Direkt zum Hauptbereich

Buch der Woche - Michael Stauffer, Jeden Tag das Universum begrüssen



"Fußnote 130 „Ich musste noch etwas einkleben. Deswegen bin ich zu spät.“"

Für mich ist dieses Buch, Jeden Tag das Universum begrüssen von dem Schweizer Schriftsteller Michael Stauffer meine persönliche Lieblingsentdeckung der Leipziger Buchmesse

Es ist wahr. Ich ging eigentlich am Voland & Quist Stand einfach so vorbei. Aber da rief es nach mir. Laut und deutlich. Ich blieb stehen, sah es an und war sofort verliebt. Wie das immer ist, wenn man sich verliebt, war es jenseits von logischen Gründen, dass mich dieses Buch unter all den Millionen in den Messehallen ausgestellten Werken so derart intensiv berührte. Ich denke, es hat damit zu tun, dass man sich immer dann verliebt, wenn einen etwas im tiefsten Inneren auf magische Weise anspricht. 

Was es dann wieder beinahe logisch macht, dass es mich anspricht, denn es tut etwas, das ich auch tue mit meinen ganzen Tage- und Notizbüchern und dem Leben: es sucht nach einer Gültigkeit, verfolgt eine Spur, man kann fast sagen eine Lebensspur, Gültigkeitsspur? Von daher gefällt mir schon der Inhalt. Aber verliebt habe ich mich auch in die Form des Ganzen. Last but not least sieht es auch noch verdammt gut aus. 

Selten hat mir ein Buch so viel Spaß beim Lesen gemacht, wie dieses. Ein weiterer Grund für meine Gefühle. Denn ich bin eine rheinische Frohnatur und weiß es zu schätzen, wenn man mich zum Lachen bringt. 
Es ist für mich genau das, was es im Titel verspricht: es begrüßt jeden Tag das Universum und man selbst mit ihm, wenn man jeden Tag danach greift und ein paar der 499 Einträge liest. Viele davon haben Fußnoten und auch Querverweise zu anderen Einträgen. Manche Einträge werden ins Berndeutsche oder eine andere Schweizer Sprache übersetzt. Das klingt dann so:

Eintrag 147 „Er sei jemand der nach der inneren Uhr schlafe. Er sei rhythmusabhängig beim Schlafen.“
stauffer_jeden-tag_cmyk_2d.jpg (1653×2361)Dieser Eintrag hat dann die Fußnote 122, und dort steht: „Übersetzung aus dem Berndeutschen. I bin eine, wo noch dr innere Uur schlaaft. I bi rütmusabhängig bim Schlaafe.“

Wenn ich sowas morgens lese, und ich lese den Stauffer öfter morgens, beim ersten Kaffee (ich wechsele gerade immer ab zwischen dem Stauffer und dem Handke „Der Bildverlust“, und das ist für mich kein Widerspruch. Es ergänzt sich. Beide begrüßen täglich auf ihre Art das Universum und beide versuchen, die Ganzheit dieser Absurdität, als die sich unser Leben so manches Mal darstellt, irgendwie einzufangen und mit einer Gültigkeit zu versehen.), dann habe ich sofort gute Laune.

Die Einträge variieren in Qualität, Tiefgang, Ausrichtung, und berühren dabei eine schier unübersichtliche Themenvielfalt. Sie decken eben das ganze Universum ab, welchem Stauffer täglich begegnet. Er macht da keine Unterschiede. Das profane gehört genauso hinein wie das heilige. Deshalb sind die Fußnoten und Verknüpfungen so gut. Von selber würde man doch gar nicht darauf kommen, dass Eintrag 145 in irgendeiner Weise verbunden sein könnte mit den Einträgen 103, 149 und 241. Aber die Fußnoten sagen es einem. So blättert man hin und her und ich habe immer auf so ein Buch gewartet, das einen auf eine Art Reise schickt, die auch eigenes Tun über das pure Lesen hinaus voraussetzt. Man kann nicht einfach chronologisch die Seiten runterlesen und gut ist. Hier wird einem richtig Mitarbeit abverlangt, auch selber denken. Ich meine, kein Mensch kann von mir verlangen, dass ich es einfach so glaube, das Eintrag 145 eine Verbindung zu Eintrag 103 hat. Da muss ich dann schon auch eine Weile darüber nachdenken. So etwas macht mir Spaß. Ich habe ja auch gerne studiert. Auch habe ich immer von Literatur mit Fußnoten geträumt, weil ich dieses Konzept der Fußnote seit dem Verfassen meiner Magisterarbeit in mein Herz geschlossen habe.
Durch die Mitarbeit wird das Buch unversehens zu einem Teil des eigenen Lebens. Ein meisterhafter Schachzug, wie ich finde. 

Die Themen reichen vom privaten Stauffer-Eheleben, der Suche nach einem Haus, dem Erforschen der Stauffer-Befindlichkeit bis hin zu politischen und geschichtlichen Exkursionen und unzählige Beobachtungen anderer oder auch Protokolle von Gesprächen, zum Beispiel in Bus, Bahn oder Kneipe. Damit ist er dann sozusagen im Zentrum unserer Gesellschaft. So hautnah ist selten. 
Es gibt Einträge, die interessieren mich nicht sonderlich. Aber das ändert nichts daran, dass ich das Buch liebe. Denn es gibt ja auch Tage, die ich nicht mag. Ich liebe das Leben aber trotzdem. Entscheidend ist, dass dieses Buch irgendwie den Versuch unternimmt, ein Gesamtbild zu zeichnen von einer Befindlichkeit, die heute, hier und jetzt akut ist. Indem er sich beobachtet und seine Beobachtungen protokolliert, beobachtet er uns alle, und umgekehrt. Indem wir es lesen, werden wir ebenfalls zum Beobachter. S. o., das Buch wird zum Teil des Lebens. 

"Fußnote 5: „Die Geschichten der VIELEN, die man so hören kann, muss man zusammenbinden und das dann erzählen, man muss versuchen, die VIELEN STIMMEN, auch die VERLORENEN, zu finden, zu hören, zu zeigen. Sie sind alle da und sagen, was sie nicht machen, aber gern würden, sie sagen, was passiert ist, aber nicht, was das mit ihnen gemacht hat. Das suche ich.“" Das ist wohl mehr oder weniger die Absicht hinter seinem Werk. Ich finde, es ist ihm gut gelungen. So gut, dass ich persönlich nichts dagegen hätte, immer weiter solche Tagesbegrüssungen von Stauffer, z.B. per App oder so, mit einem Klingelton, zu erhalten. Kleine Meditationsanstöße über den Sinn und Unsinn dieser Welt. 



"Manchmal stürzt, rinnt, spritzt oder sprudelt das Leben, und man steht mitten darin wie ein starker Baum." Ist das nicht eine Perle? Ich bin mir bewusst, dass für jeden von uns beim Lesen die Perlen andere sein werden und auch die Einträge, die einen langweilen. Auch das ist das Tolle an diesem Buch. Für jeden steht etwas darin.

Ein Buch, dem ich Millionen Leser wünsche.
Ich möchte dem Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar danken!!

(c) Susanne Becker


Kommentare

Beliebte Texte

Lydia Tschukowskaja, Untertauchen

Die Schriftstellerin Nina Sergejewna fährt für vier Wochen aufs Land, in eine Art Schriftstellerkolonie, um in Ruhe, weit weg vom Alltag, schreiben zu können. Dort trifft sie unter anderem den Schriftsteller Bilibin und den Lyriker Weksler, einen Juden.
Nach und nach erfährt man, dass Nina Sergejewnas Mann vor ein paar Jahren mitten in der Nacht abgeholt worden ist und sie kurz darauf die Nachricht erhalten hatte, dass er zu zehn Jahren Lager mit Kontaktverbot verurteilt worden ist. Nie wieder hat sie von ihm gehört. Sie lebt allein mit der Tochter in einer Wohnung mit im Grunde Fremden. So war es. Eine große Wohnung musste man teilen.  Wie die anderen Schwestern, Frauen, Mütter, deren Brüder, Männer, Söhne im Zuge von Stalins Säuberungen spurlos verschwunden sind, und vollkommen grundlos, willkürlich, stand sie schon im Morgengrauen vor dem Gefängnis an, frierend, stundenlang, um irgendwann, wie alle anderen Frauen, die Auskunft zu erhalten, dass der Fall ihres Mannes noch nicht bea…

Claire-Louise Bennett, Teich

"Pfannengericht

Haben eben mein Abendessen in den Müll geworfen. Ich wusste schon während des Kochens, dass ich das tun würde, deswegen habe ich alles hineingerührt, was ich nicht mehr sehen will."

Ich mag Bücher, in denen Autorinnen oder Autoren einen eher zurückgezogenen, einen einfachen Lebensstil, möglichst ihren eigenen, beschreiben. Ich mag es, wenn sie in einsamen Häusern leben und mit jedem Staubkorn eine Beziehung eingehen, über die sie etwas sagen können. Das ist wie bei Handke und natürlich sowieso wie bei Karl-Ove Knausgard. Die Bücher dieser Autor*innen haben in der Regel keine weitere Handlung, scheinbar. Aber im Laufe der Lektüre enthüllt sich dann etwas aus dem tiefsten Inneren des Autors, oder auch aus dem menschlichen Leben allgemein, welches wie das Aufleuchten einer Wahrheit in einer langen Meditationssitzung scheint. Und vielleicht sind diese Bücher ja auch eher Meditationen als Ergebnisse einer "creative writing" Klasse.

Das Erzählen ist wie e…

Sasha Marianna Salzmann, Ausser sich

Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als nächstes passieren könnte.

Das Buch Ausser sich von Sasha Marianna Salzmann, 2017 im Suhrkamp Verlag erschienen, lag relativ lange angelesen auf meinem SuB und ich konnte mich nicht aufraffen, es zu beenden. Seite 20 oder so, weiter kam ich nicht. Ein wenig ging ich vermutlich anfangs in den Wirren der Geschichte verloren, die zwischen Russland und der Türkei, zwischen Deutschland, der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her zu springen scheint. Ali kommt nach Istanbul, um ihren Bruder Anton zu suchen. Sie schläft auf der Couch eines Onkels, Cemal und wird dort von Wanzen gebissen. Aber eigentlich kommen Ali und Anton aus Russland. Sie sind Juden. Sie ha…