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Corona Tagebuch (8)

Was war heute? Heute war die Wirklichkeit in Realität ganz anders. ein kleiner geschlossener Laden am Weichselplatz, Neukölln In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders Ein Spaziergang mit der jüngeren Tochter. Es war kalt. Die Bäume blühen so schön. Es war stürmisch, der Himmel riss auf und die Sonne begann ein wenig zu wärmen. Am Kanal war es relativ leer. Aber wir sind bis nach Neukölln gelaufen und ich möchte sagen: Social Distancing auf der Sonnenallee in Neukölln ist eine Herausforderung. Viele Menschen mit Gesichtsmasken unterwegs. Treptow, Coronazeit Beim Einkauf im kleinen Rewe auf der Ecke wird darauf geachtet, dass nur noch fünf Kunden gleichzeitig im Laden sind und Abstand halten. Ich kenne die Leute dort seit immer, seitdem meine älteste Tochter ein Baby war, und das ist 20 Jahre her. Also bleibe ich kurz 2 Meter entfernt von ihr stehen, um mit der Besitzerin ein paar freundliche Worte zu wechseln. Ein anderer Kunde schubst mich fast beiseite und knurrt ...

Buch der Woche - Fast dumm von Ann Cotten

Ann Cotten, Fast Dumm Essays von on the road Ich muss wieder reisen. Das war mir in dem Moment klar, als ich heute Ann Cottens spannendes Buch Fast dumm , erschienen bei den Fürther starfruit publications , aus dem Briefkasten zog. Roadtrips are necessary! Very! Schon das Coverphoto zieht mich im Grunde auf die Straße. Sofort möchte ich den Schlüssel in ein Zündschloss stecken und mich auf den Weg machen. Es gibt sehr viele Orte, die ich unbedingt noch oder wieder sehen möchte und ich sollte damit beginnen, bevor ich so alt bin, dass ich einen Rollator brauche. Das ist nicht witzig. Ich weiß! Es gibt so viel, was ich kapieren möchte.  Das Reisen als Übung darin, in der Nähe zu leben. Das klingt paradox, aber nur im ersten Moment. Im zweiten kann ich erklären, dass in der Nähe zu leben bedeutet: Dinge, Situationen, Menschen, Orte, sagen wir mal: das Leben, an sich heran kommen zu lassen, ohne sich mit einer Sichtblende aus theoretischem Firlefanz davor zu verbar...

Halb Taube Halb Pfau von Maren Kames

halb taube halb pfau , erschienen 2016 im Secession Verlag „C: Ich möchte etwas, das unter Einsatz des ganzen Körpers entsteht.“ Mit ihrem Debüt, für das Maren Kames den Poesie-Debut-Preis Düsseldorf 2017, sowie den Anna- Seghers-Preis 2017 gewonnen hat, führt sie uns hinein in eine Landschaft, in der alles möglich ist. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich ist der Raum in einer größtmöglichen Offenheit gestaltet. Weiß, lichtdurchflutet, leer. Das spiegelt sich auch im Layout wider. Die Aufgabe besteht darin, diesen Raum, dieses Land „Nimm meinen Schädel, das ist das Land“ zu besiedeln, auszuloten, zu bebauen. Das geht drinnen und draußen, im Land und im Schädel. Dazu soll alles zum Einsatz kommen, der ganze Körper, jede Seite. Auch jede leere Seite hat eine Bedeutung. Weiß wie Schnee. Die Antarktis. Es gibt Stellen in dem Buch, da denke ich, Maren Kames ist Roald Amundsen. Wird sie den Pol erreichen, bevor es keinen Pol mehr geben, bevor alles geschmolzen sein wird?  ...

Miljenko Jergovic - Die unerhörte Geschichte meiner Familie

Wenn mich jemand fragt, welches das Buch ist, das mich in diesem zu Ende gehenden Lesejahr am meisten, am allermeisten beeindruckt hat, so würde ich antworten: Die unerhörte Geschichte meiner Familie von MiljenkoJergovic . Das hat mehrere Gründe. Die Fabulierlust Miljenko Jergovics ist vielleicht der erste Grund, den ich nennen würde. Wie jemand von Hölzchen auf Stöckchen kommt und ihm einfach immer mehr einfällt, er das nicht zurück hält, sondern alles alles aufs Papier bringt, das hat mich unglaublich beeindruckt und ich habe wirklich jede einzelne der 1100 Seiten mit einem körperlich spürbaren Genuss verschlungen. Hier begegnet man einem zutiefst begnadeten Erzähler. Ich wüsste keinen zweiten zu nennen, den ich mit ihm in eine Reihe stellen könnte. Im Verlauf der Geschichte nennt er selbst einige, Peter Nadas , Paul Auster unter anderen, ich denke, das ist die Reihe der Giganten, in die er gehört, und das weiß er und beansprucht seinen Platz entgültig durch diese unerhörte Ges...

Ruth Zylberman, die Topographie des Lebens erforschen

Wir befinden uns in einer Schicht über den Vergangenheiten. All das, was bereits geschehen ist, liegt unter uns, gestapelt. Lage für Lage stapelt die Vergangenheit sich unter uns, wie eine geologische Gesteinsformation. All die Leben und Tode, die Taten und Untaten, sind da und bilden das psychische Gelände, auf dem wir unseren Lebensweg zurück legen. Wenn wir aufmerksam sein können, so aufmerksam, wie es uns nur irgend möglich ist, dann können wir diese Schichten erspüren. Das vergangene Wochenende war für mich ein Wochenende der französischen Schriftstellerin und Filmemacherin Ruth Zylberman. Am Freitagabend begann ich ihr Buch Vermisstenstelle zu lesen, das gerade im Secession Verlag erschienen ist. Am Samstag kam sie selbst nach Berlin und stellte im Neuköllner Kino Wolf ihren neuen Dokumentarfilm 209 Rue St. Maur, Paris, 10Ème, The Neighbors – vor. Sowohl in diesem Film als auch in ihrem Buch geht es um Topographie, um das Gelände oder auch den Raum, in dem wir leben,...

Lesung: Losfahren mit Manal al-Sharif im Deutschen Theater Berlin

„Nenn‘ Leute wie mich nicht Aktivistin, das ist der erste Fehler, den Ihr macht. Wir alle sollten Aktivisten sein, sobald Unrecht geschieht.“ Am Montagabend las Manal al-Sharif im Deutschen Theater aus ihrem Buch Losfahren , soeben erschienen im Secession Verlag . Geboren und aufgewachsen in Saudi Arabien, einem jener Länder weltweit, in welchem die Situation der Frauenrechte kaum schlechter sein könnte, war Manal al-Sharif zwar daran gewöhnt, dass sie unter anderem nirgendwo ohne männliche Begleitung hingehen konnte und natürlich auch nicht Autofahren durfte. Aber sie wollte dies nicht akzeptieren. Also ließ sie sich von ihrem Bruder das Fahren beibringen („Die Lektion dauerte dreißig Minuten, danach bist du auf dich gestellt.“), lieh sich von einem Freund ein Auto, fuhr, begleitet von einer Freundin, die zur Feier des Tages ein rosa Kopftuch trug „Wenn wir schon verhaftet werden, möchte ich gut aussehen“, fuhr ein wenig Auto, ließ sich dabei filmen, stellte das Video in You...

Buch der Woche - Wir sind die Früchte des Zorns von Sabine Scholl

Sabine Scholl schenkt dem Leser mit ihrem Buch „ Früchte des Zorns “ eine Familiengeschichte, ihre Familiengeschichte. Im Mittelpunkt stehen mehr oder weniger ausschließlich die Frauen, die Mütter eigentlich. Es geht also um jene Frauen, die durch das freiwillige oder gezwungene, das im Grunde unvermeidliche Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse, der eigenen Träume, der eigenen Räume zur Selbstentfaltung, oft ein Leben lang, durch das Gebären von Kindern und die ständige Sorge für diese der Kitt unser aller Gesellschaft sind. Im Guten wie im Schlechten. Es ist ein Buch, das dem Frust der Frauen, der Wut, der Entrüstung, der Enttäuschung, der Traurigkeit dieser Frauen nachspürt und eine Stimme gibt. Auf jeder Seite wird die Trauer darüber spürbar, was alles möglich wäre, wenn die Frauen ihre Kinder in einer Welt bekämen, in welcher Gleichberechtigung wahrhaft praktiziert würde. An den Müttern kann man ablesen, ob und inwieweit es Gleichberechtigung gibt. Das wurde mir in dem Moment k...

Überbitten von Deborah Feldman

"Man könnte sagen, dass ich ein spirituelles Vertrauen in den nicht aufzuhaltenden Elan narrativer Entwicklungen hatte." Überbitten , das neue Buch von Deborah Feldman , handelt von den Jahren, nachdem sie die fundamentalistische, jüdische Gemeinde der chassidischen Satmarer in Williamsburg/New York verlassen hat. Es ist ein sehr persönliches Buch. Sie macht sich darin absolut sichtbar, vielleicht noch mehr, als in Unorhodox , dem Buch, in welchem sie ihr Leben bei den Chassiden und den Entschluss, es zu verlassen, schilderte. (hier nochmal meine Rezension von Unorthodox) Sie baut keinerlei Schutzwall um sich herum. Ihre absolute Ehrlichkeit und Authentizität sind zwei der Gründe, warum dieses Buch so gut ist. Es saugt einen vom ersten Satz an in seinen Bann. Es ist, als würde man mit einer wunderbaren Freundin quatschen, die einen nicht eine Sekunde lang hinters Licht führt. Frei von der Leber weg. Dabei intelligent, tiefsinnig, mit einer Menge Bezügen zu Denkern...

Ein Gott Ein Tier von Jérôme Ferrari

Es geschieht mir nicht häufig, dass ich ein Buch lese und es dann am liebsten in Gänze zitieren würde, weil eigentlich das ganze Buch wie ein großes Gedicht ist, welches mit seinen Worten in die Tiefen der menschlichen Existenz abtaucht, um dort dem Grauen nicht auszuweichen. Welcher Mut gehört dazu, ein solches Buch zu schreiben, in sich diesen Schmerz zu finden, aus dem die Worte aufs Papier bluten? Ich empfinde, dass wir in einem Zeitalter der Angst leben. Alle haben Angst. Viele erliegen dieser Angst und suchen nach Sündenböcken und schnellen Lösungen. Das Wegducken vor der Angst ist eigentlich das Schlimme an ihr. Wer seiner Angst nachgibt, der hat verloren. Mut ist, der Angst ins Auge zu schauen und dann so lange diese Angst auszuhalten, bis der Schlamm sich gesetzt hat, der Schlamm im eigenen Inneren, der einen dazu bringen möchte, um sich zu schlagen. Die Angst aushalten, bis das Wasser wieder klar ist, um dann aus dieser Klarheit heraus zu handeln. Keine Klarheit ist klar...

Buch der Woche - Die Füchsin spricht von Sabine Scholl

" This is a weeping song. Nick Cave? Die Gesänge bilden Zeitschleifen, Knoten, die sich nicht lösen. True weeping is yet to come." Die Füchsin spricht ist ein Buch aus dem Secession Verlag, der es in 2016 geschafft hat, zu einem meiner Lieblingsverlage zu werden. Nicht nur, dass in ihm ausgesprochen ungewöhnliche und kluge Bücher erscheinen. Sie sind zu allem Überfluss auch noch schön, sorgfältig lektoriert und mit jedem Buch hat man das Gefühl, einen kleinen Schatz in der Hand zu haben. Man spürt deutlich, wieviel Aufmerksamkeit und verlegerische Liebe in jedes einzelne Werk einfließt. Die Gestaltung ist immer zurückhaltend, dabei geschmackvoll und stilsicher. Wenn ich auf der Website des Verlags herum spaziere, möchte ich jedes zweite Buch eigentlich auf der Stelle lesen und Euch möchte ich sein Programm wärmstens ans Herz legen. Ich spiele zum ersten Mal seit meiner Jugend, als ich ein Suhrkamp Regal hatte, mit dem Gedanken, wieder ein Verlagsregal zu eröffnen. In dies...

Buch der Woche - Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

"Wir haben gedacht wir machen das einzig Richtige, hat mein Vater gesagt, das beschützt einen vor der Realität." Vielleicht ist dies das Buch, das mir bisher am eindrücklichsten und doch unaufgeregtesten verdeutlicht, was es heißt, ins Exil zu gehen, weil man in seinem eigenen Land so derart bedroht ist, dass man dort nicht mehr leben kann. Shida Bazyar schreibt in ihrem Buch Nachts ist es leise inTeheran , erschienen im Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag , die Geschichte einer iranischen Familie, die nach der Revolution gegen den Schah das Land verlassen muss, weil die Ayatollahs ein mindestens so brutales Regime installieren, in welchem alle gefoltert werden und/oder sterben, die sich den strengen Gesetzen nicht fügen, die den Gotteskriegern nicht passen. „Pahlavi war böse, sagt er, er war ein böser und schlimmer Mann, aber diese Geistlichen, die machen alles noch viel schlimmer, Khomeini war ein Mörder, Laleh, es sind Mörder, die dieses Land regieren.“ sagt ...