Berlin

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Dienstag, 11. Oktober 2016

Wer wird ihn diesmal bekommen?

14 Frauen haben den Nobelpreis für Literatur gewonnen seit 1901, 94 Männer haben ihn auch gewonnen. Es gibt eine Menge Frauen, die hätten ihn gewinnen sollen, weil sie richtig gut waren, aber es sollte nicht sein. Vermutlich gibt es so viele gute Schriftstellerinnen, die ihn nicht gewonnen haben, wie Schriftsteller, die ihn gewonnen haben. Selbstverständlich gibt es auch eine große Menge hervorragender Schriftsteller, die ihn nicht gewonnen haben. Nicht jeder kann ihn gewinnen.

Jetzt steht die Vergabe wieder an. Irgendwie fürchte ich, es wird wieder ein Mann werden, obwohl das brachial klingt. Als hätte ich etwas dagegen, dass Männer den Preis gewinnen. Ich habe allerdings etwas dagegen, dass Frauen ihn, jetzt rein statistisch, so selten gewinnen.
Immerhin haben die Nobels ihn in den letzten 3 Jahren zweimal einer Frau verliehen. Ich weiß nicht, da kann man vermutlich auch jetzt nicht so richtig unverschämt werden und sagen, wir wollen ihn aber noch 80 Mal gewinnen, wir Frauen, weil das fair wäre und so eine Art Gleichgewicht, Balance, oder so, herstellen würde. Das käme gleich wieder so kleinlich rüber. Könnten wir ihn vielleicht einfach erstmal vierzigmal hintereinander haben? Wäre das ein möglicher Kompromiss, liebes Komittee??
Es kämen ja dann auch gleich die aufgebrachten Rufe, dass da wieder eine versucht, Geschlecht vor Qualität zu schieben (was ja, also schaut man es sich genau an, auch wirklich UNMÖGLICH wäre, wo kämen wir da hin?!). Es gäbe auch sicher viele, eventuell sehr viele, die zu Recht behaupten würden, man wolle die Männer benachteiligen. Nachgerade eine FRECHHEIT!

Ich lese wahnsinnig gerne Männer und ich hoffe, dass zu meiner Lebenszeit zum Beispiel noch Navid Kermani (steht übrigens bei Ladbrokes, dem Onlinewettbüro, das in den letzten Jahren schon mehrfach ins Schwarze traf mit der Vorhersage, zwar ganz hinten, mit einer Quote von 100/1, aber immerhin, drauf auf der Liste wäre er schonmal!!) und Jonathan Safran Foer den Nobelpreis bekommen. Vermutlich wird das nicht geschehen, denn das Nobelkomittee und ich liegen meistens nicht so wirklich auf einer Wellenlänge. Was insofern nett ist, als ich durch das Komitee immer mal wieder auf Autoren aufmerksam werde, von denen ich vorher mein Leben lang noch nie gehört hatte (Wie zum Beispiel den Chinesen Mo Yan, dessen Buch Frösche keine leichte Lektüre ist, aber eine, die sich am Ende unglaublich lohnt. Ein sehr empfehlenswertes Buch!)  Am liebsten würde ich mal so einen Entscheidungsprozess mit verfolgen dürfen. Wie suchen sie die Kandidaten aus? Wer schlägt sie vor? Welche Kriterien werden zur Vergabewürdigkeit angelegt. Alter ist offensichtlich ein Kriterium. Herkunft vielleicht auch. "Leute, wir müssen jetzt mal Afrika haben, das kommt uns sonst zu kurz!" oder so ähnlich??
Da fällt mir ein: Ist Peter Handke eigentlich dieses Jahr auf den Wettlisten? Wegen Alter, meine ich.

Vor zwei Jahren habe ich folgenden Text geschrieben über Frauen, denen ich gerne den Nobelpreis für Literatur geben würde.
Ich möchte heute noch ein wenig weiter daran spinnen und ein paar weitere spannende Frauen vorstellen, die meiner Meinung nach das Ding verdient hätten.

Ich frage mich schon die ganze Zeit, warum jemand immer schon so furchtbar alt sein muss, damit er den Preis bekommen kann? Wieso nicht auch einmal Autorinnen auszeichnen, die noch eine Menge schreiben werden, aber eben auch schon so tolle Bücher geschrieben haben, dass man sieht, sie sind wirklich gut.

Als erstes fällt mir da die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie ein. Ihre Bücher Americanah und Half of a Yellow Sun waren brilliant. Sie erzählen wunderbare Geschichten mit tiefer Intelligenz und großem Humor, mit Liebe zu den Charakteren und enormer Klarsicht. Ich kann ehrlich sagen, dass beide Lektüren meinen Blick auf die Welt sehr erweitert, sogar ein Stück weit verändert haben. Mein Horizont wurde wie in eine neue Hemisphäre katapultiert. Wo plötzlich alles zubetoniert war, öffnete sich plötzlich mein Blick in eine unendliche Weite. Ich habe die Schriftstellerin einmal hier in Berlin, gemeinsam mit meiner Tochter, erlebt und wir beide waren enorm beeindruckt von ihrer Persönlichkeit. Sie ist eine unglaublich beeindruckende Frau. Für meine Tochter, aber auch für mich, war der Essay We should all be Feminists eine Lektüre, die einmal mehr deutlich zeigt, wieviel Arbeit noch zu tun ist, bis wirklich alle Frauen gleichberechtigt sind. Chimamanda Ngozi Adichie ist jemand, die der Generation meiner Töchter den Glauben gibt, dass es machbar ist. Sie ist inspirierend und ein Rolemodel für Frauen weltweit.

Oder Elif Shafak, die türkische Autorin, die sich nicht scheut, immer wieder Themen in ihren Romanen anzusprechen, die ihr in ihrem Heimatland Kritik, sogar Drohungen, einbringen. Im Bastard von Istanbul behandelt sie in einer verschachtelten, vielschichtigen Familiengeschichte den Genozid an den Armeniern, in ihrem herausragenden Roman Ehre das Thema Ehrenmord aus einer Perspektive, die zumindest mir, die ich doch lange eine recht eingeschränkte Sicht auf die Welt hatte, die Augen geöffnet hat. Seit dieser Lektüre, und da geht es mir ähnlich mit den Büchern Chimamanda Adichies, kann ich die Welt nicht mehr allein aus meiner Ich-Perspektive sehen, ich habe verstanden, dass diese letztlich nur ein Eckchen der Welt und deren Realität wahrnimmt. Auch Elif Shafak eröffnet einem neue Welten mit ihren Büchern. Das meine ich nicht nur geografisch, sondern auch Welten im eigenen Inneren. Denn letztendlich sind alle Menschen ja gleich. Je enger man seinen Horizont allerdings zieht, je kleiner die Kammer ist, in der man sich zu leben entscheidet, desto mehr kommtn einem fremd, anders, sogar feindlich vor. Also helfen mir Autorinnen wie die beiden, diese Welten in mir selbst wieder zu finden. Ich habe das Gefühl, die Kammer, in der ich lebe, wird größer, genau, wie wenn ich eine Reise antrete in eine bislang fremde Weltengegend.

Ich hoffe, dass Terézia Mora den Nobelpreis eines Tages bekommen wird. Sie hat ihn verdient. Sie ist noch zu jung. Ich bin ja nicht naiv. Ich weiß, dass keine der hier heute von mir genannten Autorinnen eine Chance hat. Ich möchte nur schonmal darauf hinweisen, wen es so alles gibt, damit man in den kommenden Jahren genügend Auswahl hat in Stockholm.
Terézia Mora ist für mich derzeit die größte deutsche Schriftstellerin. Das ist meine persönliche Ansicht und subjektiv. Aber  sie schafft etwas, das eben nur wenige mit Erfolg vollenden, das meiner ebenfalls persönlichen Meinung nach aber dazu gehört, wenn man den Nobelpreis gewinnen darf: Sie erschafft etwas vollkommen neues, mit einer auch ganz neuen, eigenen Sprache, unter Umständen sogar, in dem sie den Blick auf etwas gar nicht so unbekanntes wirft. Der einzige Mann auf dem Kontinent zum Beispiel, Darius Kopp, gerade wenn man in Berlin lebt, begegnet er einem ja ständig. Man glaubt, ihn zu kennen, man hat ihn längst in einer Schuhschachtel verstaut, mitsamt aller Vorurteile. Dann liest man ihre Bücher, und man erfährt alles über diesen Menschen (also sich selbst, denn das ist es ja, wer möchte denn Bücher lesen, wenn sie einen nicht mit der eigenen Menschlichkeit so sehr erfüllen, dass man als eine andere hinten wieder heraus kriecht, eine größere, klügere, ganz und gar geweitete?) Also über zwei Bücher hinweg derart dringt sie derart tief ein in dieses Leben, dass man nach der Lektüre zu verstehen meint, wie ein Darius Kopp lebt und was in ihm vorgeht. Das Ungeheuer leuchtet dann noch, neben dem nächsten Lebenskapitel des Darius, das Wesen der Depression und das Leben seiner Frau Flora aus, außerdem ist es ein wunderbarer Roadtrip in all die Länder, die Europa immer gerne so ein bisschen ignoriert, Südosteuropa und last but not least bietet es eine neue Form, zwei Bücher in einem. Oder in Alle Tage, da bringt sie uns bereits die Flüchtlingsthematik so vielschichtig und psychologisch feinsinnig nahe, dass man alles verstanden haben könnte. Ich bin bei Terézia Mora zu parteiisch. Denn einfach alles, was sie schreibt, begeistert mich. Deshalb sage ich nichts mehr. Ich hoffe nur, sie wird den Preis eines Tages bekommen.

Als letztes möchte ich noch Nell Zink erwähnen. Ihre Bücher kommen ja jetzt praktisch auf einen Schlag an die Öffentlichkeit, weil sie so lange unentdeckt geschrieben hat. Aber sie ist wirklich eine geniale Künstlerin und Schriftstellerin. Sie wäre so circa die unwahrscheinlichste Kandidatin, die man sich vorstellen kann und deshalb plädiere ich für sie. Ich habe bislang nur Wallcreeper gelesen und fand es fantastisch.

Also gut, natürlich ist dieser Text nur halb ernst gemeint, weil ich weiß, dass keine dieser Frauen im Jahre 2016 den Nobelpreis gewinnen wird. Wenn überhaupt, wird es entweder Joyce Carol Oates sein oder Margaret Atwood, aber vermutlich wird es ein Mann sein (Murakami vermutlich wieder nicht, einfach schon aus Prinzip, also möglicherweise endlich, Ngugi Wa Thiongo, oder Adonis, um ein Zeichen Richtung Syrien zu setzen? welches dann allerdings ein uneindeutiges Zeichen wäre, da Adonis ´ Position Assad gegenüber auch nicht ganz klar ist).
Assia Djebar ist leider im letzten Jahr gestorben, ich hoffe immer noch auf Nawal El Saadawi. sie ist auf keiner Liste, aber ich bin der Meinung, in diesem Jahr sollte es eine Überraschung geben, es sollte eine muslimische Frau gewinnen, eine, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt. Sie ist 1931 geboren, sie ist eine große Schriftstellerin und sie steht auf der Todesliste der Islamisten. Wenn das Nobelkomitee ein Zeichen setzen wollte (manchmal drängt sich einem der Verdacht auf, sie wollen es, aber nicht wirklich in jedem Jahr) dann wäre diese Frau eine in meinen Augen hervorragende Wahl.

Es macht mir einfach Spaß, nach guten Schriftstellerinnen zu forschen, sie zu lesen und ihre Welten zu entdecken. Am meisten Spaß aber macht es mir, sie hier zu teilen in der Hoffnung, dass jemand anderes sie durch mich auch entdeckt.

Und hier, weil es so schön ist, noch eine Liste aller bisherigen Preisträger.

Übermorgen, am 13. Oktober, ist es soweit und ich muss sagen: Ich bin sehr gespannt!

(c) Susanne Becker

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