Berlin

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Freitag, 11. September 2015

Büchersommer 2015

Dieser Sommer war ein guter Sommer, in vieler Hinsicht. Monatelang schönes Wetter, fast sieben Wochen Ferien, viel im Garten gewesen, aber auch in Wien, im Allgäu, auf einen  2000 m hohen Berg gestiegen, am Stettiner Haff den Strand genossen, Freunde getroffen, Familie, Brombeeren geerntet, Pflaumen, Mirabellen, Marmeladen eingekocht, geschwommen: in Seen, am Stettiner Haff, in der Dahme und im Badeschiff, im Weissensee mit den Alpen als Kulisse und im Brüssow See mit Brüssow als Kulisse. Natürlich gelesen, den ganzen Sommer über gelesen: auf Liegestühlen unter Kirschbäumen, auf Handtüchern und Decken an Seeufern, in Zügen, im Flugzeug, in der kleinen Wohnung im 7. Bezirk in Wien, auf den Holzbrettern vom Badeschiff, im Bett, im Sessel, auf dem Sofa. Ich habe so viele großartige Bücher gelesen. Ich komme nicht dazu, jedes einzelne hier ausführlich zu besprechen. Dennoch möchte ich Euch kurz einen Überblick geben und Euch anregen, Eure Nasen in diese Bücher zu stecken. Jedes einzelne war wunderbar!

Max Frisch "Aus dem Berliner Journal"
Max Frisch "Montauk"
Max Frisch war schon immer einer der Schriftsteller, deren Bücher ich verschlingen konnte und jeder Satz regte mich schon als Teenager zum Denken an, zum Nachdenken. Es gibt Bücher, die machen glücklich. Aus Gründen, die ich selbst immer noch nicht ganz begreife, gehörten Frischs Bücher für mich immer dazu. Lange, sehr lange, habe ich nichts mehr von ihm gelesen. Aber dann kam das Berliner Journal, und durch dessen Lektüre kam noch einmal Montauk, ein Buch, das schon vor zwanzig Jahren zu meinen Lieblingsbüchern gehört hat.
Seine Worte sind für mich immer noch, habe ich in diesem Sommer festgestellt, eine Art Vollbad in etwas klugem und nachdenklichem, das einen selbst im eigenen Denken schulen kann, das das eigene Denken erweitert. Natürlich enthalten seine Bücher auch immer eine gute Prise männliches Selbstmitleid und eine Verliebtheit in die eigene Person. Aber, so sehr ich allergisch reagiere auf gerade diese Eigenschaften, also normalerweise, und Bücher wegen diesen auch schon in die Ecke gepfeffert habe, lassen sie mich bei ihm eher schmunzeln. Die Klugheit überwiegt, auch dass er sich selbst anprangert und so ein bisschen zerfleischt, das rechne ich ihm an. Immerhin öffentlich tut er es. Also in Montauk. Das Berliner Journal war ja lange verschlossen, aber doch immer für die posthume Veröffentlichung gedacht. Das kann man, so finde ich, durchaus erkennen im Tonfall. Ich schätze die Informationen, die ich bekomme, sowohl über Menschen (Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson), also auch, im Journal vor allem, über die DDR und die dortige Kulturszene. Von Westberlin aus reiste er oft dorthin.
Warum macht Max Frisch mich glücklich? Ich glaube, weil er eine Weite im Denken, im Sehen, im Erleben hat und schildert, die bei der Lektüre auch das eigene Denken, Erleben und Sehen weitet. Ich fühle mich genährt und atme tiefer und dann gehe ich los, und schaue mir die Welt mit leicht geändertem Blick noch einmal neu an.

Annika Reich "Die Nächte auf ihrer Seite" ist ein Buch über zwei kluge Frauen, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Liebe und Beziehung und den arabischen Frühling. Wir sind mitten drin auf dem Tahrir Platz, dann wieder in Leipzig oder Berlin Kreuzberg, aber auch da mitten drin. Mich hat an dem Buch verschiedenes fasziniert:, die Direktheit, mit der man am Leben teilnimmt während der Lektüre, an so verschiedenen Leben und alles ist dennoch stimmig, obwohl es theoretisch sehr viel für ein einziges Buch ist, aber praktisch ist es gut und passt.. Zum anderen diese vielen klugen Gedanken, der intellektuelle Horizont, der so nebenbei darin aufleuchtet. Ich hatte ständig während der Lektüre das Bedürfnis, in die Bibliothek zu rennen, mir Bücher zu allen möglichen im Buch angesprochenen Themen auszuleihen, mir Die Zeit zu kaufen, oder einfach nochmal zu studieren, um mich mit Kunst, Philosophie, Psychologie ungestört und intensiv beschäftigen zu können. Die Nächte auf ihrer Seite ist auch ein Buch über das Muttersein, das nicht so perfekte, ideale Muttersein, da kämpft eine Frau regelrecht mit dieser Rolle und was sie ihr abverlangt. Es gibt Szenen zwischen ihr und dem Kind, die tun richtig weh - wie im Leben. Ein wirklich tolles Buch!

Jan Brandt "Tod in Turin" - ebenfalls ein tolles Buch! Wir fahren mit Jan Brandt auf die Turiner Buchmesse (wo ich im Grunde nie hin wollte!) und lesen, was er dort erlebt, wen er trifft und was er sich dazu denkt. Ein Ritt in die Abgründe des Schriftstellerlebens, und im Grunde gleich in Abgründe der menschlichen Seele, deren Beschreibung ja die Aufgabe des Schriftstellers, ist. Dieser Aufgabe nimmt sich Brandt vertrauensvoll and und ist dabei unglaublich witzig (also ich fand ihn unglaublich witzig, ich habe in Rezensionen gelesen, er bemühe sich krampfhaft, witzig zu sein, das sei nicht witzig - aber ehrlich gesagt schienen mir die Rezenten extrem humorlos!). Das Buch ist voller Wissen und klug. Ich habe viel gelacht und viel gelernt. Kann man mehr von einem Buch wollen? Ach ja, und es ist ein Buch mit Fußnoten. Ich weiß nicht warum, vielleicht hat es noch damit zu tun, dass ich so furchtbar gerne wissenschaftliche Arbeiten an der Uni verfasst habe, aber ich liebe Bücher mit Fußnoten!

Elif Shafak "Der Bastard von Istanbul" Ich entdeckte diese türkische Autorin im letzten Jahr durch ihr wunderbares Buch Ehre, das ich hier auch rezensiert habe. Sie erzählt so lebendig aus Welten, die ich nicht kenne, dass ich immer das Gefühl habe, mit ihr auf Reisen zu gehen: nach Istanbul oder London oder in ein abgelegenes türkisches Bergdorf. Ich lerne in ihren Büchern Menschen kennen, die mir im wirklichen Leben so offen und sichtbar normalerweise nicht begegnen.
Im Bastard von Istanbul erzählt sie, wie der Genozid an den Armeniern auch die heutigen Generationen noch beeinflusst. Sie tut dies anhand einer armenischen Amerikanerin und ihrer vor dem Familie, die nach Amerika kam, um dem Genozid zu entkommen einerseits. Andererseits erzählt sie von einer türkischen Familie, die scheinbar nichts weiß vom Genozid und mit ihm auch nichts zu tun hat. Bis zur letzten Seite ein fesselndes Buch, klug, ein gut erzählte Geschichte, die einen nicht los lässt und für deren Erzählung Elif Shafak vom türkischen Staat, der den Genozid noch immer leugnet, für Verunglimpfung des Türkentums angeklagt wurde.

Wolfganz Herrndorf "Tschick" Das ist natürlich ein Klassiker. Im Grunde verstehe ich nicht, dass ich ihn nicht längst gelesen hatte. (Aber gut, ich habe ja auch erst in diesem Sommer die Tocotronics für mich entdeckt, das macht dann irgendwie wieder Sinn, dass ich auch Herrndorf erst mit mehrjährigem Verzug wahrnehme). Dieses Buch habe ich in exakt anderthalb Tagen praktisch in mich eingesogen. Ich habe beinahe sogar mit dem Buch in der Hand geduscht und bin einmal nicht in den See gegangen, weil mir Lesen wichtiger war als Schwimmen! Vom ersten bis zum letzten Satz großartig, kein Fehltritt, perfekt eigentlich. Die Charaktere wunderbar berührend und authentisch. Die Geschichte atemberaubend und atemstockend, wird in einem halsbrecherischen und mutigen Tempo ohne Punkt und Komma erzählt. In dem ganzen Buch ist mir kein einziges überflüssiges Wort aufgefallen.
Dass das Buch jetzt von Fatih Akin verfilmt werden soll, macht mich neugierig. Der richtige Regisseur für dieses große Buch über Freundschaft, alkoholkranke Mütter, emotional verkrüppelte Väter, Brandenburg, schlechte Lehrer und einen der besten Roadtrips, die ich persönlich je gelesen habe.

Norbert Niemann "Die Einzigen" war mir zum Geburtstag von einer Freundin geschenkt worden. Ich hatte es eine ganze Weile liegen lassen. Denn ich kannte den Autor nicht und erwartete ohne jeden Grund eine verkopfte Geschichte, deren Thematik mich aber dennoch ansprach: Ein Buch über Kunst (in diesem Fall Musik) und Liebe, über unsere Gesellschaft, die von Menschen eigentlich verlangt, dass sie sich aufgeben und kompromittieren, damit sie erfolgreich mitspielen können auf dem Markt, während die Kunst, wahre Kunst, genau wie wahre Liebe, Hingabe und Aufrichtigkeit benötigt, um gedeihen zu können. Es ist ein Roman über Ideale, über Mut, Liebe, über unendliche Geduld und Ausdauer und über unsere Gesellschaft. Ich habe selten ein Buch gelesen, das die konkrete Welt, in der wir uns hier in Deutschland bewegen, so deutlich nachzeichnet. Tiefgründig, fein und klar. Bei der Lektüre musste ich zum einen oft an Frisch denken, den ich zu Beginn des Sommers gelesen hatte. Zum anderen fiel mir immer wieder Darius Kopp ein, Terézia Moras "Einziger Mann auf dem Kontinent", der dann im Ungeheuer die Asche seiner Frau durch Südosteuropa fährt. Harry Bieler aus Die Einzigen könnte mit ihm bekannt sein.

© Susanne Becker

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