Berlin

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Dienstag, 16. August 2016

Buch der Woche - Die Glücklichen von Kristine Bilkau


"Das ist wieder einer dieser Momente, wenn etwas schmerzhaft schön ist und alles eine Einheit bildet. Sie, das Kind, die Wärme, die Ruhe, in solchen Momenten kann sie ein leises Ticken hören; dieser Moment wird nicht bleiben, sie wird ihn verlieren, vielleicht vergessen, ... Stillstand im schönsten Moment, das geht nicht, denn das hieße zu sterben."

Der Roman Die Glücklichen von Kristine Bilkau ist ein kleines Meisterwerk, das ich beinahe übersehen hätte. Denn beim ersten Anlesen vor ein paar Monaten hat mich das Buch gar nicht gepackt. Ich hatte das Gefühl, meine eigene Geschichte, diejenige meiner ganzen Umgebung zu lesen, ein Klischee. Das wollte ich nicht. Ich legte es zurück auf den SuB und war eigentlich fest entschlossen, es irgendwann zu verschenken, zum Beispiel an Leute ohne Kinder oder Senioren, Leute, für die dieses Buch wie die Beschreibung einer exotischen Welt anmuten muss. Leute, die sich nicht vorstellen können, wie prekär es heutzutage sein kann, das Wagnis einer Familiengründung zu unternehmen. Wie tief die Gefühle, die Verunsicherung sind und wie groß die Existenzangst werden kann.

Genau dieser Punkt der großen Ähnlichkeit war es dann aber am Wochenende, als ich dem Buch im Garten unter dem Kirschbaum seine zweite Chance gab, der mich sofort hinein zog in die Handlung. Die Geschichte einer ganzen Generation las ich da. Die Situationen, die dabei aufkommenden Gefühle, alles erkannte ich bis ins kleinste Detail wieder aus dem ersten Lebensjahr meiner ersten Tochter. Wie Kristine Bilkau die Befindlichkeiten ihrer beiden Protagonisten zu Papier bringt, da zeigt sie großes, psychologisches Können.
Diese Zeit, die ja eigentlich so ein bisschen die glücklichste im Leben eines Paares sein sollte und es in vieler Hinsicht auch ist, auch für mich war sie dennoch seltsam angespannt und brachte mich nicht selten, so wie die Protagonistin Isabell, beinahe an den Rand meiner Nervenkapazitäten mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Baustellenlärm (ja, Tatsache, wir hatten in den ersten Monaten auch eine Baustelle im Haus!), ständigem Schlafmangel, abendlichem zur Arbeit rennen, sobald der Mann zur Tür rein kommt und Großeltern, die weit weg und/oder eher unbrauchbar waren. Wie bei ihr und ihrem Mann Georg kamen dann die Angst vor Verlust des Jobs, Mieterhöhungen oder andere Veränderungen der prekären Lebensgrundlage, die sich die ganze Zeit am Rande des finanzierbaren herumschlug, hinzu, nicht weil mein Mann und ich schlechte Jobs gehabt hätten, sondern einfach, weil wir in einer Zeit Eltern geworden waren, wo es Sicherheit kaum noch gab, wo der Fulltimejob eines berufstätigen Elternteils nicht mehr ausreichte, um die Existenz einer Familie zu sichern, man also mit zwei Jobs und den daraus resultierenden knappen Zeitressourcen jonglierte. Außer man hatte reiche Eltern oder einen Job als Beamter. "Zu spät geboren.... Zu spät, um an seinen Beruf glauben zu dürfen, ohne Angst vor Zahlen und Umstrukturierungen. Wie gut hatten die alten Kollegen es noch. Sie strahlten diese Sicherheit aus, den richtigen Job gewählt zu haben. Im Sommer gings ins eigene Landhaus, Provence oder Toskana, und die Rente war auch komfortabel. Er fühlt sich jeden Tag ein wenig kleiner. Zu spät, um ein Familienvater zu sein, der etwas Bleibendes aufbaut. ..."

Isabell und Georg leben mit ihrem kleinen Sohn Matti in einer schönen Altbauwohnung, in einem angesagten Viertel, in einer deutschen Großstadt. Isabell ist Cellistin und hat gerade nach der Babypause wieder angefangen zu arbeiten. Jeden Abend, ausser montags, muss sie in den Orchestergraben und bei einem Musical spielen, inclusive Solo. Leider zittern neuerdings ihre Hände, unkontrollierbar, vor allem beim Solo. Natürlich eine Metapher für die Grundverunsicherung, die sie empfindet, auch durch die neue Rolle als Mutter, in der sie alles unbedingt ganz richtig machen möchte. Sie fürchtet, dass sie bald auf das Zittern angesprochen werden wird, dass sie ihre Arbeit verlieren könnte. Ein Teil von ihr wünscht es sich auch. Dieser Teil möchte sich ganz zurück ziehen in ihr höhlenartiges Mutterleben mit einem Säugling. Immer noch schläft Matti die Nächte nicht zuverlässig durch, der Schlafmangel rüttelt an Isabells Nerven. An den Tagen kommt sie nicht immer dann zum Üben, wenn es nötig wäre. Ihre "Pausen" sind nicht mehr abhängig von ihrer eigenen Planung, sondern von tausend kleinen Umständen: wird Matti schlafen, werden irgendwelche Geräusche ihn vorzeitig wecken?
"Die Erkenntnis, keinen Einfluss auf den Lärm und die Launen ihres Kindes zu haben, macht sie noch ungeduldiger; die Zeit zum Üben hängt am seidenen Faden, ..."
Der Druck auf Isabell wächst und als Leserin spürt man ihn mit jeder Zeile zunehmen. Man spürt, wie sie langsam an den Rand ihres Lebens gedrängt wird. Man zittert dem Moment entgegen, in dem sie über diesen Rand hinwegstolpern könnte. Man ahnt nichts Gutes.

Das Haus ist eingerüstet, wird saniert. Das ist nicht nur wegen des ständigen Lärms am Tage eine Bedrohung, sondern es könnte auch eine Mieterhöhung nach sich ziehen. Werden sich Isabell und Georg diese Wohnung, in der Isabell schon mit ihrer Mutter als Kind gelebt hat, noch lange leisten können? Ist es nicht ein Merkmal unserer Generation, dass man ständig fürchtet, das Haus könne eingerüstet, saniert, wärmegedämmt werden und man selbst lebt am Ende irgendwo am Stadtrand in einer Platte mit Blick auf die Autobahn?
Georg ist Redakteur bei einer Zeitung. Er arbeitet an einer Serie über Aussteiger, über Menschen, die alternative Lebenskonzepte versuchen, auf dem Land. Nebenbei klickt er sich durch Immobilienportale, checkt Häuser in allen möglichen Gegenden, Häuser mit Garten aus, und stellt fest, dass er sich mit seinem Gesparten noch nicht einmal die Grundsteuer würde leisten können.
Dann kommt die Betriebsversammlung, wo man per Videoübertragung aus dem Haupthaus des Verlags darüber informiert wird, dass zwar erst einmal alles so weiter geht, es aber zu Umstrukturierungen kommen wird. "Die Einleitung, freundliche, einstudierte Floskeln. Lange Phase der Verhandlungen, schwere Entscheidung, Tradition und Veränderung, große Herausforderungen, Formulierungen, die zu erwarten waren. Depressive Marktlage, neue Besitzer, starke Investorengruppe, Visionen, Risiko, Einschnitte."
Ist es ein Merkmal unserer Generation, dass wir uns zwar einbilden, unser Leben absolut selbst zu gestalten, es letztendlich aber von starken Investorengruppen mehr abhängt, als von unserem freien Willen, ob wir morgen arbeiten und wo wir übermorgen wohnen werden? Eben noch für handgemachte Brötchen bei der Brotmanufaktur im Kiez angestanden, morgen schon beim Amt, wegen Hartz IV eine Nummer ziehen?

Das Buch ist klar und kühl geschrieben, wie ein Protokoll. Die schnörkellose Sprache greift einem mit ihrem absoluten Mangel an Emotionalität immer wieder fast an die Kehle. Meisterhaft hat Kristine Bilkau ein Porträt unserer Zeit, einer Generation geschrieben, so meisterhaft, dass einem das Erkennen immer mal wieder im Halse stecken bleibt. Diese Existenzangst, diese Bedrohung, kommt unauffällig und auf leisen Sohlen daher, niemand sagt laut: "Ich kann mir die Brötchen jetzt nur noch im Discounter leisten!" Denn jeder, der langsam absteigt, schämt sich vor denen, die noch drin sind im Spiel. Diese leise Existenzangst hat Kristine Bilkau wirklich auf den Punkt eingefangen und transportiert sie durch ihr Buch direkt zum Leser. Wunderbar! Aber auch gruselig!

Ich muss jetzt leider weiter lesen! Entschuldigt mich also für den Rest des Abends.

P.S. Mein Dank an den Luchterhand Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars. Es hat ein wenig gedauert, aber Leute, das Buch gefällt mir jetzt außerordentlich!


(c) Susanne Becker

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