Berlin

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Montag, 31. August 2015

José Luis Peixoto - Das Haus im Dunkel

"Aber langsam verwandelte die Zeit alles in Zeit. Das ist die Erklärung für die Ewigkeit. Langsam verwandelt die Zeit alles in Zeit. Hass verwandelt sich in Zeit, Liebe verwandelt sich in Zeit, Schmerz verwandelt sich in Zeit. All die Themen, die wir als höchst abgründig, als absolut unfassbar, als absolut dauerhaft und unabänderbar betrachten, verwandeln sich langsam in Zeit."

eines Tages erreichte mich diese wundervolle Post
vom Wiener Septime Verlag
Ich habe den Autor José Luis Peixoto im letzten Jahr, während meines Aufenthaltes in Lissabon aus Anlass des Disquiet International Literary Programs im José Saramago Haus bei einer Lesung erlebt und war von ihm auf Anhieb begeistert. Damals las er Texte, die für diese Lesung ins Englische übersetzt wurden. Es gab im Sommer 2014 von ihm weder Bücher auf Deutsch noch auf Englisch. Das frustrierte mich ziemlich, weil ich unbedingt etwas von ihm lesen wollte. Kurzzeitig spielte ich mit dem Gedanken, portugiesisch zu lernen (was ich, nur als Anmerkung, immer noch erwäge, es ist eine tolle Sprache und ich werde mit Sicherheit noch öfter nach Lissabon zurück kehren und portugiesische Schriftsteller, die die Lektüre lohnen, aber nicht übersetzt werden, gibt es, wie ich auch in diesem Text  und in diesem erwähnte, genügend).
Immer einmal wieder stöbere ich im Internet auf Verlagsseiten, vor allem auf Seiten von Verlagen, die ich kaum kenne. Über die Assoziationskette Bachmann-Preis - Valerie Fritsch landete ich recht umweglos auf der Seite des Wiener Septime Verlages und konnte es kaum fassen, als ich dort über den Namen José Luis Peixoto stolperte. Das Haus im Dunkel wurde von dem 2008 in Wien gegründeten Verlag in einer deutschen Übersetzung von Ilse Dick in diesem Jahr heraus gebracht. Mit großer Spannung erwartete ich das Buch, das mir freundlicherweise vom Verlag auf Anfrage zugesandt wurde und fand gleich am Anfang dieses vielsagende Zitat aus Margaret Atwoods, Der blinde Mörder, welches mir im Verlauf der Lektüre immer verständlicher wurde:

"Nicht, sagt sie. Es ist nicht meine Schuld. 
Meine auch nicht. 
Sagen wir einfach, dass wir nicht von den Sünden der Eltern loskommen. 
Das ist unnötig grausam, sagt sie kalt. 
Wann ist Grausamkeit je nötig? sagt er. und wie viel davon? 
Lies die Zeitungen, ich hab die Welt nicht gemacht."

Das Haus im Dunkel ist ein trauriges Buch, das man nicht einfach so weg liest. Ich habe mich wirklich hindurch gearbeitet, manchmal sogar widerwillig. Das Buch hat mich gequält, weil es einem keine Möglichkeit des Ausweichens anbietet. Es stößt einen gnaden- und schnörkellos hinein in das Dunkel, in welchem das Haus der Handlung steht, das Dunkel, das auch im Ich-Erzähler lebt, und für mich zur Metapher wurde für alles Tragische, welches Menschen Menschen antun.
Es ist ein Buch über einen Sohn, einen Schriftsteller, einen Liebenden, der alles verliert, als die Invasoren sein Land erobern, auch sein Haus im Dunkel. Sie verstümmeln ihn und seine Mutter.
Der Erzähler hat schon vorher sehr viel verloren, lebt hauptsächlich in seinem Inneren, in welchem auch seine Geliebte wohnt und von wo aus er Nacht für Nacht schreibt, darin seinem Vater verbunden und ähnlich, der ebenfalls des Nachts Sonette schrieb. Der aber auch ein Sünder war. Im Haus gibt es Sklavinnen, Miriam und Madalena, Tochter und Mutter. Der Vater hat jahrelang eine Liebesaffäre mit Madalena und als er selbst im Sterben liegt, tötet er sie mit einem Schwert - um nicht allein zu sterben? um sie nicht allein zurück zu lassen? An vielen Stellen lässt das Buch den Leser im Dunkeln, es erklärt sich nicht, es wirkt und will nicht gefallen, schmeicheln, guttun.
Die Protagonisten wehren sich nicht gegen das, was ihnen von anderen angetan wird. Sie erleiden, sie erdulden alles. Die einzige Gegenwehr möglicherweise ein Selbstmord, niemals ein Gegenangriff.

Das Haus im Dunkel ist ein wunderschönes Buch, so wie klassische Musik traurig und schön  zugleich sein kann. Es hat mich an Lissabon und meine Zeit dort denken lassen, denn es ist ein portugiesisches Buch und es gab immer wieder Momente, wo mir Pessoa ganz klar vor Augen stand. Wo ich an Sätze wie diesen von ihm denken musste "Leben heißt, ein anderer sein." Peixoto nennt Pessoa, wie könnte es auch anders sein, als einen seiner Einflüsse. Wie Pessoa stürzt sich auch Peixoto in die Tiefen des Menschseins, in dessen tiefste Abgründe. Er ist weder oberflächlich, noch gibt er sich mit einfachen Erklärungen zufrieden. Seine Worte dringen so tief, dass es kaum auszuhalten ist, und im wahrsten Wortsinne werden Leichen ausgegraben.

Wo anfangen, wenn man über dieses Buch schreiben möchte? Gut, ich habe ja längst begonnen. Dennoch hat das Buch mich aus dem Konzept gebracht. Es ist eine Geschichte, die einen verwirren kann. Menschen werden verstümmelt, leben aber weiter, ohne dass jemand sie verarztet, mit Löchern im Körper, mit fehlenden Gliedmaßen, das wird nicht erklärt.

Die Sprache: Sie ist wie in einem Gedicht. Das gesamte Buch ist poetisch und liest sich wie ein langes Gedicht, ein Klagegesang auf alles, was Menschen verlieren, tagtäglich, ein Trostgesang der Anerkennung dessen, dass Menschen tagtäglich alles verlieren. Die Sprache ist auch wie Musik. Wenn ich allein in der Wohnung war, las ich manchmal laut zu mir selbst, denn die Sprache ist so, das ich sie rezitieren wollte. ein sehr trauriges, wunderschönes Buch, dass mich verwirrt hat.

Ich suche nach Interpretationen und lese das Buch auch als eine Parabel über einen Menschen, über eine Gruppe von Menschen, über eine ganze Stadt, die alles verliert, und ich kann nicht anders, als immerzu während der Lektüre an die Flüchtlinge zu denken, die an die Grenzen Europas kommen in einer so großen Verzweiflung.  Sie haben in der Regel alles verloren. Ja, vielleicht neigt man dazu, Zusammenhänge herzustellen, wo gar keine sind, weil man in seinen Gedanken immerzu assoziiert, Denken ist meine größte Sucht. Aber dennoch kann ich dieses vom Autor 2002 verfasste Buch unter anderem nur so verstehen, als eine Schilderung dessen, was geschieht, wenn Invasoren kommen, ein Land besetzen und unterwerfen, und den dort lebenden alles rauben, ihr gesamtes bisheriges Leben, ihre Unversehrtheit, ihren Körper.

"Er berichtete mir von einem Land, das komplett verschwand, nachdem es von den Invasionen ereilt worden war. Er berichtete mir von einem Land, das von den Invasionen ereilt wurde und in dem alle Menschen in ihren Häusern eingeschlossen und sämtliche Häuser in Brand gesetzt wurden."

Ich lese das Buch als Parabel über die Grausamkeit, die Menschen tagtäglich einander zufügen und auf die Sehnsucht nach und die Unmöglichkeit von Liebe inmitten dieser Grausamkeit. Natürlich denkt man an die Schreckensherrschaft Salazars, die im Hintergrund eines solchen portugiesischen Buches zwangsläufig aufblitzt. Aber bei der Stelle mit den in Brand gesetzten Häusern denkt man auch sofort an die SS und ihre Vernichtungszüge gegen die Juden in Polen, wo ganze Dörfer in einer Scheune eingeschlossen und diese angezündet wurde. Verrückt, wie der im Mittelpunkt der Handlung stehende Schriftsteller, der das Buch als Ich-Erzähler erzählt, das Dunkel versucht zu ignorieren unter einer warmen Decke, die Invasoren zu ignorieren, wie er hofft, ihnen zu entgehen, wenn er sie ignoriert, und dann durch sie doch alles verliert: seine Arme, seine Beine, seine Geliebte, seine Mutter, die Möglichkeit zu schreiben, am Ende das Leben.Das ist das ganz normale Verhalten, dass man hofft, es geschieht einem nichts, wenn man das Unheil nur konsequent ignoriert.

Das Haus im Dunkel ist ein vielschichtiges Buch, ein abgründiges Buch. Es hatte beim Lesen so viele verschiedene Bedeutungen, dass ich manchmal verwirrt und erschöpft eine Lesepause einlegen musste, um mich zu erholen. Es kam mir vor wie eine endlose Wortschlange, die das Dunkel beschwört und von allen Seiten beleuchtet, eine Wortschlange, die in mich hinein kriecht. Im wahrsten Sinne des Wortes werden darin Leichen gestapelt und ausgebuddelt.

Ist es nicht auch ein Buch über einen Sohn und seinen Vater? Kämpft da nicht ein Sohn mit den Sünden seines Vaters und der daraus in ihm entstandenen Dunkelheit?
Kämpft da nicht ein Sohn auch mit der Sünde der Mutter, die aus Passivität den Sünden des Vaters tatenlos gegenüber stand und dieses Haus mit Katzen füllte, welche zu Anfang und zu Ende auf mich wirkten, wie eine Beschwörung des Lebendigen, das vielleicht in den Menschen auszumerzen ist, aber nicht in den Tieren?
Ist dieses Buch nicht auch ein Märchen?
Und ist es nicht auch ein Buch über das Schreiben? Wenn der Schriftsteller, mittlerweile von den Invasoren verstümmelt und als Kinderspielzeug für die unzähligen Nachfahren des Diktators (des dicken Mannes, der unendliche Frauen hat und diese ununterbrochen schwängert) seine Tage im Kinderzimmer verbringt, wo er eine der Mütter kennenlernt, weil sie in früherer Zeit die Übersetzerin seiner Bücher in die Sprache der Invasoren war. Er gibt ihr die letzten Manuskriptseiten, die er noch schreiben konnte, bevor ihm Arme und Beine abgehackt wurden. Er glaubt daran, dass seine Worte durch sie weiter leben können. Also glaubt er an die Sinnhaftigkeit des Schreibens, seines Schreibens?

"Diese Worte habe ich gelebt. Eines Tages habe ich sie verloren. An diesem Spätnachmittag verschenkte ich diese Blätter, als würde ich mein Leben verschenken. Die Übersetzerin meiner Bücher war der Mensch, der ihnen viele Leben einhauchen würde. In ihr würden die Worte wie Streichhölzer entflammen. Ihren Augen konnte ich entnehmen, dass alles wahr sein würde. Die Worte würden nun nicht mehr nur meine sein, aber ich wusste ja, dass die Worte nie nur meine waren. Niemand besitzt Worte, wie auch niemand das Leben besitzt.Die Worte, die für mich ihre Bedeutung hatten, würden in dieser unglaublich schönen und hässlichen Frau, die mich abwartend ansah, andere Mysterien bedeuten. Bei ihr würden die Worte wahr bleiben."

Dieses Buch hat mich verstört, manchmal genervt, aber ich konnte dennoch nicht aufhören, es zu lesen. Mittlerweile habe ich den Autor kontaktiert und ihm einen etwas unverschämten Katalog an Fragen zu dem Buch geschickt. Ich hoffe, das daraus resultierende Interview an dieser Stelle bald nachreichen zu können und empfehle Euch das Buch. Peixoto ist mit Sicherheit einer der wichtigsten portugiesischen Autoren der jetztigen Zeit. Es ist schade, dass seine Bücher nicht längst alle auf Deutsch vorliegen.

Als ich ihn im letzten Jahr erlebte, erzählte er uns unter anderem, dass er 2012 eine Reise nach Nord Korea gemacht habe. In das Land im Dunkel, denke ich nach der Lektüre seines Buches, und auch, dass das Dunkel diesen Autor ganz offensichtlich fasziniert. Er hat darüber geschrieben, ein Tagebuch, es heißt Inside the Secret und ihr könnt es auf Englisch bei der Literaturzeitschrift Ninth Letter #49 nachlesen.
Ich hoffe, der Septime Verlag mit seinem hochwertigen und ungewöhnlichen Programm wird weitere Bücher von Peixoto für uns ins Deutsche herüber holen. Meine besonderen Wünsche wären Moreste-Me, ein Buch über seinen verstorbenen Vater, dessen Titel in der englischen Übersetzung soviel bedeutet wie: you died on me, was ich gar nicht korrekt ins Deutsche übersetzen könnte. Ich konnte nicht anders, als bei der Lektüre von Das Haus im Dunkel immer wieder zu denken, dass der ja auch zu Anfang sterbende Vater und der Schriftsteller auch autobiografische Züge tragen. Ein anderes Buch, das ich sehr gerne lesen würde, ist Cemiterio de Pianos. Also, lieber Septime Verlag, ich hoffe auf  Euch!

© Susanne Becker

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