Berlin

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Mittwoch, 26. April 2017

Jenny Erpenbeck - Gehen Ging Gegangen

"Oft war es so, dass er am Beginn eines Projektes nicht wusste, was ihn vorantrieb, so als hätten seine Gedanken ein von ihm unabhängiges Leben und ihren eigenen Willen und warteten nur darauf, von ihm endlich gedacht zu werden, als existiere eine Untersuchung, die er erst anstellen würde, bereits, bevor er sie machte, und als sei auch der Weg quer durch das, was er wusste, sah, was ihm begegnete oder zustieß, in Wahrheit immer schon da, um von ihm, war er nur endlich so weit, begangen zu werden. ... Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind."

Der emeritierte Professor der Humboldt Universität, Richard, Fachgebiet Alte Sprachen, aber auch Philosophie, lebt allein in einem Haus an einem See, irgendwo im früheren Ostteil der Stadt Berlin. Ich stelle mir vor, Richtung Müggelsee. Sein Leben lang hat er sich mit philosophischen Fragen beschäftigt und in seinem Kopf über Sinn und Zweck der menschlichen Existenz nachgegrübelt, durchaus in einem auf Intellekt gegründeten Sicherheitsabstand von dieser. Dass dabei auch seine eigenen menschlichen Beziehungen vielleicht eher distanziert blieben, wird immer dann klar, wenn er von seiner vor fünf Jahren verstorbenen Ehefrau und seiner Geliebten berichtet.
In dem See, auf den er von seinem Haus blickt, war im Sommer jemand ertrunken, deshalb ist das ganze Jahr niemand darin schwimmen gegangen. Der See bleibt still und ungenutzt, ein beunruhigender Anblick.
Der Tote im See ist vielleicht einer der Gründe dafür, dass Richard so besonders die Endlichkeit seiner Existenz und deren Leere, nach der Pensionierung, bewusst wird. All die Zeit, mit der er nicht mehr wirklich etwas anzufangen weiß. Also ein Projekt muss her. Ja, und vielleicht ist es wahr, dass die Dinge, die wir entdecken sollen, die Rätsel, die wir im Leben zu lösen haben, immer schon gelöst da sind, auf uns wartend, damit auch wir die Lösung begreifen können.

Richard wurde pensioniert etwa zum gleichen Zeitpunkt, als die Flüchtlinge sich auf den Weg machten gen Berlin, um dort sichtbar zu werden, um dann ein Zeltlager am Oranienplatz aufzuschlagen, in der Hoffnung, damit den Staat Deutschland dazu zu bringen, ihre Situation wahrzunehmen und möglicherweise zum Besseren zu wenden. All das interessiert Richard nur peripher. Er ist ein stiller Mensch, der in seinen Gedanken lebt, auch in seinen Erinnerungen und seit der Pensionierung, allein, auch ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Irgendwann nimmt er die Flüchtlinge aber wahr, in den Nachrichten, und etwas an ihnen zieht ihn stark genug an, so dass er sich eines Tages aufmacht zum Oranienplatz. Das hat mit Zeit zu tun. Er setzt sich zwei Stunden auf eine Bank und beobachtet das Treiben im Camp. Währenddessen kann der Leser beobachten, wie in Richards Denken Verbindungen geknüpft werden, Synapsen miteinander reagieren und er am Ende irgendwann zu dem Schluss kommt, dass er ein neues Projekt hat, ein Forschungsprojekt zum Thema Vergänglichkeit und Zeit, und dass die Flüchtlinge am Oranienplatz genau die Richtigen sind, um Fragen zu beantworten, die diese Thematik erhellen können, die damit vielleicht auch noch einmal neu den Sinn des Lebens deutlich machen, oder nicht. Denn sie sind aus der Zeit hinaus gefallen und gleichzeitig in ihr eingesperrt. Ihr Leben ist on hold. Eine Situation, die ihm nicht unvertraut ist. Hat er doch in der DDR gelebt und erfahren, dass ein Staat sich innerhalb weniger Wochen komplett auflösen kann. Dass alles das, worauf wir gerade noch unsere Identität gründen, sich in Nichts auflösen kann. Wenn einem das im eigenen Leben nicht widerfährt, ist das ein Glück, kein angeborenes Recht.
Zwei Wochen liest er und stellt einen Fragenkatalog zusammen. Als er dann am Oranienplatz ankommt, um seine Fragen an den Mann zu bringen, ist das Camp gerade aufgelöst worden, die verschiedenen Menschen wurden auf verschiedene Orte in der Stadt, am Stadtrand verteilt, die Gemeinschaft dabei aufgelöst.
Richard findet eine Gruppe von ihnen wieder, in einem leerstehenden Altersheim gar nicht weit von seinem Haus und dem See entfernt. Er geht hin und beginnt seine Interviews. Peu à peu erfährt er immer mehr Lebensgeschichten, Umstände, Gründe, warum sich junge, afrikanische Männer auf den verzweifelten Weg nach Europa machen.

Richard ist ganz und gar kein politischer Mensch. Er nähert sich den Flüchtlingen nicht, weil er ihre Situation verändern möchte. Naiv geht er auf sie zu, weil er ein Projekt hat, von dem er glaubt, dass sie ihm bei der Erforschung helfen können. Dass diese Forschungsarbeit letztendlich dazu führt, dass auch sein Leben sich vollkommen verändert, ist vielleicht nicht ganz überraschend für den Leser und beweist den Satz, den Richard irgendwann denkt: "Es ist wichtig, dass er die richtigen Fragen stellt. Und die richtigen Fragen sind nicht unbedingt die Fragen, die man ausspricht."

Was mir an dem Buch gefallen hat, sind diese Dinge: dass es im Grunde eine Art Poetologie mitliefert. Es ist ein Buch über die Zeit und die Vergänglichkeit, vor allem die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Man kann während der Lektüre Richards Gedanken- und Entwicklungsgang fast 1 : 1 mitverfolgen und damit die Entstehung dieses Buches. Denn letztlich hat es in seinem Zentrum Richards Projekt, das ihm nicht die Fragen unbedingt beantwortet, die er laut stellt, sondern viele, die er nicht stellt. Am Ende hat er im Grunde ein neues Leben. Am Ende hat er Beziehungen in einer Intensität, die für ihn neu ist. Am Ende hat er auch gelernt, wer seine Freunde sind.

Wie kurz ist unsere Zeit nur und wie privilegiert sind jene, die sie selbstbestimmt hier gestalten önnen und dürfen. Wenige sind es, vergleichsweise, die dieses Privileg genießen. In dem Buch trifft man auf so viele, die vom Leben herum geworfen werden. Richard reflektiert all dies, der Wissenschaftler, der Denker, der Belesene. Er sieht in den jungen Afrikanern nicht die normalen Klischees, sondern Charaktere aus Sagen, aus der Literatur, der Geschichte, sie regen ihn dazu an, seine philosophischen Konzepte zu ergänzen und zu überdenken. Von Anfang an versteht er ihre Geschichten in einer menschlichen Allgemeingültigkeit, gerade weil er auf eine Art naiv an sie herantritt. Er hat keine vorgefasste Meinung, keinen politischen Standpunkt. Er ist einfach als neugieriger Mensch, getrieben vom Interesse an der Lösung seiner Forschungsfrage, auf sie als Menschen, von denen er annahm, sie könnten ihm helfen, zugegangen. Da ist soviel Verwunderung, offensichtliches Überraschtsein über die Lebenssituation der Männer, aber auch über den Umgang der deutschen Bürokratie mit Mord und Totschlag. Man kann ja alles verwalten. Man kann, bürokratisch genug, ein ganzes Leben in den Staub einer Aktenlandschaft hinein verwalten. Da bleibt keine Lebendigkeit mehr übrig.
Diese Unschuld, könnte man beinahe sagen, erhält er sich die ganze Zeit. Auch als er so viele der Geschichten der Männer kennt, ihnen Schritt für Schritt näher kommt, spulen in seinem Kopf niemals Vorurteile ab. Seine Reaktionen sind immer genuin und souverän. Wenn einer der Männer aufs Amt geht, begleitet er ihn. Er regt sich auf, wenn dort etwas ungerechtes geschieht. Er hilft, wenn er kann. Er drängt sich nicht auf. Wenn einer der Afrikaner ihn einen Unterstützer nennt, scheint das Richard beinahe zu irritieren, denn er sieht sich selbst nicht als Unterstützer. Weshalb sein Umgang mit den Männern respektvoll und auf Augenhöhe geschehen kann. Er sieht sie nicht als Opfer. Ihm ist bewusst, wie leicht er selbst in einer derart machtlosen Lebenssituation hätte landen können. Dass es niemandes Verdienst ist, wenn er die Mittel hat, sein Leben im Griff zu haben.

Man kann die Situation anderer Menschen ja niemals beurteilen. Gestern sah ich mit einer Freundin den Film I Am Not Your Negroe, über James Baldwin und sein nicht vollendetes Buchprojekt über den Mord an seinen Freunden Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Es ist ein Film über den Rassismus in den USA. Ich sah ihn aber als Film über Rassismus im allgemeinen. Die Weigerung, sich mit dem Leben jener auseinanderzusetzen, denen es durch unsere Privilegien schlecht geht. Denn wenn wir uns damit auseinandersetzten, müssten wir unsere Privilegien fahren lassen. Alles ist mit allem verbunden. Die, denen wir es schlecht ergehen lassen, formen unser Land mit. Gerade wird Europa weniger von den Europäern, als von jenen geformt, denen wir den Tod an Europas Grenzen verordnen. So wie Amerika geformt wurde und wird von den Schwarzen, die es diskriminiert.
Man kann die Situation anderer Menschen niemals beurteilen. Ich habe keine Ahnung, was es heißt, auf einem Schlauchboot von Afrika nach Italien zu fahren, oder ein fünfzehnjähriges Mädchen zu sein, das von ihren Nachbarn und Mitschülern angespuckt wird, weil sie keine nach Hautfarbe getrennte Schule, sondern eine für alle Kinder besuchen möchte. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Familie vor den eigenen Augen massakriert wird. Aber viele von denen, die in Deutschland stranden, wissen sehr genau, wie sich das anfühlt.
Jenny Erpenbeck gibt Menschen eine Stimme und eine Geschichte, die hier oft nur bürokratische Manövriermasse sind. Richard beobachtet und kommentiert das Ganze, trocken und präzise. Wenn mich dieses Buch eines gelehrt hat, nein, es hat mich vieles gelehrt, aber eines ragt heraus: Erlaube Dir kein Urteil über jemand anderen. Du hast keine Ahnung! Konzentriere dich auf die wichtigen Fragen. Habe die Geduld, mit ihnen zu sein. Warte auf die Antworten.

Für mich ist Gehen Ging Gegangen ein perfektes Leseerlebnis gewesen. Denn Jenny Erpenbeck schafft es, aktuelle politische und gesellschaftliche Geschehnisse in eine spannende und nicht konstruierte, sehr intelligente Geschichte zu verpacken. Das stand 2015 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ich hätte mich gefreut, wenn sie ihn gewonnen hätte.
Natürlich ist dieser Richard wie so eine ideale Gestalt, aber auch das hat mir am Buch gefallen: dass es ein wenig träumt. Abgesehen davon kenne ich so viele Menschen, die seit dem Beginn der Flüchtlingskrise ihr Leben verändert haben, gar nicht so anders als Richard, dass ich die Geschichte nicht als unrealistisch empfinden kann.

(c) Susanne Becker

Montag, 10. April 2017

Juli Zeh - Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien

„Seit Tagen gelingt es mir nicht mehr, das Böse als Ausnahme von der Regel des Guten zu begreifen.“

Die Stille ist ein Geräusch ist ein Reisebericht über eine Reise durch Bosnien. Er ist geschrieben von einer Frau, Juli Zeh, die sehr gut schreiben kann, mutig ist und in dieses vom Krieg zerstörte und tief verwundete Land reist, ohne eine Meinung zu haben, ohne sich ein Wissen einzubilden, das ja nur aus zweiter Hand stammen würde. Sie fährt mit einem Hund und mit vielen offenen Fragen. Zum Beispiel: Wo wachsen die Melonen?
Es ist Sommer, das Jahr 2001, Juli Zeh will mit ihrem Hund nach Bosnien, und dafür informiert sie sich zunächst an einer Stelle, an der viele Reisen beginnen.  „Die Frau im Reisebüro….“Was wollen Sie dort? Da ist doch Krieg!“ Gewesen! Ich verzichte auf Richtigstellung….“
Sie sagt, dass sie dort recherchieren möchte und so gelingt ihr eine Buchung. Touristenführer gibt es für das Land nur noch aus den 80er Jahren, mit Bildern von Dingen, die vielleicht nicht mehr existieren.
„Ich will sehen, ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, an den man fahren kann, oder ob es zusammen mit der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist.“
Sie fährt nach Bosnien-Herzegowina und weiß im Grunde selbst nicht, warum. Vielleicht, weil uns in Deutschland, unserer Generation, der Krieg noch nie so nah gekommen ist wie seinerzeit in Jugoslawien. Da wurde er plötzlich zu etwas beinahe Realem, etwas, das jedem und überall geschehen kann. Sie fährt hin, um zu sehen, wie ein Land ausschaut, nach dem Krieg. Aber eigentlich fährt sie auch hin, und sie hat den Mut, diesen Krieg beinahe zu ignorieren, um das Land zu sehen. Sie behandelt das Land und seine Bewohner wie ein normales Land, also ein Land, in dem nicht gerade Nachbarn einander ermordet haben. Das ist ein Geschenk an dieses Land. Eigentlich ein Geschenk an das Leben ist es, was Juli Zeh mit diesem Buch leistet, mit dieser Reise: Unvoreingenommenheit. Wann begegnet man der schon, heutzutage? Jeder hat immer zu allem eine Meinung, und dank Facebook und Twitter et cetera, werden einem diese Meinungen ständig um die Ohren gehauen. Man selbst haut kräftig mit. Dass sie es dennoch schafft, immer einfach nur Fragen zu stellen, sich offen zu halten, ist eine große Leistung. Auch deshalb ist Die Stille ist ein Geräusch, das ich in den letzten Wochen zum zweiten Mal gelesen habe, immer eines meiner Lieblingsbücher dieser Autorin gewesen. Weil die Haltung, so ein bisschen naiv, offen, eine ist, mit der ich eigentlich auch durchs Leben möchte, und zwar bis zum Schluss. Wo wachsen die Melonen?
Auf ihrer Reise durch Bosnien trifft Juli Zeh auf viel Fachleute, die alle eine Meinung haben, vor allem zum Grund des Krieges, oder auch, wie es weitergehen sollte in diesem Land. Das kennt man irgendwie aus allen Weltgegenden, in denen so dramatisch etwas schief geht, dass dort die „Spezialisten“ aller Couleur einrücken und dem Rest der Welt diese Gegend erklären, objektiv natürlich, ist ja klar!
Frage: Warum war Krieg und gegen wen?
Immer wieder trifft Juli Zeh auf eine Journalistin, die sich im Grunde immer noch als Kriegsberichterstatterin sieht, die von sich selbst beeindruckt ist, weil sie es aushält in einem solchen Land.
„Dieses Land ist ein Pulverfass! Es klingt wie etwas, auf das sie persönlich stolz ist. Ich sage ihr, dass ich nicht das Gefühl habe, ein Pulverfass zu bereisen.
„For God’s sake, my dear!“
Ich komme mir naiv vor,…“.

Die Zeh ist vielleicht auch naiv. Frage: Warum gibt es keinen McDonalds?
Manchmal scheint sie fast ahnungslos hinter SFOR oder UN-Leuten herzustolpern, durch vermintes Gelände oder in denkwürdigen Orten, deren Namen alle kennen, aufgrund der dort produzierten Leichenmengen, der absoluten Grausamkeit, die dort im letzten Jahrhundert ein paar weitere Eckpfeiler sammeln durfte: Srbrenica, Sarajevo, Tuzla. Aber gerade diese Naivität ist es, die ihr Einblicke und Erlebnisse gewährt, die niemand haben würde, der schon eine vorgefasste Meinung hat. Sie begegnet ständig Menschen, auf Augenhöhe, nicht als Besserwisserin. Es ist nicht so, dass sie den Krieg ignoriert. Das geht ja auch gar nicht. Denn an jeder Ecke begegnet ihr die Zerstörung, in Form von niedergebrannten Dörfern, beschossenen Gebäuden, der Sniper Alley in Sarajevo oder den Menschen, die ausnahmslos traumatisiert sind. Aber sie nimmt das alles, genau wie die Menschen, ganz offen auf und lässt es zu, dass dadurch auch etwas mit ihr geschieht. Schlaflosigkeit, zum Beispiel: „Jetzt ist es amtlich, ich kann nicht schlafen. Manchmal hilft Ehrlichkeit: Es liegt nicht an der Klimaumstellung. Bei Tag, in der Stadt, gibt es ihn nicht, diesen Krieg, auch wenn er an jeder Ecke, in jedem zweiten Satz der Menschen seine Markierungen hinterlassen hat. .. Er kommt bei Nacht, wenn ich in einem kleinen, zu gut ausgestatteten Zimmer liege, zwischen den Teppichen, Spiegeln und bereitgestellten Pantoffeln, wo es still ist bis auf das Rauschen der Klimaanlage, abgeschnittene Geschlechtsteile, Massenerschiessungen und die Minuten davor, über brennende Häuser und den Geruch in den Lagern.“
Sie ignoriert den Krieg nicht. Sie lässt ihn hautnah an sich heran und präsentiert uns in diesem kleinen Buch die Verwirrung, die es bei den Menschen auslöst, wenn sie der Grausamkeit der eigenen Spezies so ungeschminkt begegnen. Da hat sich alle Lamoryanz erledigt.
Es gibt kein klares Gut und Böse. Aber es gibt, auch nach dem Krieg, die ständige Bedrohung durch vergrabene Mienen, ganze Landschaften sind abgesperrt, manchmal nicht so eindeutig, dass man nicht doch versehentlich hinein geraten könnte mit dem Hund und schweißgebadet hofft, wieder herauszukommen, heil. „Falls ich mal ein Buch schreibe, soll ich erwähnen, dass es acht Unfälle pro Monat gibt und das Land frühestens in hundert Jahren minenfrei sein wird,…. Ich soll sagen, dass es Bosnien schlimmer erwischt hat, als Kambodscha, ….“
Frage: Wie heißt die Farbe der Neretva?
Dies ist wirklich ein ganz wunderbares Buch, über den Krieg, und was er anrichtet. Es ist auch ein Buch über ein Land, seine unglaubliche Schönheit, die ein Krieg vielleicht überschatten, aber niemals vernichten kann. Es ist eine Liebeserklärung, verzweifelt.

„Ich fühle mich, als wäre das Land durch mich gereist und kehrte nach Hause zurück, während ich übrigbleibe, mit hängenden Armen. Bereist.
Keine meiner Fragen habe ich beantwortet.“

Es gibt einen Brief von Rainer Maria Rilke an Franz Xaver Kappus, vom 16. Juli 1903, darin heißt es unter anderem: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Ich danke dem btb Verlag herzlich dafür, dass sie mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. 

(c) Susanne Becker

Mittwoch, 5. April 2017

Buch der Woche - Von Beruf Schriftsteller von Haruki Murakami

Von Beruf SchriftstellerHeute im Garten Haruki Murakami gelesen, Von Beruf Schriftsteller.

In dem Buch traf mich eine Erkenntnis, die mich aufrüttelte in Bezug auf die Frage, was bei meinem eigenen Schreiben immer noch ein großer Schwachpunkt ist. Wir können das Ganze auch gleich flächendeckend anwenden: was in meinem eigenen Leben ein Schwachpunkt ist. Leben und Schreiben sind ja eins. Auch das fand ich in diesem wunderbaren Buch vom Schreiben Seite um Seite bestätigt. Schreibender sein ist wie Mensch sein, atmen, es ist kein Beruf, den man jemals ablegt, sondern eher eine ganz eigene Weise der Existenz.
Zurück zur Schwachstelle: Es ist meine allzu schnelle, oft mit Überheblichkeit gepaarte Eigenschaft, auch Bereitschaft, beständig Schlüsse zu ziehen.

„Es gibt Charaktere, die ihre Mitmenschen und das, was um sie herum geschieht, rasch und entschieden analysieren und so in kürzester Zeit zu eindeutigen Schlussfolgerungen … gelangen. Allerdings haben solche Menschen keine besondere Veranlagung zur Schriftstellerei…“

Er empfahl diesen Menschen, Journalisten oder Kritiker zu werden. Das würde ihrem Naturell vermutlich eher entsprechen. 
Ich las diese Stelle und es fielen mir die Schuppen, die Jalousien von den Augen. Ich stülpe in einer schon fast gewaltsamen Geste, jedem Menschen, jedem Geschehnis meine Deutung, Analyse, Interpretation über. Ich gehe davon aus, dass ich recht habe. Anstatt einfach, und da liegt die Betonung tatsächlich, auch sprachlich ist sie so zu verstehen und das bestätigt jedes einzelne Buch von Murakami, die Betonung liegt auf einfach, sowohl im Reden mit anderen als auch im Schreiben den Leuten die Welt nicht zu erklären, sondern zu erzählen. In einfachen Sätzen einfache Tatsachen schildern. Das geschieht, dann dies, er hat dabei rote Haare und trägt eine zerlöcherte Jeans – Schreiben und Reden, ohne zu interpretieren, das ist eine wirkliche spirituelle Praxis. Sich dies vorzunehmen, dies zu üben, verändert auf der Stelle alles. Während ich noch auf meiner Liege lag und in die nicht mehr lange kahlen Kirschbäume träumte, fiel ein derartiger Ballast von mir ab. Weil klar wurde, wie anstrengend es ist, immer alles zu deuten, und dass ich mit dieser von Murakami inspirierten Einstellung viel leichter würde leben können. Ich lächelte eine Hummel an, die laut surrend um meinen Liegestuhl kreiste. Dickes, pelziges Insekt. Summt sehr laut. Umkreist mich. Hallo Freundin!
Eine zu schnell getroffene Schlussfolgerung stellt sich oft als falsch heraus und dann ist man in Verlegenheit.
„Erfahrungsgemäß sind … die Fälle, in denen eine Entscheidung dringend notwendig ist, sehr viel seltener als wir annehmen.“
Man kann also ganz in Ruhe und ohne das System mit vorschnellen Deutungen zu verstopfen, Fakten sammeln, Beispiele, Begegnungen, Gerüche, das Verhalten anderer Menschen und sich nichts dabei denken. Einfach nur sammeln! Die Erklärung, die Deutung, die Entscheidung kommen ja, und das ist mir durch meine Meditationspraxis im Grunde auch längst klar, nur dass ich es immer wieder für lange Zeiträume vergesse. Man kann vollkommen darauf vertrauen, dass die richtige Entscheidung, das richtige Urteil, die gültige Erklärung immer kommen, irgendwann, und eigentlich eben nicht irgendwann, sondern zum für diese Entscheidung genau richtigen Zeitpunkt. Wie aus dem Nichts, also der Stelle in einem selbst, die so wunderbar rauscht, wie das Meer, diese riesige Landschaft des Menschseins in einem, aus der heraus steigt die Erklärung. Nein, eigentlich ploppt sie. Sie steigt auf aus dieser Landschaft und bei mir tut sie das oft mit einem lauten Plopp!

„Dazu kann ich im Moment nichts sagen.“ Wie oft sagt man das? Wie oft lässt man sich die Zeit, erst dann etwas zu sagen, wenn man etwas sagen kann?
"Dazu kann ich im Moment nichts sagen" - aber als Yogaübung für den Geist. Anhalten, in der Position verbleiben, atmen, kein Urteil fällen und in die Regionen hinein atmen, die sich als verkrampfte outen.

„Jedenfalls sollte jemand, der Schriftsteller werden will, seinen Stoff nach Möglichkeit so aufnehmen und sammeln, wie er ist, statt überstürzt Schlüsse zu ziehen. Das gespeicherte Rohmaterial lässt er in seinem Inneren arbeiten.“
Dieser Murakami-Tipp gilt ja nicht nur für das Schreiben. Er ist hilfreich für die gesamte Lebensausführung. Er nennt das „minimale Datenverarbeitung“.
Das ist der Unterschied zu meiner eigenen Lebensausführung: Ich betreibe maximale Datenverarbeitung. Als Beispiel: Ich sehe ein Ohr und wie jemand sich daran kratzt, und schon bin ich stundenlang oder länger, ja, oft länger, damit befasst, die das Ohr tragende und kratzende Person bis in ihre winzigsten Nischen hinein zu kategorisieren, zu analysieren, zu beurteilen. Ich spiele mich auf, als wüsste ich von alles von dieser Person. Ich kann durch die Haut hindurch in ihr Innerstes blicken. Wenn ich lange genug nachdenke, kann ich mir sogar ihre Vergangenheit und ihre Zukunft vorstellen und halte diese Vorstellungen durchaus für bare Münze. Nicht selten richtet sich mein gesamtes Tun an diesen Vorstellungen aus, die nichts als Fantasie sind. 
Minimale Datenverarbeitung würde mir unglaublich viel Zeit lassen, die Welt zu beobachten. All die Stunden, die ich mit der Geschichte der ihr Ohr kratzenden Person verbracht hätte, wären plötzlich frei. Zu meiner freien Verfügung.
Diese Herangehensweise hat etwas sehr buddhistisches. Denn auch im Buddhismus ist ein großes Prinzip des Handelns, dass man sich nicht, indem man sie glaubt und ernst nimmt, in seinen eigenen Gedanken und Gefühlen verstricken sollte. Oder in denen der anderen um einen herum. In deren Geschichten. All diese Verstrickungen sind maximale Datenverarbeitung. Das Ziel ist aber minimale Datenverarbeitung. Ein Vertrauen in den Prozess. Ich sammele die Daten, speichere sie in meinem Inneren und ihre Bedeutung wird sich mir erschließen. Im Grunde muss ich nichts tun. Ich bin frei.

Darüber hinaus ist Murakamis Buch eine wunderbare Schilderung seines Lebens, seines Schreibens, seiner Erkenntnisse über die Menschheit und darüber, wie er mit seinem Körper umgeht, der ja ein wesentliches Vehikel für den Menschen ist, der jeden Morgen um fünf am Schreibtisch sitzen und schreiben möchte. Es liest sich wie ein Protokoll der Wahrheiten, die sich ihm aus seiner Datensammlung fast wie von selbst eröffnet haben. Unaufgeregt, schnörkellos und elegant.

Vor der Lektüre war ich kein Murakami Fan, ich gebe es zu. Während der Lektüre verliebe ich mich gerade in ihn. Wie schön, dass ich auf meinem Regal, meinem gigantischen SuB, noch zwei ungelesene Murakami-Bücher habe: Die Doppelausgabe seiner beiden ersten Romane Wenn der Wind singt und Pinball 1973, über deren Entstehungsgeschichte sehr viel in Von Beruf Schriftsteller zu finden ist, sowie Mister Aufziehvogel.

"Fast allen Autoren, die einen Roman beendet haben, steigt das Blut in den Kopf, ihre Hirnmasse überhitzt, und sie verlieren den Verstand. Warum das so ist? Zum großen Teil liegt es sicher daran, dass von vorneherein ausgeglichene Menschen sowieso keine Romane schreiben."

(c) Susanne Becker

Dienstag, 4. April 2017

Osterkoans 1996

Gerade lese ich meine alten Tagebücher, Stück für Stück, was zum größten Teil eine extrem gute Übung in Demut ist. Danach vernichte ich sie. Stück für Stück, was vor allen Dingen eine extrem gute Übung im Ballast abwerfen ist. Wenn man bedenkt, dass ich Tagebuch schreibe, seitdem ich 12 Jahre alt bin und mittlerweile in Band Nr. 176 schreibe, kann man sich die Menge an Kisten vorstellen, mit denen ich diese Journale durch mein Leben schleife, oder auch einfach unsere Wohnung voll stopfe.
Bislang habe ich die gelesenen und nach noch Verwertbarem durchforsteten Bände (+ hallo, war die Menge an Verwertbarem beschämend gering!!) ins Altpapier gegeben, nur in New Mexico habe ich sie verbrannt. Dieses Jahr möchte ich die Bücher, die ich gelesen habe, aber alle verbrennen, im Garten. Das scheint mir symbolisch. Feuer  machen. Meine Vergangenheit dem Feuer übergeben, um Platz für die Zukunft und etwas Neues zu machen.
Es gibt allerdings Momente des Lesens, in denen könnte ich auch leicht größenwahnsinnig werden, weil ich über Zeilen stolpere, von denen ich mich nicht erinnern kann, sie je nieder geschrieben oder auch nur gedacht zu haben. Vielleicht habe ich sie einem Zen Lehrer gestohlen und die Quelle einfach verschwiegen. Oder ich war für einen kurzen Augenblick sehr sehr klug, selber möglicherweie gar eine Zen Lehrerin damals, im September 2001, als ich folgenden Eintrag tätigte:

Osterkoans 1996
(Gefunden in einem Tagebuch von 2001)

1. Wie viele Listen werden Dich gen Himmel heben?

2. Hast Du die Anzahl der Meinungen kalkuliert, die Du brauchen wirst, um eine Kathedrale zu bauen?

3. Wenn Du nie mehr einen weiteren Gedanken in Deinen Kopf gießen würdest, wie viele Bibliothekare würden gebraucht, um Dich zu ordnen und all das, was in den Ecken gestapelt ist?

4. Was kannst Du zwischen den Birnen essen, durch Deine Haut hindurch trinken – ohne Verlust?

5. Wenn sie den großen Flohmarkt abhalten, wie viel werden sie für Deinen Groll bekommen?

6. Wie viele Wege kennst Du, um Dich selbst, Schritt für Schritt, zu vergessen?

7. Schaust Du auf, am Eingang?


8. Kannst Du ein Kichern unterdrücken, einen Seufzer ausbügeln, einen Segen aufbrechen, wie eine widerspenstige Muschel?

(c) Susanne Becker