Direkt zum Hauptbereich

Svenja Leiber, Staub




„Vielleicht gehöre ich tatsächlich zu den Menschen, die an den harmloseren Stellen der Welt Gefahr vermuten, während die wirklichen Gefahren eine Art Wind in den Segeln ihres Lebens sind."

Staub im Garten, wo ich Svenja Leiber
fast immer lese. Sie passt dorthin!
Das neue Buch von Svenja Leiber ist ungewöhnlich. Was bei ihren Büchern eigentlich immer zutrifft. Sie schreibt keinen Mainstream. Es kommt mir so vor, als schriebe sie aus einem inneren Raum heraus, der sehr meditativ ist, auch philosophisch.

Staub ist ein Roman, der die Frage erforscht, wer wir sind, ob wir jemals sind, wer wir sind und wie sehr wir uns selbst und andere durch unsere Konstruktionen und Bilder voneinander in Gefängnisse sperren. Das Verlorensein in der Festlegung und die Flucht daraus.
Paul Jandl nennt Svenja Leibers Bücher in der NZZ „luzide literarische Psychologie“. Für mich trifft er damit sehr genau, was sie mit all ihren Werken tut und was sie in der Landschaft der deutschen Literatur für mich einzigartig macht: sie erforscht die Situationen des Menschen, sein Geworfensein nicht mit dem Verstand, sondern mit einer traumwandlerischen Poetik. Es kommt einem beim Lesen manchmal so vor, als würde sie sich selbst werfen an der Stelle der Protagonisten, und dann in ihrem Inneren, nicht mit dem Verstand, horchen, was zutage tritt, sobald der Mensch verloren geht und sich in diesem Leben nicht mehr auskennt. Dieses Verlorensein kann viele verschiedene Gründe haben. Es ist nicht nur das existentielle sowieso Geworfensein, das Sartre meinte, sondern es wird hervorgerufen: durch z.B. politische Veränderungen, die jenseits der Kontrolle des Einzelnen liegen, durch die Feststellung, in einem Körper zu leben, in dem man nicht zuhause ist, durch Begegnungen mit völlig fremden Kulturen oder Religionen, um nur einige Beispiele zu nennen, die in diesem Buch relevant sind. 
Womit sie auf grundlegende Fragen immer wieder eine Antwort sucht: Wer kennt sich schon aus in diesem Leben? Sind nicht alle Definitionen dessen, was ein Mensch ist und zu tun hat immer etwas selbstgerecht, vorschnell, Vermutungen, die dann in Stein gemeißelt werden, wenn der Vermutende mächtig ist und die, über welche er vermutet, schwach? (Womit das Buch sofort eine politische Dimension erhält: wer sind in dieser Welt die Mächtigen? Wer zwängt wem seine Definition von ihm als fremd, als feindlich, als anders auf?)

Staub führt uns landschaftlich dorthin, wo es sehr viel davon gibt: Die Wüste. Die unendliche Weite des Nichts. Wo es keine Definitionen gibt, keine Festlegungen, auch keine Lösungen. Man wirft sich in das Nichts und ist, was man ist. Oder man klammert sich an die Angst. 
Der Protagonist, der uns die Geschichte auch selbst erzählt, Jonas Blaum, hat einen Teil seiner Kindheit in Riad verbracht (so wie, und das sei nur am Rande erwähnt, Svenja Leiber selbst). Er hat dort etwas einschneidendes erlebt, man könnte fast sagen: diese Zeit in Riad hat alles zerschlagen, was vorher war. Eine Heilung dessen hat nie stattgefunden. Er ist Arzt, drogenabhängig, von seiner Freundin verlassen.
In dieser Situation fliegt er zu seinem besten Freund Bas nach Amman in Jordanien, zurück in die Landschaft und das Klima seiner Kindheit. Warum er das tut, weiß er im Grunde selbst nicht. Zurückkehren, so ein bisschen, an den Ort des Geschehens, um endlich eine Lösung zu erleben?
Das Schreckliche, welches in seiner Kindheit geschah, hat mit seinem jüngeren Bruder zu tun, der eigentlich eine Schwester war.

Als Jonas Blaum in Jordanien ist, wird ihm die Sorge für ein krankes Kind angetragen, ihm, dem guten Arzt, ein Kind, das ihn auf prekäre Weise an seinen Bruder erinnert und welches aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu retten ist. Sein Vater hat Jahre in den afghanischen Folterkellern verbracht und versteht die Krankheit des Kindes als Strafe Gottes dafür, dass er ihn, Gott, unter der Folter verflucht hat. Die Sorge um dieses Kind bringt Jonas Blaum nach Israel, nach Jerusalem, wo sich alle Religionen treffen.
So wie Jonas Blaum wartet man auch, süchtig sich durch die staubigen Seiten fräsend, durch diese gleißend helle Geschichte, die einem fast die Netzhaut verbrennt beim Lesen, auf die Auflösung.
Wird sie eintreten? Wird vielleicht Susan, ebenfalls Ärztin, welche Jonas zu sich nach Jordanien ruft in der Hoffnung, sie könne ihm bei der Heilung Alims helfen, wird sie Erlösung bringen? Werden wir gerettet? Oder werden wir das Nichts schauen und die Chance lautet, zu verstehen, dass gerade dies Erlösung ist?

So wie in allen Büchern von Svenja Leiber lese ich darin nicht nur die Geschichte, ich lese darin auch eine politische Realität. Ich lese darin etwas von dem, was allgemein als Flüchtlingskrise bezeichnet wird, was aber auch ein Zusammentreffen von Orient und Okzident ist, eine Angst vor dem Fremden, vor dem anderen, ein Manifestieren von Unterschieden, um seinen sicheren, scheinbar sicheren Untergrund nicht zu verlieren.
Im Projekt weiterschreiben jetzt ist Svenja Leiber Tandempartnerin der syrischen Dichterin Noor Kanj und sie schreibt auf der Website den folgenden Satz "Ich habe das Gefühl, in dem, was wir jetzt schaffen wollen, zählt jedes Wort." Das gilt vielleicht auch für diesen Roman.
Svenja Leiber sprengt die Definitionen von Identität und von Literatur. 
Sprachlich ist das Buch wieder so knapp, wie es ihre Art ist. Ein lyrischer Roman. Svenja Leiber ist keine Autorin, die ihren Leserinnen eine Geschichte lang und breit erzählt. Sie zeichnet ganze Welten mit einem Satz und lässt um diesen herum genug Raum für uns, um unser eigenes Bild hineinzuprojizieren.

"Wie ist es mit mir? Woher soll ich die Worte nehmen? Bin ich das Zelt der Offenbarung?"

Hier nochmal meine Besprechung ihres ebenfalls großartigen Buches Das letzte Land

(c) Susanne Becker

Kommentare

Beliebte Texte

Gerbrand Bakker, Der Umweg

"Nachts hörte sie Wasser, ein kleiner Bach floß am Haus vorbei. Ein- oder zweimal war sie aus dem Schlaf aufgeschreckt, weil der Wind gedreht oder zugenommen und das Wassergeräusch überdeckt hatte. Da war sie etwa drei Wochen hier gewesen. Lange genug, um aufzuwachen, wenn sie ein Geräusch vermißte."



Ich liege im Garten meines Bruders. Ich lese die letzten Seiten von „Der Umweg“. Der Garten meines Bruders liegt in der Eifel. Nicht weit von dem Haus, in dem der Autor Gerbrand Bakker lebt. Er hat davon so wunderbar in seinem Buch „Jasper und sein Knecht“ geschrieben.
Die Eifel, für mich seit immer ein Seelenort, auch ein Sehnsuchtsort. Kommt doch von hier mein Vater, der sich das Leben nahm, als ich Anfang 20 war. In der Eifel, auf dem Hof, von dem mein Vater stammte, habe ich bei meiner Tante jedes Jahr einen Teil meiner Sommerferien verbracht. Ich wollte diesen Hof übernehmen, davon träumte ich als Neunjährige.
Die Uckermark, in der ich selbst bis vor kurzem, acht Jahre lang…

Bücherwunschliste, Gedanken zu Motherhood und The Favourite - alles durcheinander

Gestern schenkte mir eine Freundin ein Buch zum Geburtstag, nachträglich.
Ich hatte dieses Buch bereits, was sie nicht wissen konnte und was auch keinerlei Problem darstellt. Denn sie kaufte es bei den Lieblingsbuchhändlerinnen und da darf ich es umtauschen.

Sie schenkte mir übrigens Motherhood von Sheila Heti. Ich habe dieses Buch vor ein paar Monaten gelesen und auch gemocht, aber nicht so, dass ich darüber schreiben wollte. Der Grund ist, glaube ich, dass ich Kinder habe. In dem Buch geht es aber eigentlich darum, die Entscheidung zu treffen, ob man als Frau überhaupt Kinder bekommen sollte. Ich konnte für viele Punkte ihrer Befragung des Lebens sehr große Sympathie entwickeln. Andere schienen mir wie aus einer Welt, die ich für immer verlassen habe. Denn ich habe mich längst entschieden und bin Mutter. Egal, was ich tue, meine Kinder und deren Interessen, deren Wohlergehen, werden immer im Zentrum meines Befindens sein. Nie wieder werde ich vor der Frage stehen, ob mein Leben bess…

Karl Ove Knausgård - Im Frühling

„Ich hatte begonnen, eine Art Tagebuch für dich zu schreiben, oder einen langen Brief darüber, wer wir waren und was hier passierte, während wir auf dich warteten….Als eine Art, Platz für dich zu schaffen.“
Dieser Gedanke ist so wunderschön, dass er mich jedesmal lächeln lässt: für ein noch im Mutterleib heran wachsendes Kind eine Art Tagebuch schreiben, um für es in dem bereits existierenden Leben einen Platz zu schaffen. Unwillkürlich wünschte ich mir, ich wäre auf diese Idee gekommen, während ich mit meinen Töchtern schwanger war. Mit dieser Aussage hat Karl Ove Knausgård einmal mehr umschrieben, für wie wichtig und mächtig er die Sprache hält. Sie ist für ihn das Medium, welches uns alle im Leben verankern kann, egal, was uns zustoßen mag, egal, wie heftig das Leben sich uns um die Ohren schlägt.  Im Frühling hat mich auf eine  unvorhersehbare Art kalt erwischt. Denn ich hatte ja bereits Im Herbst und Im Winter gelesen, welche ich beide mehr oder weniger ähnlich fand, gerne gelesen…

Hermann Hesse - Das Glasperlenspiel

Es gab Momente, da verstand ich nichts und wollte das Buch einfach beiseite legen.
Das Buch! Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse, sein letzter und umfangreichster Roman, sein Alterswerk, erschienen 1943, in zwei Bänden (ja, das Buch ist sehr dick!). Es lag in meinem Stapel ungelesener Bücher, seitdem ich circa 20 war. Ich habe noch die alte, dunkelgrüne Suhrkamp Ausgabe. Gekauft in einer Buchhandlung am Opladener Markt, die es schon lange nicht mehr gibt. Begonnen habe ich das Buch gefühlt zehnmal, und immer wieder beiseite gelegt, weil ich einfach nichts verstand. Einmal bin ich bis Seite 100 gekommen, weiter nie. Ich beschloss dann, dass man vermutlich doch alt sein müsste, um es zu verstehen, Alterswerk eben! Jetzt bin ich einigermaßen alt und ich kann den Erfolg vermelden: Diesmal hab ichs geschafft. Ich bin durch!

„Versenkung und Weisheit waren gute, waren edle Dinge, aber es schien, sie gediehen nur abseits, am Rande des Lebens, und wer im Strom des Lebens schwamm und mit sein…

Books one should read before one dies/Bücher die man gelesen haben sollte bevor man stirbt

Das ist eine absolut subjektive Liste all jener Bücher, von denen ich finde, jeder sollte sie gelesen haben. Ich führe sie kontinuierlich fort und füge Links zu meinen Rezensionen an, so es diese gibt. Meistens kommen pro Jahr nicht mehr als 2, höchstens 4 Bücher dazu. Ich lese relativ viel, durchschnittlich vielleicht 40 bis 65 Bücher pro Jahr. Ich lese sehr gezielt. Also ich lese niemals etwas, weil man es gelesen haben sollte. Vielmehr lasse ich mich da vollkommen von meinem eigenen Gefühl leiten. Dennoch sind die Bücher, die mich dann wirklich aus den Schuhen heben, wenige. Ich muss aber auch sagen, dass ich sehr selten Bücher ungern lese, mich hindurch quäle. Da ich so gezielt lese, sind die meisten Bücher auch einfach gut in meinen Augen. Aber auf diese Liste kommen nur die für mich herausragenden. Ich ergänze sie, wie gesagt, ständig. Es lohnt sich also, immer mal wieder hereinzuschauen.

Dass die Liste ausgewogen ist, also gleich viele Bücher von Autorinnen wie von Autoren enth…

Lissabon

Angeregt durch einen Kommentar in meinem Blog, aber noch vielmehr durch meine letzte Lissabon Reise, die gerade erst wenige Monate zurückliegt, kam mir der Gedanke, hier einmal ein paar Vorschläge zu machen für all jene, die vorhaben, in nächster oder späterer Zeit Lissabon zu bereisen. Wenn Ihr, wie ich, Eure Reisevorbereitungen gerne mit Hilfe von Lektüre, Filmen und Musik bestreitet, dann habe ich hier ein paar Ideen für Euch. Ich übernehme aber keine Haftung! Wenn Ihr Euch, wie ich, in Lissabon verliebt, gibt es nur eine Hilfe: immer wieder hinfahren.
„Quem nao viu Lisboa, nao viu coisa boa!“ („Wer Lissabon nicht gesehen hat, hat nichts Schönes gesehen.“) Portugiesisches Sprichwort, dem ich voll und ganz zustimme.
Eines der klassischen Bücher, in denen Lissabon eine Hauptrolle spielt, habe natürlich auch ich verschlungen. Nachtzug nach Lissabon, 2004  von Pascal Mercier geschrieben, ist eine wunderbare Geschichte über einen Schweizer Altphilologen, der eine Zeitreise unternimmt u…