Berlin

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Sonntag, 9. Oktober 2016

Arbeiten im Café

Heute hatten wir ein Gespräch am Frühstückstisch, der Mann, Miss Lilly und ich, über Arbeiten in Cafés, über Gastronomie generell und wie wenig ich mich für einen Job als Kellnerin im einzelnen eigne. Man kann dort ungestraft von absoluter Unterbegabung sprechen und dem Mangel jeglichen Ehrgeizes, daran etwas zu ändern. Das durfte ich hautnah feststellen, als ich einmal in einem Café gearbeitet habe. "Du hast mal in einem Café gearbeitet?!?! Warum weiß ich davon nichts!?!?!" exklamierte Miss Lilly voller Entrüstung und ich sagte, dass es lange vor ihrer Zeit gewesen sei und der eine, intensivste Stammkunde wohne mittlerweile lustigerweise hier, in unserem Kiez. (Der Mann darauf: "Ja, manche Menschen begleiten einen ein Leben lang." Ich : "Du meinst wohl verfolgen!" Miss Lilly: "Hat er rote Haare?" Ich: "Nein." Miss Lilly: "Dann weiß ich nicht, wer es ist.") Manchmal begegne ich ihm bei Rewe oder vorm KöfteBurger und er wirkt jedesmal, als habe er schreckliche Angst, von mir geschlagen zu werden. Das sollte in etwa deutlich machen, wie unfreundlich und nichtserviceorientiert ich als Kellnerin gewesen bin. Das hatte hauptsächlich damit zu tun, dass mich jeder, der rein kam, beim Lesen störte. Jeder, der rein kam, wollte ja auch was von mir, zum Beispiel bedient werden. Wenn ich Pech hatte, bestellten die Leute auch noch was Kompliziertes und nicht einfach einen Kaffee.... you get the picture.
Nachdem wir also meine Unterbegabung hinreichend durchgesprochen hatten, kamen wir auf den Laden zu sprechen, der quasi neben meinem Büro in Mitte ist und den besten Kaffee der Welt hat und dort gehe ich manchmal, wenn ich mich richtig gerne mag, hin und hole mir einen, anstatt den billigen aus unserer Kaffeemaschine aufm Flur zu trinken. Der Laden heißt LekkaMokka. Der Besitzer spricht ein wenig Italienisch und Deutsch mit Akzent, vom Aussehen dachte ich aber eigentlich immer, er sei Türke, oder Libanese. Aber das bin nur ich: gewohnt an Pizzerien, in denen die libanesischen Besitzer einen mit Grazie und Alora begrüßen und hinterm Tresen miteinander arabisch palavern. Jedenfalls war es mir grundsätzlich egal, was er war. Ich fand ihn immer sehr klasse, weil er total nicht freundlich ist, bullig, kühl, fast abweisend und jedesmal frage ich mich in dem Laden sowieso, wie man davon leben kann, Kaffee und ein paar Cookies zu verkaufen. Aber gut. Ich glaube, ich mag seine Unfreundlichkeit vor allem deshalb, weil sie das perfekte Kontrastprogramm zu dem irgendwie auch glatt geleckten Mitte ist, in dem jeder, der hässlich ist, irgendwie stört und man beim gefühlten vierzigminütigen Warten auf seinen Latte solche Gespräche mit hören kann: "Er hat jetzt endlich Urlaub. Ist gestern geflogen. Er hat geschworen, denn er war echt durch, dass er nicht online geht."
"Wo ist er denn?"
"Auf den Seychellen!"
"Großer Gott, der Arme!"
"Ja, furchtbar. Ein Alptraum." Gekünsteltes Lachen macht auch mir klar, dass das Ganze ironisch gemeint ist. Aber nur so halb. In Wirklichkeit ist es auch klar, dass bestimmte Leute, die meine Töchter sein könnten, und ihre Kollegen, ständig auf den Seychellen und so rumhängen und das total normal finden. "Jedenfalls arbeitet er natürlich doch." Beide kichern. Sie kennen ihren Pappenheimer auf den Seychellen. "Ich hab ihm Mails weiter geleitet, mit Fragen, und er reagiert jedesmal innerhalb von acht bis zwölf Minuten."
"Arbeiten am Strand. Auf den Seychellen. Soooo grausam!"
"Ja, ein totaler Alptraum."
Ich überlege, ob ich auf meinen Kaffee verzichte, weil ich nicht genau weiß, wie lange ich es noch schaffe, mich nicht in irgendeiner abwertenden Form in dieses Gespräch, das mich nichts angeht, einzumischen.
Ich möchte auf gar keinen Fall auf die Seychellen. Ich möchte vielmehr einen Roadtrip machen, durch die Balkanstaaten, so ein bisschen auf den Spuren von Darius Kopp aus Das Ungeheuer von Terézia Mora (und wenn sie das Buch noch nicht kennen, sollten sie es JETZT lesen). Am liebsten möchte ich nach Bulgarien. Wir haben jetzt am Seminar neue Studenten. Einer von ihnen kommt aus Bulgarien. Aus Sofia. Ich möchte aber auch nach Bratislava, Rijeka, Hvar, Mostar, Sarajevo, Bukarest, Thessaloniki, Sosopol, Belgrad, Tirana, Budapest, also, ich wäre schon gerne zwei bis drei Monate unterwegs. Wenn diese komische Dieselverordnung durchkommt, die es mir verbieten wird, mit meinem Auto in Berlin zu fahren, mache ich mich auf den Weg.
Ich bestelle zwei Lattes, einen für mich, einen für meine Kollegin und frage nach so einem Pappdings zum tragen. Meine Lattes sind fertig, ich stelle sie in das Pappdings, versuche, die Deckel aufzusetzen. Die Seychellentussis warten noch immer auf ihre ChaiHafermilch oder so Specials. Ich drücke meine Becher irgendwie zu stark und jedenfalls ist innerhalb einer Zehntelsekunde, ich weiß nicht genau, wie und warum, die Hälfte meines Milchschaums an der Glastheke gelandet und läuft in Zeitlupe hinunter Richtung Boden, unter den Augen der perfekt gestylten, blonden, langhaarigen, langbeinigen Chai-Hafermilch-Seychellen-Tussis fließt meine gesamte coole Kreuzberg Fassade an der Glastheke runter und ich denke: "Gott, ist das peinlich. Gott, lass mich wieder in Kreuzberg sein, oder noch besser, in Neukölln, oder am allerbesten, beam me up in ein Auto irgendwo in Sofia."
Dann sage ich laut: "Entschuldigung, ich habe gekleckert." Was mich total 1. als Nicht-Mitte-mäßige Person outet, 2. eine atemberaubende Untertreibung ist. Denn in Wahrheit kann man kaum noch die Auslage (also die 2 Sorten Cookies sehen) weil da wirklich eine Menge Milchschaum die Theke runter läuft.
Der Türke/Italiener/Libanese/Whatever: "Macht nix." Er wirkt dabei aber, wenn das geht, noch unfreundlicher als vorher. Was ich verstehe. Also sage ich: "Gib mir einen Lappen, ich machs schnell weg." Was niemand sagen würde, außer meiner Tante Gerdi oder meiner Mutter (die längst tot ist) und natürlich ich, und meine Mitte-Unfähigkeit zementiert und jedem verdeutlicht, warum ich nie Karriere gemacht habe, und meine Mutter und meine Tante Gerdi auch nicht.
Der Türke/Italiener/Libanese/Whatever: "Is egal." Er lächelt nicht. Er ignoriert mich. Er lässt meinen Milchschaum an seiner Theke runter laufen
Ich: "O.k." Ich gehe raus. Ich bin froh, dass ich 50 bin und nicht, zum Beispiel 28 oder 32. Dann wäre diese Episode mein Untergang gewesen. Ich wäre vor Scham kollabiert. So ist es mir schon draußen fast wieder so gut wie egal, der Segen der eventuell gerade einsetzenden Altersglückseligkeit?
Im Büro kriege ich dann einen solchen Lachkrampf, dass ich mir fast in die Hose mache, meine Kollegin ebenfalls. Ich erkläre ihr, dass es mir jetzt alles doch wieder irgendwie peinlich ist  und sie jetzt eventuell die nächsten 2-4 Monate Kaffee für uns holen muss, "bis Gras über die Sache gewachsen ist", weil ich mich dort im Grunde nicht wieder blicken lassen kann. Sie sagt, das macht sie, kein Problem für sie.
Ein paar Tage später sehe ich zufällig im Internet eine Liste mit den besten Coffeeshops der Stadt (ist auf  so einem Lifestyleblog, also subjektiv und nur halbwahr). LekkaMokka ist dabei, mit dem ausdrücklichen Zusatz, dass es auch der unfreundlichste Kaffeeladen der Stadt sei.
Finde ich nicht. Ehrlich. Damals, als ich im Café gearbeitet habe, gabs ja noch kein Internet, so lange ist das schon her!! aber wenn es eine Liste der 10 unfreundlichsten Kellnerinnen der Stadt gegeben hätte, wäre ich die Anführerin gewesen. Ich schwöre!

(c) Susanne Becker



1 Kommentar:

  1. Hach ja, was man nicht alles für Nebenjobs macht, wenn man darauf angewiesen ist. Erinnert mich an mein Jahr im Callcenter für statistische Umfragen. Ich hasse telefonieren. Ich hasse es. Muss ich noch mehr dazu sagen? :D

    Liebe Grüße, Anja

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