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Buch der Woche - Die Liebe unter Aliens von Terézia Mora

"Sei ganz ruhig, du lebst noch. Man solle sich endlich damit abfinden, dass die Welt der Körper aufhöre, zu existieren, hatte er neulich irgendwo gelesen, und als er das las, leuchtete es ihm auch völlig ein."

"Welcome to the shithole!"

Dieses Buch ist, nach vielen Jahren des Romane schreibens Terézia Moras zweiter Band mit Erzählungen. Seltsame Materie, ihr allererstes Buch, mit welchem sie auf der Stelle für Furore sorgte, bestand ebenfalls aus Erzählungen. Bereits in Nicht sterben, ihrem aus der Frankfurter Poetikvorlesung entstandenen Buch, erwähnte sie, dass sich im Laufe der Romanschreiberei viele Personen bei ihr versammelt hätten, die möglicherweise Einzug in Erzählungen halten würden. Denn nicht jede Figur eignet sich für einen Roman. Als Autorin entwickelt man ein Gespür dafür, wie weit eine Person trägt, wie nah man ihr kommen kann. Dennoch hat man bei der Lektüre von Die Liebe unter Aliens oft das Gefühl, da ist ein Stück eingefangen worden von einer Person, von der ich gerne viel mehr, das ganze Leben, erfahren würde. Es fiel mir nicht immer leicht, den oft abrupten Abschied von einer Person mit zu vollziehen, wenn die Geschichte endete.

Die Liebe unter Aliens, erschienen bei Luchterhand, ist in der gewohnten, präzisen, wunderschönen Morasprache verfasst, in die ich eintauchen könnte von morgens bis Mitternacht. Sprachlich ist für mich die Mora eine der Meisterinnen in Deutschland. Nicht etwa, weil sie eine Kunstsprache generieren würde, sondern weil sie es schafft, das Umgangssprachliche zu Kunst zu gerinnen.
"Kalt wie das Weltall, dachte er, und der Rauch zieht nicht hinaus, er kriecht hier auf dem Boden herum, sickert unter den Türen durch, die alle zu kurz sind, Licht- und Luftlinien, bald weiß das ganze Haus, dass hier gekifft wird."
Mora_TDie_Liebe_unter_Aliens_168761.jpg (1618×2586)Die Charaktere sind alle unglaublich detailliert gezeichnet. Man kann sich jede Person sofort vorstellen. "Das Gesicht eines traurigen Clowns, aber traurig ist er nicht. Ein lächelndes Hutzelmännchen in zu kurzen Hosen und einer grauen Mütze, die er, abgesehen von den 30-Grad-Hitzetagen, jeden Tag des Jahres trägt. An den wenigen 30-Grad-Hitzetagen, die es hier gibt, trägt Marathonmann ein Vogelnest aus graublondem Haar auf dem Kopf, das aussieht, als hätte er lediglich die Mütze gewechselt." Auch das für mich ein typischer Mora-Zug. Sie schafft es, mit kleinen Bleistiftstrichen, die niemals ins klischeehafte abrutschen, einen Menschen so tief zu ergreifen und auf die Seite zu schreiben, dass man glaubt, diesen Menschen persönlich zu kennen. Ihre Erzählungen bleiben vom ersten Satz an niemals an der Oberfläche. Sie gehen sofort und zielstrebig aufs Eingemachte zu.
Mein Problem ist folgendes: die Menschen, die sie in den Mittelpunkt fast aller ihrer zehn Geschichten stellt, sind durch die Reihe weg Personen, die sich irgendwo am Rand befinden. Am Rand von was? könnte man mich nun berechtigterweise fragen und mir fiele die Antwort ein wenig schwer. Am Rand der Gesellschaft wäre die naheliegendste Antwort, aber meiner Meinung nach nicht die richtige. Ihre Figuren befinden sich am Rand von Lebendigkeit, von Freude, auch von dem, was um sie herum geschieht. Allerdings für mich am auffälligsten ist, wie sehr sie sich am Rande ihrer selbst befinden. Sie kennen sich nicht, sie wissen nicht, was ihnen gut tut, was sie wollen, wer sie sind. Sie alle scheinen nicht wirklich ein Zentrum besitzen. Dieses Zentrum befindet sich immer irgendwo außerhalb: ein anderer Mensch, eine Arbeit, Alkohol. Sie scheinen sich jeweils in einem eigenen und isolierten Kosmos zu bewegen, selbst dann, wenn sie in Beziehung zu anderen treten. Die Beziehungsversuche verschiedenster Couleur sind nicht etwas, wonach man sich als Leser dann sehnen könnte. Ernüchternde Erlebnisse vielmehr, die mehr mit Verlust, als mit Erfüllung zu tun haben. Der Versuch, sich durch einen anderen gültig und lebendig zu fühlen.
In diesem Band versammelt die Autorin Gestrandete, Erfolglose, Traurige, Verlassene, Illegale. Der Titel Die Liebe unter Aliens ist also gut gewählt. Auch wenn die Charaktere mich weniger an Aliens denken lassen, als vielmehr an viele meiner Nachbarn hier in Kreuzberg, von denen man glaubt, eine Berührung mit ihnen könne durchaus ausreichen, auch das eigene Leben einem Abgrund ein kleines Stück näher zu bringen. Die Alkoholiker vor Rewe, der Mann mit dem starren Blick und den O-Beinen, der nie mit irgendwem redet, noch nicht einmal mit sich selbst, der immer, seit fünfzehn Jahren, die gleiche Jacke und die gleichen orthopädisch anmutenden Sportschuhe trägt,  und dem ich aus Versehen einmal die Krümel meines Teppichs vom Balkon aus auf den Kopf geschüttelt habe. Das ist ewig her. Er schaut mich dennoch jedesmal, wenn wir uns im Kiez begegnen, so scheu an, als könne er sich an jeden verdammten Krümel in seinen grauen Haaren erinnern. Sein Blick löst regelmäßig in mir eine Welle von Schuld gemischt mit Mitgefühl aus. Also meide ich ihn. So wie man generell jene Charaktere, die die Autorin mit gewohnter Sensibilität und Genauigkeit bis in die tiefsten Abgründe hinein auslotet, meidet. Denn sie lösen in einem unangenehme Gefühle aus. Wer will das schon?

Terézia Mora hat einmal in der Zeitschrift Bella Triste  darüber geschrieben, wie viel man dem Leser zumuten kann, wie weit man gehen muss, oder darf, um dem Leser die Wahrheit zuzumuten (und ja, die Anspielung auf die Bachmann ist absichtlich geschehen).
"Quasi angetrieben von der Energie, die in der Empörung liegt, strebe ich dorthin, "wo es weh tut", denn alles davor schiene mir nicht weit genug gegangen. Kunst muss, nach Moras Definition, weit genug gehen."  schreibt sie dort. Für meinen Geschmack hat sie mir, der Leserin, in diesem Buch zuviel zugemutet. Also mir. Andere sind von den Geschichten begeistert. Der Spiegelrezensent fand sogar Hoffnung darin. Ich merke beim Schreiben dieses Textes, ich bin auch begeistert, eigentlich, sie ist mir nur zu nah gekommen und ich habe schlechte Laune durch die Geschichten. Zu weit gegangen ist sie allerdings nicht. Angesichts dessen, was los ist in der Welt, müsste man vermutlich noch viel weiter gehen. Das würde dann aber niemand mehr lesen wollen. Weil: Vielleicht geht mir die Realität seit geraumer Zeit zu sehr über den Rand, so dass ich in der Literatur wieder in eine Balance gebracht werden möchte, damit für mich diese Randläufigkeit unserer Welt, so scheinbar vor dem Absturz, erträglich bleibt, sogar verwertbar, sogar heilbar. Was aber weniger über die Qualität ihrer Geschichten aussagt als über meine persönliche Haltung zur Zeit.
Mir ist da zu wenig Hoffnung in den Geschichten. Da ist ein Annehmen des Verlorengehens all dieser Personen in einer Nichtigkeit, in einer Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, die leider der Realität entspricht, die mich aber wütend macht. Ja, natürlich muss Literatur dorthin gehen, wo es weh tut. Aber sollte sie nicht auch eine Vision von etwas besserem zeigen? Also, das ist einfach eine offene Frage von mir. Auch sie hat nichts mit der Qualität der Geschichten zu tun, die mir, je mehr ich abrücke von der eigenen Befindlichkeit, immer besser scheinen. Einige sind kleine Meisterwerke: Á la recherche, Die Gepardfrage, Das Geschenk oder: Die Göttin der Barmherzigkeit zieht um wären da zu nennen. Alle Geschichten, die ich besonders gut finde, sind am Ende des Buches. Ich frage mich, ob das mit Absicht geschieht, dass es auch gerade diese Geschichten sind, die am meisten Hoffnung enthalten. So dass man am Ende des Buches sehr vergnügt ist.
In vielen anderen Geschichten finde ich wenig Hoffnung.
"Im Grunde hielt er schon seit zwei Jahren die Luft an, und deswegen fiel ihm, als er darüber nachdachte, was er in diesen fünf Tagen, in denen er unbeobachtet war, tun könnte, einzig und allein und zwingend nur ein, dass er sich eine oder zwei Kisten Bier kaufen würde, dazu ein halbes Dutzend Flaschen Wein und eine Kiste Wasser, und dann würde er die nächsten fünf Tage damit tun, was er auch immer wollte. Ihr kriegt mich nicht, ich werde jetzt fünf Tage in meiner eigentlichen Heimat verbringen: im Saufen und im Fernsehen."
Da ist einfach das Beschreiben ihres über-den-Rand-Gehens, ohne jede Rettungsmöglichkeit, wobei ich in den Geschichten oft, so in der Mitte, denke: das und das könnte jetzt passieren, dann würde es gut ausgehen. Aber dann schreibt sie es wieder nicht. Dann lässt sie die Person zum Rand latschen, manchmal darüber hinaus, manchmal zeigt sie uns nur das gehen, gar nicht mehr, wohin. Als Leser kann man dann stundenlang darüber sinnieren, wie es weiter geht. Aufgabe: schreibe jede einzelne Geschichte, in Gedanken oder auf dem Papier, weiter! Das spricht natürlich für die Genialität des Bandes! Dass man stundenlang weiter sinniert, dass einen die Personen und ihre Geschichten nicht los lassen.
Sie alle bewegen sich: Der Lehrling Tim und seine Freundin Sandy, die eigentlich Patricia heißt, der Rechtsanwalt Mario, der eine Pension betreibt und Portugiese ist, der für seine Freundin Schnecken kocht, der Marathonmann sowieso, er rennt und rennt, die Ungarin in London (ihre Geschichte À la recherche ist eine meiner liebsten), Tom, der eine Frau beim Friedhof trifft, Ella, die Fotografin, die ein Kind hat, das aber eigentlich nicht in ihr Leben passt (sie hat eine starke Energie, diese Ella, da ist Hoffnung, aber auch die Möglichkeit, dass es gerade ihre Energie sein könnte, die sie irgendwann über den Rand katapultiert), der Rezeptionist, der heimlich seine Halbschwester trifft, Erasmus Haas, der Tierpfleger, dessen Ehefrau ihn verlassen hat, weil er Alkoholiker ist (seine Geschichte ist für mich die stärkste, sowohl von der Konstruktion, als auch vom Wagemut, für mich eine Geschichte mit sehr viel Hoffnung), der japanische Professor, der in Rente geht und "Vorerst, bis, sagen wir Ende des Jahres, wollte Masahiko versuchen, etwas zu tun, was er im Grunde noch nie in seinem Leben getan hatte: die Zeit außerhalb der Arbeit (die Forschung, die Lehre, die Vor- und Nachbereitung der Lehre, die Verwaltung etc.) nicht mehr mit anderer Arbeit (weiter forschen, schreiben) aufzufüllen, sondern mit, wie soll ich es nennen: Alltag." Auch diese Geschichte ist großartig und endet auf eine Weise, dass ich noch Augenblicke später beglückt ins Leere träumte!

Das ist Terézia Moras Qualität, (nicht nur in diesem Buch, sondern in all ihren Büchern) dass sie für uns ohne jede Verwässerung durch (in diesem Fall) Humor, durch Abschwächungen oder Ablenkungen, ohne Weichzeichner, die Ränder dessen auslotet, was sich so als unsere Gegenwart darstellt. Sie schildert sie uns, diese unsere Gegenwart, auch und gerade die Bereiche, über die man lieber hinwegschaut, weil sie weh tun. Das ist möglicherweise, auch das oder sogar genau das, die Aufgabe von Kunst. Ich denke an Ingeborg Bachmann. Ihre Sachen waren ähnlich unerträglich in ihrer Intensität. Tatsächlich würde ich gerade soweit gehen zu sagen, dass die Mora vielleicht in der Nachfolge der Bachmann steht in einem weiteren Sinne, von der Intensität her, auch von der Qualität her und von dem Mut, den Menschen die Wahrheit zuzumuten über das, was im Untergrund, am Rand ihrer Leben und unserer Gesellschaft wabert. Damals war es der Nachklang des Nationalsozialismus, aber auch die Situation der Frau, heute sind es all jene, die in unserer auf Effizienz und Wachstum und Produktivität glatt polierten Oberflächenwelt an den Rändern sich entlang hangeln und in vielen Fällen untergehen, ohne dass irgendwer es bemerkt, ohne dass es irgendwen überhaupt kümmert. Terézia Mora gibt diesen Menschen ein Gesicht, eine Stimme und eine Geschichte.
Gestern, während ich an dieser Rezension schrieb, las ich von einem 17 jährigen Flüchtling, der sich unter den Anfeuerungsrufen der deutschen Nachbarn des Heims, in dem er lebte, aus dem Fenster stürzte und umbrachte. Überall wurde er somalischer Flüchtling genannt. Für mich hatte er das Gesicht meiner 17jährigen Tochter. Er war also ein Kind. Da standen Menschen und feuerten ein Kind an, sich aus dem Fenster zu stürzen. Während die einen darüber geschockt waren, gab es die anderen, die auch im Netz klatschten, sich freuten, sich darüber aufregten, dass irgendjemand das schlimm finden konnte. Gut, dass er weg war. Einer weniger! Juhu!
Ich dachte, dass jemand wie die Mora uns diese Menschen, die untergehen, erschreibt. Sie schiebt sie in die Aufmerksamkeit. Jene, für die eine große Gruppe besorgter Bürger, erklärter Retter des Abendlandes, keinerlei Daseinsberechtigung gelten lassen. Sie schreibt für diese ohne alle Eitelkeit und macht uns darauf aufmerksam, dass jeder Mensch eine Daseinsberechtigung hat. Jeder Mensch ist wertvoll. Das ist vielleicht die Botschaft, die ich am stärksten aus ihren Geschichten mit nehme diesmal, aber auch sonst immer. Jeder Mensch ist wertvoll und hat eine wunderbare Geschichte.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

(c) Susanne Becker

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