Berlin

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Samstag, 5. April 2014

Das Ungeheuer - ein Roman von Terézia Mora und auch mein neues Lieblingsbuch

Terézia  Mora - Das Ungeheuer

Nachdem ich Der einzige Mann auf dem Kontinent gelesen hatte, konnte ich es kaum erwarten, die Fortsetzung zu beginnen: Das Ungeheuer. Ich wusste, es würde ein phantastisches Buch sein, weil der Vorgänger mich ja schon vollkommen beeindruckt hatte (übrigens: wem habe ich es ausgeliehen? heute beim Regalaufräumen stellte ich fest, dass es weg ist!) und ich kannte Terézia Mora gut genug um zu ahnen, dass sie jetzt nicht nachlassen, sondern noch besser werden würde. Jetzt habe ich es beendet und ich muss sagen: ich hatte Recht! Für mich ist es eines der besten ( sagen wir 10) Bücher, das ich je gelesen habe.
Es dringt zum einen in die Tiefe der beiden Charaktere, Darius und Flora, (ich mag es, wenn Bücher in die Tiefe dringen) die einem im Verlauf der Geschichte so nah kommen, wie es einem selbst im wirklichen Leben Menschen selten tun (was ja sein Gutes haben kann). Zum anderen dringt man  als Lesende während der Lektüre ebenfalls in eine Tiefe vor, tiefseetauchermäßig, unter die Oberfläche des Lebens, des eigenen und des allgemeinen, was ebenfalls selten ist. Ich würde behaupten, die Geschichte ist von Anfang bis Ende, vom ersten bis zum letzten Wort, von einer Wahrhaftigkeit getragen, die ich in Büchern nicht so oft finde, nach der ich mich aber sehne, so dass ich im Grunde nur deshalb lese.
Das Ungeheuer ist ein unprätentiöses Buch, technisch wunderbar erzählt, und dient ganz und gar der Geschichte und ihren Protagonisten. Dahinter bleibt die Erzählerin in großer Bescheidenheit praktisch unsichtbar. Wie auch beim Vorgänger ist die Sprache makellos und es gab nicht eine einzige Stelle, über die ich gestolpert wäre. Mora hält diese Makellosigkeit auf bewundernswerte Weise durch bis zur letzten Seite. Sie könnte die eitelste Schriftstellerin Deutschlands sein, mit ihren Fähigkeiten hätte sie allen Grund dazu, anzugeben. Aber sie ist vollkommen unaufdringlich als Person. Ich erwähne das, weil ich immer wieder das Gefühl habe (und ich finde das nicht schlimm, weil daraus dennoch recht gute Bücher entstehen), dass viele Bücher Selbstbespiegelungen der Autoren sind, kleine Eitelkeiten, ein wenig egomanisch im Grundton und der Weltsicht. Ich möchte jetzt keine Beispiele erwähnen, das gibt nur Ärger, aber ich denke, jedem fallen dazu sofort Beispiele ein. Terézia Mora fällt aus dieser, nennen wir es Mode, vollkommen heraus.

Wer ist das Ungeheuer? Ich dachte ziemlich lange, dass sie damit Darius Kopp meint, den besagten einzigen Mann, der jenes erste Buch so sehr durchdrang mit seiner beinahe komischen, aber irgendwie doch auch tragischen Art, sich in ein Leben einzufügen, das keinerlei Sinn zu ergeben scheint, heutzutage aber, ganz zeitgeistgemäß, so oder so ähnlich von vielen geteilt wird. Ihm fehlten jedwede Tiefe, aller Drang, das Leben eigentlich zu verstehen, dafür war er ununterbrochen online und begeistert über jede Werbemail, die in seinem Posteingang landete(was man ja mit "das Leben verstehen" verwechseln kann). Zwar versuchte und gab er, das war offensichtlich, immer sein Bestes. Aber dieses war doch eher beschränkt. In einem wunderbaren Interview , das ich mit Terézia Mora sah, sagte sie einmal: "Du kannst nicht ewig das tapfere Schneiderlein sein. Dein Ziel muss es sein, der weise König sein zu wollen. Zu diesem Stadium kommen die wenigsten, befürchte ich." Diese Verweigerung dem Erwachsensein gegenüber, die eben auch beinhaltet, die Menschen neben sich nicht wirklich zu sehen, ist vielleicht auch ein Zeitgeistphänomem. Leute benehmen sich noch mit 60, als wären sie in der Pubertät und jeder findet das heute o.k.. Darius Kopp möchte kein weiser König sein. Es tat mir stellenweise weh, zu lesen, wie er seine Frau Flora, die offensichtlich tiefgründig war und intelligent, gar nicht mehr wahrnahm, wie sie beinahe zu einem Accessoire seines Lifestyles verkam, in dem er wie ein großer Junge immer weiter jemanden spielte, den viele heute sein wollen. Dahinter steckte keine machomäßige Absicht von Kopp, sondern es war nicht mehr und nicht weniger als eine notwendige Folge seiner eigenen Oberflächlichkeit und auch Hilflosigkeit.
Nun, in der Fortsetzung,  hat er Flora vollkommen verloren. Sie hat Selbstmord verübt und ist nurmehr Asche, die er in einem Karton durch Ost- und Südosteuropa kutschiert, um den passenden Platz für Ihr Grab zu finden. Er macht sich auf den Weg, zunächst in Floras alte Heimat Ungarn, von dort in die Slowakei, nach Albanien, Bulgarien, Armenien, Griechenland....Er bereist ein Land nach dem anderen, lässt sich vom Zufall treiben, auf der Suche nach ihr, nach sich selbst und eigentlich will er nur begreifen, was warum geschehen ist. Im Verlauf der Reise, die eine vielschichtige Suche ist, nach einer passenden Grabstelle ("die kein Kaminsims ist"), nach sich, nach Verstehen, entwickelt er fast so etwas wie Tiefe, zum einen durch die zufällige Begegnung mit allen möglichen Menschen, zum anderen durch die Auseinandersetzung mit Flora, wie sie war (er hat ihr Tagebuch dabei und liest darin), nicht, wie er sie wollte. Am Ende ist er einem weisen König gar nicht mehr so fern. Obwohl er das, unterstelle ich ihm, selbst nicht unbedingt bemerkt. "Deine Frau ist eine vollendete Tatsache. Und was bist du? Unvollendet, wie jeder Lebende. Reisen hilft eine Weile. Asozial werden oder sozial. Das sind die Möglichkeiten. Wertbar bleiben oder nicht. Wer nicht mehr wertbar ist, landet auf der Straße und erfriert. Oder nicht. Darf, je nach Gnade, in Unterkünften verharren. Meine Frau war 37 Jahre alt, als sie beschloss, nicht mehr wertbar zu sein. Ich bin 46 und - gegenwärtig, so sagt man es doch wohl korrekterweise: gegenwärtig - ebenfalls nicht wertbar. Außer, dass ich noch lebe.(Wie geht es, dass eine Person aufhört zu existieren, ohne tot zu sein?)"
Während wir auf den oberen Seitenhälften des Buches Darius Kopps Reise und Begegnungen und Gedanken verfolgen, finden wir auf den unteren Seitenhälften das Tagebuch von Flora, in dem Darius während der Reise liest. Wir finden eine Flora, die sich erahnen ließ im einzigen Mann. Eine feinsinnige, sensible und sehr kluge Frau, die dennoch nicht leben kann, die an Depressionen leidet únd sich offensichtlich ständig in Lebensgefahr befindet, ohne dass Darius, der begeistert neben ihr herlebte, davon etwas bemerkt hätte. Ihre Ängste, die Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit, der verzweifelte Kampf dagegen sind ein lebendiges und feinsinniges Zeugnis, und nicht selten war ich versucht zu glauben, diese Flora gäbe es in der Realität, so nah kam sie einem, so vertraut wurde sie. Sie ist für mich eine der beeindruckendsten Frauenfiguren in einem Roman.
Im Grunde sind es vier Bücher, die Terézia Mora uns in einem geschenkt hat: Darius' Buch, Floras Buch, dann die Geschichte der beiden zusammen, die zeigt, wie leicht zwei Menschen miteinander nebeneinander her leben können, ohne sich auch nur im Ansatz zu kennen oder zu verstehen. Spiegelflächen für Projektionen beide. Wobei Flora klarer sah als er. Sie wusste, was sie von ihm zu erwarten hatte, nämlich im Grunde nichts außer einer gewissen Sicherheit vor dem Leben, von dem sie sich ständig gequält fühlte. Wie er sie ja bereits bei ihrem Kennenlernen sogleich beschützte, quasi gerettet hatte. Deshalb hatte sie ihn erwählt, und auch, weil er sie nicht verstand. Denn wenn er verstanden und also mit ihr gelitten hätte, dann wäre ihr Leben, ihre Krankheit, für sie noch schlimmer gewesen. Sie hat ihn wegen seiner Ahnungslosigkeit erwählt. Ein großes Baby, von dem sie vielleicht auch erhofft hatte, dass sie neben ihm, in dieser ausgelebten Naivität, voll im Zeitgeist, wenn nicht Heilung finden, so doch ausruhen könnte. "Das ist ein Missverständnis, dass der Partner oder überhaupt einer einen sehen sollte. Es ist vielmehr so, dass seine Immunität es ist, die mich tröstet. Dass er mit jemandem wie mir zusammenleben kann, ohne dass er davon angegriffen wird. Er bleibt stets, was er von Anfang an war." Sie hoffte, mit ihm am Leben bleiben zu können. Aber am Ende war ihr der Tod, so sieht es Darius, lieber, als bei ihm zu bleiben. Sie hatten sich derart auseinandergelebt, beziehungsweise: niemals zueinander gefunden. Das Ungeheuer ist nicht Darius Kopp, sondern das Leben, das jeden Lebenden heraus fordert, an seine, über seine Grenzen schubst, wo es dann im Grunde darauf ankommt, alles einigermaßen mit Würde zu tragen.
Und natürlich ist das Ungeheuer doch auch genau dieser Darius Kopp, der sie, als sie einen letzten Rettungsversuch unternimmt, sich zurückzieht in ein einfaches Leben auf dem Land, angreift, nicht versteht, lächerlich macht, und mit allen ihm zur Verfügung stehenden taktischen Maßnahmen versucht, sie heraus zu zwingen aus diesem neuen Leben, das er auf gar keinen Fall teilen will. Er geht dabei, gemessen an seinen Maßstäben, zartfühlend vor. Gemessen an ihren muss er ihr zum Schluss fast wie ein Ungeheuer erschienen sein. Doch sie ist die Liebe seines Lebens. "20 Jahre noch, bevor ich zum Greis werde. Alles ohne dich. Das Nicht-Greis-Sein, und dann das Greis-Sein." Umgekehrt war er für sie am Ende wohl nur noch Bedrohung.
Das vierte Buch in diesem einen Buch ist ein wunderbarer Reiseroman, der zumindest mir sofort Lust machte, mein Auto zu besteigen und mich auf den Weg nach Osten zu machen, vom Zufall getrieben, und zu sehen, wo er mich hinführen könnte. Eine Art Roadmovie, den ich mir auch im Kino anschauen würde. Da ist im Grunde ein ganzer Kontinent, südlich und östlich von uns, den ich nicht kenne, den ich aber gerne kennen lernen würde.
Ein wunderbares Buch! Terézia Mora hat dafür 2013 den Deutschen Buchpreis bekommen und das ist mal ein Preis, der wirklich zu Recht vergeben wurde. Nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, ein kleines bisschen mehr vom Leben begriffen zu haben.

© Susanne Becker

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