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Es werden Posts vom 2018 angezeigt.

Anke Stelling, Schäfchen im Trockenen

"Wir sind Opfer. Und unseres Glückes Schmied! Wir machen uns gut in egal welcher Kulisse, sind die Protagonisten unseres Lebens."


Anke Stellings neues Buch Schäfchen im Trockenen habe ich verschlungen. Es ist großartig geschrieben und mit seiner Handlung so nah am Leben dran, wie man es selten findet, an dem Hier und Jetzt von mir und vielen meiner Freunde, die mit Kindern und der existentiellen Unsicherheit mitten in Berlin, mitten in einer großen Stadt in Europa leben, wo Neoliberalismus und Kapitalismus die Werte vorgeben und man, plant man schlecht, auch sehr leicht unter die Räder kommen kann. Vielleicht vor allen Dingen dann, wenn man sich dem Leben mit Chuzpe und offenen Armen, voller Vertrauen, ein wenig ausliefert. Hier springe ich vom Zehnmeterbrett, mach' mit mir, was Du willst, Du verrücktes Leben!
Resi ist Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und hat ein Buch über ihre Freunde geschrieben, die im Rahmen einer Baugruppe ein tolles eigenes Hau…

Travelling Home

You are like a foreign country. I do not speak your language. Drowning in your eyes, which I can not read. What you do, goes right through me, cuts me open, I think, I might lose myself, in you, which is a story about you, which is a story about myself.
The first time we sat in a train, you sat across from me, told me about your life. I knew, I would rather not leave the train, ever. What feels like home? Riding around Berlin in a train, listening to your story, swimming in your eyes away from what I knew as home, but was not. Never could be, because I moved in, when I was a stranger to myself.
Every plastic flower on the table, in the vietnamese restaurant, remember? was the most beautiful thing, I ever laid my eyes on. Of course you. The shabby plastic table. The pho was very good! Best soup, I ever tasted, while locking myself into your universe.
You are like a foreign country. I travel you, and while getting lost, again, I find so much about myself, I never knew existed.…

Asymmetrie von Lisa Halliday

"He called her mermaid. She didn't know why."
Gerade habe ich Asymmetrie von Lisa Halliday beendet und vielleicht ist es eines der Bücher, das mich am stärksten aus meiner „comfort zone“ katapultiert hat. Weil eine amerikanische, weiße, im Grunde privilegierte Frau, die in der Literaturwelt arbeitet, ihren Horizont so derart transzendiert, dass es sie in die Lage versetzt, mit der Stimme eines irakisch-amerikanischen Mannes zu schreiben, der am Londoner Flughafen davon abgehalten wird, in Großbritannien einzureisen. Dabei möchte er dort nur zwei Tage bleiben, seinen Freund Alastair, einen Kriegsjournalisten, treffen und dann, über Istanbul, weiter in den Irak reisen. Aber man lässt ihn nicht. Er hat zwei Pässe. Er ist auch Iraker. Irakisch ist eine der verdächtigen Nationalitäten. Terroristen sind Iraker. Die Geschichte dieses Mannes, seiner Familie, ein Teil der Geschichte des Irak macht aber erst den zweiten Teil dieses wunderbaren Buches aus. Im ersten Teil hat die I…

Buch der Woche - Fegefeuer von Sofi Oksanen

"Aliide zog die Gardinen zurecht. Der regnerische Hof schniefte grau, die Zweige der Hofbirken zitterten nass, die Blätter platt vom Regen, die Gräser schwankten, und von den Spitzen fielen Tropfen herab. Und da unter ihnen war etwas. Irgendein Bündel. Aliide zog sich hinter die Gardine zurück. Wieder spähte sie hinaus, zog die Spitzengardine vor sich, um vom Hof aus nicht gesehen zu werden, und hielt den Atem an."
Jetzt hat es mich doch ergriffen, dieses Buch der Finnin Sofi Oksanen, Fegefeuer.
Das Fegefeuer ist der Ort der Läuterung für jene Seelen, die noch nicht heilig sind, also nicht gleich in den Himmel dürfen. Tröstlich am Fegefeuer ist, dass die, die hinein kommen, nach ihrer Läuterung sicher in den Himmel aufsteigen werden. Also eine sehr schmerzhafte, verwandelnde Katharsis. Aber sind Verwandlungen nicht immer schmerzhaft? 
Ich habe es schon so lange im Regal liegen, dass ich es nur aus einer Art Pflichtgefühl heraus in die Hand nahm. So viel gutes hatte ich vor …

Buch der Woche - Im Winter von Karl Ove Knausgård

„2. Dezember. Den ganzen Sommer und ganzen Herbst hast du in ihrem Bauch gelegen. Umgeben von Wasser und Dunkelheit bist du durch die verschiedenen Entwicklungsphasen des Fötus gewachsen, die von außen der Evolution unserer menschlichen Art gleichen, ….“
Diese erste Satz des Buches „Im Winter“ von Karl Ove Knausgård enthält schon so viel von all dem, was im Grunde alle seine Bücher ausmachen. In fast lockerem Plauderton, ich nenne es privat für mich auch oft „Gelaber“, aber in einem freundlichen Sinn, erzählt er der Leserin privates und verknüpft es auf der Stelle mit einer Öffnung hin zu philosophischen Erkenntnissen, die uns noch auf der ersten Seite zum Thema "Regenjacken" führen werden "eine Art Haut, die wir anziehen".  Beides durchdringt sich bei ihm beständig: das private und das Allgemeingültige, die Verbindung zu einem Lebensganzen, die er zu finden versucht. Diese Suche hat oft einen leicht verzweifelten Unterton, als wolle er durch möglichst viele Worte…

Buch der Woche - Jasper und sein Knecht von Gerbrand Bakker

„Gestern habe ich das erste Stück Terrasse gepflastert, und das ist nicht einfach, weil die Steine unterschiedlich groß sind. Heute wieder ein Stückchen, und morgen und übermorgen. Nicht zu eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, immer soll etwas liegen bleiben. In gewisser Hinsicht wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen.“
Ein niederländischer Schriftsteller, der sich selbst als jemand beschreibt, der mit einer sehr langen Bedienungsanleitung geliefert wird. Ein empfindlicher, verletzlicher Mann, der gerne allein ist und noch nie eine feste Beziehung hatte. Ein Mensch, der sich, so kann man es bei ihm immer wieder lesen, ausgiebig an den anderen Menschen reibt, aufreibt. Aber daraus entstehen vielleicht seine wunderbaren Bücher?
Er kauft 2012 ein Haus in der Eifel, zwischen Bitburg und Prüm. Er findet einen Hund, Jasper, der ursprünglich…

Leseliste August

Irgendwie habe ich das Gefühl, in der Leseliste für den August so ein wenig Resistance, Widerstand, Widerborstigkeit versammeln zu wollen.
Es geht mir auf den Geist, wie durch Worte allein, und #Asyltourismus ist nur ein ausgelutschtes Beispiel dafür, die Grenzen dessen, was wir akzeptieren, immer weiter nach rechts verschoben werden. Und lasst mich klar sein: mit rechts meine ich menschenverachtend, rassistisch, Sündenböcke produzierend, homophob, antifeministisch, misogyn, #younameit, #youknowwhatImean.
Wenn ich Widerstand sage, dann meine ich einen offenen Geist, Menschlichkeit, Freundlichkeit, eine Übereinkunft über die Grundwerte. Mir reicht es wirklich schon, wenn alle sich an die Zehn Gebote halten. Damit wären wir im Grunde schon in einer idealen Zukunft.

1. August Untertauchen von Lydia Tschukowskaja, ein Buch gegen die Diktatur Stalins, und ja, ich würde sagen, Stalin war ein geistiger Bruder von Hitler, nichts an diesem Regime war links
2. August Hannah Arendt, die Frankfur…

Lydia Tschukowskaja, Untertauchen

Die Schriftstellerin Nina Sergejewna fährt für vier Wochen aufs Land, in eine Art Schriftstellerkolonie, um in Ruhe, weit weg vom Alltag, schreiben zu können. Dort trifft sie unter anderem den Schriftsteller Bilibin und den Lyriker Weksler, einen Juden.
Nach und nach erfährt man, dass Nina Sergejewnas Mann vor ein paar Jahren mitten in der Nacht abgeholt worden ist und sie kurz darauf die Nachricht erhalten hatte, dass er zu zehn Jahren Lager mit Kontaktverbot verurteilt worden ist. Nie wieder hat sie von ihm gehört. Sie lebt allein mit der Tochter in einer Wohnung mit im Grunde Fremden. So war es. Eine große Wohnung musste man teilen.  Wie die anderen Schwestern, Frauen, Mütter, deren Brüder, Männer, Söhne im Zuge von Stalins Säuberungen spurlos verschwunden sind, und vollkommen grundlos, willkürlich, stand sie schon im Morgengrauen vor dem Gefängnis an, frierend, stundenlang, um irgendwann, wie alle anderen Frauen, die Auskunft zu erhalten, dass der Fall ihres Mannes noch nicht bea…

Sasha Marianna Salzmann, Ausser sich

Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als nächstes passieren könnte.

Das Buch Ausser sich von Sasha Marianna Salzmann, 2017 im Suhrkamp Verlag erschienen, lag relativ lange angelesen auf meinem SuB und ich konnte mich nicht aufraffen, es zu beenden. Seite 20 oder so, weiter kam ich nicht. Ein wenig ging ich vermutlich anfangs in den Wirren der Geschichte verloren, die zwischen Russland und der Türkei, zwischen Deutschland, der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her zu springen scheint. Ali kommt nach Istanbul, um ihren Bruder Anton zu suchen. Sie schläft auf der Couch eines Onkels, Cemal und wird dort von Wanzen gebissen. Aber eigentlich kommen Ali und Anton aus Russland. Sie sind Juden. Sie ha…

Claire-Louise Bennett, Teich

"Pfannengericht

Haben eben mein Abendessen in den Müll geworfen. Ich wusste schon während des Kochens, dass ich das tun würde, deswegen habe ich alles hineingerührt, was ich nicht mehr sehen will."

Ich mag Bücher, in denen Autorinnen oder Autoren einen eher zurückgezogenen, einen einfachen Lebensstil, möglichst ihren eigenen, beschreiben. Ich mag es, wenn sie in einsamen Häusern leben und mit jedem Staubkorn eine Beziehung eingehen, über die sie etwas sagen können. Das ist wie bei Handke und natürlich sowieso wie bei Karl-Ove Knausgard. Die Bücher dieser Autor*innen haben in der Regel keine weitere Handlung, scheinbar. Aber im Laufe der Lektüre enthüllt sich dann etwas aus dem tiefsten Inneren des Autors, oder auch aus dem menschlichen Leben allgemein, welches wie das Aufleuchten einer Wahrheit in einer langen Meditationssitzung scheint. Und vielleicht sind diese Bücher ja auch eher Meditationen als Ergebnisse einer "creative writing" Klasse.

Das Erzählen ist wie e…

Adam Haslett, Stellt Euch vor, ich bin fort

Auf einer Party in London lernt die Amerikanerin Margaret John kennen. Er mixt einen Gin Tonic für sie. Sie beginnen zu reden. Das Buch „Stellt Euch vor, ich bin fort“ erzählt von all den Dingen, die nach dieser Begegnung geschehen sind: eine Liebesgeschichte, eine Ehe, gemeinsame Kinder.
Aber davor gibt es einen Zusammenbruch. Eines Tages ist John nämlich verschwunden. Margaret findet ihn in einem psychiatrischen Krankenhaus wieder, wo der Arzt ihr mitteilt, dass John manisch-depressiv ist und ein solcher Zustand bei ihm immer wieder auftauchen kann. „Lieben Sie ihn?“ Margaret bejaht die Frage und stürzt sich in das Abenteuer einer Ehe mit ihm, der sie bei aller Schwere immer wieder zu überraschen versteht.
Sie bekommen drei Kinder: Michael, der älteste, ist schon als Baby angespannt. Sein kleiner Körper scheint so unter Druck zu stehen, dass es Margaret oft nicht gelingt, ihn zu entspannen. Celia ist die vernünftige, Verantwortung früh übernehmende einzige Tochter und Alec das Ne…

Leseliste Juli 2018

Das Thema der Leseliste für den Monat Juli ist Reisen, innere Reisen sowieso und selbstverständlich solche in der Außenwelt. Exotische und spannende Orte gibt es an beiden Stellen.
In diesem Post nehmen Buchbesprechungen den größten Raum ein. Zum einen, weil jedes Buch an sich schon eine Reise ist, zum anderen, weil Bücher die wunderbarsten und inspirierendsten Reisebegleiter sind und ich nirgends soviel lese, wie im Urlaub. Und last but not least, weil viele der Bücher, die ich liebe, in irgendeiner Form von Reisen handeln.

Auch ich werde in den nächsten Monaten ein kleines wenig reisen. Vor allem in die Uckermark, in den geliebten Garten, von dort aus ein kleiner Abstecher an die Ostsee. Dann stehen noch Köln und Bonn auf der Agenda, wo ich alte Freunde sehe und die Marina Abramovic Show in der Bundeskunsthalle anschauen möchte.
Anfang August shippern Miss Lilly (evtl. Miss Holly) und meine Wenigkeit mit herrlichen Freunden auf einem Hausfloß über die Mecklenburgische Seenplatte.

Me…

Juli Zeh, Leere Herzen

„…, jene notorischen Nörgler, die seit Jahrzehnten mit ihrer Missgunst und Kleinkariertheit an den Fundamenten der Demokratie graben. Die das Internet in eine Schlammschleuder verwandelt haben, die nur glücklich sind, wenn sie auf andere herabschauen können. Die sich und ihre kindischen Bedürfnisse über alles stellen. Die lieber simplen Verschwörungstheorien glauben, als sich mit der komplizierten Wahrheit auseinanderzusetzen.“
In ihrem neuesten Roman Leere Herzen beschreibt Juli Zeh beklemmend realistisch ein Szenario, das nicht so weit von unserer aktuellen Situation entfernt ist, vielmehr eine mögliche logische Konsequenz daraus darstellt.  Die meisten Menschen haben sich ins Nicht-wählen zurückgezogen und die Demokratie wird ignoriert zugunsten des bequemen Einnistens  in ein möglichst sorgenfreies und sauberes Privatleben.
An der Regierung ist die BBB (Bewegung Besorgter Bürger) mit der Kanzlerin Regula Freyer. Angela Merkel wurde durch die zunehmenden Proteste „Merkel muss weg“…

Céline Minard, Das große Spiel

Ein Buch, das an die Grenzen zielt, und darüber hinaus, auch die des Verstehens. Das Genre Roman, ich erlebe es in den letzten Monaten immer wieder, wird verändert, es weitet sich. Es geht nicht mehr nur um das Erzählen einer Geschichte. Es geht um das Ausloten innerer Räume. Wie still kann ein Mensch werden? Wie leer kann ein Mensch werden? Was ist, wenn man sein Ego überwindet?
Themen, Fragen, die eher in ein Zen Retreat zu gehören scheinen, erobern das literarische Schreiben. Räume werden ausgelotet und Romane werden zu Meditationen. Der Text, das Konstrukt, erinnert weniger an das, was man früher als Roman kannte (und warum kommt mir jetzt Die Buddenbrooks in den Sinn?), als daran, was einem begegnet, wenn man stundenlang auf einem Meditationskissen sitzt.
Insofern könnte dies ein Buch sein, das Handke gefällt. Die Protagonistin in gewisser Hinsicht eine seelische Schwester der Abenteurerin im Bildverlust? Es mag mir so erscheinen. Natürlich kann ich mich täuschen. Eine Intuition, …