Berlin

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Sonntag, 22. November 2015

Mira Gonzalez" Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können"

 „dass du nichts erschaffen oder fühlen kannst, das niemand zuvor gefühlt hat“

Eine Bekannte überreichte mir vor ein paar Tagen ein Buch mit Gedichten mit den Worten: „Ich kann damit nichts anfangen. Das hört sich an wie meine alten Tagebucheintragungen aus Teenagertagen. Vielleicht magst Du es ja.“ Ich war mir nicht sicher, ob ich das nun als Kompliment verstehen sollte im Sinne von: „Du bist ja so literarisch. Vielleicht kapierst du, wie die Autorin das meint, ich nicht.“
Oder ob es eher eine Art desillusionierter Feststellung über mich war war, frei nach dem Motto: „Du bist ja dafür bekannt, dass du Teenagertagebücher gerne liest.“
Das Buch hieß „Ich werde niemals schön genug sein, um mitdir schön sein zu können“ von einer offensichtlich in den USA gerade sehr angesagten Autorin, Mira Gonzalez. Ich hatte von ihr noch nie gehört. Das Buch heißt im Original „I will never be beautiful enough to make us beautiful together“.
Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu könnenDas ist wichtig. Denn in dieser sehr schönen, kleinen Ausgabe von Hanser stehen die englischen Originale und die deutschen Übersetzungen sich auf jeder Seite gegenüber. So kann man die Güte der Übersetzung Jo Lendles, der ja auch der Herausgeber bei Hanser ist, sogleich überprüfen. Er hat die Gedichte in aller Regel sehr wortwörtlich übersetzt. Ich finde, das ist ihm bei sehr vielen auch gut gelungen. Obwohl mir manchmal andere Übersetzungen spontan durch den Kopf schossen beim Lesen, gebe ich doch auch zu, dass ich nicht mit Sicherheit sagen könnte, welche besser wäre und ob das wirklich wichtig ist. Denn in jedem Fall ist der Geist der Gedichte wunderbar eingefangen worden. Sie haben Titel wie „Ich habe einen Roman über dich geschrieben und unter Entwürfe gespeichert“ oder „auch Unter Menschen fühle ich mich einsamer, als wenn ich mir alleine das Internet angucke“. Die Gedichte sind schön in einer ruppigen Härte, mit der sie einem das Leben zuweilen beinahe um die Ohren klatschen.
„…Du tröstest Dich selbst mit dem Gedanken
„ich bin näher am Tod als jemals zuvor“…“
Deshalb hat es mir riesigen Spaß gemacht, sie zu lesen. Da entfaltet sich eine Welt, die teilweise fremd, teilweise unglaublich vertraut ist
„In sozialen Situationen verberge ich bestimmte Teile meiner Persönlichkeit
von denen ich glaube, dass sie anderen unattraktiv erscheinen
Ich habe nicht das Gefühl, so zu tun, als wäre ich etwas anderes
Tatsächlich habe ich nicht das Gefühl, etwas zu sein
Ich bin die ganze Zeit sehr müde…“

Hier schreibt jemand Gedichte, die sich in dieser Welt, unter Menschen, ziemlich fremd fühlt und ihre Orientierungsversuche ohne jede Beschönigung, ohne jede Selbsterhöhung (was per se schon wieder eine Selbsterhöhung sein könnte, wenn es mit Berechnung geschieht, was ich nicht weiß, ich kenne Mira Gonzalez ja nicht persönlich) gnadenlos beschreibt. Da passt es auch, dass sie in einem Interview antwortete: dass was sie am Leben am wenigsten möge sei sie selbst. Das hat Tragik, aber auch sehr viel Humor, das ist eine wunderbare Sprache, so knapp, so klar, so aus dem Alltag genommen und doch überaus lyrisch, poetisch, dass ich wirklich vor jedem einzelnen Gedicht begeistert in die Knie sinken möchte.
„…Vielleicht können wir diese besondere Art von Gleichgültigkeit verstehen
die man manchmal auf der rauen Oberfläche eines Kühlschranks bemerkt…“
Ein wirklich wunderbares Buch. Ich danke meiner Bekannten ausdrücklich und ich rate ihr, wenn ihre Tagebücher aus Teenagertagen tatsächlich so sind, wie diese Gedichte, dann sollte sie a) ihre Maßstäbe, was gute Literatur angeht, noch einmal überarbeiten, und b) ihre Tagebücher unbedingt zu Hanser schicken, vielleicht hat sie Chancen auf eine literarische Karriere.

Zum Abschluss noch eines meiner Lieblingsgedichte, es hat einen sehr langen Titel und ist sehr kurz:

Worüber ich nachdenke, wenn ich
über die Zombieapokalypse nachdenke

Ich würde mich sofort umbringen


Mira Gonzalez hat viele Follower bei Tumblr und Twitter und hat vor kurzem ein Buch mit Tao Lin heraus gegeben "Selected Tweets". Sie erhebt Tweets und kurze Statusmeldungen zu einer Literaturform, die in dem Gedichtband mühelos in die Gedichtform hinüber fließen und dieser eine neue, eine unserer Zeit entsprechende, dem Internet freundlich zu lächelnde Form annehmen. 

 © Susanne Becker

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