Berlin

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Sonntag, 14. April 2013

Die Erfindung des Lebens

Ein Buch, das mich wirklich gepackt und fasziniert hat, so dass ich es bereits an zwei Freundinnen verschenkte, bevor ich es überhaupt beendet hatte, ist Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil. Auch ich bekam es von einer Freundin geschenkt, zum Geburtstag. Sie schickte es mir mit den Worten: "Meine Freundin liest es gerade und sagt, es ist das beste Buch, das sie in ihrem ganzen Leben gelesen hat."
Es spielt zu einem großen Teil in Köln und im Westerwald. Da ich von dort komme, so ungefähr jedenfalls, habe ich doch auch Jahre meines Lebens in Köln verbracht und komme ursprünglich aus dem Rheinland, sprach es mich an. Es gibt nicht so viele gute Bücher, biografische, die in dieser Region spielen.
Es handelt von einer komplizierten Familie.
Auch das sprach mich an. Bücher über komplizierte Familien gibt es mehr als genug. Da ich aus einer komplizierten Familie stamme, möchte ich sie am liebsten alle lesen.
Obwohl ich dann feststellte, dass diese Familie anders kompliziert war als meine, fesselte mich das Buch dennoch. Es handelt von einem stummen Jungen, der mit seiner ebenfalls stummen, sehr ernsten Mutter und seinem lebenslustigen Vater in Köln lebt. Mit seiner Mutter lebt dieses Kind in einer Art Symbiose, die solange einigermaßen funktioniert, bis er in die Schule kommt. Er kommt in eine Schule für normale Kinder, weil der Vater die Hoffnung hat, dass er eines Tages sprechen wird und ihn nicht absondern möchte. Zu diesem Zeitpunkt spielt der Junge bereits seit geraumer Zeit Klavier und das tägliche Üben wird sein Lebensinhalt, von welchem ihn die Schule abhält. Sie hält ihn auch fern von seiner Mutter. Er wird dort gehänselt und nachdem der Lehrer eine Weile freundlich wirkte, schmeißt er ihn dann doch entnervt aus der Klasse und will, dass die Eltern ihn auf eine Behindertenschule schicken. Sie halten den Jungen für vollkommen gestört (bekloppt, wie man im Rheinland sagt).
Der Vater akzeptiert dies nicht. Er nimmt den Jungen und trennt ihn von seiner Mutter, weil er spürt, dass das Kind sich aus deren Umklammerung lösen muss, dass auch sie sich lösen muss. Er fährt mit ihm gemeinsam aufs Land zu den Verwandten im Westerwald und dort lernt der Junge lesen und schreiben vom Vater, auf langen Wanderungen durch die Landschaft. Als die Mutter irgendwann nachkommt, spricht er auch seine ersten Worte, dann fängt auch die Mutter an zu sprechen und wir erfahren, warum sie ursprünglich ihre Sprache verloren hatte. Der Junge hatte vier ältere Brüder gehabt. Sie waren alle im Verlauf des Krieges und kurz danach, als Kinder und Säuglinge, ums Leben gekommen. Der kleine Junge war von fünf Kindern ihr einziges überlebendes Kind. Stummheit der Mutter und Symbiose machen mehr als Sinn. Die Stummheit des Jungen ist offensichtlich eine Reaktion auf die Ängste der Mutter, die sie ihm gegenüber nie ausspricht, die er aber spürt. Er möchte ihr jede Angst nehmen, auch verloren zu gehen und ganz für sie da sein. Er möchte sie beschützen und sich auf gar keinen Fall von ihr trennen.
Als die Mutter wieder spricht, beginnt sich das Leben der Familie langsam zu normalisieren. Allerdings macht das auch dem Kind Angst. Ein Teil von ihm möchte die alte Ordnung aufrechterhalten.
Weil der Junge ein so herausragendes Klaviertalent ist, bekommt er einen herausragenden Lehrer, der irgendwann vorschlägt, ihn auf ein Internat zu schicken, wo er für die Pianistenlaufbahn ausgebildet werden soll. Allerdings traumatisiert den Jungen diese Trennung von den Eltern und er reißt von dort nach einigen Monaten aus. Der lebenslustige Vater, der immer alles zu verstehen scheint, versteht auch dies und so darf der Junge in den Westerwald, wo die Eltern mittlerweile leben, zurück. Er fährt jeden Morgen nach Köln zur Schule.
Er macht Abitur und erfüllt sich danach einen Traum: er reist alleine nach Rom. Dort bewirbt er sich an einer Musikhochschule. Berufspianist möchte er werden und hat ganz offensichtlich auch das Talent dazu. Ein Wunsch, dessen Erfüllung zum Greifen nahe scheint, als eine schmerzhafte und langwierige Sehenscheidenentzündung alle Träume mit einem Schlag vernichtet. Er kehrt geschlagen in den Westerwald zurück und beginnt dort, zu schreiben.

Diese Geschichte ist in fiktiver Form die Wiedergabe der wahren Lebensgeschichte des Autors. Er erzählt sie und gleichzeitig die Gegenwart, in der er als Schriftsteller wieder in Rom ist, um diese Geschichte dort in aller Abgeschiedenheit und Stille aufschreiben zu können, in alternierenden Passagen. Ich mochte beide Passagen, auch wenn ich mich manchmal bei den römischen heutigen Passagen des Eindrucks einer gewissen Eitelkeit des Autors nicht erwehren konnte. Aber dieser Eindruck ging niemals soweit, dass ich das Buch  hätte beiseite legen wollen. Es ist eine wahnsinnig spannende, berührende und unglaublich gut erzählte Geschichte.
Mag sein, dass sie mir auch deshalb so gut gefiel, weil die Orte einerseits meiner Heimat so nah sind, so vergleichbar in einigem auch, beziehungsweise weil Rom, andererseits, einer meiner Lebenssehnsuchtsorte ist und ich mir nichts wunderbarer vorstellen, als für einige Monate dort zu leben und zu schreiben. So hungerte ich bei der Lektüre der jeweils nächsten Passage stets entgegen. Ich gebe zu, ich begann das Buch rein aus subjektivem Interesse, in der Hoffnung, ein Stück weit mein Leben darin wieder zu finden. Dieser Gedanke verflüchtigte sich aber rasch und ich las es, verschlang es, weil die Geschichte gut war. Mehr nicht. Auch nicht weniger. Ich kann Die Erfindung des Lebens nur jedem wärmstens empfehlen, der aus Köln kommt, Rom mag, komplizierte Familiengeschichten, psychologische Verstrickungen, Musik, Liebesgeschichten (es gibt zwei in dem Buch und ich gebe gleich zu: beide haben mich nicht überzeugt und sind für mich persönlich der schwächste Teil des Buches) und vieles mehr mag. Offensichtlich ist es auch ein Buch, das Freundinnen sich gegenseitig schenken. Ob Männer es mögen, weiß ich noch nicht und erfahre ich ja vielleicht jetzt. Männer, lest Ihr dieses Buch? Mögt Ihr es?
Es ist nicht das beste Buch, das ich in meinem Leben gelesen habe. Das könnte ich auch gar nicht benennen. Es gibt so viele Bücher, die ich wunderbar fand. Es gehört in jedem Fall dazu. Möglicherweise kommt es auf meine Liste der Bücher, die man gelesen haben sollte, bevor man stirbt. Möglicherweise! Ich möchte mich noch nicht festlegen. Besorgt es Euch, lest es und sagt mir, wie es Euch gefiel.

© Susanne Becker

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