Berlin

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Dienstag, 1. Dezember 2015

100 bemerkenswerte Bücher - Die New York Times Liste 2015

Ich muss gestehen, dass der Stapel ungelesener Bücher neben meinem Bett mittlerweile so hoch ist und so viele Schätze enthält, dass ich Bücherlisten gerade eher unattraktiv finde. Das hält mich allerdings nicht davon ab, sie zu durchforsten und zumindest ein paar Titel hinten in meinem Notizbuch festzuhalten. Es kommt Weihnachten, es kommt mein Geburtstag im Januar, es werden Menschen fragen, was ich mir wünsche und neben einer irdenen Salatschüssel und ein paar Produkten von Dr. Hauschka könnte ich dann schon auch wieder Bücher nennen. Obwohl ich momentan zu der eher deprimierenden Erkenntnis komme, dass ich mehr als 200 Seiten zu lesen in den normalen, verrückten Wochen des Alltags nicht fertig bringe. 200 Seiten ist nichts. Ich lese gerade ein Buch von 1232 Seiten, dafür werde ich also schlappe 6 Wochen brauchen. Ich habe in diesem Jahr bislang 64 Bücher gelesen. Das ist weiß Gott nicht viel. Aber ich habe in diesem Jahr auch so viele wunderbare Bücher entdeckt, dass ich mich, lesetechnisch, tatsächlich ungewöhnlich reich beschenkt fühle.
Hier die traditionelle Weihnachtswunschliste. Hier die 100 Notable Books of 2015 der New York Times. Sie ist seit Jahren meine Lieblingsbücherliste. Denn sie enthält immer fast ausschließlich Autoren und Bücher, von denen ich praktisch noch nie etwas gehört habe. Und das, obwohl ich mich täglich mit Büchern beschäftige und mein Interesse dort auch recht weit gestreut ist. Somit finde ich durch diese Liste eigentlich in jedem Jahr Bücher und Autoren, auf die ich sonst nicht gestoßen wäre. Ich empfinde die Liste diesmal als ungewöhnlich interessant, und habe immerhin sechs Titel gefunden, die ich eigentlich doch sofort meinem SUB hinzufügen möchte.

Folgende Titel sind mir diesmal also quasi ins Auge gesprungen und haben den Weg auf meine Wunschliste gefunden:

1. Claudia Rankine Citizen, An American Lyric Eine Meditation darüber, was es bedeutet, in den USA schwarz zu sein, eine Auseinandersetzung mit der Realität schwarzer Alltäglichkeit in einem Land, in dem immer wieder Morde an Schwarzen durch Polizisten zu Schlagzeilen werden. Die Autorin interessiert mich auch, weil sie Jurorin bei einem Poetry Wettbewerb ist, zu dem ich gerade gestern ein Gedicht eingesandt habe.

2. Joseph Kanon Leaving Berlin ist ein Spionagethriller über einen in Deutschland geborenen jüdischen Schriftsteller, der dem Holocaust nach Amerika entkommen konnte und dort berühmt wird als Autor. Als er sich im Rahmen der Kommunistenverfolgung dort weigert, Namen zu nennen, wird er vom gefeierten Star zum Außenseiter. Seine Ehe zerbricht und er verliert seinen Sohn.
Man bietet ihm an, nach Ostberlin zu gehen und die Sowjets auszuspionieren, sozusagen als Chance seine Reputation zu retten. Es ist das Jahr 1949.
Mich interessieren vor allem die Punkte: Berlin und Schriftsteller. Die Geschichte klingt spannend.

3. Hanya Yanagihara  Little Life Die Geschichte eines Menschen, der als Kind jahrelang sexuell missbraucht wurde. Wie geht er damit um? Wie kann es ihm gelingen, dennoch ein erfülltes Leben zu führen? Ein 700 Seien starker Roman über vier junge Menschen, die in New York versuchen, erwachsen zu werden.

4. Atticus Lish Preparation for the Next Life ist die Geschichte eines amerikanischen Irakveteranen und einer chinesisch-muslimischen Einwandererin, die ein Paar werden, in New York und deren Beziehung im Grunde von Anfang an dem Untergang geweiht ist. Wäre dies nicht eine alphabetische Liste, dann würde ich dieses Buch als erstes nennen. Ein Buch über das Verhältnis zwischen Amerika und den Muslimen (ein Buch über das Verhältnis zu Muslimen, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich über dieses Thema gerade nicht genug lesen kann),ein Buch über die Auswirkungen des Krieges auf einen Menschen, ein Buch über die Nachwehen von 9/11 auf die USA. Ein absolutes Muss!

5. Jonathan Franzen Purity möchte ich zunächst eigentlich nur deshalb lesen, weil ich endlich ETWAS von Jonathan Franzen lesen möchte. Ich habe weder The Corrections noch Freedom gelesen und ich fühle mich damit nicht wohl. (Halbwitz!) Ich möchte das Buch aber auch lesen, weil es mich als solches interessiert. Die Geschichte einer jungen Frau, die nicht weiß, wer sie ist und eines ostdeutschen Friedensaktivisten. Die Geschichte einer Tochter, die nicht weiß, wie sie wirklich heißt, wie ihre Mutter heißt und wer ihr Vater ist. Eine Geschichte auch, in der das Internet, wie im echten Leben, eine große Rolle spielt.

6. Heidi Julavits The Folded Clock A Diary - Meditationen über Geister, Verlangen oder was auch sonst immer die Autorin zu untersuchen entscheidet, nachdem sie ihren täglichen Eintrag mit den Worten Today, I.... begonnen hat. Normalerweise folgt ein Tagebuch der chronologischen Reihenfolge der Zeit. Dieses nicht. Es hüpft hin und her. Ich schreibe selbst seit fast 40 Jahren Tagebuch. Gerade lese ich alte und vernichte sie danach. Allerdings suche ich vorher alles heraus, was noch in irgendeiner Weise brauchbar sein könnte. Manchmal ist da gar nichts. Manchmal sehr viel. Dieses Buch ist vielleicht dasjenige von der Liste der Notable Books, das ich am allerdringendsten lesen möchte.


(Nochmal für Interessierte, hier meine Auswahl aus den Listen 2014, 2013 und 2012)

Die traditionelle Weihnachtswunschliste 2015

Ich wünsche mir immer noch hauptsächlich Bücher (oder Reisen). Es gibt bei mir keine grundlegende Entwicklung. Ich glaube, die Dr. Hauschka Produkte hatte ich auch schon erwähnt, und bei den Reisen wären in diesem Jahr Cornwall oder Lissabon sehr schön, aber auch New Mexico, wo ich im Herbst aufgrund einer schweren Grippe nicht hin konnte. Ich werde das im kommenden Jahr nachholen. Ihr könnt mir also, wenn Ihr mir kein Buch schenken wollt, den Flug nach Santa Fe schenken, da freu ich mich. Dort ist ein Künstlerzentrum, in dem ich einen Aufenthalt als schreibender Artist in Residence ergattert habe. Nur deshalb erwähne ich es. Und weil ich sonst nie krank werde und es immer noch nicht fassen kann, dass ich ausgerechnet dann eine Grippe bekomme, wenn ich dorthin möchte. Aber es hat auch etwas Gutes: jetzt liegt es nicht schon hinter mir, sondern ich kann mich immer noch darauf freuen.

Hier die Bücher, die ich mir in diesem Jahr wünsche. Als erstes alle von dem Post 100 bemerkenswerte Bücher. Ich bin zu faul, sie alle noch einmal aufzulisten. Lest den Post bitte selbst. Danke.
Dann aber noch folgende:
Untertauchen von Lydia Tschukowskaja. Ich habe von dem Buch bei einer anderen Bloggerin gelesen, schon vor einigen Monaten. Damals war meine Tochter gerade in St. Petersburg und alles Russische weckte meine Neugier. Immer noch möchte ich die Geschichte einer Frau lesen, die 1949 in einem Sanatorium für Künstler ist und dort auf Bilibin trifft, der im gleichen Arbeitslager wie ihr Mann gewesen ist. Aber er, genau wie alle anderen im Sanatorium, möchten die Vergangenheit vergessen.
David Wagner Welche Farbe hat Berlin? Der Autor wandert durch Berlin und erkundet die Stadt. Eine bessere Art, etwas über meine Stadt, in die ich zog, um ein Jahr zu bleiben und in der ich seit über 20 Jahren nun lebe, kann ich mir nicht vorstellen, als sie zu erwandern. Und wenn dann noch ein so brillianter Schreiber wie David Wagner die Beobachtungen seiner Wanderungen mit dem Leser teilt, dann möchte ich kein Wort davon verpassen.
Dann muss man natürlich auch Mauerpark lesen. Er flaniert ja auch darin.
O.k., ich wollte ihn sehr lange nicht lesen. Nein, das war gar nicht so aktiv, es war eine echte Gleichgültigkeit. Er hat mich einfach nicht interessiert. Wenn ich andere von seinen Ergüssen schwärmen hörte, ließ mich das vollkommen kalt. Aber er ist ja ziemlich penetrant. Er ist irgendwie in jedem Feuilton, jedesmal, wenn ich Facebook öffne, glotzt er mir entgegen, er ist eitel, selbstverliebt, egomanisch, deshalb wollte ich ihn nicht lesen, und deshalb will ich ihn jetzt doch lesen. Karl Ove Knausgard. Seine Penetranz hat mich weich gekocht und ich will jetzt mit reden. Also wünsche ich mir eines seiner Kampfbücher, egal welches, oder alle. Wenn er gut ist, werde ich alle lesen. Toll war übrigens dieser Text über einen Besuch der Welt-Literaturpreisverleihung an ihn. Ich war voll grün vor Neid, dass ich 1. nicht auch dort war und 2. nicht diesen tollen Text geschrieben hatte. Er gab übrigens den Ausschlag: danach wusste ich, dass ich Knausgard lesen musste, endlich auch mal.
Das neue Buch von Joachim Meyerhoff "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" - Der Mann sieht so wahnsinnig gut aus. Aber ich will nicht oberflächlicher erscheinen als ich es wirklich bin. Ich lese keineswegs nur Bücher von gutaussehenden Männern. Aber manchmal gerate ich ins Schwärmen und Joachim Meyerhoff ist einfach mein Typ. Genau wie Tilman Rammstedt, der ja jetzt öffentlich schreibt, um seine Schreibblockade zu überwinden. Bei mir würde das den gegenteiligen Effekt haben. Außerdem schreibt Meyerhoff einfach saugut. Ich wünsche mir auch noch sein erstes Buch Alle Toten fliegen hoch

Das wars. Ich wünsche mir noch mehr Bücher. Ich wünsche mir noch viel mehr Bücher. Aber das tut hier nichts zur Sache. Man kann nur so und soviel lesen. Man muss realistisch bleiben. 64 Bücher im Jahr, das ist weiß Gott nicht viel angesichts der Berge, die alljährlich veröffentlicht werden. Da schafft man es noch nicht einmal mehr, mit seinen Lieblingsautoren Schritt zu halten.

 © Susanne Becker

Sonntag, 22. November 2015

Mira Gonzalez" Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können"

 „dass du nichts erschaffen oder fühlen kannst, das niemand zuvor gefühlt hat“

Eine Bekannte überreichte mir vor ein paar Tagen ein Buch mit Gedichten mit den Worten: „Ich kann damit nichts anfangen. Das hört sich an wie meine alten Tagebucheintragungen aus Teenagertagen. Vielleicht magst Du es ja.“ Ich war mir nicht sicher, ob ich das nun als Kompliment verstehen sollte im Sinne von: „Du bist ja so literarisch. Vielleicht kapierst du, wie die Autorin das meint, ich nicht.“
Oder ob es eher eine Art desillusionierter Feststellung über mich war war, frei nach dem Motto: „Du bist ja dafür bekannt, dass du Teenagertagebücher gerne liest.“
Das Buch hieß „Ich werde niemals schön genug sein, um mitdir schön sein zu können“ von einer offensichtlich in den USA gerade sehr angesagten Autorin, Mira Gonzalez. Ich hatte von ihr noch nie gehört. Das Buch heißt im Original „I will never be beautiful enough to make us beautiful together“.
Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu könnenDas ist wichtig. Denn in dieser sehr schönen, kleinen Ausgabe von Hanser stehen die englischen Originale und die deutschen Übersetzungen sich auf jeder Seite gegenüber. So kann man die Güte der Übersetzung Jo Lendles, der ja auch der Herausgeber bei Hanser ist, sogleich überprüfen. Er hat die Gedichte in aller Regel sehr wortwörtlich übersetzt. Ich finde, das ist ihm bei sehr vielen auch gut gelungen. Obwohl mir manchmal andere Übersetzungen spontan durch den Kopf schossen beim Lesen, gebe ich doch auch zu, dass ich nicht mit Sicherheit sagen könnte, welche besser wäre und ob das wirklich wichtig ist. Denn in jedem Fall ist der Geist der Gedichte wunderbar eingefangen worden. Sie haben Titel wie „Ich habe einen Roman über dich geschrieben und unter Entwürfe gespeichert“ oder „auch Unter Menschen fühle ich mich einsamer, als wenn ich mir alleine das Internet angucke“. Die Gedichte sind schön in einer ruppigen Härte, mit der sie einem das Leben zuweilen beinahe um die Ohren klatschen.
„…Du tröstest Dich selbst mit dem Gedanken
„ich bin näher am Tod als jemals zuvor“…“
Deshalb hat es mir riesigen Spaß gemacht, sie zu lesen. Da entfaltet sich eine Welt, die teilweise fremd, teilweise unglaublich vertraut ist
„In sozialen Situationen verberge ich bestimmte Teile meiner Persönlichkeit
von denen ich glaube, dass sie anderen unattraktiv erscheinen
Ich habe nicht das Gefühl, so zu tun, als wäre ich etwas anderes
Tatsächlich habe ich nicht das Gefühl, etwas zu sein
Ich bin die ganze Zeit sehr müde…“

Hier schreibt jemand Gedichte, die sich in dieser Welt, unter Menschen, ziemlich fremd fühlt und ihre Orientierungsversuche ohne jede Beschönigung, ohne jede Selbsterhöhung (was per se schon wieder eine Selbsterhöhung sein könnte, wenn es mit Berechnung geschieht, was ich nicht weiß, ich kenne Mira Gonzalez ja nicht persönlich) gnadenlos beschreibt. Da passt es auch, dass sie in einem Interview antwortete: dass was sie am Leben am wenigsten möge sei sie selbst. Das hat Tragik, aber auch sehr viel Humor, das ist eine wunderbare Sprache, so knapp, so klar, so aus dem Alltag genommen und doch überaus lyrisch, poetisch, dass ich wirklich vor jedem einzelnen Gedicht begeistert in die Knie sinken möchte.
„…Vielleicht können wir diese besondere Art von Gleichgültigkeit verstehen
die man manchmal auf der rauen Oberfläche eines Kühlschranks bemerkt…“
Ein wirklich wunderbares Buch. Ich danke meiner Bekannten ausdrücklich und ich rate ihr, wenn ihre Tagebücher aus Teenagertagen tatsächlich so sind, wie diese Gedichte, dann sollte sie a) ihre Maßstäbe, was gute Literatur angeht, noch einmal überarbeiten, und b) ihre Tagebücher unbedingt zu Hanser schicken, vielleicht hat sie Chancen auf eine literarische Karriere.

Zum Abschluss noch eines meiner Lieblingsgedichte, es hat einen sehr langen Titel und ist sehr kurz:

Worüber ich nachdenke, wenn ich
über die Zombieapokalypse nachdenke

Ich würde mich sofort umbringen


Mira Gonzalez hat viele Follower bei Tumblr und Twitter und hat vor kurzem ein Buch mit Tao Lin heraus gegeben "Selected Tweets". Sie erhebt Tweets und kurze Statusmeldungen zu einer Literaturform, die in dem Gedichtband mühelos in die Gedichtform hinüber fließen und dieser eine neue, eine unserer Zeit entsprechende, dem Internet freundlich zu lächelnde Form annehmen. 

 © Susanne Becker

Sonntag, 15. November 2015

overnight


when the bodies fell
in #paris there  was a storm
howling in front of my window
the tree waved back and forth
heavy rain drops began to fall

in the morning before
I even knew about #beirut
I noticed shivering
in my much too light jacket
that the weather had changed
all the trees were naked

suddenly I saw
how scary life was so
ever changing nothing
remains the same peace
like a distant memory
already I had wasted it
by taking it for granted

 © Susanne Becker

Dienstag, 3. November 2015

Siri Hustvedt - The Blazing World "I'm your mirror."


 The Blazing World

„Medea mad with vengeance.“

The truth is, Harriet was striking. She had a beautiful, strong, voluptuous body. Men stared at her on the street, but she wasn’t a flirt, and she wasn’t socially graceful or prone to small talk. Harriet was shy and solitary. In company, she was usually quiet, but when she spoke, she was so forceful and intelligent, she frightened people, especially boys her own age. They simply didn’t know what to make of her. Harry sometimes wished she were a boy, and I can say that had she been one, her route would have been easier. Awkward brilliance in a boy is more easily categorized, and it conveys no sexual threat.”

I am still awestruck, because I finished "The Blazing World" by Siri Hustvedt this morning. It is afternoon now, late afternoon, but I am still walking around and the only thing, I can truly think about, is Harriet Burden, the heroine, the artist, the crazy woman, the strong woman, the courageous woman at the center of this truly marvellous novel.
I have to write it down, though I know, it sounds cheesy, but: this is from now on one of my four absolute favourite novels in the whole wide world! (The others are the german novel Das Ungeheuer by Terézia Mora, A Tale for the Time Being by Ruth Ozeki and Das achte Leben by Nino Haratischwili! Possibly I have to add Chimamanda Ngozi Adichie to that group of already breathtakingly good female writers, because her Americanah and also Half of a Yellow Sun are also favourites of mine)

Siri Hustvedts newest novel presents its story in the form of an journalistic  documentary about the artist Harriet Burden, with footnotes and all. It is (supposedly) written by the journalist and art historian L.V. Hess. So Hustvedt was really consequent in writing a novel, that looked like a work of scientific journalism, which is only consequent for her, because she is a scientist, a philosopher and an art historian, a neuropsychologist and psychiatrist. A novel constructed like this is a perfect way to display her knowledge as well as her gifts as a novelist. She has been studying in all these fields for years, and when one is familiar with her writing, one knows some of what is been so brilliantly presented in this masterpiece of a novel, in its raw beginnings. This book also made me think of What I loved again - they are somehow clearly related and by the same author.

The story: Harriet Burden is an artist, a mother, and wife to the famous New York art dealer Felix Lord, who rarely is emotionally available for her or the two kids Maisy and Ethan. He is busy with his work and affairs, both with men and women. Harriet tries to be the perfect wife for him. And one wonders right away, why a strong and intelligent woman like her does not fight with him, but rather lets him dictate the rules of the relationship.
Harriet has never been successful in the artworld, her husband never helped her, and one wonders, why? I mean, he was one oft he biggest art dealers in New York and he did not support his wife. Why?
Harriet suffers from not being as successful as she wanted to be and as she could have been with her talent. Her work has never been acknowledged by critics, who mostly saw her as Felix Lord's wife, who also created some art on the side.
She attributes this missing success to the fact, that she is a woman, and that women in the art world, as in any other field, are still totally underrepresented.
"All intellectual and artistic endeavors, even jokes, ironies, and parodies, fare better in the mind of the crowd when the crowd knows that somewhere behind the great work or the great spoof it can locate a cock and a pair of balls."

So, after her husbands death, which leaves her totally devastated at first, she starts to think up a scheme, with which she can take revenge. She wants to make the stupidity of the art world, of society really, obvious. She wants to show, that the reception of art (of everything really, not just art) has much to do with what one expects and that those expectations are shaped by society. So people expect by reflex and habit more from a piece of art or a show, they know has been created by a male artist than by one created from a woman. (See this discussion with Siri Hustvedt and the German artist Katharina Grosse).
She decides therefore to test her theory and hide herself and her works of art behind male masks. To use them. For this, she looks out three very different male artists and calls the entire construction of these three shows Maskings, supposed to be another, maybe the major piece of art created by her, only to be recognized after the whole masks have been lifted and everybody gets to see, who the true artist behind all this is!

The three masks are: 1. Anton Tish, an  unknown and not overly talented young artist, who through this masquerade and the accompanied succes looses his balance and breaks competely with her, because he can not accept, that the success happened because of the quality of Harriets work. He insists, and he is probably not entirely wrong, that it is him, who created the success. That nobody ever would have liked that work so much, had they known from the start, that it was created by a fat woman, over 50 years old. 
"Has there ever been a work of art that wasn't laden with the expectations and prejudices of the viewer or reader or listener, however learned and refined?"
2. Phineas Q. Eldridge, a black gay performance artist, who becomes a life long friend of her and who never tried to take Harriets success away from her. As he said "In the gay world, disguise has a long history, which has never been simple, so when Harry asked me to beard for her, it felt, as if I were merely trying an extra knot in a very long rope. I am a performer..."  He liked to be her partner in crime and he totally acknowledged her genius and enjoyed her friendship.
3. Rune, who had been famous before, had enjoyed successes without her, was very intelligent, slightly crazy and agreed to be her third mask for various reasons, which are not all clear to Harriet. He very much loved to play manipulative games, and in the end, it turns out, he played them with her as well. 
Her plan was, to unmask after the third show and tell the world, that all the works created by Anton, Phineas and Rune had in truth been created by her. This would be, in her imagination, the ultimate exposure for the art world and its stupid clinging to outward standards. But Rune refused to cooperate. He let her down completely and did not keep his promise, but rather presented her as a crazy, depressed, middle aged woman, his muse for a while, his adviser maybe, but not the creator. The creator would have been him. Only him. He even might have sneaked into her studio and stole some of her work to present it as his. 
The whole story is told, as mentioned above, in the form of a book about the artist and the coup, after her death, written by a journalist with the purspose to find the truth. Who created the art? What was Harriets plan? Did Rune actually steal some of her work? Who was Harriet Burden?
So this "journalist" collected all the original material and sources he could gather, among others Harriet Burdens journals, which she labeled with the letters of the alphabet and in which she tells the whole story from her perspective, but also talks a lot about art, philosophy and everything, she knows, which gives an enormous background to her ideas. 
Each journal has different themes and show, how smart and well read she was. Possibly a genius, but never acknowledged as such.
Then there are interviews with people from her life, like her daughter Maisie or Runes sister Kirsten. There are also statements written by others, like her boyfriend Bruno Kleinfeld, or Sweet Autumn Pinkney, who was a friend of Antons, or Harriets best friend Rachel Briefman. So the whole novel is written in many different voices and puts together a picture of Harriet and her plan like a very clever 3D-Puzzle or like a quilt.
I went to see Siri Hustvedts reading of The Blazing World here in Berlin. One thing I remember clearly is her enthusiasm, when she talked about how much fun it was to write in those different voices, to get to know all those different characters and slip into their personalities. With glowing eyes, she talked about, how much fun it  was to be Bruno Kleinfeld, a poet, who never was successful and is therefore like a counterpart to Harry. The male macho, who even though, owner of the right sex, is still not allowed into the club of the successful. Siri Hustvedt mentioned on several occasions, that he made her understand, how much harder it is for men to not be successful in this male dominated world, so totally devoted to success as the only thing, that matters.

It is amazing, how Siri Hustvedt captures the different  emotional layers of being a highly intelligent, probably really good artist (many of the art works are described within the book, which reminded me of What I loved, and made me want to see those pieces in reality, I think I would love them), possibly almost a genius, but society very narrowly defined the limits, in which an interesting life for her was possible. Felix Lord's wife. Mother. Artist on the side. And this is not set 100 years ago, but in New Yorks' today. She is a dissatisfied, unrecognized victim of the circumstances in a male dominated world. I found especially touching a scene, in which her friend Rachel Briefman described, how it was of course she, who took care of the children, not her husband, whose work was much too important, and how Harriet naturally had always bend to his wishes.
"Harry said she had found herself tiptoeing past Felix’s study so as not to disturb him on the days when he had worked at home, …., but he would march into her studio without knocking to ask her some trivial question. … Felix had always said that he admired and supported her work, but he had flown here and there for his own work, and he had called to say, he’d be late or had changed his flight, and Harry had stayed home with Maisie and Ethan. Yes, yes, yes, she said, she had had help, all she wanted, but you can’t farm out your children’s souls to others. And also Maisie had been a relatively easy child, Ethan had been difficult, hypersensitive and prone to explosions. His voracious needs had sometimes swallowed her whole.“

Still, Harriet Burden tried with every fiber not to be a victim, but she could not escape the role, and yet, in a way, the entire book is a testimony of how she transcended this role.
The Blazing World is Harriets revenge, and the book is a lot about revenge. But her world is in most parts not highly developed enough to actually get it, to actually get, how smart this woman really is. What a joke, that of all people, Sweet Autumn, whom most would see as stupid, gets it. 
If we all perceive the world through a sort of curtain build from our expectations, maybe Harriet Burden did that too? Maybe she never expected to be seen, because her father never saw her, and from the beginning, learning, that he had wanted a boy, she had expected the world, the male world, to not want her, to betray her, because she was a woman? Maybe she even needed Rune to be her ultimate betrayer? 

"I have asked myself what mother wanted, what she hoped for. It is so tiring, so crazy, so humiliating, this world of winning and losing and playing the game, but she wanted to be a part of it somehow, and Rune knew how to get to her, where to aim the knife." (says Maisie, Harriets daughter)

I must say, that I cried through the last about 40 pages of the book, when Harriets dying of cancer is told, partly by her man Bruno Kleinfeld (whose voice is one of the most lovable ones throughout the book and I am not saying, that not all voices are wonderful, his is just especially wonderful!), partly by Harriet herself in her journals and by Sweet Autumn, who is not only Antons ex girlfriend but also a psychic healer and so, when she gets the calling out of the blue, she rushes to Harriets side to clean her chakras during the dying process, although Harriets family is not all so convinced, that is a good thing. But Harriet wants her there and so, the last part is told by Sweet Autumn, and her voice is maybe even more lovable than Brunos.
Siri Hustvedt writes about the beauty, the scariness, the otherworldliness, the pain, the agony of dying so true and authentic, that it made me remember the entire dying process of my mom, and that was really touching. The end of the book is beautiful and somehow perfect. It brings death and love together. Reading the last page, everything in the novel made sense and Harriet, this larger than life woman, was brought home on a wave of love and light. Really great ending!
So, yeah, I want you to read this book! It is not always easy, especially if you hate footnotes or philosophy or science or Kierkegaard, it would also be good, if you could be open for art and feminism in order to enjoy it. You should not fear intelligent women either.
What I loved about the book? I am just so into complicated constructions, many voices, a book like a quilt, many parts sewn together to create in the end a whole, that perfectly fits together, and communicates an intelligent and beautiful message.
Harriet Burden was a genius, she was probably smarter, than the reader thinks, but it also does not matter in the end. In the end, we are all, what we love. Harriet Burden loved her work and no matter, if anybody recognizes it, this work will blaze on forever.

 © Susanne Becker



Sonntag, 1. November 2015

The best advise I ever got ...

...came from my former therapist, Frau Hering. She was an old woman, when I came to meet her. I think, she was about 77 or so years old, a kind of a sage. I found her through friends, shortly after I had arrived in Berlin in 1995, to live here for a year (this year is still not over btw!!)  I was 31 years old or so and she was my first ever therapist. After moving to Berlin I decided, that it was about time to work out some difficulties and shine some clearing light into some corners of my past and my present, and while we were at it, maybe even of the future.

I went to see her once a week. Every session cost about 100 Deutschmarks, which was A LOT OF MONEY for me back than. But somehow I never asked her for a refund or to pay next time. I always managed to get that money together, which seems, looking back, like a freaking miracle. 
She had a small apartment in Waidmannslust, a northern part of Berlin, to which I took the S-Bahn. I lived in Schöneberg, later in Neukölln, so the trip was long. I read on the train, or wrote in my journal.
Her apartment was pretty, but small, with lots of white, stones, shells and glass in it. You could tell, she didn't have a lot of money. But you could also tell, that she had a lot of good,zen-like taste. We always talked in her living room, me lying on the sofa, she sitting in a comfy chair. 
Looking back, I can not imagine, how she could stand to stay so patient and nice with me. She just listened, while I complained, complained, complained, about pretty much everybody in my life. I gossiped a lot too. She never corrected me. Sometimes, she would ask a question, but she was most of all a very good listener. Often she would ask: where in your body do you feel this. 

One day, she gave me a sheet of paper, "here, I found this, and I thought, I give it to you". 
It was yellow and printed on it stood those words:

"...Our deepest fear is not that we are inadequate. 
Our deepest fear is that we are powerful beyond measure.
It is our light, not our darkness that most frightens us." Nelson Mandela

She did not say: read these words and take them to heart. She just gave the paper to me and she probably knew, that I did not understand the words. She did not say: this is exactly your problem, Susanne and you should work on it. She for sure knew, it was still a long long way for me to understand, what that quote could possibly mean and what it meant in connection with me. She just looked at me, and I like to think, she knew, that this piece of paper, this quote, would silently work in me, until almost twenty years later, I still remember it and start to know, what it means. 
It meant, that I should not wait for somebody to find me in my dark corner, in which I sit hiding, hoping frankly, not to be found. Because to be found would mean, people would see me. 
The words meant: be as good as you can and shine your light and be of service to the world and give everything, you have to offer. Eveything else is a waste of time. Don't hide behind your fear and shortcomings, but shine your light.
It also meant: stop wasting your precious beauty, energy and time with complaints about other people, with being disappointed, angry or upset. 
It means: be as wonderful as you can and shut up.

This yellow piece of paper, handed to me by Frau Hering almost twenty years ago, has subconsciously been something like my guiding light, my inner mantra, by far the best advice I ever got in my entire life and it worked underneath my surface all those years, until a few days ago, I woke up and  understood. Funny thing is, that for weeks now, I do my yoga and meditation with this mantra, or prayer, however you choose to call it: please let me be able to realize my full potential, and only today did I remember this sheet of paper and saw, how both are actually the same. 

Frau Hering died many years ago, but I will never forget her. She was for sure one of the most important influences in my life. 

© Susanne Becker


Mittwoch, 28. Oktober 2015

Blessings!- or what else is the sublimity of my absurd existence?

"Wherever we go, there seems to be only one business at hand - that of finding workable compromises between the sublimity of our ideas and the absurdity of the fact of us." Annie Dillard in "Teaching a Stone to Talk"

There was a timed writing exercise a few weeks ago: Count your blessings. At first it seemed easy enough, since life was good. O.k., I thought, give me a second and  I just might do that.
But then, I couldn't do it and the more, I thought about why, I understood: before I count those blessings (plenty plenty) I feel, I have to do justice to pain, a feeling I never acknowledged properly. My childhood hurt, and I didn't admit it. Which has led to an entire life, that hurts at times, when it should'nt, even with all those blessings. So I guess, I have to write about the pain a little bit.

I grew up in a very small german city, it was almost a village. We lived in one big house, eleven people, all family. My aunt and uncle, their three daughters, my grandparents, my parents, my brother and me. In the surrounding houses lived other family members, more aunts and uncles and cousins. I used to play outside a lot. The meadows and orchards all belonged to my grandfather. There was a creek in the orchard (yes, I know, this all sounds like paradise and in a way it was). The creek was called shitty creek though, for obvious reasons. I used to play in it, even wash my hair in it and smelled like a shitty creek myself afterwards. My mother scolded me a lot, for this and other things, mainly I did not behave like a proper girl, but was always dirty and my clothes were torn.
She never beat me. She beat my brother though. My father beat my brother too. He was the difficult child. Apart from shitty creek and some other minor points, I was the easy child.
I don’t remember, when I noticed, that life in our house was unhappy? That it was not normal, to have a yelling mother, a drunken father and that there was a kind of love among my family members without tenderness, but mainly dressed in funny insults, harshness, no understanding for each other at all. Love never showed itself in a recognizable manner. It hid behind many different masks. This was like, it hid, because it feared to be hurt, in case it showed up too obviously.
Its funny, how you hide facts before your own consciousness. I probably knew all along, that we were an unhappy family, but I didnt know any other, so I tried to pretend, this harshness was tenderness and the fights were love and the insults were declarations of admiration. I pretended, the masks, behind which love was hidden, did not matter to me. Even today, when somebody is really mean to me, I might still think, he likes me deep down and is just too shy to show his true feelings, which he hides behind a mask. I never learned properly, to decipher feelings. Like learning a new language, it does get harder, when you get older, but it is never impossible and never too late, to start the learning process. 
My parents fought all the time. I never saw them kiss or hug, not once in my entire life. I didn't know, there was such a thing like hugging and kissing parents.
Instead I was told by my mom, what a bastard my father was and my father just never talked about my mom, he just closed his eyes, when she entered the room and left. I never saw them interact besides the fighting.
I loved my father most of all – he was my favourite person in the world. But he drank too much. And sometimes he disappeared. He was gone for days and we would look for him everywhere and each time, we thought, he had killed himself and we might find his corpse somewhere in the woods. But he always returned and pretended, nothing out of the ordinary had happened -  until the last time, when he didn’t return.
They found him far away from home. He sat in his car, dead, in a parking lot. The main feeling I remember expressed over that traumatic incident was my aunts' shame to go into the village. People would certainly talk about us. She felt embarrassed.
I also remember feeling completely unfree: I now was the daughter of the suicide, which kind of defined me and my opportunities for happiness.

My mom didn’t get along with her sister. Sometimes they would not talk to each other for days and the atmosphere would be icy and dark, it would fill the entire house. I never experienced them solving a conflict. After a few days, they would just talk again and pretend, nothing had happened. My mom is dead now, and her sister still carries this conflict within her. I can tell, because she has photos of all dead family members on her walls, some of the living ones too, but not one of her only sister. 
I don’t know how I developed selfesteem or selfrespect ( I mean, I didn’t until a while ago and it was a LOT of work to get there) because nobody ever told me I was smart, beautiful or lovable. Nobody ever said, I love you, when I was young. Nobody ever hugged me. Well, my dad did once, before I left for a vacation, and the hug was so clumsy, that he broke my glasses and my mom freaked out and I had to go to Paris with those super ugly substitute glasses, but I still have not forgotten that one hug, and it still fills my heart with tons of love for him, gratitude also.
Nobody ever was nice to anybody in that house really, not because they were bad people, they weren’t. They all were really nice in a way. They just didn’t know any better. They truly gave their best and I love them for it.  But my childhood hurt and I never admitted it. 
When I return to my home today, most people are dead, but new people have been born, it still shocks me to see, how they treat each other. Another harsh generation. Their hugs are always almost brutal, and their compliments resemble insults. They all hurt and they could never admit it. It would ruin their lives.
I would describe my family life to others, as if we were sort of the Waltons in Blue Ridge Mountain/Virginia, which was a total escape from reality (or not, when you consider, that we all shape our reality by what we think about it, so in my imagination we were the Waltons, but I was also Simone de Beauvoir writing away in her little office upstairs, in the house with 11 people but no books)  I would pick the funny things that had happened and exaggerate them, because I found my pain very embarrassing. I would hide the ugly things, the pain, pretend, they didn’t hurt, they didn’t exist. After a while I even stopped to tell people, that my father had killed himself. I did not want them to see me in such a dramatic light. I wanted them to see my humour, my intelligence, me, without my pain and my family, me, sitting at my desk, looking so much like Simone de Beauvoir.

So, before I start to count my blessings (plenty plenty), something, I will never ever been done with, I need to list the pain and feel it, to see, that the first blessing is: the pain is over, a mere memory, something that shaped me and after feeling it, I don’t even have to let go, it will let me go.Yes, I am almost there! And then I see, what blessing this family has been after all and how much love there was and is underneath the steady current of harshness and that harshness is always a very proper medium to hide fear and pain. Which makes it even more lovable, because I wanna go back in time and give everybody there a very big hug, with broken glassen and all, because super ugly substitu te glasses really do not matter, what matters is the hug and the kindness. 

© Susanne Becker

Samstag, 10. Oktober 2015

10 questions for - Annie Liontas



This is a series, I have started on my blog a few weeks ago: I ask authors 10 questions. They can vary, but are often about the habits concerning writing, because this has always been a subject, I was very interested in. My ten questions so far have appeared in German, since I presented them to german writers. But Annie Liontas is my first english speaking writer and I am very grateful to her for answering my at times nosy questions so openly. So I really hope, this will be the beginning of a series of english interviews! Hint Hint Hint!!!! If any foreign authors want to be interviewed, please let me know! 
I met Annie Liontas last year in Lisbon, where we both attended the Disquiet Literary program, which I can highly recommend, and where she read an excerpt from the mentioned novel Let me explain you, which I read and reviewed here on my blog. That excerpt was so good, that I could not wait to have the real thing in hands. And it was not disappointing either. Great book! Highly recommended!

I also love her answers. They are inspiring and make me sit down and read and write and think about, what she said. What else could you possibly want from an interview?


(c) Sara Nordstrom



1. How did you get the idea to write Let me explain you?

It kind of came in a flash.  I was at a crossroads--out of work, struggling with some health issues, not in a great place in my relationship, living with family, having no idea how I was supposed to be adulting--and I suddenly got this vision of a patriarch who believes he's going to die.  I knew he wanted to impose his worldview on his daughters, but I had very little else.  Because the concept came first, it took me a long time to get to know Stavros, to understand what drives him and how he suffers, and because he takes up so much oxygen, it took me an even longer time to give the daughters life.   But your characters teach you something when you write them, which is the greatest blessing of the craft.  

2. Where do you normally write and do you have a, say: daily or so writing routine?

I used to write at night, between the peak hours of 9PM and 2AM, when my third eye opens and I can do more exploratory, imaginative work.  That’s tough with a day-job, of course, so I’m adjusting.  Sometimes I map my work on large sheets and hang them on my walls, and sometimes I write on post-its.  Every time I think I have my process down, I realize it’s changing—perhaps as it should—and I have to try to find another way to trick myself to get the words on the page.

3. Do you have rituals, without which you can 't get started or which feed your creativity?
I need a square table or desk, a half-caff macchiato, and a song on repeat.  At the moment, it's The Weeknd's "Acquainted."

I’ve been documenting my process for a few years now, as a result, and I’ve come to realize that I’m a cyclical writer. I had grown so frustrated with myself for not writing every day, but I'm not sure that's how we work--I'm not sure, specifically, that's how women work.    

In my early twenties I sought out confirmation of writerly rituals (there's a tremendous catalogue of them noted by the writer Ralph Keyes).  I think, in part, that was to reframe my own quirks as not being simple indulgences, but I was also--without realizing--trying to understand how I work.  Like most young writers, I didn't even know there was a "way" to work, I thought inspiration just struck and you were lucky when it did.  Now I know that the rituals are part of the way you get yourself ready for the difficult and often defeating work of creation.   

4. What are you reading right now?

I'm revisiting Gabriel Garcia Marquez' Chronicle of a Death Foretold--and doing a lot of diagramming--in preparation for what *might be* my next project.  I'm too superstitious (read: scared) to say much more.

Also a biography of Marquez, a collection by Kirsten Valdez Quade, a novel by Ishiguro, some fiction by Yiyun Li, and never too far from my nightstand is Baldwin.  I was hoping to get through all of Baldwin this year, but I quickly realized that it is best to sink into him.


5.Which book are books have changed your life?

So many.  That must be every writer's answer.  I remember reading Marquez' Love in the Time of Cholera and weeping on a dock, not because it was heartbreaking but because it was like watching life being shaped from clay.  Angela Carter blew my mind in that way that you think "Somebody has been here before me and she has already done everything I was planning on doing."  Baldwin's If Beale Street Could Talk is always in my head, as is Why the Child is Cooking in the Polenta by the Romanian writer Aglaja Veteranyi.  I am indebted in many ways to Jeffrey Eugenides' MiddlesexBabel, of course, who I think about all the time but am almost afraid to return to, he is that untouchable.

6. Which person from the past, present or future would you love to meet?

Marquez.  Maybe that's because we're talking writers and Marquez to begin with.  Or maybe I am being nostalgic, since he died recently, and since he suffered from dementia.  But I love how politically engaged he was, how playful and mischievous, how passionate, and how he brought together so many worlds in his work.  


7. What is your greatest hope?

No one goes hungry.

I mean that on a literal and biological level, but I think I mean it in all its connotations, too.  You can hunger for opportunity and voice with the same intensity you might hunger for nourishment.  

8. If you were absolutely free, where would you love to live?

Oh, tough one.  I have this sense of writerly wanderlust that lives in the body--that is, I think writers (maybe all people) feel sometimes too confined to a single life, to a single human experience.  Basically, I'd love to live everywhere.  

To answer your question, though--

I could say Greece, of course.  I've been to places in Mexico that I dream of returning to.  I'd love to see Turkey.  I've never been to India other than through literature, and I might blame Salman Rushdie for this, but India probably calls to me most.  Perhaps I'd live in Jaipur for a bit, specifically.  


9. You write because....?

I have to.  

Nature made me into a pack animal, so in some ways it's antithetical to my composition to toil away at something so crumbly in isolation.  I'm a big believer in community and interdependence, but I also know that writing is how I connect to life and the world and people.  It is, for me, a visceral experience, a spiritual experience, and a way of understanding what it means to be alive and fallible.

10. What do you really like about yourself?

I try to take people on their own terms, acknowledging their limitations and the forces that have conspired to bring them to this point.  That doesn't mean they get a free pass, but it does mean I want to--and can, when I'm at my best--hear what they have to say.  

It's a good thing to apply to characters as well as people.  

-- 
Peace,
Annie

Dienstag, 6. Oktober 2015

Zehn Fragen zu Büchern - angeregt von Sätze & Schätze

Eine der klügsten und für mich persönlich interessantesten Literaturbloggerinnen, Sätze & Schätze, sandte via Facebook heute morgen einen kleinen Fragebogen herum, Zehn Fragen zu Büchern. Die Antworten darauf interessierten mich so sehr, dass ich mich, obwohl ich eigentlich anderes schreiben wollte, sofort daraun setzte, um sie heraus zu finden. 
Danke liebe Birgit, für die tolle Gelegenheit, einmal intensiver über meine Lektüre und Lektürevorlieben und - gewohnheiten nachzudenken. Was mich wirklich ein bisschen aus der Bahn geworfen hat bei dem Fragebogen ist die Tatsache, dass ich auf beinahe jede Frage mit "Nesthäckchen" von Else Ury antworten konnte. Damit hatte ich nicht gerechnet.

  1. Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast? Das war Nesthäckchen von Else Ury, Nesthäckchen und ihre Puppen und dann die ganze Reihe, die ich, seitdem ich circa 9 Jahre alt war, immer wieder las. Ich hatte noch die alten Ausgaben meiner Mutter, die 1941 geboren wurde.
  2. Das Buch, das Deine Jugend begleitete? Das kommt darauf an, wie man Jugend definiert, aber ich habe sehr spät begonnen, ernstere Literatur für mich zu entdecken, also begleitete mich tatsächlich die Nesthäckchen-Reihe recht lange, so bis ich etwa 14 Jahre alt war ( außerdem Hanni und Nanni und Dolly), dann entdeckte ich die Bücherei und lieh mir Werke wie Vom Winde verweht und ähnliches. Wenn man Jugend ab, sagen wir 16 nimmt, lautet die Antwort sehr anders: alles von Frisch, Hesse, Dürrenmatt, Böll, Bachmann, Sartre, Camus - die wirkliche Prägung und literarische Ausrichtung begann mit diesen AutorInnen. 
  3. Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte? Ich wurde mit meinem ersten Buch (s. Frage 1) zur Leserin. Ich habe seitdem nie wieder aufgehört, zu lesen. Allerdings wurde ich dann erst mit meinem ersten Hesse-Buch zur bewussten Leserin, die tatsächlich nach einer ganz anderen Art von Literatur geradezu süchtig wurde und ihr gesamtes Taschengeld darein investierte.
  4. Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast? Nesthäckchen?? Kein Witz! Da ich damals keine anderen Bücher hatte, habe ich die Nesthäckchen Bände jahrelang immer wieder von vorne gelesen und mich dabei interessanterweise nie gelangweilt.
  5. Das Buch, das Dir am wichtigsten ist? Da gibt es mehrere und wichtig bedeutet für mich am ehesten, dass sie mein Leben irgendwie so berührt haben, dass eine Veränderung oder zumindest irgendeine Form von Erschütterung stattfand. Dazu gehören: Das dreißigste Jahr von Ingeborg Bachmann, Writing down the Bones von Natalie Goldberg, Drei Essays von Jean Paul Sartre, Nicht sterben von Terézia, Mora, Extremely loud and incredibly close von Jonathan Safran Foer, aber auch noch viele viele andere, die ich jetzt nicht alle aufzählen möchte.
  6. Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast? Wolf Hall von Hilary Mantel, liegt seit 2 Jahren an meinem Bett und ich schiebe es immer wieder nach hinten, weil ich fürchte, die Lektüre könne in einen echten Arbeitsakt ausarten
  7. Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird? Also, ein Buch fällt mir nicht ein, aber spontan denke ich an Patrick Modiani, dessen Bücher mir nichts sagen oder geben, was mir immer so ein bisschen peinlich ist. Immerhin hat er den Nobelpreis bekommen. 
  8. Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre? Da gibt es auch mehrere und ich habe sie bereits vor geraumer Zeit einmal hier aufgelistet. 
  9. Das Buch, das Dir am meisten Angst macht? Adolf Hitler, Mein Kampf
  10. Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest? Das Ungeheuer von Terézia Mora!! 
© Susanne Becker

Samstag, 26. September 2015

Annie Liontas - Let me Explain you - A wise book filled with love and humour

"Marina had taught Stavroula, this is how you learn, who a person is. First you ask, What was the happiest moment of their life? Then you ask, and you keep asking until you get the real answer, Was it worth it?"
Let Me Explain You
such a great and beautiful cover

This, you could say, is basically what Annie Liontas' book Let me explain you is all about. What was your happiest moment and was it worth it?
Let me explain you is also about immigration, leaving your home, striving for a better life, a better version of yourself, somethig so inherently human. The book is last but not least about the consequences of leaving and starting in a new place, even if you do so successfully. How does it feel like to be foreign, for yourself and for those around you, your daughters, your family. Can the daughters of an immigrant be ever not foreigners, for example in their own lives? What does it take to arrive.

Stavros Stavros Mavrakis, the man, around whom this book revolves, the man, who partly  tells us this story and the story of his family with broken english, and a humour, which is often not a voluntary thing, but just so happens to him, belongs to a generation, that had not much, almost nothing. Growing up on the greek island of Crete with 11 brothers, and for some reason, all his brothers are named Stavros after their grandfather plus another name like Petros, Nikos, Stefanos whatever, only he is named Stavros Stavros, like the family did not bother to search for a distinguishing name for him. This was one reason to fuel his desire to become different, to achieve something more outstanding, Didn't Stavros after all mean "victorious", and wasn't he the only one, who was given this name twice?
 "I want to make money," Stavros Stavros said."
Still a boy, he found himself two jobs in the two kafenias facing each other on the main square of his village on Crete.
For Stavros Stavros Mavrakis happiness was very much about money, becoming rich and successful. When he didnt see the opportunity to reach this goal on Crete, he started dreaming about America. When one day Dina, a 16year old greek, born in America, came to visit relatives, he, although not smitten with her, not completely convinced, decided to marry her nonetheless. She was his chance for happiness, his ticket to the USA, but he wasn't ever a bad person. He never meant to use her. Marrying her to him meant, to love and respect her, no matter what, to treat her like his wife, even though she was maybe not his dream of a perfect girl.

They had two daughters, Litza and Stavroula, but Dina was a very unhappy person, with a dark past and secrets lingering painfully under her skin. She could not be a mother at all. Her priorities were about drugs and parties, about numbing herself. So they separated, painfully, and, since Stavros was still trying to build a good and successful life, he brought the girls back to Crete, while he continued to work hard in America. When he met another woman and had started his own business, a greek diner, he brought them back to live with him and his new wife, who was a good mother to them.
Stavros Stavros (by than) Steve Mavrakis always tried to do everything right, he never meant any harm. But he was aggressive, and  hard working, his priority was about pride, and achieving more, a better life for his children. Love was something he took for granted, because he felt it so deeply. He never thought, he should show it in a more sensitive manner.

When we meet Stavros Stavros Steve Mavrakis, his three daughters  (he had another daughter with his second wife) are grown ups, he is divorced again and convinced, to die in ten days. The goat of death has appeared him in a dream. A certain sign!
He writes an email to his daughters and his ex-wife Carol, who has divorced him only  a year ago to explain the situation to them.

"Let me explain you something: I am sick in a way that no doctor would have much understanding. I am sick in a way of the soul that, yes, God will take me. No, I am not a suicide, I am Deeper than that, I am talking More than that. DEAR STAVROULA MY OLDEST,...Let me explain you something: your father has seen some of the world for it to be enough. There is a way to be for the normal society and you are not it. ... DEAR LITZA MY SECOND, please go to church....Litza, let me explain you something. Litza, you have problems....DEAR RUBY MY LITTLE ONE that I have adoration...Don't go marrying losers. Which you know I am talking about Dave. Why choose a man with the facial hair of an onion? ...Otherwise you are doing OK. DEAREST MY EX-WIFE, ....Even though you poison Stavroula and Litza against me from the moment I bring them into this fat country, and Ruby from the moment you bring her into the world. This is why I am asking: you should wear only black for the next year...." The mail has good advice for everybody addressed to, and most advices are not actually too friendly. For anyybody in need of help in interpreting his words he concludes: "If you have any confusion, Daughters and Wife, you can email a response. I will answer them all."
He is dying, at least he is absolutely convinced, he is, so for the last time, he wants to tell them all, how to run their lives. Its obvious, that the family is not too close anymore, and its easy to suspect, that his death-goat-dream is an attempt to blackmail them all into loving him and coming back. But this would be too easy, wouldn't it?
The book is about their reactions to this  email, his reaction to their reactions and it is about the story of the family, how Stavros lived on Crete and how he came to America, and how, through his immigration, somehow all their lives unfurled. It is also about him disappearing, after nobody reacts to his email the way, he wanted them to and abut the question, if he is dying.

Let me explain you is one of the most loving and readable books, I have read this year, or maybe ever. It is full of love for its characters, the story and it seems to understand every human foible. It is also ifunny.
And it is a very relevant book, because today, more than ever, people leave their homes in hope to start a better life someplace else, and without being dramatic or lecturing, it taught me subtle knowledge about, how deep such a process of immigration runs through generations and families. It made me think, how happy one can be, when she never needs to ponder the idea to leave home, because home is safe and beautiful and a place to be, who you are.

The book had several side effects on me:
1. I started craving greek food, which to me is comfort food. When my mom was dying, my brother, her man and I would often go and eat at a greek restaurant on the corner of our street, where the owner was a former classmate of my brother and he would serve us extra big portions and plenty of ouzo.
2. I really really want to go to Greece ASAP
3. I started to ask myself those questions daily and so far, have not found the one right answer but many different ones. To ask oneself this questions is an interesting process really:
What was the happiest moment of your life?
Was it worth it?

© Susanne Becker

Sonntag, 13. September 2015

Elif Shafak - Besuch einer Lesung, Der Bastard von Istanbul, Der Architekt des Sultans

Gestern habe ich eine Lesung von Elif Shafak im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin im Haus der Berliner Festspiele besucht.
Ich habe bereits einige ihrer Bücher gelesen und weiß, dass sie eine sehr kluge, beeindruckende Frau ist. Umso erstaunter bin ich, als sie die Bühne betritt und ich sehe, wie überaus bescheiden und zurückhaltend sie erscheint, nicht wie der Star der türksichen Literaturszene, der sie ist. Leise und unaufdringlich bringt sie ihre Ansichten zu Gehör, dabei immer freundlich, niemals wütend oder aggressiv. Das hat mich sehr beeindruckt, wie wenig rechthaberisch sie ist. Diese Haltung macht es natürlich vor allem jenen, die anderer Meinung sind als sie, viel leichter, ihr zuzuhören.
An einem Punkt sagte sie, dass sie ihre Bücher für viel weiser und mutiger hält als sich selbst, da sie die Charaktere in ihnen alles sagen lässt, was sie vielleicht selbst, beispielsweise in einem journalistischen Text, nicht so offen zum Ausdruck brächte. Sie sagte, dass sie lügen würde, würde sie behaupten, in journalistischen Texten offen alles zu schreiben, was sie denkt. Viel zu bewusst sei ihr, und sicher allen Schreibenden in der Türkei, welche Konsequenzen ein falscher Satz haben könne.
Immer wieder wies sie während des Abends darauf hin, wie wichtig freie Meinungsäußerung sei für eine funktionierende Demokratie, und dass dieses Gut in der Türkei immer stärker beschnitten werde.
Für ihren Mut, die Probleme der Türkei in ihren Romanen auszusprechen, wurde sie bereits einmal wegen "Beleidigung des Türkentums" angezeigt. Sie hätte dafür, wäre es hart auf hart gekommen, bis zu drei Jahren ins Gefängnis kommen können. Gott sei Dank wurde sie frei gesprochen. Aber eine solche Anzeige, eine daraus resultierende Gefängnisstrafe ist natürlich eine reale Bedrohung für jeden Schreibenden in der Türkei.
Der Bastard von Istanbul brachte Elif Shafak also fast ins Gefängnis, weil sie darin über den Genozid an den Armeniern schreibt und diesen auch so nennt.

ein wunderschönes Cover, wie
eigentlich immer bei kein&aber
Ein großartiger Roman, den ich vor kurzem las. Es ist die Geschichte zweier Familien, deren Schicksale viel stärker miteinander verwoben sind, als es ihnen bewusst ist.
Die eine Familie ist armenischen Ursprungs und lebt mittlerweile in Kalifornien. Die andere Familie ist türkisch und lebt in Istanbul.
In beiden Familien dominieren starke Frauen, viele, sehr viele starke Frauen. Das ist das erste, was mich an dem Buch sogleich gepackt hat: diese Fülle an wunderbaren Frauen, armenisch und türkisch, die alle eine laute Stimme bekommen. Es fängt gleich zu Beginn des Buches an mit Zeliha, die durch die verregneten Straßen der Stadt läuft, auf dem Weg zu einem Arzt, wo sie eine Abtreibung vornehmen lassen möchte. Dies geschieht dann aber schlussendlich doch nicht. Zeliha bekommt ihr Kind  und verschweigt konsequent den Vater. Das Kind wächst mit Zeliha im Haus der Familie auf, in dem nur Frauen leben: Zelihas Mutter sowie ihre Schwestern. Dieses Kind, Asya Kazanci, wächst in einem Universum ziemlich verrückter Frauen auf, in welchem ihre Mutter nur wie eine der zahlreichen Tanten erscheint und eine wirkliche Mutter-Tochterbeziehung sich nicht bildet. Asya ist nicht glücklich.
Zur gleichen wächst in den USA Armanoush Tchakhmakhchian heran, ihr Vater ist Armenier, die Mutter Amerikanerin. Die Eltern haben sich getrennt, als Armanoush noch ein Baby war. Sie verbringt nun die Hälfte der Zeit in Arizona bei der Mutter und die andere Hälfte in Kalifornien bei der Familie des Vaters. Ihre Großmutter, die den Genozid überlebte, kam als ganz junge Frau in die USA, sie ist eine der stärksten Figuren des Buches und ihre Geschichte ist atemberaubend.
Irgendwann beschließt Armanoush, die von ihrer Mutter konsequent Amy genannt wird, nach Istanbul zu gehen, um die Wurzeln ihrer Familie, die alte Heimat ihrer armenischen Großmutter, kennen zu lernen.
Armanoushs Mutter hatte bereits kurz nach der Trennung von ihrem Vater im Supermarkt einen jungen türkischen Mann kennen gelernt, der ihr zunächst vor allem deswegen als perfektes Ziel ihrer Begierde erschien, um mit dieser neuen Beziehung die armenische Familie zu brüskieren. Später heiraten die beiden und werden trotz der nicht ganz kosheren Anfangsmotivation ein recht glückliches Paar.
Armanoush nimmt hinter dem Rücken ihrer Eltern mit der Familie dieses türkischen Stiefvaters Kontakt auf und fliegt für eine Woche heimlich nach Istanbul, wo sie von der Familie mit offenen Armen, von Asya zunächst widerstrebend empfangen wird. Doch schon bald werden die beiden Freundinnen. In Istanbul lernt Armanoush, wie viele Ähnlichkeiten es gibt zwischen Türken und Armeniern, und dass man die beiden Völker trotz aller schmerzlichen Erlebnisse gar nicht trennen kann.
Im Laufe der Geschichte werden Geheimnisse und Verbindungen offenbart, als Leserin war ich so manches Mal über die Wendung überrascht, immer wieder staunte ich über die Fabulierkraft der Autorin, aber auch über die Unglaublichkeit des Schicksals.
Der Bastard von Istanbul ist ein intensivers, sehr reiches Buch, mit starken weiblichen Charakteren und klaren politischen Ansichten, die in diesem Kunstwerk zum Ausdruck gebracht werden. Es erzählt eine spannende und farbenreiche Geschichte, die vom ersten bis zum letzten Satz den Leser für sich einnehmen kann.

In ihrem Vorwort zu diesem Buch schrieb die Autorin: "Ich bin der festen Überzeugung, dass sich kein Geschichtenerzähler aus der Türkei (oder Pakistan oder Ägypten oder irgendeinem anderen Land, in dem eine reife Dimokratie noch eine Idealvorstellung ist) den Luxus erlauben kann, apolitisch zu sein."

Auch gestern abend hat sie an vielen Stellen des Gesprächs mit Gabriele von Arnim, die auch ins Deutsche übersetzte, gezeigt, dass sie eine sehr politische Autorin ist. Mehrfach wies sie, wie schon erwähnt, darauf hin, wie wichtig Redefreiheit und auch Freiheit des Denkens für eine wirkliche Demokratie sind, und dass diese Werte in der heutigen Türkei immer weiter beschnitten werden, womit eben auch wahre Kreativität beschnitten wird.
Sie stellte gestern dem Publikum ihren neuesten Roman Der Architekt des Sultans vor. Er handelt vom größten Architekten des Osmanischen Reichs, einem Elefanten und einem Jungen, der der Lehrling dieses Architekten wird. Dieser Junge erzählt die Geschichte in der Rückschau, als sehr alter Mann und sie beginnt wie folgt: "Von allen Menschen, die Gott erschuf und Schaitan auf Abwege führte, haben nur wenige den Mittelpunkt des Universums entdeckt, wo es weder Gut noch Böse gibt, keine Vergangenheit und keine Zukunft, kein »Ich« und kein »Du«, keinen Krieg und keinen Grund, Krieg zu führen, sondern nur ein unendliches Meer der Ruhe. Was diese wenigen dort fanden, war so schön, dass sie die Gabe des Sprechens verloren."
Der Sultan verlangte vom Architekten Sinan, er solle eine Moschee mit einer Kuppel bauen, die größer sei, als die Kuppel der Hagia Sophia, um zum Ausdruck zu bringen, dass der Islam mächtiger sei als das Christentum. Der Architekt Sinan aber wusste, dass es eine Kuppel gibt, die über uns allen sich wölbt und unter der alle Zuflucht finden: Juden und Muslime, Christen und Buddhisten, alle! Es gibt keine Trennung und Konkurrenz ist sinnlos, der Mittelpunkt des Universums steht jedem offen.

Elif Shafak las aus dem englischen Original, die Schauspielerin Naomi Krauss las aus der deutschen Übersetzung und das war ein besonderer Genuss!
Elif Shafak, die nicht in der Türkei, sondern u.a. in Spanien und Amman aufwuchs, schreibt seit etwa dreizehn Jahren ihre Bücher auf Englisch. Sie wird aus vielen Gründen in der Türkei angefeindet, auch aus diesem. Es gibt Leute, die nennen sie eine Betrügerin an der türkischen Sprache. Dennoch ist sie eine der meist gelesenen Autorinnen in der Türkei. Ihre Leser sind zu ca. 80 bis 85 % weiblich, und kommen aus allen Schichten, von allen politischen Seiten. Sie erzählte, wie sehr sie sich freut, wenn auf ihren Lesungen Frauen nebeneinander sitzen, die normalerweise kein Wort miteinander wechseln würden, die noch nicht einmal ein Glas Wasser teilen würden,weil sie aus vollkommen verschiedenen Schichten, Religionen, Lagern stammen, und doch teilen sie alle diese Lektüre. Da kommt sie ihrem Ziel, Brücken zu bauen, dazu beizutragen, dass die Türkei ein vielfältiges, ein offenes, ein tolerantes Land wird und bleibt, vor allem auch für Frauen, ein kleines Stückchen näher. 
Sie schreibt in Englisch, weil sie sich in dieser Sprache frei fühlt, und in vieler Hinsicht den Problemen ihrer Heimat unbefangen näher treten kann. Und wie sie selber sagt: Warum sollte sie nicht in Englisch schreiben? Warum sollte nicht jeder Mensch tun dürfen, was er kann und was er will, zeigen, was in ihm steckt, in aller Vielfal?
Zum Abschluss sagte sie noch einen Satz, der zu jedem ihrer Bücher, zur Lage in der Türkei, aber auch zur aktuellen politischen Situation hier passt: Die, die rechts stehen, die nationalistisch sind, fremdenfeindlich, frauenfeindlich, homophob etc, die schreien immer besonders laut und machen sich besonders brutal bemerkbar. Unser aller Pflicht ist es, lauter und sichtbarer als diese zu sein, uns viel deutlicher bemerkbar zu machen und den öffentlichen Raum zu besetzen - wenn wir ihnen diesen Raum überlassen, sind wir alle über kurz oder lang verloren.

© Susanne Becker