Berlin

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Donnerstag, 25. Dezember 2014

Meine Lieblingsbücher 2014

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In Arbeit ist ein Beitrag, der eine Reihe von Lieblings... whatever von mir enthält. Den mache ich seitdem es den Blog gibt (2012 und 2013) und er erscheint immer am 1. Januar. Er enthält regelmäßig auch meine Lieblingsbücher des Jahres. Inspiriert durch andere Blogger und Facebookposts, u.a. von Buzzaldrins, möchte ich aber auch einen kurzen Rückblick ausschließlich auf meine persönlichen Lesehighlights des letzten Jahres werfen. Es überrascht mich schon jetzt, dass für meine Verhältnisse viele deutsche Bücher darunter sind. Ich bin seit Jahren eher eine anglophile Leserin und verschlinge viele viele viele amerikanische Bücher im Original. Aber dieses Jahr haben mich die deutschen Autorinnen noch mehr gepackt als schon im letzten Jahr, wo auch einige unter meinen Highlights waren.

Sich die besten Bücher, die man im Laufe eines Jahres gelesen hat, noch einmal konzentriert vor Augen zu halten, ist ein bisschen, wie das ganze Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Die Jahre bestehen nicht so sehr aus Tagen, als aus einer Perlenkette aus Büchern, an denen man sich durch die Zeit bewegt.

Das letzte Land meiner Freundin Svenja Leiber habe ich mir perfide vom Verlag erschlichen, der es mir eigentlich erst nicht schicken wollte, dann aber doch. Mein Blog wird nicht häufig genug frequentiert, weshalb er für die Verlage im Grunde nicht interessant genug ist. Ich hätte mir das Buch natürlich auch gekauft! Für mich ist Svenja eine der ganz großen deutschen Schriftstellerinnen.
Die Geschichte eines sehr begabten Geigers, der das Dritte Reich überlebt und der doch so viel verliert, ist intelligent, berührend und wunderschön.Wobei Svenjas Bücher für mich immer wieder auch durch ihre knappe, konzentrierte Sprache heraus ragen. Sie erschafft Welten mit einem halben Satz. Na klar kann man die gleiche Welt auch mit zwanzig Seiten schildern, und auch das kann wunderschön sein. Aber diese Knappheit, auch die oft ungewöhnliche Wortwahl haben etwas verzauberndes und auch mutiges. In einer Welt des Zugetextetwerdens, der ständigen verbalen Berieselung, ist diese Knappheit erholsam.
Zu Weihnachten bekam ich Das Ungeheuer von Terézia Mora geschenkt. Es wurde schlagartig mein zweites Lieblingsbuch, und dies hatte verschiedene Gründe: unter anderem liebe ich die Geschichte, der Aufbau, zwei Bücher sozusagen gleichzeitig in einem, die Notwendigkeit, immer wieder hin- und her zu blättern, hat mich gefangen genommen. Ich spürte beim Lesen die Konzentration der Autorin, um diese komplexe Welt erschaffen zu können und in eine solche Konzentration kann ich mich geradezu verlieben.
Ich finde die Charaktere nicht sympathisch in dem Sinne, dass ich sie in meinem Leben dauerhaft angesiedelt sehen möchte, aber doch in dem Sinne, dass ich nicht genug von ihnen bekommen kann. Last but not least träume ich seit der Lektüre dieses Buches davon, einen Roadtrip durch Russland, Ost- und Südosteuropa zu unternehmen (wenn möglich, ohne Asche von irgendwem im Kofferraum, aber gerne mit sehr viel Zeit).
Ehre von Elif Shafak kaufte ich mir am Indiebookday. Ich hatte im Netz, bei anderen Bloggern, soviel darüber gelesen, dass ich immer gespannter darauf wurde. Außerdem wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass im Jahre 2014 meine allererste Reise in die Türkei anstehen würde, da war es nur folgerichtig, mich in dieses Land auch literarisch zu begeben.Die Geschichte eines Ehrenmordes, einer Familie über drei Generationen, eine Geschichte von einer Auswanderung und auch eine Geschichte davon, was Frauen widerfahren kann dort, wo sie nicht respektiert werden. Das Buch hat mich vom ersten bis zum letzten Satz gefesselt. Ich habe es mittlerweile schon mehreren Freundinnen geschenkt und sie alle waren, wie ich, begeistert!
Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage von Alice Munro war ein Geburtstagsgeschenk im Januar gewesen. Doch erst im Sommer, als ich zwei Wochen im Garten war, kam ich dazu, es zu lesen. Was soll ich sagen? Alice Munro ist eine Meisterin: Der Kurzgeschichte, der Schilderung des Menschen, der Alltäglichkeiten, die letztendlich ein Panorama des Menschlichen bilden und eine Tiefe enthalten, die nur der wirklich geübte Seher erkennen kann. Jede einzelne Geschichte ließ mich atemlos zurück, im Grunde süchtig nach mehr. Die in den Geschichten erzählten Schicksale sind teilweise so spannend, dass ich noch heute, ein halbes Jahr nach der Lektüre, an manche Charaktere denke und mir auszumalen versuche, wie es wohl weiter gegangen sein könnte, ihr Leben.(Dieses Buch ist auch auf Deutsch erschienen, wo es Himmel und Hölle heißt, ein Titel, der den Geschichten nur oberflächlich gerecht wird)
Vor dem Fest von Sasa Stanisic habe ich einfach so verschlungen - ich wusste schon lange, dass ich es lesen wollte, weil es ja auch so eines der Bücher war, an denen man, sofern man literarisch im Netz unterwegs ist, nicht vorbei kam. Alle haben es gelesen, alle liebten es. Ich war ein wenig skeptisch. Wenn schon alle ein Buch lieben, kann es dann noch gut sein? ist eine Frage, die ich mir immer wieder stelle. Aber dann ging ich eines Tages rein zufällig in die Buchhandlung am Moritzplatz und sah, dass er dort lesen würde. Ich gebe zu, zu diesem Zeitpunkt war mein Wunsch, das Buch zu lesen, schon so überdimensioniert, dass ich es ständig verschenkte, um meinen eigenen Wunsch danach zu kaschieren. Circa drei Freundinnen bekamen es, immer mit dem Zusatz "leih es mir bitte, wenn du es durch hast" von mir geschenkt.
Als es eine endlich durch hatte, stürzte ich mich sofort darauf. Ich mochte das Buch sehr, aber es hat mich ganz zum Schluss irgendwie nicht so überzeugt, wie die anderen hier erwähnten Bücher. Die Geschichte war nicht fertig, kann es vielleicht auch nie sein und kam mir letztlich vor, wie ein Schlaglicht auf die Landschaft, anhand einzelner Charaktere, aber nichts davon zuende gebracht. Es war am Ende nicht ganz rund, wenn man das so sagen kann. Dennoch war es eines meiner Lieblingsbücher, da es ein paar meiner absoluten Lieblingsstellen des Jahres enthält, und auch weil Sasa Stanisic einfach großartig ist und die Lesung eines meiner Highlights des Jahres war und zum Schluss: ich liebe die Uckermark, ich habe alles wieder erkannt, ich wohne praktisch dort, da kommt man nicht darum herum, das Buch auch irgendwie zu lieben. Das Lesen dieses Buches war für mich wie Nachhause kommen.
The Gathering von Anne Enright habe ich erst kürzlich gelesen und es hat mich sofort gefangen genommen. Die Sprache, die Geschichte, der Tiefgang. Eine Familiengeschichte, in Irland, unübersichtlich viele Geschwister, die eine Schwester, Veronica, mittlerweile wohl situiert verheiratet und selbst Mutter, muss ihrer eigenen Mutter den Tod ihres Bruders mitteilen. Mit diesem Bruder, der Selbstmord verübt hat, war Veronica besonders eng verbunden. Die beiden teilten ein Geheimnis. Etwas schreckliches ist geschehen im Haus der Großmutter, wo sie einen gewissen Zeitraum ihrer Kindheit verbrachten, als die Mutter durch zu viele kleinere Geschwister keine Energie mehr für sie hatte. Während Veronica versucht, den Selbstmord des Bruders zu verarbeiten, reist sie immer wieder in die Vergangenheit und stellt ihre Gegenwart in Frage. Phantastisches Buch, das auch auf Deutsch erschienen ist. Dort heißt es Das Familientreffen.
Jetzt lese ich gerade Der Turm von Uwe Tellkamp. Ich hatte dieses Buch bereits vor zwei oder drei Jahren zu Weihnachten bekommen, nachdem ich es mir sehr gewünscht hatte. Dann lag es neben meinem Bett und immer wieder, wenn es im Stapel der ungelesenen Bücher nach vorne gerutscht war, ordnete ich es erneut weit hinten ein. Da war eine Abneigung in mir, es zu lesen und ich glaube, sie hatte mit all dem Negativen zu tun, das ich über das Buch gehört hatte. Komplizierte Sätze, angeberischer Stil, aufgeblasene Sprache, unnötige Eitelkeiten ... Dann las ich endlich doch den ersten Satz und war sofort hinein gezogen in eine Welt, die mir unglaublich fremd und doch vertraut war. So deutsch. Beklemmend, den Atem verschlagend, wir wissen, wie es ausgeht, wir wissen, irgendwie,  was geschehen wird, und doch die Unvermeidlichkeit, mit der die einzelnen Protagonisten, Bürger, die die Bildung lieben, die in Dresden leben (nur so am Rande: das Sächsische in Schriftform gebracht zu sehen, ist eines der Highlights für mich!), auf die Wende zu laufen, was ihnen noch alles geschieht, die Enge, diese Unfreiheit - das ganze Buch ist für mich eine Reise in eine Welt, die ich bislang so nicht kannte, ein Panoramablick, und ich liebe die Personen. Christian, Meno, Judith Schevola, Barbara (enöff) .... wenn es nur Eitelkeit benötigte, um solche Bücher zu fabrizieren, dann wundert es mich ein wenig, dass wir davon nicht mehr zu lesen bekommen. Für mich ist es ein großes Buch und ich genieße jeden einzelnen Satz!

Noch ist das Jahr nicht zuende. Ich rechne damit, den Turm noch vorher zu beenden und eventuell Jenny Offills Dept. of Speculation oder Nino Haratischwilis Das achte Leben zu beginnen.
Also, wer weiß, vielleicht schafft es noch ein Buch auf meine Liste.
Euch allen noch einen wunderbaren letzten Weihnachtstag und eine ruhige und lesereiche letzte Woche 2014!
Alles Liebe!

©Susanne Becker

Sonntag, 14. Dezember 2014

Georgia O'Keeffe auf Ghost Ranch - Ein Photo-Essay von John Loengard



Ein Bildband, der mich schon seit Jahren begleitet, den ich immer wieder anschaue, ist der Photo-Essay über die schon recht alte Georgia O'Keeffe und ihr Leben in New Mexico Georgia O'Keeffe auf Ghost Ranch. Angesichts der Tatsache, dass ich im kommenden Jahr ganz in die Nähe der Ghost Ranch gehen werde, um drei Wochen in der Abgeschiedenheit New Mexicos zu schreiben, habe ich das Buch heute wieder hervor geholt. Die Landschaft New Mexicos fasziniert mich, seitdem ich vor vielen Jahren dort, auf Georgia O'Keeffes Ghost Ranch, einen Schreibworkshop mit gemacht habe. Die Faszination ist nicht rational erklärbar, sondern einfach eine Tatsache, die sich mir von der ersten Begegnung an durch ein klares Gefühl aufdrängte. Eine Sicherheit: dies ist einer meiner Seelenorte, wo man sich sofort selbst begegnet und alles glasklar ist. Wäre ich nicht in Berlin gelandet, ich denke, ich wäre dorthin gezogen, unvermeidlich.

Georgia O'Keeffe war eine der großen amerikanischen Malerinnen (sehr empfehle ich die Biographie von Roxana Robinson Georgia O'Keeffe A Life), die hier nicht so bekannt ist. Wer mehr über ihre Arbeit erfahren möchte, dem empfehle ich dieses Buch: Georgia O'Keeffe und dieses Art & Life of Georgia O'Keeffe, sowie
Sie wurde 99 Jahre alt und verbrachte die letzten 37 Jahre ihres Lebens, nach dem Tode ihres Mannes, des berühmten Photographen Alfred Stieglitz, in der Zurückgezogenheit der Landschaft, nach der sie sich schon immer gesehnt hatte, als sie noch mit ihrem Mann an der Ostküste, hauptsächlich in New York, lebte.

John Loengard war jung, als er 1966 den Auftrag bekam, die große amerikanische Künstlerin in der Wüste zu besuchen und anlässlich ihres 80. Geburtstages zu porträtieren. Im Text nimmt man die Faszination und auch die Irritation des Jungen mit der Alten wahr. Die Bilder aber sprechen eine deutliche Sprache

Morgenspaziergang

auf ihrem Bett sitzend

mit einem Stein

Ghost Ranch

Abendspaziergang
Heraus gekommen sind Bilder, die mich, jedes einzelne von ihnen, in meditativer Stille stundenlang hinschauen und nicht-denken lassen. Die Ernsthaftigkeit und Tiefe der Malerin, der Landschaft, ihres Lebens, sie spricht aus jedem der Bilder. Sie kommt einem vor wie eine buddhistische Nonne, die Knochen sammelte, Steine, Klappern von Klapperstangen, alles, was die Wüste ihr schenkte auf ihren ausgedehnten Spaziergängen. Das Wesentliche, so reduziert und klar, spricht aus jedem Bild, aber auch aus dem Gesicht und der Haltung dieser Künstlerin.
Die Gesamtansicht ihres Lebens sah natürlich auch anders aus, hatte viele Facetten, nicht nur die reduzierte Seite dieser Photos. Aus verschiedenen Quellen, nicht zuletzt von Loengard selbst, weiß man, dass O'Keeffe viele Besucher hatte, sehr sozial war und vielleicht auch ein kleines bisschen eitel. Es heißt, sie habe sich gerne mit jungen Männern umgeben. (Ehrlich gesagt: warum auch nicht?)
Die Bilder zeigen all dies nicht. In ihnen wird ein Tagesablauf auf Ghost Ranch dokumentiert, der an das Leben einer Eremitin denken lässt. Morgenspaziergang, Lesen, Gartenarbeit, Hundepflege,
Abendspaziergang. Es sind faszinierende, für mich unglaublich inspirierende Bilder.
Ich bekam das Buch vor vielen Jahren von einer Freundin, die mir damals eine Widmung hinein schrieb: Ich sehe Dich an ihrer Stelle. Diese Freundin ist übrigens selbst eine herausragende Fotografin, Regula Franz.

Wenn ich das Buch durch blättere, freue ich mich auf New Mexico, ich muss aber auch an die beschaulichen Tage im Garten denken, und dass die Essenz dieser Bilder nicht an einen Ort gebunden ist, sondern an ein inneres Stillsein, welches überall möglich ist. Das Abfallen aller Äußerlichkeiten, aller Oberflächlichkeit, das Sein in einer Landschaft, in der Natur, wo Steine und Knochen eine Fülle haben, wo Spaziergänge im Morgengrauen und der Abenddämmerung wie selbstverständlich dazu gehören und es kein Internet gibt. Es ist nicht der Ort, den ich ersehne, es ist die Seinsweise. Und sie wird in dem Bildband wunderbar dokumentiert.

© Susanne Becker

Samstag, 13. Dezember 2014

Pilgrimage von Annie Leibovitz - Ein Bildband


Ich habe mich immer für Photographie interessiert, aber nie in einem technischen Sinne. Ich mochte gute Photos und ich habe mir immer gerne Bildbände angeschaut. Ich mache auch gerne Photos, aber das sind nicht mehr als Schnappschüsse. Denn ich weiß über Kameras nicht mehr, als wo der Auslöser ist.
Ich habe es immer geliebt, mir Photos anzuschauen. Für mich ist Photographie eine der wirklich großen Kunstformen. Denn ein Photo kann in einem kleinen Moment alles festhalten, was ist, die ganze Wahrheit. Photographien fangen das Leben auf eine Weise ein, wie es kaum eine andere Kunstform kann. Der Moment, seine flüchtige Bedeutung, seine Schönheit. Ein gutes Photo ist für mich wie ein gutes Gedicht. Und mit einem guten Photo meine ich nicht unbedingt ein gut bearbeitetes Photo. Mich hat immer am meisten der Blick des Photographen auf die Welt interessiert Der kann auch unbearbeitet wunderbar sein und von berührender Schönheit.

Eines meiner liebsten Photobücher ist Pilgrimage von Annie Leibovitz.
Das Buch wurde ursprünglich geplant von ihr und ihrer Lebensgefährtin Susan Sontag. Sie nannten es das Beauty Book. Sie wollten gemeinsam Orte besuchen, die für sie eine Bedeutung hatten, die außergewöhnlich waren. Auf ihrer gemeinsamen Liste waren der Amazonas und auch die Pyramiden. Es sollte ein Buch werden, das keiner Agenda, keiner Deadline zugrunde lag, sondern allein angetrieben wurde von ihrem Wunsch, diese Orte zu sehen und sich mit ihnen zu verbinden und dies dann zu dokumentieren. Annie Leibovitz wollte gerne noch einmal Photos machen, wenn sie sie sah, und nicht, wenn sie dazu einen Auftrag hatte. Das Beauty Book sollte also auch ein Ausdruck von künstlerischer Freiheit werden. Dann starb Susan Sontag an Leukämie und im gleichen Jahr verlor Annie Leibovitz ihren Vater und geriet in eine nicht unerhebliche finanzielle Krise. Den Sommer dieses unglücklichen und belasteten Jahres verbrachte sie in Upstate New York mit ihren Kindern. Unter anderem hatten sie einen Ausflug zu den Niagara Fällen geplant. Als sie dort waren, nahm Annie Leibovitz eher zufällig das Bild auf, das dann zum Coverphoto wurde. Sie beschloss ihre eigene Pilgerreise anzutreten, ihr eigenes Beauty Book zu machen, und eine Liste von Orten entstand, zu denen sie reisen und wo sie photographieren wollte. Auch, um über den Verlust hinweg zu kommen, um sich selbst zu nähren und wieder eine Bedeutung für ihr Leben zu finden, und natürlich in Erinnerung an Susan Sontag. Die Ziele, sagt sie selbst, sind nicht so glamourös wie jene auf der gemeinsam entstandenen Liste. Ich kann ihr da nicht zustimmen. Denn eigentlich ausnahmslos finde ich alle von ihr gewählten Orte unglaublich faszinierend, wenn auch manchmal exzentrisch (Graceland!!)
Es war eine Liste von Orten und Menschen, in die einzutauchen ihr Heilung bringen würde. Georgia O'Keeffe, Virginia Wolf, Ansel Adams, Emily Dickinson, Luisa May Alcott, Elvis Presley...
Georgia O'Keeffes Kreiden
Graceland
Leibovitz besuchte deren Orte, Häuser und photographierte das Innere der Häuser, die Gärten, kleine Details in den Regalen oder an ausgestellten Kleidungsstücken (viele der Orte sind heute Museen), aber auch Landschaften. Sie schafft es, so finde ich, oft das Wesen einzufangen, sowohl der Personen, als auch der Orte, und nicht zuletzt ihrer eigenen Pilgerreise. Wenn ich das Buch durch blättere, werfen mich viele der Bilder auf mich selbst zurück. Unvermittelt entsteht eine Liste von Orten, zu denen ich gerne reisen würde. Natürlich würde ich dort schreiben wollen, aber selbstredend würde ich auch Photos machen. Schiefe, unterbelichtete, unscharfe Schnappschüsse.
Einige der Orte in dem Buch habe ich bereits selbst besucht (z.B. Graceland!!)  und kann die Magie (Georgia O'Keeffes Zuhause in New Mexico) vollkommen nachvollziehen, die anderen möchte ich fast alle besuchen. Das Buch ist in so vieler Hinsicht anregend. Als ich es im Regal meiner Lieblingsbuchhändlerinnen sah, wusste ich sofort, dass ich es haben möchte. Ich mag Leibovitz' Erzählungen, ihre Photos, die Plätze, die sie ausgewählt hat und ich mag die allem zugrunde liegende Idee von der Freiheit, sich von seiner Intuition leiten zu lassen, von Platz zu Platz zu treiben, und dort das zu tun, was ansteht, anstatt einem vorgefertigten Plan zu folgen. Freiheit Intuition Kreativität - Pilgrimage!
Emerson's Schlafzimmerfenster
Vanessa Bells Haus
the Great Chalk Cliffs
Ein tolles Weihnachtsgeschenk übrigens!

Andere Bücher von ihr sind unter anderem: Women (in Zusammenarbeit mit Susan Sontag), A Photographer's Life 1990 - 2005 und Annie Leibovitz at Work


 © Susanne Becker





Donnerstag, 4. Dezember 2014

100 bemerkenswerte Bücher 2014 - Die New York Times Liste

Meine Lieblingsliste ist wieder da! Freude! 100 notable books of 2014 der New York Times. (Anmerkung: auch die Listen von 2012 und 2013 sind im Grunde noch immer interessant, zeitlos sozusagen, in dem offensichtlichen und simplen Sinn, dass ich es in dieser Zeit nicht mehr schaffen werde, sie abzulesen.
Meine Weihnachtswunschliste ist ja bereits online. Es ist also nicht so, dass ich wirklich noch Bedarf hätte, neue Bücher zu finden. Zumal ich es mittlerweile schaffe, mich 1a zu disziplinieren, mit leeren Händen aus Buchläden zu gehen, mich auf die Bücher zu konzentrieren, die ich habe und mir erst dann neue zu kaufen, wenn ich sie wirklich brauche. Naja, meistens.Hier könnte man natürlich eine Diskussion darüber beginnen, ob jemand/ich tatsächlich Bücher braucht. Aber das ist eine Frage, die habe ich, ganz ehrlich, schon im Alter von 12 absolut mit ja beantwortet. Die Notwendigkeit, Bücher um mich zu haben, in ihnen tagtäglich zu lesen, sie zu riechen, anzufassen, darüber nachzudenken, mich an ihnen wie an einem roten Faden durch mein Leben zu hangeln, ist damals erwacht. Sie hat nie auch nur geschlummert. Sie war immer hellwach und Bücher waren, neben Menschen, immer das wichtigste in meinem Leben.

Ich liebe es (LIEBE ES), Bücherlisten zu durchforsten und mir Notizen zu machen über alles, was mich daran interessiert. Das löst ein Kribbeln in meinem ganzen Körper aus und eine Freude, die höchstens mit der vergleichbar ist, in einem Flugzeug zu sitzen und sich im Landeanflug auf einen wunderschönen Ort zu befinden.

Meine Notizen zu dieser wunderbaren Liste sehen in diesem Jahr so aus:

Wieder stelle ich fest, dass ich den Großteil der Schriftsteller, die auf der Liste sind, nicht kenne. Gut. Dafür sind die meisten Schriftsteller, die ich kenne, auch nicht auf der Liste. Damit wäre das ausgeglichen.
Obwohl ich der Liste irgendwie zu Füßen liege, interessieren mich diesmal nicht so viele Bücher auf ihr.
Natürlich wäre da Blazing World von Siri Hustvedt. Das werde ich auf jeden Fall irgendwann lesen. Ich liebe Siri Hustvedt, wenn auch nicht jedes ihrer Bücher, wie ihr hier feststellen könnt. Aber ich gehe davon aus, dass dieser Roman, der in der Kunstwelt spielt, wieder hochintelligent, unterhaltsam und gut gemacht sein wird. Ihre Bücher, selbst die, die ich nicht mag, ringen mir immer Hochachtung ab, denn sie sind klug.
Can't and won't von Lydia Davis interessiert mich, weil sie mir in der letzten Zeit häufig, virtuell wenigstens, über den Weg gelaufen ist. Es ist beim Literaturverlag Droschl auf Deutsch erschienen und heißt dort Kanns nicht und wills nicht. Sehr erfolgreich, ist es u.a. auf der ORF Bestenliste im Dezember auf dem 1. Platz und wird von allen Seiten hoch gelobt. Davis ist eine Meisterin der Kurzprosa, ein Genre, das mich interessiert. Last but not least ist sie die erste Ehefrau von Paul Auster, der ja mittlerweile schon lange mit Siri Hustvedt verheiratet ist. Sie hat mit Auster einen gemeinsamen Sohn und Hustvedts Roman What I loved (den ich unglaublich großartig fand) soll angeblich von diesem Sohn und Austers erster Frau handeln.
Dept. of Speculation von Jenny Offill ist ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste. Wenn ich ganz großes Glück habe, bringt es mir eine Freundin am Samstag aus den USA mit. Ein Buch über eine Schriftstellerin in Brooklyn, die sich verliebt, die heiratet, die ein Kind bekommt. Ein Buch über Ehe, darüber, plötzlich Mutter zu sein und trotzdem zu schreiben, über die Krisen, Kämpfe und Gefühle, alles aus der Sicht der Frau. Ersetzen Sie das Wort Brooklyn mit Kreuzberg und ich habe auf der Stelle das Gefühl, dies ist ein Buch über mich. Und ich gebe hiermit zu, was sowieso schon lange auf der Hand liegt, dass Bücher, von denen ich glaube, sie könnten von mir handeln (direkt oder indirekt), mich unglaublich anziehen. Ich bin hoffnungslos subjektiv, auch und vor allem beim Lesen.
Dann ist da noch ein Buch mit Gedichten das mich sehr interessiert, weil ich die Autorin, Louise Glück, schon eine Weile immer wieder am Rande wahrnehme. Alle Gedichte (o.k., es waren vielleicht drei), die ich bisher von ihr gelesen habe, gefielen mir mehr als gut. Faithful and Virtuous Nights wünsche ich mir also (und vielleicht zählen Bücher mit Gedichten nicht, weil man sie sowieso nicht durch liest wie andere Bücher, sondern immer auf dem Nachttisch liegen hat, um wieder und wieder einmal hinein zu schauen? Also könnte ich mir ein Buch mit Gedichten im Grunde auf der Stelle besorgen, ohne meine eigenen Vorsätze auch nur ansatzweise zu berühren?! Ich glaube, ja!!)

© Susanne Becker

Donnerstag, 27. November 2014

about a dream


to know that you are free
at last you are happy
finally climbing your mountains
walking your woods
smiling into a camera 
that I only dreamed but me
I do believe in a netherworld
the other side a different form
of being continuing who we were
on this side I know it was you
waving at me telling me
how much alright life really is
despite all the worries 
we drive us forward with
through life accumulated fear
shaping our paths and that
in the end all this does not matter
but the waving
the smiling 
happiness is a very simple fact
even for somebody like you

© Susanne Becker

Montag, 24. November 2014

Siri Hustvedt - Die zitternde Frau

Ich bin ein großer Fan von Siri Hustvedt. Sie ist für mich eine Lieblingsschriftstellerin und so war es keine Frage, dass ich auch die zitternde Frau lesen würde, ein Buch, das kein Roman ist, sondern eine Art Abhandlung über psychologische, neurologische, psychologiehistorische Themen.
Ausgelöst wurde dieses Buch durch einen Zitteranfall, den Siri Hustvedt bei einer öffentlichen Ansprache zu Ehren ihres verstorbenen Vaters hatte "Meine Arme zuckten. Meine Knie knickten ein. Ich zitterte so stark, als hätte ich einen Krampfanfall. Komischerweise war meine Stimme nicht betroffen." Sie machte sich daraufhin auf die Suche nach der Geschichte ihrer Nerven, "in die Welten der Neurologie, Psychiatrie und Psychoanalyse". Sie wollte heraus finden was mit ihr los war.
Hätte das Buch tatsächlich von ihr, Siri Hustvedt, gehandelt, hätte ich es vermutlich verschlungen.
Aber es handelte verständlicherweise mehr von allen möglichen psychiatrischen, psychologischen und neurologischen Theorien, Ideen und deren Vertretern. Sie wollte ihrem Zittern auf den Grund kommen, sicher auch mit der begründeten Hoffnung, es mit dem Verstehen besiegen zu können. Sie wollte diesem irrationalen Phänomen rational auf die Schliche kommen. Denn es kehrte wieder, verfestigte sich also durch die Wiederholung zu einem Symptom und somit zu etwas, das sich in ihrem Leben breit zu machen schien.
Eigentlich liest sich das Buch wie eine Arbeit für eine Universität, eine Art Forschungsprojekt. Ich hätte es in einer Bibliothek lesen und mir dazu beständig Notizen machen wollen. Es erinnerte mich oft daran, wie ich ein Buch nach dem anderen verschlang, um meine Magisterarbeit dann aus dem akkumulierten Material zusammenstellen zu können.
Siri Hustvedt hat geforscht, um heraus zu finden, was mit ihr los ist. Sie hat es nicht wirklich heraus gefunden, da die Theorien, die Herangehensweise an psychische Phänomene, bis heute geprägt sind von Wissenschaftlern, die in relativ fest gelegten Kategorien denken. Rational. Logisch. Da wird es schwierig, bestimmte Phänomene zu ergreifen, ohne sie in einem Zug zu diffamieren (wie geschehen bei der Hysterie, bei deren Erforschung auch gleich die Frauen mit diffamiert wurden, denn sie galten als diejenigen, die hysterisch sein konnten, bei Männern war das undenkbar, da erfand man für gleiche oder ähnliche Symptome andere Kategorien).
7767504Was hat mich an dem Buch gestört? Dass auch Siri Hustvedt sich hinter wissenschaftlichen Kategorien zu verstecken scheint. Wenn man sie auf der Bühne erlebt, und das habe ich, sogar bei der Lesung zu diesem Buch hier in Berlin, dann wirkt sie sehr beeindruckend. Eine Frau, die sich im Griff hat, die wunderschön und unglaublich klug ist. Beim Lesen der zitternden Frau, in der sie auch von ihrer lebenslangen Migräneerkrankung berichtet, wurde mir klar, welchen Preis es sie kostet, diese Frau zu sein.
Wann hätte ich dieses Buch lieben können? Wenn es wirklich von ihr gehandelt hätte. Also, das ist falsch ausgedrückt, denn natürlich handelt es wirklich von ihr. Sie ist die zitternde Frau, die sich auch ein wenig versteckt vor dem Leben, den Abgründen, den Gefühlen, indem sie wissenschaftliche Bücher ohne Ende wälzt, die Intellektuelle so perfekt gibt, dass ich sie darum beneide. Die sich in ihrer Herangehensweise an Fragen wie die im Buch behandelte durchaus jenen angleicht, die sie hart kritisiert in eben diesem Buch. Wissenschaftler, dem Rationalen und der Logik verschriebenen Forschern, die, und das gebe ich jetzt zu, ist vollkommen meine subjektive Wahrnehmung und Interpretation und mein subjektiver Grund, solche Bücher nicht lieben zu können, eine Theorie wie eine Wand zwischen sich und das Leben stellen.
Ich hätte mir mehr persönliches gewünscht in diesem Buch, das doch eigentlich sehr persönlich hätte sein sollen. Sie spricht auch immer wieder von sich, ihren Zitteranfällen, ihrer Migräne. Das sind die Abschnitte, die mich ergriffen haben und dazu brachten, das Buch auch wirklich zu beenden. Es hat mich betroffen, dass ein Mensch sein Leben lang eigentlich immer Kopfschmerzen haben kann. Es hat mich mit unglaublicher Hochachtung erfüllt, dass sie es dennoch schafft, diese großartigen Bücher zu schreiben, mit dem (schmerzenden) Kopf so heraus ragend zu arbeiten, die Disziplin, die dahinter steckt, das hat mich sehr berührt. Aber kaum dachte ich, sie in dem Buch zu spüren, verschwand sie wieder hinter einem Schwall theoretischer Sätze, seitenlang.
Ich mochte das Buch nicht sehr und dann auch wieder doch, weil ich sie mag und Siri Hustvedt immer noch sehr beeindruckend finde. Sie schimmert hindurch und ist spürbar in dem Buch. Also würde ich es empfehlen all denen, die sich für psychische Phänomene und Erkrankungen und deren Erforschung interessieren, all denen, die wie ich Siri Hustvedt lieben, all denen, die es nicht schwierig finden, Bücher zu verschlingen, in denen Sätze wie diese stehen, die man weiß Gott nicht eben mal so in der U-Bahn oder abends im Bett verstehen kann: "Rechtshemisphärische Schädigungen führen häufig zu den bereits erwähnten Syndromen: Leugnung der Krankheit, Anosognosie - oder was die Neurologen Anasodiaphorie nennen, das Eingeständnis der Krankheit, aber ohne sich Sorgen zu machen: Janets belle indifference, wie bei Todd Feinbergs Patientin Lizzy, die sich keinen Deut um ihre Blindheit zu kümmern schien, selbst nachdem sie sie eingestanden hatte - und Neglect."
Im Nachhinein kann ich nicht sagen, dass mir die Lektüre Erkenntnisse gebracht hätte, warum zum Beispiel Siri Hustvedt Zitteranfälle hat. Es gab viele Vermutungen, warum man Zitteranfälle haben kann, aber keiner drang bei ihr in letzter Konsequenz zum Kern vor. Die Erkenntnis ist, dass sie sich nun, da die Zitteranfälle nicht vollkommen erklärt werden können, aber auch  nicht verschwinden, als zitternde Frau akzeptiert, so wie sie sich bereits vor vielen Jahren als Migränekranke akzeptieren musste.
Wissenschaftlich erklären lässt sich das Phänomen nicht befriedigend. Das ist es vermutlich unter anderem auch, was sie zeigen wollte mit ihrem Buch. Dass sie in einer unglaublichen Fleißarbeit sich hindurch gearbeitet hat durch die Geschichte der Neurologie und Psychiatrie und Psychologie und dass doch, bei all den Worten und Forschungen, die diese Disziplinen hervor gebracht haben, ein Symptom wie das ihre nicht erklärt werden kann. Man kann nur damit leben und es annehmen.
In diesem Zusammenhang weist sie auf Wittgenstein hin. "Ich habe nie glauben können, dass irgendein System, egal wie verführerisch, in der Lage wäre, die Mehrdeutigkeiten zu umfassen, welche dem Menschsein in der Welt innewohnen." Und vielleicht scheint es mir nur so, aber Siri Hustvedt hat vielleicht lange in einem Universum gelebt, in dem davon ausgegangen wurde, dass die Dinge erklärbar sind, und es ist nicht zuletzt dieser Teil von ihr, den sie mit "Die zitternde Frau" ein für allemal überzeugen wollte, "dass vieles in der Wissenschaft - wie auch in der analytischen Philosophie - vom Standpunkt des anonymen Beobachters einer erstarrten Welt hergeleitet wird, die sich dann in lesbare Wahrheiten zerlegen lässt." Das dies aber nicht ausreicht, zu erklären, warum wir sind, wer wir sind.

© Susanne Becker

Mittwoch, 19. November 2014

Die traditionelle Weihnachtswunschliste

Ich wünsche mir immer nur Bücher. Oder Reisen - aber das ist hier irgendwie egal, weil ich erstens keine Reise zu Weihnachten bekommen werde und  (sollte allerdings doch jemand interessiert daran sein, mir eine Reise zu schenken, wären folgende Ziele oben auf meiner Liste: Formentera, Istanbul, Lissabon, Rom, Irland oder ein mindestens achtwöchiger Roadtrip durch Polen, Weissrussland, Russland, die Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Albanien, Serbien, Bosnien, Kroatien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien) zweitens, geht es ja hier um Bücher, zumindest manchmal, und eigentlich fast nie ums Reisen, was, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, schade ist. Vielleicht erweitere ich meinen Blog zukünftig noch und schreibe mehr übers Reisen, also meine Reisen.

Aber zunächst zurück zu den Büchern:
Mo Yan Frösche Ich habe das Buch des chinesischen Nobelpreisträgers auf einem Lesezeichen vom Hanser Verlag beworben gefunden und mich interessierte sofort das Thema. Unterschwellig hatte sich diese Geschichte, dass Frauen in China zu Abtreibung und Sterilisation gezwungen werden, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, bei mir schon sehr lange eingegraben, ohne dass ich allzu bewusst darüber nachgedacht hätte. Es war ein Wissen, und jedesmal, wenn ich daran dachte, schüttelte es mich eigentlich und ich verdrängte den Gedanken lieber, dass in ganzen Ländern aus politischen Gründen Frauen verstümmelt werden. Da fällt mir ein, dass ich letzte Woche im Radio gehört habe, dass in Indien mindestens neun Frauen gestorben sind und 82 im Krankenhaus liegen. Sie bekommen, auch das ein Regierungsprogramm zur Bevölkerungsbegrenzung, 15€ oder einen Kühlschrank von der Regierung, wenn sie sich sterilisieren lassen. Leider hatte der Arzt in einem Dorf am Fließband gearbeitet und seine Instrumente nicht ein einziges Mal zwischendurch sterilisiert.
Als ich das Lesezeichen betrachtete und über Mo Yans Buch darauf las, sprang es mich geradezu an und das lange unterdrückte Bewusstsein griff nach seiner Gelegenheit, mehr zu erfahren. Dieses Buch ist also ganz weit oben auf meiner Wunschliste.

Barbara Kingsolver The Poisonwood Bible Sie ist eine amerikanische Autorin, die mir schon von vielen Freunden und Freundinnen empfohlen worden ist. Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich sie wirklich mögen werde, aber ich möchte es jetzt endlich einmal wissen.Dieses Buch handelt von einer Baptistenfamilie, die 1959 nach Belgisch Kongo auswandert und was sie dort in drei Generationen erlebt und wie sie transformiert wird.  Klingt im schlimmsten Fall nach sehr guter Unterhaltung. Ich habe durch die Empfehlungen allerdings den Eindruck bekommen, dass Kingsolver eine Autorin ist, die tiefer geht und nicht nur unterhalten möchte.

Olga Grjasnowa Die juristische Unschärfe einer Ehe Gehört zu den deutschen Büchern 2014, die mir aufgefallen sind. Mich interessieren Bücher gerade, die östlich von Berlin spielen, ob in Rumänien, Ungarn, Polen, der Ukraine, Russland, und wenn sie dann auch noch von Liebe handeln, bin ich nicht mehr zu halten. Reisetechnisch bin ich bislang nie östlicher gewesen als an der polnischen Ostseeküste bei Kolberg. Unser Garten ist im nord-östlichsten Zipfel Deutschlands und meine Traumreise wäre ein Roadtrip durch alle Staaten östlich und südlich dieses Gartens, so ein bisschen wie Darius Kopp es in dem Buch Das Ungeheuer gemacht hat, nur ohne Urne im Kofferraum. Ich bin sehr neugierig auf alles, was sich dort entdecken lässt und stille diese Neugierde gerade in literarischer Form. Der Russe ist einer, der Birken liebt von der gleichen Autorin kann im Grunde gleich auch auf die Liste. Das Gute ist, dass einem das Stillen der Neugierde in Deutschland gerade leicht gemacht wird, denn viele der veröffentlichten und populären Autorinnen und Autoren schreiben von dort. So auch:

Nino Haratischwili Das achte Leben, ein Buch, das eigentlich ganz oben stehen sollte auf meiner Liste. Denn es ist das eine und einzige Buch, das ich mir wünschen würde, wenn ich mir nur ein Buch wünschen dürfte. Sobald ich es in Händen halte, werde ich mich eine Woche aus dem Leben zurück ziehen und lesen (es hat über 1000 Seiten, ich glaube, das letzte Buch dieser Länge war Anna Karenina und ich habe drei Monate dafür gebraucht). Aber Das achte Leben soll sich so leicht lesen wie man eine Schokoladentorte verzehrt, und erzählt dem Leser eine Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert umspannt, von Georgien nach Deutschland reicht und alles enthält, was in den Jahren und den Orten von Bedeutung war. Ich habe noch keinen vernünftigen Menschen getroffen, der dieses Buch nicht liebt. Selbst, wenn man in eine Buchhandlung geht, um dort nur einen Kaffee und ein belegtes Brot zu kaufen, wie ich letztens im Ocelot, ist man innerhalb weniger Sekunden in ein Gespräch über dieses Buch verwickelt und die Ocelotfrau bekam, ich schwöre, fiebrig glänzende Augen und beinahe wäre ich schwach geworden und hätte es gekauft. Aber ich lebe gerade wieder unter dem Verdikt des selbst auferlegten Bücherkaufstopps, um ein bisschen an den Büchern zu arbeiten, die ich habe, die ich nicht mehr kaufen muss. Ich musste meinen Körper also zwingen, den Laden ohne dieses Buch wieder zu verlassen, eine grandiose Meisterleistung in Sachen Selbstkontrolle, aber ich schwöre, ich werde diese Kontrolle auf der Stelle verlieren, wenn ich es nicht zu Weihnachten bekomme. Und dann renne ich am 27. Dezember in meinen Lieblingsbuchladen und hole es mir selbst.

Susan Sontag Reborn: Journals and Notebooks 1947-63 und As Consciousness is harnessed to flesh: Journals and Notebooks 1964-1980 Erstens, weil ich Susan Sontag liebe und zweitens, weil ich unglaublich gerne Tagebücher lese.Ich gehe davon aus, dass diese beiden Bücher ein Hort an Klugheit, Inspiration, Kreativität, Tiefgang und Schreibkunst sind. Deshalb kann ich es kaum erwarten, sie zu lesen.

Svetlana Aleksijewitsch Secondhand-Zeit Leben auf den Trümmern des Sozialismus und im Grunde fast jedes andere Buch von ihr. Hier spielt wieder meine Faszination herein mit allem, was östlich von Berlin liegt, aber auch ein bei mir immer schon vorhandenes Interesse an realistischen Berichten über Dinge, die nur schwer zu ertragen sind, die aber derart gekonnt in literarischer Form aufgearbeitet sind, dass man sie dennoch verschlingt und dabei unglaublich viel lernt. Ihre Bücher handeln von Tschernobyl (sie hat dort die Überlebenden interviewt), von Kriegen und ihren Auswirkungen. Hier der Link zu einigen anderen ihrer Bücher. Sie war eigentlich meine ganz große Favoritin für den Nobelpreis und ich bin immer noch nicht darüber hinweg, dass sie ihn nicht erhalten hat. Ich finde, aus vielen Gründen, literarische Qualität, Bedeutung für das menschliche Bewusstsein, nicht zuletzt aus politischen Gründen, hätte sie ihn bekommen sollen.

Jenny Offill Dept. of Speculation Ein Buch über die Spannungen zwischen einem kreativen Leben und einem Leben als Mutter und Ehefrau. Dieses Thema interessiert mich aus vielen Gründen, nicht zuletzt natürlich aus den persönlichen ;-), aus welchen sich mein Leben praktisch zusammen setzt.

Sheila Heti How should a person be? Dieses Buch ist mir bereits vor fast einem Jahr begegnet und ich wollte es sofort haben. Der Titel hat mich sehr angesprochen und auch alles, was ich darüber gelesen habe. Sheila Heti war dann sogar in Berlin und las in der Autorenbuchhandlung. Leider konnte ich nicht hingehen, worüber ich mich immer noch ein wenig ärgere. Ein Buch über Kunst, Kreativität und die Suche nach sich selbst, das von der Liste, trotz vieler Sortierereien, nicht herunter gepurzelt ist.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich diese Liste endlos weiter führen könnte, und dass im Grunde täglich ein neues Buch dazu kommt. Ein großer Teil meiner literarischen Orientierungstätigkeit besteht darin, die Bücher so zu ordnen, zu sortieren, hin- und herzuschieben, dass ich immer wieder fundiert entscheiden kann, welche der unglaublich vielen alten und neuen Werke ich nun eigentlich wirklich lesen möchte. Wem diese Liste nicht genügt dem sei noch diese und aber auch durchaus diese empfohlen. Auf beiden befinden sich viele viele Bücher, die noch nicht gelesen habe und über die ich mich extrem freuen würde.
Was wünscht Ihr Euch zu Weihnachten?

© Susanne Becker

Sonntag, 16. November 2014

november II




















until life happens
which can be terrifying
mostly a matter of ignorance
closing in the walls on us
seems not an unnatural reaction
a pain at a time we disappear
behind what turns us into equals
walled in creatures more or less
we are all on the same path to protect
ourselves from pain and
disappointment and fear

until life happens
our hearts are not open
everybody wants to be happy
yet so very few know how
a feeling at a time
not to run anymore
from what is
not more
not less
it is out of ignorance
that we hurt ourselves or others
a tear at a time we reappear

© Susanne Becker



Donnerstag, 13. November 2014

50 tolle Bücher von Frauen (2)


Dies ist der erste Post zum Thema tolle Bücher von Frauen und ich werde ab jetzt regelmäßig eine solche Liste erstellen. Es gibt so unendlich viele tolle Bücher von Frauen, dass es mich beinahe süchtig macht, immer mehr auszugraben - auch und vor allem für mich selber. Wobei ich realistisch bleiben sollte. Bis ich all die Bücher auf dieser und der ersten Liste gelesen habe, bin ich vermutlich um die 102 Jahre alt. Sie enthalten genug, mein Leseleben für den Rest meiner Tage zu füllen (es sei denn, ich erhöhe mein Tempo). Aber vielleicht ist auch für Euch die ein oder andere Entdeckung dabei, das würde mich sehr freuen.

Angeregt dazu wurde ich ursprünglich durch diese Liste  die mir sehr gut gefiel, mir einige Anregungen gab, die aber eben keine deutschen Autorinnen enthält. Hier also meine Alternative für readwomen2014. Und mein Vorschlag, lest erstmal all diese Bücher und wenn das Jahr dann noch nicht zuende ist, ein paar von Männern, o.k.? O.k.!
Noch eine Anmerkung: Die Reihenfolge sagt nichts über die Stellung im Universum meiner Lieblingsbücher oder -schriftstellerinnen aus. Ich finde alle diese Bücher toll und würde mich komplett überfordert fühlen, sie in eine Wertigkeiten ausdrückende Reihenfolge zu bringen. Auch fehlen auf dieser Liste immer noch unglaublich viele Autorinnen, die ich ebenfalls toll finde. Aber mir ist klar, dass es schon eine Herausforderung ist, sich eine Liste mit 50 Titeln anzuschauen, 100, das wäre einfach zuviel.



1. Elif Shafak Ehre (mehr dazu auf diesem Blog)






2. Elif Shafak Die vierzig Geheimnisse der Liebe








Wölfe




3. Hilary Mantel Wölfe





Elizabeth  Strout - Bleib bei mir




4. Elizabeth Strout Bleib bei mir




111126









5. Alice Munro Hateship, Friendship, Courtship, Lovesip, Marriage (mehr dazu auf diesem Blog)



Das letzte Land




6. Svenja Leiber Das letzte Land (mehr dazu auf diesem Blog)






17465453



7. Elizabeth Gilbert The Signature of all Things (mehr dazu auf diesem Blog)





Malina



8. Ingeborg Bachmann Malina (Text zu Ingeborg Bachman von mir)





13537891






9. Zadie Smith NW
    9923549
    15834147
10 Elif Shafak Black Milk
Donna  Tartt - Der Distelfink
11. Jenny Erpenbeck Aller Tage Abend (mehr dazu auf diesem Blog)
    9361377








12. Donna Tartt Der Distelfink













13. Sheila Heti How should a person be?











Aller Liebe Anfang14. Judith Hermann Aller Liebe Anfang










2289642415. Nino Haratschwili Das achte Leben












16. Barbara Kingsolver The Poisonwood Bible
    7244










111151

17. Alice Munro The Love of a good Woman








14285



18. Alice Munro Lives of Girls and Women








14283










Die juristische Unschärfe einer Ehe

20. Olga Grjasnowa Die juristische Unschärfe einer Ehe










The Blazing World
21. Siri Hustvedt The Blazing World








Das Fremde Meer

22. Katharina Hartwell Das fremde Meer









18770398




23. Marisha Pressl Night Film







15701217







24. Claire Messud The Woman upstairs



23008863








25. Meg Wolitzer Die Interessanten




Das Haus des Windes








27. Louise Erdrich Das Haus des Windes


6464937











28. Alice Munro Too much Happiness
Liebesleben
13575948



29. Zeruya Shalev Liebesleben










30. Zeruya Shalev Mann und Frau






Diese Dinge geschehen nicht einfach so













Ronja Räubertochter

32. Astrid Lindgren Ronja Räubertochter








33. Katja Petrowskaja Vielleicht Esther
    Vielleicht Esther











Buchdeckel „Die zitternde Frau“
34. Siri Hustvedt Die zitternde Frau







60937






35. Alice Walker The Temple of my Familiar








60943







33917


37. Jhumpa Lahiri The Namesake



5439











38. Jhumpa Lahiri Interpreter of Maladies





Secondhand-Zeit






Der Krieg hat kein weibliches Gesicht






40. Svetlana Aleksijewitsch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht





Zinkjungen








41. Svetlana Aleksijewitsch Zinkjungen


Tschernobyl




42. Svetlana Aleksijewitsch Tschernobyl eine Chronik der Zukunft

392005





43. Dacia Maraini The Silent Duchess




Sofi  Oksanen - Fegefeuer









44. Sofi Oksannen Fegefeuer



Die Frauen von Algier








45. Assia Djebar Die Frauen von Algier
Nirgendwo im Haus meines Vaters









46. Assia Djebar Nirgendwo im Haus meines Vaters


17402288











47. Jenny Offill Dept. of Speculation
38447









48. Margaret Atwood, The Handmaid's Tale




187144












50. Naomi Shihab Nye What have you lost?










Viele der Bücher oder Autorinnen hatte ich vor kurzem schon einmal in diesem Text erwähnt: Schriftstellerinnen, denen ich den Nobelpreis geben würde.
Bald ist Weihnachten, wünscht Euch doch das ein oder andere dieser Bücher oder verschenkt sie. Damit kann man nichts verkehrt machen.


© Susanne Becker