot für alle Frauen, für alle Menschen Saudi Arabiens, bedeutet und warum auch so viele Männer ihre Bewegung Woman2Drive unterstützen. 
Auf ihre Frage ans Publikum, wer von uns Ahmed, ihren Freund, der ihr für das Youtube Video ihr Auto geliehen hatte, für einen Helden hielte, meldeten sich nicht viele. Manal al-Sharif verwunderte dies, denn, so versuchte sie uns deutlich zu machen, auch Männer leiden unter der Unterdrückung der Frauen und diejenigen, die ihnen helfen, werden genauso mit Repressalien belangt wie jede Frau. Wenn Frauen in einer Gesellschaft nicht frei und gleichberechtigt sind, ist es niemand in dieser Gesellschaft.

Die von Manal al-Sharif und vielen Mitkämpfer*innen ins Leben gerufene Organisation Woman 2 Drive hat gerade in den Tagen, in denen sie zur Vorstellung ihres Buches nach Deutschland kommt, einen riesigen Erfolg zu feiern: per königlichem Dekret ist es Frauen ab Mitte 2018 erlaubt, in Saudi Arabien Auto zu fahren. Welche Gründe genau dahinter stehen, bleibt ein wenig dubios, aber die Autorin ist sich sicher, dass es sich nicht um einen plötzlichen Gesinnungswandel handelt. Die Machthaber in Saudi Arabien gehen im Großen und Ganzen immer noch davon aus, dass Frauen im Grunde unfrei bleiben müssen. Aber es gibt gute wirtschaftliche Gründe, Frauen das Autofahren zu gestatten. Lachend wies sie darauf hin, dass die Krise der saudiarabischen Wirtschaft gut für die Frauenbewegung sei.

So wird ihre Lesereise zwar zu einer Art Beweis dafür, dass Unrecht bekämpft werden kann, erfolgreich. Eine Überzeugung, die wie mir scheint, gerade heute, wo es oftmals eher so wirkt, als wäre Unrecht an so vielen Fronten auf dem Vormarsch, sehr notwendig ist.
Glaubhaft verkörperte sie im Deutschen Theater Rückgrat, Mut, Gelassenheit. Heute lebt sie in Australien. Es wird für sie schwierig werden, nach Saudi Arabien zurück zu gehen. Die Möglichkeit, dass sie wieder verhaftet wird, ist durchaus gegeben. Aber, wie sie sagt: Ich habe davor keine Angst mehr. Ich war im Gefängnis. Ich weiß, wie es ist. Also muss ich keine Angst mehr haben.
Wenn man gelesen und gesehen hat, wie furchtbar diese Tage im Gefängnis für sie waren, sind ihre Worte umso beeindruckender. Diese Frau zu sehen, macht aber auch deutlich, wie viel Macht das Unrecht hat, wie fragil der Erfolg ist, und dass er einem schnell genommen werden kann. Nicht alle in Saudi Arabien freuen sich über die Aufhebung des Fahrverbots. Viele sind dagegen und werden möglicherweise auch mit Gewalt dagegen vorgehen. Durch ihre Freude über den Erfolg schimmerte immer auch spürbar die Skepsis darüber, wie genau die Aufhebung umgesetzt werden wird. Dennoch: Sie kann es kaum erwarten, zurück zu kehren und in Saudi Arabien mit dem Auto herum zu fahren. 

Der Abend mit dieser klugen und weltoffenen Frau hat mir einmal mehr gezeigt, dass Widerstand nichts mit Gewalt zu tun, sondern sehr viel mit einer inneren Haltung und sehr viel Würde. 
Jemand wie sie kann niemals besiegt werden. "Der Regen beginnt mit einem einzelnen Tropfen."

Hier noch ein Link zu einem tollen Text über die Autorin aus der Hannoverschen Allgemeinen  und ich freue mich jetzt schon darauf, das Buch zu lesen!

Noch ein paar Tage ist sie übrigens in Deutschland unterwegs. Heute in Köln, morgen in Bremen. Vielleicht schafft Ihr es ja noch, sie zu sehen, 

(c) Susanne Becker

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