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Anke Stelling, Schäfchen im Trockenen

"Wir sind Opfer. Und unseres Glückes Schmied! Wir machen uns gut in egal welcher Kulisse, sind die Protagonisten unseres Lebens."


Anke Stellings neues Buch Schäfchen im Trockenen habe ich verschlungen.
Es ist großartig geschrieben und mit seiner Handlung so nah am Leben dran, wie man es selten findet, an dem Hier und Jetzt von mir und vielen meiner Freunde, die mit Kindern und der existentiellen Unsicherheit mitten in Berlin, mitten in einer großen Stadt in Europa leben, wo Neoliberalismus und Kapitalismus die Werte vorgeben und man, plant man schlecht, auch sehr leicht unter die Räder kommen kann. Vielleicht vor allen Dingen dann, wenn man sich dem Leben mit Chuzpe und offenen Armen, voller Vertrauen, ein wenig ausliefert. Hier springe ich vom Zehnmeterbrett, mach' mit mir, was Du willst, Du verrücktes Leben!

Resi ist Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und hat ein Buch über ihre Freunde geschrieben, die im Rahmen einer Baugruppe ein tolles eigenes Haus gebaut haben, auch mitten in Berlin. Resi hätte mit dort einziehen können. Einer der Freunde wollte ihr dafür das Geld leihen. Aber sie wollte nicht. Ihr kam das Ganze verlogen vor. Sowohl das Projekt, als auch seine Motive, ihr das Geld leihen zu wollen.
Schon als Teenagerin, und bereits damals war ein Teil der Baugruppenleute ihr engster Freundeskreis, wollte sie sich nicht und auch als erwachsene Frau will sie es nicht, über Besitz definieren. Sie hatte immer den Traum mit ihren Freunden geträumt, ein gemeinsames, ein offenes und besitzunabhängiges Leben zu leben. Alles teilen, eine Art Kommune. Sie war auch als Erwachsene noch der Ansicht gewesen, dass es all ihren Freunden und Freundinnen genauso wichtig war, diesen Traum zu leben. Aber jetzt stellt sie fest, dass dieser Grundsatz für ihre Freunde natürlich immer sehr viel leichter umzusetzen gewesen war. Denn sie alle stammten aus wohlhabenden Familien und ihre Freundinnen hatten gut verdienende Männer geheiratet. Nur sie lebte mit einem Künstler, der wie sie selbst von der Hand in den Mund lebte. Nur sie hatte den Wagemut besessen, vier, anstatt der „normalen“ zwei Kinder in die Welt zu setzen und nicht einen Gedanken daran verschwendet, ob sie sich das leisten konnte. Nur sie hatte als Kind nicht gelernt, Ski zu laufen.

Mit einem blinden Vertrauen hat sie sich in dieses Leben geworfen, während die anderen ab einem gewissen Punkt sehr wohl das Erbe der Familie vernünftig mit eingeplant hatten. Wäre ja auch irgendwie dämlich, es nicht zu tun. Man kann sich nicht noch als Enkel dafür schämen, dass das Vermögen ursprünglich aus einem Nazihaushalt stammt. Es muss ja auch mal gut sein. 
Für Resi gab und gibt es kein Familienerbe. Für ihren Mann Sven auch nicht. Genau da liegt der Unterschied. Sie kommen aus sogenannten einfachen Verhältnissen.
Feinsinnig zeigt Anke Stelling, wie sehr wir in einer Standesgesellschaft leben.

Über all das schreibt Resi, für ihre älteste Tochter Bea. Denn sie möchte, dass Bea die Wahrheit erfährt, über die Grundsätze der Mutter, wie diese gerne leben wollte, aus Gründen, und welche Entscheidungen sie deswegen getroffen hatte und dass es also kein Zufall ist, an welchem Punkt sie sich gerade befinden. Sie schreibt darüber, wie es ist, eine Familie in Berlin zu haben, Kinder zu haben, dass man zwar dazu verdammt ist, glücklich zu sein, es aber oft gar nicht ist. Sie möchte ihrer Tochter die Wahrheit nicht vorenthalten, also schreibt sie sie auf. Über die Vergangenheit, die Gegenwart, das absolut nervige Familienleben mit Kindern habe ich noch nirgends realistischer gelesen. So kannte ich es nur aus meiner eigenen Küche J Resi schreibt auch  viel über ihre eigene Mutter. Beim Lesen wird einem schlagartig klar, warum das mit der Emanzipation immer noch nicht wirklich in die Pötte kommen kann, solange die Mütter sich für die Kinder ihre Träume und berechtigten Ansprüche versagen und das als weibliche Großtat par exellence von Generation zu Generation weiter geben, so lange wird das nichts. Stelling zeigt feinsinnig auf, wie das Verhalten der Frauen heute natürlich bedingt ist durch das Verhalten ihrer Mütter.

Resi hat bereits ein Buch geschrieben, in welchem auch die Freunde vorkamen, mit ihren Kindern, ihren in den Sand gesetzten Idealen, der Baugruppe, der vanillefarbenen Aussenwand jener Trutzburg, hinter welcher sich die Freunde sicher verschanzen können vor dem Leben und vor Resi und ihren knallharten Beobachtungen, ins Schwarze getroffen. Autsch. Die Trutzburg, hinter der auch das Negative versteckt bleibt: das Generve mit den Kindern, das Wackeln in den Beziehungen, die Frustration der Frauen und der Männer. Die Lügen.
Das fanden die Freunde natürlich nicht gut, dass Resi all das, was sie hinter der Wand verbergen, in Literatur verwandelt hat. So dass die Freundschaften im Grunde nach Erscheinen dieses ersten Buches sehr schnell der Vergangenheit angehören. Nur blöd, dass Resi und Sven mit den Kindern in der alten Wohnung von Frank wohnen, als dessen Untermieter. Nur blöd, dass Frank kommentarlos eine Kopie der Kündigung dieser Wohnung schickt, gerade an den Hausbesitzer abgesandt, im Herbst, wo Weihnachten näher rückt und wo es in Berlin, im Inneren der Stadt, effektiv keine bezahlbaren Wohnungen mehr gibt.
Davon handelt das Buch auch: von der Panik, wo man, wie man leben wird, wenn man sein Nest mitten in der Stadt verloren hat. Obdachlos? In Marzahn? Außerhalb des S-Bahn-Rings? Oder doch beim Vater in Niedersachsen unterkommen. Er hat dort aber nur ein Zimmer.
Ein existenzielles Buch über die Situation von Familien in den großen Städten heute. Ein Buch über die Glaubenssätze, die wir uns erzählen, damit wir dieses Leben, das auch eine Lüge ist, unbehindert leben können.

"Ungleichheit teilt uns in die, die Privilegien haben und die, die sie nicht haben, und das ist für alle, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, ein Problem."

Mir kam heute morgen der Satz: Es ist ein großes Kompliment, den Leuten die Wahrheit zu sagen. Es zeigt, wie hoch man sie schätzt, wie sehr man ihnen vertraut. Aber nicht jeder möchte dieses Kompliment haben.
Resi hat ihren Freunden dieses Kompliment gemacht. Sie wollten es nicht haben. Illusionen sind oft so viel besser zu ertragen als die Wahrheit. Der Unterschied in den Machtverhältnissen ist jener: Resi kann ihren Freunden die Laune verderben, indem sie die Wahrheit ausspricht. Die Freunde können Resi und ihre Familie auf die Strasse setzen und ihr dann noch vorwerfen, dass sie sich wie ein Opfer aufführt. 

Das Buch ist im wunderbaren Kreuzberger Verbrecher Verlag erschienen, dem ich von Herzen für das Rezensionsexemplar danke. Ich fand es so toll, dass ich jetzt auch unbedingt Anke Stellings Bodentiefe Fenster lesen möchte. Erwähnen möchte ich auch noch, dass sie in dem Band Sie sagte, bei dessen Vorstellung in der Berghain Kantine ich sie vor wenigen Wochen lesen sah, mit einem wunderbar und haargenau beschreibenden Text vertreten ist.

(c) Susanne Becker


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