Direkt zum Hauptbereich

Buch der Woche - Im Herbst von Karl Ove Knausgard

„Das Geheimnis der Vergebung besteht jedoch darin, dass sie einen Ort entstehen lässt, tief im Einzelnen verwurzelt, an dem kein anderer Macht besitzt, und wenn man einmal dorthin vordringt, wo andere Menschen nichts bedeuten, findet man eine Stärke, die einem keiner nehmen kann, und diese Stärke macht es möglich, den anderen mit Hilfe von Vergebung in die Knie zu zwingen.“

Knausgards Buch Im Herbst ist voll mit solchen Erkenntnissen. Meist schüttele ich den Kopf und sage: nein, nein, das stimmt so nicht. Seltener nicke ich und stimme ihm zu. Das oben genannte Zitat ist ein wunderbares Beispiel dafür, was Knausgard mit dem Leser macht. Er schleudert ihm seine Weltsicht entgegen. Dabei sind die Gegenstände seiner Welt äußerst vielschichtig: in einem Absatz schreibt er noch über Erbrochenes, im nächsten schon über Vergebung, Apfelbäume, Thermosflaschen oder Krieg. Man findet die übliche Dichte an Themen, die so typisch für Knausgards Bücher ist. Er schreibt im Grunde über alles, alles interessiert ihn. Sein Spektrum reicht von Pisse bis zu Flaubert.
Im Herbst ist ein Buch, das Knausgard schrieb, als er und seine Frau Linda ihr viertes Kind, die Tochter Anne, erwarteten. Es ist ein Buch, geschrieben für dieses Kind, das im Leib der Mutter heran wächst, während der Vater draußen das tut, worin er gut ist: er sammelt die Welt für dieses Wesen und schildert sie mit Worten. Seine Welt. Seine Weltsicht. Spürbar auf jeder Seite die Liebe zu seiner Familie, den Kindern, dem kleinen Wesen, das bald zu ihnen stoßen wird. Spürbar auch die Neugierde, wer da kommen wird und die Freude, ein weiteres Mitglied in die Familie aufnehmen zu können. Seine Freude überträgt sich bei mir, der Leserin, in eine Freude darüber, dass jemand so akribisch diese unsere Welt anschaut, da ist auch sehr viel Ehrfurcht, und sich die Mühe macht, alles, was ihm dazu einfällt, in Worte zu fassen. Für seine Tochter Anne, aber natürlich auch für mich und für jeden anderen, der die Welt durch diese Linse aufmerksam betrachten möchte.
Man muss seiner Sicht auf die Welt nicht zustimmen. Ich tue es in vielen Fällen nicht. Aber wieder, wie eigentlich bei allen Knausgard – Büchern, bleibt die Schönheit dieses Unterfangens an sich, die Zartheit, der Mut. Dass da jemand sitzt, in seinem kleinen Schreibkämmerlein, und die Welt einfängt, sie versucht, so zu beschreiben, dass da ein Sinn, eine Liebe erkennbar werden, das ist einfach schön.

Viele der Essays sind gar nicht besonders tiefsinnig, es sind kleine Momentaufnahmen, dennoch regten mich sehr viele zum Nachdenken an, auch zum eigenen Schreiben. Vor allem auch dann, wenn ich nicht seiner Meinung bin, wenn ich die Welt anders sehe. Dabei wirkt das Büchlein so mühelos dahin geschrieben. Als läse man im Grunde in einem Notizblock von ihm.
Mein Lieblingsessay ist der über die Knöpfe. Er erinnerte mich sofort an meine Kindheit und daran, wie meine Mutter tagtäglich an der Nähmaschine saß und selbstverständlich auch eine große Dose mit vielen, verschiedenen Knöpfen besaß. Der Essay erinnerte mich daran, wie schön es ist, Dinge zu bewahren, die man besitzt.

"Meine Kinder wachsen ohne eine solche Knopfschachtel auf, sie haben ihre Eltern niemals beim Nähen gesehen, denn wenn sich bei uns ein Knopf löst, sortieren wir das Kleidungsstück aus und kaufen ein neues. Das widerstrebt mir....Schätze ich Genügsamkeit und Armut mehr als Überfluss? Ja, in gewisser Weise tue ich das wohl."

Dieses Buch, der erste Band aus der Jahreszeiten-Serie, ist ein wunderbarer Einstieg in das Werk Knausgards. Denn die kleinen Essays sind nie länger als 2-3 Seiten, das Buch insgesamt hat 280 Seiten. An diesem Buch kann man erproben, wie man es mit Knausgard hält und dann zu den dicken Wälzern weiter ziehen, falls man sich verliebt hat. Oder aber sagen: Okay, dieser Knausgard ist nichts für mich.
Das Buch enthält Bilder der norwegischen Künstlerin VanessaBaird, welche es in meinen Augen zu einem kleinen Schatzstück machen. 

Herzlich danke ich dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker



Kommentare

  1. Da werde ich mal reinlesen, um mich zu entscheiden...Danke für die Besprechung!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich mag Knausgard, und dieses Buch ist, glaube ich, ein guter Test, um festzustellen, ob man ihn auch mag ;-) stärker sind m.M. nach in jedem Fall die Lieben Leben usw. Bücher

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Texte

Lydia Tschukowskaja, Untertauchen

Die Schriftstellerin Nina Sergejewna fährt für vier Wochen aufs Land, in eine Art Schriftstellerkolonie, um in Ruhe, weit weg vom Alltag, schreiben zu können. Dort trifft sie unter anderem den Schriftsteller Bilibin und den Lyriker Weksler, einen Juden.
Nach und nach erfährt man, dass Nina Sergejewnas Mann vor ein paar Jahren mitten in der Nacht abgeholt worden ist und sie kurz darauf die Nachricht erhalten hatte, dass er zu zehn Jahren Lager mit Kontaktverbot verurteilt worden ist. Nie wieder hat sie von ihm gehört. Sie lebt allein mit der Tochter in einer Wohnung mit im Grunde Fremden. So war es. Eine große Wohnung musste man teilen.  Wie die anderen Schwestern, Frauen, Mütter, deren Brüder, Männer, Söhne im Zuge von Stalins Säuberungen spurlos verschwunden sind, und vollkommen grundlos, willkürlich, stand sie schon im Morgengrauen vor dem Gefängnis an, frierend, stundenlang, um irgendwann, wie alle anderen Frauen, die Auskunft zu erhalten, dass der Fall ihres Mannes noch nicht bea…

Claire-Louise Bennett, Teich

"Pfannengericht

Haben eben mein Abendessen in den Müll geworfen. Ich wusste schon während des Kochens, dass ich das tun würde, deswegen habe ich alles hineingerührt, was ich nicht mehr sehen will."

Ich mag Bücher, in denen Autorinnen oder Autoren einen eher zurückgezogenen, einen einfachen Lebensstil, möglichst ihren eigenen, beschreiben. Ich mag es, wenn sie in einsamen Häusern leben und mit jedem Staubkorn eine Beziehung eingehen, über die sie etwas sagen können. Das ist wie bei Handke und natürlich sowieso wie bei Karl-Ove Knausgard. Die Bücher dieser Autor*innen haben in der Regel keine weitere Handlung, scheinbar. Aber im Laufe der Lektüre enthüllt sich dann etwas aus dem tiefsten Inneren des Autors, oder auch aus dem menschlichen Leben allgemein, welches wie das Aufleuchten einer Wahrheit in einer langen Meditationssitzung scheint. Und vielleicht sind diese Bücher ja auch eher Meditationen als Ergebnisse einer "creative writing" Klasse.

Das Erzählen ist wie e…

Sasha Marianna Salzmann, Ausser sich

Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als nächstes passieren könnte.

Das Buch Ausser sich von Sasha Marianna Salzmann, 2017 im Suhrkamp Verlag erschienen, lag relativ lange angelesen auf meinem SuB und ich konnte mich nicht aufraffen, es zu beenden. Seite 20 oder so, weiter kam ich nicht. Ein wenig ging ich vermutlich anfangs in den Wirren der Geschichte verloren, die zwischen Russland und der Türkei, zwischen Deutschland, der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her zu springen scheint. Ali kommt nach Istanbul, um ihren Bruder Anton zu suchen. Sie schläft auf der Couch eines Onkels, Cemal und wird dort von Wanzen gebissen. Aber eigentlich kommen Ali und Anton aus Russland. Sie sind Juden. Sie ha…