Berlin

Berlin

Mittwoch, 19. November 2014

Die traditionelle Weihnachtswunschliste

Ich wünsche mir immer nur Bücher. Oder Reisen - aber das ist hier irgendwie egal, weil ich erstens keine Reise zu Weihnachten bekommen werde und  (sollte allerdings doch jemand interessiert daran sein, mir eine Reise zu schenken, wären folgende Ziele oben auf meiner Liste: Formentera, Istanbul, Lissabon, Rom, Irland oder ein mindestens achtwöchiger Roadtrip durch Polen, Weissrussland, Russland, die Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Albanien, Serbien, Bosnien, Kroatien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien) zweitens, geht es ja hier um Bücher, zumindest manchmal, und eigentlich fast nie ums Reisen, was, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, schade ist. Vielleicht erweitere ich meinen Blog zukünftig noch und schreibe mehr übers Reisen, also meine Reisen.

Aber zunächst zurück zu den Büchern:
Mo Yan Frösche Ich habe das Buch des chinesischen Nobelpreisträgers auf einem Lesezeichen vom Hanser Verlag beworben gefunden und mich interessierte sofort das Thema. Unterschwellig hatte sich diese Geschichte, dass Frauen in China zu Abtreibung und Sterilisation gezwungen werden, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, bei mir schon sehr lange eingegraben, ohne dass ich allzu bewusst darüber nachgedacht hätte. Es war ein Wissen, und jedesmal, wenn ich daran dachte, schüttelte es mich eigentlich und ich verdrängte den Gedanken lieber, dass in ganzen Ländern aus politischen Gründen Frauen verstümmelt werden. Da fällt mir ein, dass ich letzte Woche im Radio gehört habe, dass in Indien mindestens neun Frauen gestorben sind und 82 im Krankenhaus liegen. Sie bekommen, auch das ein Regierungsprogramm zur Bevölkerungsbegrenzung, 15€ oder einen Kühlschrank von der Regierung, wenn sie sich sterilisieren lassen. Leider hatte der Arzt in einem Dorf am Fließband gearbeitet und seine Instrumente nicht ein einziges Mal zwischendurch sterilisiert.
Als ich das Lesezeichen betrachtete und über Mo Yans Buch darauf las, sprang es mich geradezu an und das lange unterdrückte Bewusstsein griff nach seiner Gelegenheit, mehr zu erfahren. Dieses Buch ist also ganz weit oben auf meiner Wunschliste.

Barbara Kingsolver The Poisonwood Bible Sie ist eine amerikanische Autorin, die mir schon von vielen Freunden und Freundinnen empfohlen worden ist. Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich sie wirklich mögen werde, aber ich möchte es jetzt endlich einmal wissen.Dieses Buch handelt von einer Baptistenfamilie, die 1959 nach Belgisch Kongo auswandert und was sie dort in drei Generationen erlebt und wie sie transformiert wird.  Klingt im schlimmsten Fall nach sehr guter Unterhaltung. Ich habe durch die Empfehlungen allerdings den Eindruck bekommen, dass Kingsolver eine Autorin ist, die tiefer geht und nicht nur unterhalten möchte.

Olga Grjasnowa Die juristische Unschärfe einer Ehe Gehört zu den deutschen Büchern 2014, die mir aufgefallen sind. Mich interessieren Bücher gerade, die östlich von Berlin spielen, ob in Rumänien, Ungarn, Polen, der Ukraine, Russland, und wenn sie dann auch noch von Liebe handeln, bin ich nicht mehr zu halten. Reisetechnisch bin ich bislang nie östlicher gewesen als an der polnischen Ostseeküste bei Kolberg. Unser Garten ist im nord-östlichsten Zipfel Deutschlands und meine Traumreise wäre ein Roadtrip durch alle Staaten östlich und südlich dieses Gartens, so ein bisschen wie Darius Kopp es in dem Buch Das Ungeheuer gemacht hat, nur ohne Urne im Kofferraum. Ich bin sehr neugierig auf alles, was sich dort entdecken lässt und stille diese Neugierde gerade in literarischer Form. Der Russe ist einer, der Birken liebt von der gleichen Autorin kann im Grunde gleich auch auf die Liste. Das Gute ist, dass einem das Stillen der Neugierde in Deutschland gerade leicht gemacht wird, denn viele der veröffentlichten und populären Autorinnen und Autoren schreiben von dort. So auch:

Nino Haratischwili Das achte Leben, ein Buch, das eigentlich ganz oben stehen sollte auf meiner Liste. Denn es ist das eine und einzige Buch, das ich mir wünschen würde, wenn ich mir nur ein Buch wünschen dürfte. Sobald ich es in Händen halte, werde ich mich eine Woche aus dem Leben zurück ziehen und lesen (es hat über 1000 Seiten, ich glaube, das letzte Buch dieser Länge war Anna Karenina und ich habe drei Monate dafür gebraucht). Aber Das achte Leben soll sich so leicht lesen wie man eine Schokoladentorte verzehrt, und erzählt dem Leser eine Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert umspannt, von Georgien nach Deutschland reicht und alles enthält, was in den Jahren und den Orten von Bedeutung war. Ich habe noch keinen vernünftigen Menschen getroffen, der dieses Buch nicht liebt. Selbst, wenn man in eine Buchhandlung geht, um dort nur einen Kaffee und ein belegtes Brot zu kaufen, wie ich letztens im Ocelot, ist man innerhalb weniger Sekunden in ein Gespräch über dieses Buch verwickelt und die Ocelotfrau bekam, ich schwöre, fiebrig glänzende Augen und beinahe wäre ich schwach geworden und hätte es gekauft. Aber ich lebe gerade wieder unter dem Verdikt des selbst auferlegten Bücherkaufstopps, um ein bisschen an den Büchern zu arbeiten, die ich habe, die ich nicht mehr kaufen muss. Ich musste meinen Körper also zwingen, den Laden ohne dieses Buch wieder zu verlassen, eine grandiose Meisterleistung in Sachen Selbstkontrolle, aber ich schwöre, ich werde diese Kontrolle auf der Stelle verlieren, wenn ich es nicht zu Weihnachten bekomme. Und dann renne ich am 27. Dezember in meinen Lieblingsbuchladen und hole es mir selbst.

Susan Sontag Reborn: Journals and Notebooks 1947-63 und As Consciousness is harnessed to flesh: Journals and Notebooks 1964-1980 Erstens, weil ich Susan Sontag liebe und zweitens, weil ich unglaublich gerne Tagebücher lese.Ich gehe davon aus, dass diese beiden Bücher ein Hort an Klugheit, Inspiration, Kreativität, Tiefgang und Schreibkunst sind. Deshalb kann ich es kaum erwarten, sie zu lesen.

Svetlana Aleksijewitsch Secondhand-Zeit Leben auf den Trümmern des Sozialismus und im Grunde fast jedes andere Buch von ihr. Hier spielt wieder meine Faszination herein mit allem, was östlich von Berlin liegt, aber auch ein bei mir immer schon vorhandenes Interesse an realistischen Berichten über Dinge, die nur schwer zu ertragen sind, die aber derart gekonnt in literarischer Form aufgearbeitet sind, dass man sie dennoch verschlingt und dabei unglaublich viel lernt. Ihre Bücher handeln von Tschernobyl (sie hat dort die Überlebenden interviewt), von Kriegen und ihren Auswirkungen. Hier der Link zu einigen anderen ihrer Bücher. Sie war eigentlich meine ganz große Favoritin für den Nobelpreis und ich bin immer noch nicht darüber hinweg, dass sie ihn nicht erhalten hat. Ich finde, aus vielen Gründen, literarische Qualität, Bedeutung für das menschliche Bewusstsein, nicht zuletzt aus politischen Gründen, hätte sie ihn bekommen sollen.

Jenny Offill Dept. of Speculation Ein Buch über die Spannungen zwischen einem kreativen Leben und einem Leben als Mutter und Ehefrau. Dieses Thema interessiert mich aus vielen Gründen, nicht zuletzt natürlich aus den persönlichen ;-), aus welchen sich mein Leben praktisch zusammen setzt.

Sheila Heti How should a person be? Dieses Buch ist mir bereits vor fast einem Jahr begegnet und ich wollte es sofort haben. Der Titel hat mich sehr angesprochen und auch alles, was ich darüber gelesen habe. Sheila Heti war dann sogar in Berlin und las in der Autorenbuchhandlung. Leider konnte ich nicht hingehen, worüber ich mich immer noch ein wenig ärgere. Ein Buch über Kunst, Kreativität und die Suche nach sich selbst, das von der Liste, trotz vieler Sortierereien, nicht herunter gepurzelt ist.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich diese Liste endlos weiter führen könnte, und dass im Grunde täglich ein neues Buch dazu kommt. Ein großer Teil meiner literarischen Orientierungstätigkeit besteht darin, die Bücher so zu ordnen, zu sortieren, hin- und herzuschieben, dass ich immer wieder fundiert entscheiden kann, welche der unglaublich vielen alten und neuen Werke ich nun eigentlich wirklich lesen möchte. Wem diese Liste nicht genügt dem sei noch diese und aber auch durchaus diese empfohlen. Auf beiden befinden sich viele viele Bücher, die noch nicht gelesen habe und über die ich mich extrem freuen würde.
Was wünscht Ihr Euch zu Weihnachten?

© Susanne Becker

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen