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Céline Minard, Das große Spiel

Ein Buch, das an die Grenzen zielt, und darüber hinaus, auch die des Verstehens. Das Genre Roman, ich erlebe es in den letzten Monaten immer wieder, wird verändert, es weitet sich. Es geht nicht mehr nur um das Erzählen einer Geschichte. Es geht um das Ausloten innerer Räume. Wie still kann ein Mensch werden? Wie leer kann ein Mensch werden? Was ist, wenn man sein Ego überwindet?
Themen, Fragen, die eher in ein Zen Retreat zu gehören scheinen, erobern das literarische Schreiben. Räume werden ausgelotet und Romane werden zu Meditationen. Der Text, das Konstrukt, erinnert weniger an das, was man früher als Roman kannte (und warum kommt mir jetzt Die Buddenbrooks in den Sinn?), als daran, was einem begegnet, wenn man stundenlang auf einem Meditationskissen sitzt.
Das große SpielInsofern könnte dies ein Buch sein, das Handke gefällt. Die Protagonistin in gewisser Hinsicht eine seelische Schwester der Abenteurerin im Bildverlust? Es mag mir so erscheinen. Natürlich kann ich mich täuschen. Eine Intuition, mehr ist es nicht. Mit Sicherheit keine Aussage von großer literaturkritischer Gültigkeit.
Erzählt wird eine innere Geschichte, keine, die im äußeren Raum überdimensionierte Formen annimmt.
Natürlich geschieht etwas in Das große Spiel. Eine Frau geht alleine in eine karge Berglandschaft, um herauszufinden, wo die Grenzen des Menschseins liegen, ob es sie gibt.

"Jeden Morgen muss man sich fragen: Wer bin ich? Ein Körper? Ein Vermögen? Ein Ruf?  Nichts von alledem. Welchen Weg zum Glück sollte ich versäumt haben?"

Sie hat sich eine Art Wohnröhre in den Berg konstruiert und bauen lassen. Genau berechnet hat sie, wie viel Strom, Wärme, Wasser, Nahrung sie brauchen wird und eigenständig produzieren kann, um auch einen rauen Winter zu überstehen, um autark dort oben zu leben. Wie lange? Für immer? Hat sie überhaupt vor, jemals zurückzukehren?
Sie legt einen Garten an. Sie legt ein Bambuswäldchen an. Sie erkundet das Gelände, übernachtet im Freien, unternimmt Wanderungen, die mehrere Tage dauern, um den Raum abzuschreiten, der, so glaubt sie, außer ihr von keinem Menschen betreten wird. Gämsen und Eichelhäher, ja, Ameisen, Insekten, aber kein Mensch. Bis sie eines Tages einen Wollhaufen auf einer Bank sitzen sieht, der plötzlich einen Arm hebt und ihr zuwinkt. Ihr zuwinkt? Sie ist nicht sicher. Hat der Wollhaufen sie gesehen? Sie hat ihn nur durch ein Fernglas gesehen. Sie ist sich nachher nicht mehr sicher, ob er eine Einbildung war.
Aber schnell wird klar: sie ist nicht die einzige Eremitin in diesem Gebiet.
Die beiden beginnen sich zu umkreisen.

"Man müsste eine Form des Spiels erfinden, die eine Verpflichtung, ohne Gegenleistung enthielte und eine reine, unpersönliche, beziehungslose Drohung."

Ist es möglich, der Welt vollkommen offen entgegen zu treten? Ist es möglich, sich selbst in seiner Ego-Beschränktheit zu überwinden?
Und was wäre der Einsatz? Und der Preis?

Ich muss sagen, ich habe das Buch in seiner Grenzen sprengenden Intensität sehr gerne gelesen!
Aus dem Französischen hat es Nathalie Mälzer übersetzt.
Erschienen ist es im Berliner Matthes & Seitz Verlag, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke und in welchem auch andere Bücher der in Paris lebenden Autorin erschienen sind.

(c) Susanne Becker

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