Berlin

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Freitag, 28. August 2015

#bloggerfuerfluechtlinge - Mein Opa

Blogger für Flüchtlinge

Ich bin es ein bisschen müde, Leute, die ich eigentlich mag, Dinge sagen zu hören, wie: Aber es sind einfach zu viele. Wir können nicht allen helfen. Das macht letztlich unser Land kaputt. Es geht für uns um eine reale Bedrohung undsoweiterundsofort - ja, und das ist natürlich genau der Punkt, von dem aus auf die Situation geblickt wird. Also, es ist der eine Aussichtspunkt: Angst.
Der andere, der solche Fragen nicht stellt, sondern einfach hingeht und das Herz und die Arme aufmacht für all die Hilfsbedürftigen, die kommen, die haben einen anderen Punkt, von dem aus sie schauen: es ist ein angstfreier und selbstloser Punkt, von dem aus der andere Mensch irgendwie immer wichtiger ist als man selbst.
Wer den Untergang seiner Welt fürchtet, zum Beispiel durch das Hinzukommen zu vieler fremder Menschen, der klammert sich an den Zustand seiner Welt, er stemmt sich gegen Veränderung. Er wird sich fragen lassen müssen, zum Beispiel von mir, ob er glaubt, dass der Zustand seiner Welt ein legitimer ist oder nicht vielleicht zusammen hängt, kausal, mit den Menschen, die ihre Länder verlassen müssen, weil die Zustände in ihren Ländern unerträglich geworden sind.

In meinem Heimatort im Rheinland, einem damals winzig kleinen Dorf an der Grenze zum Bergischen Land, kamen nach dem 2. Weltkrieg sehr viele Flüchtlinge aus dem Osten an.
Meinem Großvater mütterlicherseits und seiner Familie, einer Bauenfamilie, gehörte damals in diesem Dorf sehr viel Land, also, ich würde sagen, meinem Opa gehörte landmäßig das halbe Dorf, und hätte er das Land nicht verschenkt, sondern verkauft, dann wäre er vielleicht sehr reich geworden.
Er gab ein riesiges Stück seines Landes als Bauland weg, für sehr wenig Geld und während meiner Kindheit standen schon die Einfamilienhäuser der ehemals Geflüchteten darauf. Wunderschöne Einfamilienhäuser, auf den Klingelschildern Namen wie Levandowsky oder Fried. Die Frauen dieser Familien saßen regelmäßig in der Küche bei meiner Oma, bekamen einen Kaffee und erzählten ihre Geschichten. Ich saß als Kind daneben und lauschte. Wenige Jahre später kamen die ersten Gastarbeiter (eine türkische, eine griechische und eine italienische Familie) in unsere Straße, die Frauen saßen auch in unserer Küche, manchmal weinten sie,  und erzählten, mit Händen und Füßen und bekamen Kaffee).

Einmal, da hatte ich schon meine erste Tochter und schob mit dem Kinderwagen die Straße entlang, auf der diese Häuser stehen und die früher meinem Opa gehört hatte, da kam Frau Fried nach vorne, sie sah blass aus, trug nach einer Chemotherapie eine Perücke und bat mich, nach hinten zu ihr in den Garten zu kommen. Sie machte mir einen Kaffee und wollte ganz offensichtlich noch einmal von früher erzählen, von meinem Opa. Er war damals schon seit etwa siebzehn Jahren tot, an Krebs gestorben. Ich werde nie vergessen, was sie sagte, und was ich bis damals nicht wusste: "Als wir hier ankamen, wollte uns keiner. Die Leute waren so unfreundlich zu uns. Nur einer nicht, Dein Opa! Der war von Anfang an nett und wir konnten immer zu ihm kommen, wenn was war. Das werde ich ihm nie vergessen." Nur kurze Zeit nach meinem Besuch starb auch Frau Fried an Krebs und ich stellte mir immer vor, wie sie meinen Opa im Himmel trifft und wie sie Kaffee zusammen trinken.

Mein Onkel, der Mann meiner Tante, ist ein Flüchtling aus dem Osten. Als vierjähriges Kind (gestern wurden in einem Lastwagen an einer Autobahn südlich von Wien 71 tote Flüchtlinge gefunden, vier davon Kinder). ist er mit seinen beiden Schwestern und seiner Mutter geflohen. Sie kamen nach wochenlanger Flucht in ein Lager ins Emsland. Später kam er ins Rheinland, um bei Bayer zu arbeiten. Er heiratete meine Tante und blieb. Er hat nie über seine Flucht gesprochen. Ich habe mit diesem Mann 20 Jahre im gleichen Haus gelebt, und er hat seine Flucht nie erwähnt. Ich mochte ihn als Kind nicht sonderlich. Er war uns Kindern gegenüber auch oft gemein und dann telefoniere ich vor zwei Wochen mit ihm und er fängt fast an zu weinen und sagt: "Ich verstehe das nicht, wie sie mit diesen Leuten hier so umgehen können. Die haben doch wirklich genug durchgemacht. Das weiß ich, ich war schließlich selber einer." Im ersten Moment weiß ich gar nicht, worüber er spricht, aber dann kapiere ich es und er sagt es auch gleich: "Flüchtling. Ich war ein Flüchtling. Das vergisst Du Dein Leben lang nicht, was du da erlebst."
Ich frage ihn, an was er sich denn noch erinnert. Seine Antwort macht deutlich, dass die Erinnerungen so schmerzlich sind, dass er sie nicht heraus rufen möchte: "Dass es schrecklich war, daran erinnerste dich, die Einzelheiten vergisste, ich war ein kleines Kind."

Meinem Opa gehörte auch eine riesige Obstplantage direkt neben dem Sportplatz. Dort wuchsen Pflaumen, Kirschen, Mirabellen, Äpfel, Birnen - ich verbrachte sehr viel Zeit während meiner Kindheit auf dieser Wiese, die mir vorkam wie ein ganzes eigenes Land, auf der man sich verlaufen konnte zwischen all den Bäumen und dem Gestrüpp und auf der man Obst naschen konnte, bis man platzte, Schlaraffenland.
Diese Wiese gab mein Opa irgendwann der Stadt, oder dem Sportverein, ich weiß es nicht, ich war immer noch ein Kind. Auf jeden Fall wurden alle Bäume abgeholzt und daraus ein Trainingsplatz, eine Erweiterung für den Sportplatz gemacht. Mein Opa fühlte sich für das Abernten all der Bäume zu alt, und ein bisschen war es, als täten ihm die, denen der die Wiese praktisch schenkte, einen Gefallen.
Auf dieser Wiese nun möchte die Gemeinde ein Containerdorf für 90 Personen errichten, um weitere Flüchtlinge unterbringen zu können. Nun kommen die Flüchtlinge also in mein Heimatdorf.
Ich glaube, meinem Opa hätte das gefallen. Er hätte Jobs für sie organisiert, den Kindern Bonbons zugesteckt, sich mit Händen und Füßen mit den Männern unterhalten, an sie Zigaretten verteilt, sich bei den Tränen der Frauen aber verschämt an meine Oma gewandt: "Maria, kümmer du dich mal und mach ens Kaffee." Und meine Oma hätte ein bisschen vor sich hingeschimpft, wie es ihre Art war ("glaubt der, ich hab sonst nix zu tun, oder wat?") und dann hätte sie Stuhl in der Küche zurecht gerückt, die weinende Frau hätte Platz genommen und Kaffee bekommen.

Ich hätte diesen Text sowieso geschrieben. Aber es gibt eine wunderbare Aktion von Bloggern aller Couleur, die sich mit Flüchtlingen solidarisch erklären #bloggerfuerfluechtlinge Sie haben eine Website, auf der Ihr sehr viele Infos zur Aktion und zu möglichen Hilfen, die Ihr leisten könnt, findet, und sie haben eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um Spenden für Flüchtlinge zu sammeln. Scheut Euch nicht, Euer Taschengeld zu teilen, sag ich meinen Kindern immer. In diesem Sinne.
Zuletzt möchte ich noch hinweisen auf Pia Ziefle, die mir ja letztens noch auf meiner Seite 10 Fragen beantwortet hat, die ich sehr schätze, und die auf ihrem Blog einen tollen Text und eine ständig wachsende Linkliste angelegt hat. Schaut es Euch an. Großartig!

© Susanne Becker

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben Susanne. Viele deiner Informationen sind auch mir sehr vertraut, denn meine Eltern waren beide FLÜCHTLINGE nach Kriegsende!

    Freundlichen Gruß
    Susanne

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    1. Vielen Dank für den freundlichen Kommentar und ganz herzliche Grüße
      Susanne

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