Berlin

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Donnerstag, 11. Juli 2013

Allerseelen

"Jedesmal, dachte er, ließ er sein ganzes Leben zurück, weil dort, wo auch immer, ein anderes Leben von ihm bereit lag, in das er nur einzutreten brauchte, jemand anders, der er auch war, so dass nicht er sich bewegt oder verändert hatte, sondern ausschließlich die Welt, die Umgebung. Der Übergang, die Seelenwanderung, tat manchmal weh, bis die Wirklichkeit dieses anderen Orts sich um ihn geschlossen hatte..."
Im Mittelpunkt ein niederländischer Dokumentarfilmer und Kameramann, der Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat, der zeitweise in Berlin lebt, seine Freunde trifft, viel mit diesen redet, durch die winterlichen Berlinstraßen rennt, auf der Flucht vor Erinnerungen, vor den Toten. Irgendwann stolpert er über Elik Oranje, eine ebenfalls Gejagte, Doktorandin, Historikerin, und es beginnt eine Art Liebesgeschichte.

Allerseelen ist ein wunderbares Buch von Cees Nooteboom.
Lesen am Strand 


Es handelt von der Liebe, vom Tod, von Berlin kurz nach der Wende. Es handelt davon, wie Ausländer uns Deutsche, wie sie Berlin sehen,
von Zeit und von Geschichte, Einsamkeit, Vergänglichkeit. Hat es eine Bedeutung, dass es uns gibt? Wird es eine Bedeutung gehabt haben, sagen wir, in 500 Jahren, dass es uns gegeben hat? Wird sich irgendwer an uns erinnern? Etwas erschaffen, das es wert ist, dass man selbst es wert ist, nicht vergessen zu werden. Ist das möglich? Ist es nötig?
Sind Menschen heute noch verliebt? Wohin gehen die Toten? Hatte ihre Existenz eine Bedeutung? (room of names) Hätte sie eine Bedeutung, wenn wir ihre Namen nicht vergessen würden? Ihre Gesichter? Ihre Gerüche? Ihre Stimmen?
Ich las das Buch gerne, weil es diese existenziellen Fragen auf eine Weise in den Raum stellt, die mich und mein Denken bewegen, aber auch, ganz profan, ganz subjektiv, weil darin Eckpfeiler meiner Interessen aufleuchten. Ich lese und bewerte Bücher subjektiv. Wenn also jemand Nietzsche in einem Roman oft erwähnt (ich habe ihn während meines Philosophiestudiums verschlungen und meine Magisterarbeit unter anderem über ihn geschrieben) oder mir eine Gruppe meditierender Zen-Mönche in einem Kloster in Japan durch seine Worte lebendig vor Augen führt, auch dann bin ich beim Lesen beglückt, weil sich die verschiedenen Facetten meiner Persönlichkeit wieder finden. Das Großartige an diesem Buch war für mich, wie gekonnt und elegant Cees Nooteboom die Welten vermischt und zusammen webt, so dass mir am Ende der Lektüre einmal mehr bewusst wurde, dass ich mit allem, was war, mit allem, was sein wird, aufs innigste verwoben bin.







© Susanne Becker

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