Berlin

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Donnerstag, 9. Juli 2015

#bizimkiez - Solilesung, zum Beispiel für die Äpfel


Als ich begann, mich bei Bizim Kiez zu engagieren, was in dem Moment geschah, als meine Lieblingsbuchhändlerin mir erzählte, dass der Laden Bizim Bakkal die Kündigung erhalten habe, ging ich zu den Treffen und sammelte Unterschriften und immer wieder fragte ich mich, was ich sonst tun könne. Denn es geht ja nicht um den Laden, sondern um etwas Größeres. Es geht um Selbstbestimmung im Bereich unseres Zuhauses, das wir nicht besitzen, sondern nur mieten, das uns also, so lehrt uns der Fall Bizim Bakkal und viele viele andere vor ihm, jederzeit und willkürlich unterm Hintern weg gerissen werden kann, aus purer Freude an der Geldvermehrung, weil es manchen Menschen Spaß macht, aus Geld mehr Geld und immer mehr Geld zu machen, egal, was der Kollateralschaden davon ist. Da die Politik den Kapitalismus auf diesem Gebiet von der Leine gelassen hat, anstatt die Lebensräume der Bürger zu beschützen, toben sich die Investoren schon seit langem in unseren Innenstädten aus. Das Resultat ist, dass schon in vielen Städten nur noch Besserverdienende es sich leisten können, in den Innenstädten zu leben. Auch in Berlin geht nun der Trend endgültig dahin. Ich erinnere mich oft an meine Zeit in den USA, als ich in Richmond lebte, der Hauptstadt von Virginia. Wenn man abends durch Downtown ging, war es eine Geisterstadt aus Wolkenkratzern. Sie war nur tagsüber belebt, denn es wohnte dort niemand mehr. In allen Häusern befanden sich nur noch Geschäfte und Büroräume.
Das Publikum 
Das wird hier vielleicht nicht so extrem geschehen. Aber irgendwann befinden sich in allen Geschäften nur noch Läden für luxuriöse Geschenkartikel (gegen die ich rein gar nichts habe, aber ich kann sehr gut damit leben, dass ich für meine Geschenke an Freunde weiterhin nach Prenzlauer Berg oder auf die Bergmannstraße fahre), Coffeeshops, Sushi Restaurants und Cocktailbars. Dann hat das Ganze nichts mehr mit einer Nachbarschaft zu tun, in der jeder problemlos alles bekommt, was er für sein alltägliches Leben benötigt (eine nicht zu unterschätzende Tatsache für ältere Menschen oder Familien mit kleinen Kindern), sondern mit einer Vergnügungsmeile, wo vielleicht hauptsächlich Menschen wohnen, die sich ihre Lebensmittel sowieso per Internet nachhause bestellen. Das ist ein wenig klischeehaft, aber leider realistisch. Als mir so richtig bewusst wurde, was die Kündigung Bizim Bakkals für uns alle bedeutet, da verstand ich auch, dass man sofort anfangen muss, sich dagegen zu wehren. Auf allen Kanälen, mit allen einem zur Verfügung stehenden Mitteln, Und wenn dabei jeden Mittwoch ein schöner Abend für die Nachbarn dabei heraus kommt, ist es eigentlich perfekt!
Jeder stellt sich unter einem perfekten Abend etwas anderes vor. Für mich ist es das Größte, Schriftstellerinnen und Schriftstellern zuzuhören. Ich gehe unglaublich gerne zu Lesungen und halte SchriftstellerInnen für so etwas wie HeldInnen. Denn sie ringen in oftmals großer Abgeschiedenheit ihrem Leben unser aller allzumenschliche Wahrheiten ab. Das ist für mich ein Traumberuf.
Eines Tages fragte ich, mehr so im Spaß auf  Facebook, nicht wirklich eine Antwort erwartend: David Wagner, Jan Brandt, Annika Reich Svenja Leiber wollt Ihr nicht irgendwann mal an einem Mittwoch in den Wrangelkiez kommen und für uns lesen. Dann ging ich zum Friseur. Als ich eine Stunde später wieder kam, mein Haar frisch onduliert von Fatima, hatten die vier sich auf meiner Wand schon auf den 1. Juli geeinigt und noch Ulla Lenze, Nina Bußmann und Annett Gröschner mit ins Boot geholt. Die frisch ondulierten Haare standen mir begeistert zu Berge.
Jan Brandt
Es beeindruckte mich zutiefst, wie niedrig die Schwelle war zu diesen Menschen, die für mich etwas besonderes sind, Personen, die ich wirklich aufgrund der Worte, die sie zu Papier bringen, so ein bisschen heimlich anhimmele. Schriftsteller waren immer schon meine Idole. Es zeigte mir auch, wie allgemein gültig dieser Kampf um Bizim Bakkal ist. Die Schwelle, um Unterstützung dafür zu bekommen, ist sehr niedrig. Das sollte man ausnutzen. Man sollte sich alle Unterstützung, die man kriegen kann, ins Boot holen. Verdrängung betrifft ja jeden. Es betrifft zum Beispiel auch zwei der Schriftsteller. Wenn wir unsere Lebensraumgestaltung den Besitzern des meisten Kapitals überlassen, kann dabei nichs Gutes für uns heraus kommen. Dem Kapital geht es nur um seine eigene Vermehrung. Menschen sind lästige Störungen im Prozess der Kapitalvermehrung. Man lese nur in dem Buch Tod in Turin von Jan Brandt das Kapitel, in dem er einen alten Freund wieder trifft, der mittlerweile bei einer Bank arbeitet  "Hauptsächlich Trades, Transaktionen, Privatisierungen, Verkäufe, hier mal einen Pharmaladen, da mal eine Mineralölkette", (S. 51 - 60), dann bekommt man wieder so einen kleinen Eindruck davon, wie diese Leute sind, die mit dem Geld spielen. Ich vergesse das immer wieder, beziehungsweise es übersteigt meine Vorstellungskapazität. Diese Denkweise, diese Art, über das Leben komplett hinwegzugehen, auch über sein eigenes, das ist mir so fern, dass ich immer wieder verdränge, wie verbreitet es ist. Ich komme mir dann mit meiner naiven rheinländischen katholischen Mädchengymnasiumserziehung, immer noch total ans Gute in der Majorität der Menschheit glaubend, wirklich von gestern vor.
Annett Gröschner

Am 1. Juli kamen sie dann tatsächlich alle zu uns in die Wrangelstraße und lasen auf einer kleinen Bühne vor dem Laden Bizim Bakkal.
Schon in der Woche vorher begann ich, Jan Brandts Tod in Turin zu lesen, erstens hatte meine Lieblingsbuchhändlerin dieses Buch an dieser Stelle hier so warm empfohlen und mir in unserer Lieblingskneipe Gipfeltreffen einen Abend lang darüber vorgeschwärmt), zweitens starb ich täglich vor der Lesung, im Rahmen der Vorbereitungen sehr viele verschiedene Tode, die meisten hatten mit meiner regen Phantasie zu tun und all den Möglichkeiten, wie diese Lesung auf offener Straße ein Desaster werden könnte (Regen, gelangweilte laut dazwischen gröhlende Zuhörer, 3 Zuhörer, die Schriftsteller kommen gar nicht, weil wir alles nur auf Facebook vereinbart hatten und das nicht zählt, ich falle bei dem einen Satz, den ich sagen muss, von der Bühne etc. pp.). Da schien mir dieses Buch nicht verkehrt.
Annika Reich
Es handelt von seiner Reise zur Turiner Buchmesse anlässlich der Veröffentlichung der italienischen Ausgabe von Gegen die Welt. Tod in Turin ist auch ein Buch über das Elend des Schriftstellerlebens, das unter anderem eine Liste alle SchriftstellerInnen enthält,die je Selbstmord begangen haben, wie und wo. Ich musste unwillkürlich daran denken, als er neben der Bühne auf seinen Auftritt wartete. Eine tolle Liste übrigens. Ein toller Autor, der wenige Tage nach der Lesung einen der sensibelsten und intelligentesten Texte über Bizim Kiez geschrieben hat, die ich bislang lesen konnte.
Er las dann aus einem Ausstellungskatalog einen Text über unseren Kiez und wie dieser sich verändert hat und immer weiter verändert. Wie er clean wird, wie die interessanten Dinge und Orte glatt gemacht werden.
Annett Gröschner war ironischerweise gerade selber entmietet worden und erzählte davon. Außerdem las sie aus ihrem herrlichen Berlinbuch Walpurgisnacht. Das Publikum war begeistert.
Ulla Lenze las aus ihrem  neuen Buch Die endlose Stadt, einen Abschnitt über eine Liebesgeschichte zwichen einer deutschen Künstlerin und einem Dönerbudenbesitzer in Istanbul, einer Stadt, die ebenfalls von der Gentrifizierung betroffen ist.
Annika Reich las aus Die Nächte auf ihrer Seite, einen Abschnitt über eine Demonstration auf dem Tahrir Platz. Ich habe mir das Buch gleich am nächsten Tag besorgt und innerhalb von zwei Tagen gelesen. Eine Rezension wird noch folgen.
Nina Bußmann brachte uns einen Text über einen Erdrutsch mit, wo ein Dorf verschwindet. Das fand ich der Situation der von Verdrängung betroffenen Straßen und Stadtteile nicht unähnlich. Der aktuelle Erdrutsch zieht sich natürlich eine Weile hin, ein paar Jahre, aber dann ist so gut wie alles verschwunden, was den Kiez einmal ausmachte.
Mitten in die Lesung platzte dann die Nachricht, dass die Medienanwälte der Besitzerin des Hauses Wrangelstraße 77, in dem sich der Laden Bizim Bakkal befindet, per Pressemitteilung die Kündigung zurück genommen hätten. Das löste natürlich großen Jubel aus und da es genau vor Nina Bußmanns Auftritt verkündet wurde, bewunderte ich sie für die Souveränität, mit der sie dann las.
David Wagner bekannte frank und frei zu, dass er nervös sei, denn normalerweise kämmen zu Lesungen nicht so viele Menschen. Die Straße war voll und zu meiner großen Freude ging auch kaum jemand weg, im Gegenteil, die Leute saßen und standen hoch konzentriert und lauschten den dargebrachten Texten. Ich spürte eine große Wertschätzung und meine Lieblingsbuchhändlerin rief mich am nächsten Tag an, um mir zu erzählen, wie viele Kunden in den Laden kämen und begeistert die Lesung erwähnten. David Wagner las aus seinem Buch Vier Äpfel, eine Szene über einen Apfelkauf im Supermarkt, intelligent und witzig, wie alles, was er schreibt. Ich bewundere ihn, seitdem ich sein herausragendes Buch Leben, für das er 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, gelesen habe. Ich habe hier auch darüber geschwärmt damals.
Katy Derbyshire
Zu guter Letzt las noch Katy Derbyshire, die mein heimliches Bloggeridol ist. Nachdem ich ihren Blog lovegermanbooks vor ein paar Jahren entdeckt und zum ersten Mal darin gelesen hatte, habe ich meinen eigenen Blog gestartet und ich verschlinge praktisch immer noch jeden ihrer Texte. Keine schreibt so cool und informiert wie sie über deutsche Literatur. Während sie einen berührenden englischen Text über einen Kreuzberger Gemüseladen las, dessen Vorbild unter Umständen sogar Bizim Bakkal war, sie war sich nicht ganz sicher, durfte ich ihre Tasche halten, ich kam mir vor wie ein Fan bei einem Konzert und es war mir kein einziges itzibisschen peinlich. Dieser letzte Text begann mit dem Satz "Wenn man einen Gemüseladen hat, trägt man eine ziemliche Verantwortung für sein Viertel."
Ich würde weiter gehen und sagen: "Wenn man irgendwo lebt, trägt man eine ziemliche Verantwortung für sein Viertel." Ich glaube, das ist auch im tiefsten Inneren, was Bizim Kiez nährt und jeden Mittwoch aufs Neue die Leute auf die Straße bringt: wir spüren die Verantwortung für diese Nachbarschaft, die unser Zuhause ist. Ich denke, das geht allen so, die dorthin kommen, auch denen, die gar nicht im Wrangelkiez wohnen.
Die Besitzer des Hauses Wrangelstraße 77 haben die Kündigung zurück genommen. Aber erstens haben sie der Familie Caliskan noch keinen neuen Mietvertrag angeboten, um ihnen für die Zukunft Planungssicherheit zu geben. Das heisst, wenn wir jetzt alle wieder gemütlich nachhause gehen, weil die Sache gelöst ist, könnte ihm übermorgen einfach wieder gekündigt werden. Zweitens ist dieser Laden ja nur ein Beispiel für so viele andere Verdrängungen. Wir können jetzt nicht aufhören. Wenn wir den Kiez behalten möchten, wenn wir die Investoren entmutigen möchten, dann denke ich, dass wir uns auf einen sehr langen und vermutlich auch noch harten Kampf einstellen müssen. Die Insel der Seligen ist das hier nich, auch wenn es an so manchem Mittwochabend so wirken könnte.


© Susanne Becker
Fotos von Ralf Holzem













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