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Buch der Woche - Nachtlichter von Amy Liptrot

„Eine kleine Insel für sich allein zu haben, gibt einem das seltsame Gefühl, frei und gefangen zugleich zu sein. Ich pinkle am Rand einer Klippe, schaue dabei in Richtung Norwegen und komme mir vor wie ein nordischer Eroberer. Vor einem Jahr war ich in einer Entzugseinrichtung in London. Und jetzt liege ich, alle viere von mir gestreckt, auf einer unbewohnten Insel…“

Kurz vor dem Ende des Jahres habe ich noch ein paar sehr schöne Bücher auf meinem Regal liegen und ich habe mir vorgenommen, Euch einige davon noch vorzustellen, bevor das neue Jahr beginnt.

Ein Buch, das mir nur durch den wunderbaren Blog literaturleuchtet von Marina Büttner ins Bewusstsein gerufen wurde, begleitet mich schon seit einigen Tagen. Ich habe es immer in der Tasche und lese darin bei jeder Gelegenheit, häufig in der Berliner U-Bahn, aber auch, während ich darauf warte, dass das Nudelwasser anfängt zu kochen.
Es heißt Nachtlichter und ist von der Autorin Amy Liptrot.

Der Einband ist wunderbar blau und violett wie der Himmel und das Meer, weiß, wie die Möwen, die in dieser Landschaft fliegen. Sehr schön ausgewählt für ein Buch, in dem das Meer eine so wichtige Rolle spielt.

Der autobiografische Text handelt davon, wie die Autorin die Orkney-Inseln als junge Frau verlässt, um als Journalistin in London zu leben, wie sie vom Alkohol abhängig wird und nach einer Entziehungskur in dem verzweifelten Versuch, nicht rückfällig zu werden, zurück in ihre Heimat kehrt, die Geborgenheit in einer stürmischen und eher rauen Form bietet. Wir erfahren, dass ihre Kindheit nicht einfach war. Denn der Vater war psychisch labil und wurde beispielsweise an dem Tag, an dem ihre Mutter mit ihr als Säugling aus dem Krankenhaus zurück kehrte, in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Ihre Wege kreuzten sich auf dem kleinen Flughafen der Hauptinsel. Allein die Vorstellung, dass Amys junge Mutter mit einem Säugling alleine auf einer einsamen Insel hockte, geht einem nahe. Hinzu kam, dass die Mutter sehr religiös war. Die Welten der Eltern knallten mit ihren Extremen immer wieder aufeinander.

Das ganze Buch ist rau und zart zugleich, brutal und liebevoll. Es ist auch der Versuch,  schreibend die Leere zu füllen, die durch das Ende des Alkoholismus in Amy Liptrots Leben sich auftat.
Der Kampf gegen die Sucht, der Versuch zu heilen, finden in ihrer Schonungslosigkeit einen Spiegel in der rauen Landschaft dieser nördlich von Schottland liegenden Inselgruppe. Hier findet sie auch Beschäftigungen, um die Leere nicht ununterbrochen spüren zu müssen. Zum Beispiel arbeitet sie einen Sommer lang als Wachtelkönigbeobachterin für eine Umweltorganisation. Wachtelkönige sind sehr selten und vom Aussterben bedroht.
Gut kennt sich Amy Liptrot mit den Tieren und der Vegetation aus, so dass das Buch nicht nur ihre eigene innere Landschaft schildert, die Leere, die Angst davor, der Versuch, ihr nicht auszuweichen, sondern auch das Leben der Tiere und Pflanzen in einer Region, in der diesem Planeten das Leben fast abgetrotzt werden muss. Viele der Inseln sind nicht mehr bewohnt oder waren es auch nie, da das Klima zu rau ist. Man spürt es auf jeder Seite, dass auch die Autorin möglicherweise unbewohnt bleiben könnte, wenn sie es nicht schafft, dem rauen Klima in sich zu trotzen.
Es geht ums Überleben, das Überleben einzelner, von der Ausrottung bedrohter Tierarten wie der Wachtelkönige, aber auch das der Autorin.
Wir erleben beim Lesen mit, wie sie dank der Natur, dank der Abgelegenheit, dank ihrer unglaublichen Courage schwankend im Wind auf den Klippen ihrer Inseln, den Abgrund vor Augen,  langsam doch wieder Boden unter die Füße bekommt, wie die Leere sich mit Sinn und Sinnhaftem füllt. 
Eine zutiefst befriedigende Lektüre, mit dem zumindest für mich kleinen Seiteneffekt, dass ich jetzt unbedingt sobald wie möglich Schottland und die nördlich davon gelegenen Orkney Inseln besuchen möchte.

Ich danke dem btb Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

Hier ist noch der Link zu einem Interview mit der Autorin aus der Sendung Aspekte

(c) Susanne Becker


Kommentare

  1. Ein besonders Buch. Ich trug es auch mit mir herum.

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    1. Danke für Deinen Kommentar. Obwohl ich mittlerweile schon einige Bücher nach diesem gelesen habe, wirkt dieses immer noch nach. Herzlich Susanne Becker

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